Brexit: EU-Wahlkreis für Südtirol?

Bald stehen wieder Europawahlen an und immer noch hat Südtirol keinen eigenen EU-Wahlkreis — wofür wir hier schon vor zehn Jahren plädiert hatten. Das führt dazu, dass heimische Parteien teils unnatürliche Bündnisse eingehen müssen, um die geltende Hürde zu nehmen. Sie sind außerdem vom Wahlverhalten in den italienischen Regionen abhängig.

Die derzeitige Minderheitenregelung ist auf die SVP maßgeschneidert und macht es anderen Parteien schwer, ins europäische Parlament einzuziehen.

Anders als wir verfügt die Deutschsprachige Gemeinschaft (DG) in Belgien über einen eigenen EU-Wahlkreis mit einer garantierten Abgeordneten. Ganz Belgien stellt mit seinen elf Millionen Einwohnerinnen 21 EU-Parlamentarierinnen, eine je 524.000 Bürgerinnen. Die deutsche Minderheit hätte also mathematisch keinerlei Chance, jemanden ins EU-Parlament zu entsenden, da sie nur 77.000 Einwohnerinnen zählt. Um dies dennoch zu gewährleisten, wird die DG faktisch nahezu um den Faktor sieben überbewertet.

Italien stellt derzeit 73 Abgeordnete zum Europaparlament, was bei 60 Millionen einem Sitz je 822.000 Einwohnerinnen entspricht. Südtirol erfüllt mit rund 530.000 Einwohnerinnen bereits knapp zwei Drittel dieses rechnerischen Mittels. Für einen eigenen Wahlkreis mit zwei garantierten EU-Abgeordneten müsste man Südtirol »nur« um den Faktor drei überbewerten.

Nach dem Brexit wird Italien voraussichtlich drei Abgeordnete mehr (also insgesamt 76) nach Brüssel und Straßburg entsenden, was den »Preis« für einen Südtiroler Wahlkreis weiter senken würde. Es wäre also wohl der geeignete Zeitpunkt, um in Rom entsprechend Druck auszuüben.

In der DG haben sich dieser Tage übrigens alle im Regionalparlament vertretenen Parteien an einen Tisch gesetzt, um über ein Rotationsprinzip nach dem Vorbild von BNG (Galicien), ERC (Katalonien) und Bildu (Baskenland) — die nötigenfalls durch Rücktritte die Vertretung aller drei Parteien im EU-Parlament sicherstellen — zu diskutieren.

Besser noch, als ein eigener EU-Wahlkreis für Südtirol, wären grenzüberschreitende Wahlkreise und transnationale Listen, die endlich die Schaffung einer von den Nationalstaaten unabhängigen politischen Öffentlichkeit erleichtern würden. Dieses Vorhaben ist aber auf europäischer Ebene vorerst gescheitert.

Siehe auch:

Democrazia Politik | Brexit Europawahl 2019 | | | Baskenland-Euskadi Belgien Catalunya Europa Galiza Italy Ostbelgien Südtirol/o | ERC SVP | Deutsch

So geht mehrsprachiger Ausweis.

Seit Jahren warten wir in Südtirol auf den elektronischen Personalausweis im Scheckkartenformat, weil der italienische Nationalstaat nicht imstande ist, eine gleichberechtigt mehrsprachige Fassung zu entwickeln, die auch die deutsche Sprache berücksichtigt. Vom Ladinischen ganz zu schweigen.

Dass Identitätskarten in der Schweiz fünfsprachig sind, hatten wir hier schon beschrieben.

Hier nun aber ein Blick nach Belgien, wo man sich für eine andere Lösung entschieden hat: Anstatt einer Vorlage, die alle Amtssprachen berücksichtigt, gibt es dort jeweils eine niederländische (flämische), französische und deutsche Fassung der Ausweise:

So wie in Italien sind die Informationen darüberhinaus ebenfalls noch auf Englisch (also Niederländisch/Englisch, Französisch/Englisch bzw. Deutsch/Englisch) angeführt. Lediglich der Landesname (Belgien/Belgique/België/Belgium) und die Bezeichnung des Ausweisdokuments (Personalausweis/Carte d’Identité/Identiteitskaart/Identity Card) sind viersprachig.

Dasselbe gilt nicht nur für die sogenannte Kids-ID, dem Kinderausweis, sondern auch für die Aufenthaltsdokumente Zugewanderter:

Mit einer ähnlichen Lösung ließe sich das Sprachproblem auch in Südtirol in den Griff bekommen, wenn die Staatsbetriebe schon außerstande sind, mehrere Sprachen gleichberechtigt auf einer Plastikkarte unterzubringen.

Beim Reisepass übrigens geht Belgien den Schweizer Weg: Er ist gleichberechtigt viersprachig.

Siehe auch:

Bürokratismus Comparatio Minderheitenschutz Nationalismus Plurilinguismo Service Public Vorzeigeautonomie | Best Practices Bilinguismo negato | | | Belgien Ostbelgien | | Deutsch

Ostbelgien: Integration in der Regionalsprache.

Während in Südtirol Integration vorwiegend in der Staatssprache Italienisch erfolgt und Zugewanderten vom Staat nur Kenntnisse in dieser Sprache abverlangt werden, läuft die Integration im mehrheitlich deutschsprachigen Ostbelgien anders. In der Region — die weniger Einwohnerinnen zählt, als Bozen — sieht der Pflichtparcours für Neubürgerinnen vorwiegend die Erlernung der wichtigsten Lokalsprache Deutsch vor. Außerdem wird auch darauf abgezielt, Menschen mit Migrationshintergrund beruflich und sozial in die regionale Gesellschaft einzubinden.

Ein behördliches Informationsvideo fasst das wie folgt zusammen:

Sie kommen aus einem anderen Land und sind neu in Ostbelgien? Dann heißen wir Sie herzlich willkommen. Damit Sie sich so schnell wie möglich zurechtfinden und die besten Chancen erhalten, gibt es in Ostbelgien den Integrationsparcours. Hier lernen Sie Sprache und Lebensgewohnheiten der Region kennen. Außerdem unterstützen wir Sie dabei, eine Arbeitsstelle zu finden, aber auch Kontakte und Freundschaften zu knüpfen. Am Integrationsparcours kann übrigens jeder teilnehmen, der einen Migrationshintergrund hat und in Ostbelgien lebt. Wenn Sie kein EU-Bürger sind, ein Aufenthaltsrecht von mindestens drei Monaten haben und neu angekommen sind, dann sind sie verpflichtet, den Integrationsparcours abzuschließen. Um am Integrationsparcours teilzunehmen, melden Sie sich zunächst bei der Gemeindeverwaltung Ihres neuen Wohnortes. Hier erhalten Sie im Büro des Bevölkerungsdienstes eine Broschüre mit nützlichen Hinweisen zum Leben in Ostbelgien. Zum Beispiel, wie Sie Ihr Diplom gleichstellen lassen.

  1. Jetzt können Sie sich zum Integrationsparcours anmelden. Wenden Sie sich hierfür einfach an Info-Integration. Das ist Ihr Ansprechpartner als Neuankömmling in Ostbelgien. Je nachdem, welche Deutschkenntnisse, welche Ausbildung und Pläne Sie haben, der Verlauf des Integrationsparcours wird hier auf Ihre Bedürfnisse zugeschnitten.
  2. Danach geht’s los mit dem Sprachkurs. Die meisten Ostbelgier sprechen Deutsch. Was Sie hier lernen, wird Ihnen tagtäglich helfen, ob Sie mit Ihrem Nachbarn reden, einkaufen oder einen Job suchen. Auch das lateinische Alphabet wird Ihnen hier beigebracht, falls Sie es noch nicht kennen. Ziel ist es, am Ende das Niveau A2 zu erreichen, welches europaweit anerkannt ist.
  3. Nachdem Sie jetzt schon einige Deutschkenntnisse erlangt haben, erfahren Sie in der dritten Etappe etwas über die Rechte, Pflichten und Werte in Ostbelgien. Im Integrationskurs geht es um Meinungsfreiheit, aber auch um sehr praktische Dinge wie Wohnungssuche, Arbeitssuche und Abfallentsorgung.
  4. In der letzten Etappe geht es darum, dass Sie auch sozial in Ostbelgien Fuß fassen. Spielen Sie vielleicht gerne Fußball oder tanzen Sie gerne? Wir zeigen Ihnen, wo Sie auf andere stoßen, die Ihre Leidenschaft teilen. Auch für die Arbeitssuche zeigen wir Ihnen hier die zuständigen Anlaufstellen.

Geschafft! Eine Bescheinigung dafür, dass Sie den Integrationsparcours erfolgreich durchlaufen haben, ist Ihnen schon mal sicher. Viel Erfolg beim Integrationsparcours und gutes Gelingen in Ostbelgien.

Der Integrationsparcours, auf dem Weg zur gelungenen Integration.

Transkription und Hervorhebungen:

Der Unterschied zwischen einem zentralistischen Nationalstaat und einer plurilingualen Föderation ist evident. Die Südtirolautonomie hätte die Aufgabe, dieses desaströse Ungleichgewicht zu überwinden, schafft es aber — auch wegen der beharrlichen Weigerung des Zentralstaats — nicht.

Siehe auch:

Bildung Comparatio Föderal+Regional Kohäsion+Inklusion Migraziun Minderheitenschutz Nationalismus Plurilinguismo Politik Recht Soziales und Arbeit Sport Vorzeigeautonomie Zentralismus | Autonomievergleich Zitać | | | Ostbelgien | | Deutsch

Die Einsprachigkeit von ALDI & Co.

Die Neue Südtiroler Tageszeitung (TAZ) berichtet über die Eröffnung eines ALDI-Supermarktes in Bruneck und die damit in Zusammenhang stehende »Polemik« um die fehlende Zweisprachigkeit:

Der Start ist gleich mit einer kleinen Polemik verbunden, die die Schwächen der ausländischen Ketten aufzeigt: Die Werbung und die Beschriftung waren vor allem in italienischer Sprache gehalten, das hat viele – deutschsprachige – Kunden in Südtirol geärgert.

Zum einen, weil sie mit Aldi einen deutschen oder österreichischen Discounter in Verbindung bringen. Und zum anderen, weil sie sich zumindest eine zweisprachige Beschriftung erwarten können.

Es ist erfreulich, dass potenzielle Kundinnen und Medien die ärgerliche Tatsache nicht einfach stillschweigend hinnehmen, dass Konzerne in Südtirol oft so agieren, als befänden sie sich in einer beliebigen italienischen Region.

Andererseits handelt es sich dabei weniger um eine Schwäche der ausländischen Ketten, als um ein Versagen der Südtirolautonomie in der Bekämpfung der »nationalen Logik«.

Ein Blick ins Internet ist sehr aufschlussreich: Während der Webauftritt von ALDI Italien einsprachig Italienisch ist, ist jener von ALDI Suisse und ALDI Belgien drei-, der von ALDI Luxemburg zweisprachig, obschon

  • die italienische Schweiz rund 350.000
  • die deutschsprachige Gemeinschaft in Belgien knapp 77.000 und
  • Luxemburg als Ganzes nur 583.000

Einwohnerinnen zählt.

Staaten, Grenzen und darin geltende Gesetze haben — ob es uns im Einzelnen gefällt oder nicht — konkrete Auswirkungen auf fast jeden Lebensbereich.

Siehe auch:

Comparatio Grenze Medien Nationalismus Plurilinguismo Verbraucherinnen Vorzeigeautonomie Wirtschaft+Finanzen | Zitać | | TAZ | Lëtzebuerg Ostbelgien Svizra | | Deutsch

Wir. Heute! Morgen! Europa.
Minderheiten und Autonomien im europäischen Kontext

Zwischen Mittwoch 21. und Sonntag 25. Februar 2018 bringen die Vereinigten Bühnen Bozen ein Stück von Alexander Kratzer über Minderheiten in Europa ins Bozner Stadttheater.

Wie steht eine Bewohnerin mit Migrationshintergrund der Åland-Inseln zur EU, was bedeutet Identität für einen Pfarrer aus Friaul, welcher Kultur fühlt sich eine ungarische Köchin aus Rumänien zugehörig und was hält ein Kilt-Träger aus Schottland vom Brexit? Diese und andere Fragen haben die Theatermacher von WIR. HEUTE! MORGEN! EUROPA.” auf ihrer Recherche-Reise quer durch Europa über 80 Menschen aus zehn Regionen bzw. Minderheitengebieten gestellt und dabei tiefe Einblicke in ihre Lebensweise bekommen. Zehn Personen sind unserer Einladung gefolgt und werden im Rahmen des diesjährigen Dokutheaterprojekts, das sich erstmals mit Fragen der europäischen Zeitgeschichte beschäftigt, an fünf Abenden im Februar live auf der großen Bühne des Stadttheaters stehen und Einblick in ihr Leben geben. Durch den Fokus auf das zutiefst Menschliche, und nicht auf rein politische Fragestellungen, dürfen Sie sich auf einen sehr bewegenden Theaterabend freuen, bei dem Fragen nach der Vielfältigkeit der Kulturen in Europa, den Minderheitenschutz und der Zukunft von Autonomien in einen größeren Kontext gehoben und zum Nachdenken über das Zusammenleben in Südtirol und in Europa angeregt werden.

Regie Alexander Kratzer, Komposition Markus Kraler, Andreas Schett (Franui), Bühne Luis Graninger, Video Mike Ramsauer, Licht Micha Beyermann, Dramaturgie Elisabeth Thaler, Ina Tartler, Beratung Thomas Benedikter, Lucio Giudiceandrea, Günther Rautz, mit Bürger*Innen aus Südtirol & Europa, Cittadini Sudtirolesi & Europei
Mit dabei sind weiters der Südtiroler Markus Warasin, Mitglied des Kabinetts von EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani, die Wiener Puppenspielerin Manuela Linshalm und die Musicbanda Franui.

Die zehn Regionen und Minderheiten sind:

  • Åland
  • Schottland
  • Deutsche Gemeinschaft in Belgien
  • Friaul-Julisch Venetien
  • Korsika
  • Ungarische Minderheit in Rumänien
  • Roma in Rumänien
  • Türkische Minderheit in Griechenland
  • Katalonien
  • Estland

Alexander Kratzer lebt als Regisseur und Autor in Innsbruck und Bozen. Engagements am Theater Phönix Linz, Tiroler Landestheater, Schauspielhaus Salzburg, Theater des Kindes Linz, Stadttheater Bruneck, Theater an der Effingerstrasse Bern, Theater Baden Baden. An den Vereinigten Bühnen Bozen inszenierte er zuletzt „Option. Spuren der Erinnerung“, „Michael Kohlhaas“, „Bombenjahre“ sowie die Uraufführung „antimortina“.

musicbanda franui Die Musiker von Franui aus Osttirol sind europaweit bei bedeutenden Festivals und Konzertveranstaltern regelmäßig zu Gast. Neben ihrer Konzerttätigkeit realisierten sie Musiktheaterprojekte, u.a. am Wiener Burgtheater und bei den Salzburger Festspielen. An den Vereinigten Bühnen Bozen spielten sie 2014 in „Option. Spuren der Erinnerung“ und 2016 in „Bombenjahre“.

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Eine Million Unterschriften für die Vielfalt Europas.
Europäische Bürgerinitiative "Minority Safepack" lanciert

von Thomas Benedikter

In den 47 Staaten Europas leben rund 340 autochthone Minderheiten mit mehr als 100 Millionen Menschen. Jeder siebte Europäer ist Angehöriger einer autochthonen Minderheit bzw. Volksgruppe. Es gibt allein in der EU neben den 24 Amtssprachen über 60 Regional- oder Minderheitensprachen, die von rund 40 Millionen Menschen gesprochen werden.

Die Mitglieder der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV-FUEN), der für Südtirol auch die SVP angehört, haben eine Europäische Bürgerinitiative auf den Weg gebracht. Dieses Volksbegehren ist die bedeutendste solidarische Aktion der Minderheiten in Europa der letzten Jahrzehnte, schreibt die FUEV. Ziel dieses Volksbegehrens ist es, die EU zu verpflichten, sich in Zukunft stärker mit Minderheitenthemen zu befassen. In einem Jahr müssen mindestens eine Million Unterschriften in mindestens sieben Mitgliedsländern gesammelt werden, damit die EU neue Maßnahmen zugunsten der europäischen Minderheiten und Regional- oder Minderheitensprachen auf den Weg bringt.

Dieses “Minority Safepack” ist ein Bündel von Maßnahmen und konkreten Rechtsakten (Gesetzen) zur Förderung und zum Schutz der europäischen Minderheiten sowie der Regional- oder Minderheitensprachen. Die Bürgerinitiative richtet sich zuständigkeitshalber an die Europäische Union. Die FUEV wirbt mit dieser Europäischen Bürgerinitiative in ganz Europa für ein solidarisches Minderheitensystem und will auch bei Bürgern anderer europäischer Länder Unterschriften sammeln.

Einige Gründungsmitglieder der FUEV — die Demokratische Allianz der Ungarn in Rumänien, die Südtiroler Volkspartei, die Gemeinschaft der Deutsch-Belgier, die Jugend Europäischer Volksgruppen — hatten diese Initiative 2011 vorbereitet. Im Sommer 2013 hatte ein hochrangiges Promotorenkomitee, dem auch Alt-LH Luis Durnwalder und der Ministerpräsident der Deutschen Gemeinschaft in Ostbelgien angehören, diese EBI vorgelegt. Doch hatte sie die EU zunächst aus Kompetenzgründen abgelehnt. So musste die FUEV die Zulassung erst gerichtlich erstreiten, denn die EU ist für 9 der 11 vorgeschlagenen Maßnahmenbereiche zuständig. Anfang April 2017 wurde die EBI zugelassen und kann jetzt unterzeichnet werden. Hier die Kampagnen-Website und jene der EU-Kommission für die EBIs zwecks Online-Unterschrift:

Minority-SafePack-Initiative – Kampagnenwebseite:
http://www.minority-safepack.eu

Webseite Europäische Kommission:
https://ec.europa.eu/citizens-initiative/32/public/index.do?lang=de

Minderheitenschutz Mitbestimmung Plurilinguismo Politik Recht | Minority Safepack | Luis Durnwalder Thomas Benedikter | | Ostbelgien | EU SVP |

Volle Bildungsautonomie — in Belgien.

Gestern unterzeichneten Landesrat Philipp Achammer (SVP) und Harald Mollers, Minister für Bildung und wissenschaftliche Forschung der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, in Bozen eine Vereinbarung, um der bereits seit langem bestehenden Bildungszusammenarbeit einen formellen Rahmen zu geben.

Bei allen Gemeinsamkeiten konnte der Minister aber auch einen Unterschied zwischen seiner Heimat und Südtirol ausmachen: “Eupen hat eine hundertprozentige Autonomie in der Bildungspolitik”, stellte Minister Mollers fest, “es wäre sicher auch für Südtirol ein großer Vorteil, wenn es gelingen würde, dieses Ziel zu erreichen.”

— Landespresseamt

Der Unterschied ist alles andere als trivial. Die einen reden seit Jahren über die Vollautonomie, die anderen haben sie — zumindest im Bildungsbereich.

Siehe auch:

Bildung Comparatio Minderheitenschutz Politik Recht Scola Vorzeigeautonomie Zentralismus Zuständigkeiten | Autonomievergleich Zitać | Philipp Achammer | LPA | Ostbelgien Südtirol/o | SVP | Deutsch

M. Verdorfers abstruser Vergleich.

Im Morgengespräch von Rai Südtirol vom 23.05.2015 äußert sich die Historikerin Martha Verdorfer zur aktuellen Polemik um die Fahnenverordnung der italienischen Regierung anlässlich der Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn.

Der Grundtenor des Gesprächs ist generell eine bestimmte Relativierung. Da wird von einem ärgerlichen und lächerlichen Streit gesprochen, der durch einen ungeschickten Erlass der italienischen Regierung hervorgerufen wurde. Es wird zwar honoriert, dass die Fronten in diesem Streit nicht nach ethnischen Bruchlinien verlaufen und dass es nicht angebracht ist, den Toten mit einem Fahnenerlass zu gedenken. Trotzdem kritisiert Verdorfer, dass in Südtirol eine Auffassung vorherrscht, dass es keinen Grund gäbe, sich mit dem italienischen Gedenken zu solidarisieren oder da gemeinsam der Toten zu gedenken.

Diesbezüglich gilt es anzumerken, dass “ungeschickter Erlass” schon beinahe ein Euphemismus ist. Zudem ist nicht die Polemik um den Fahnenerlass ärgerlich und peinlich, sondern der Fahnenerlass selbst ist ärgerlich und peinlich. Hier wird Ursache und Wirkung verwechselt.

Sonderbar auch Verdorfers Kritik, dass sich Südtirol weigert, sich am italienischen Gedenken zu beteiligen. Im weiteren Verlauf des Gesprächs betont Verdorfer die europäische Dimension des Weltkrieges und kritisiert den in Tirol einengenden Blick auf die Brennergrenze. Dass ein “italienisches” Gedenken auch einengend ist und der europäischen Dimension des Konfliktes nicht gerecht wird, scheint für Verdorfer kein Thema zu sein.
Zudem, wenn der italienischen Regierung eine Beteiligung Südtirols wichtig ist, dann wären gleichberechtigte Gespräche auf Augenhöhe im Zuge der Vorbereitungen wohl eine Grundvoraussetzung. Ist die italienische Regierung jemals an die Südtiroler Landesregierung herangetreten, um sich zu erkundigen, welche Vorstellungen und welche Voraussetzungen für eine eventuelle gemeinsame Feier notwendig wären? Nein. Eine “Provinz” beteiligt man nicht gleichberechtigt, einer “Provinz” erteilt man Befehle.

Martha Verdorfer kritisiert, dass sich Tirol immer gerne als Opfer betrachtet und den 1. Weltkrieg auf 1915, die Dolomitenfront und die Brennergrenze reduziert. Man solle von dieser Zentralität wegkommen und den 1. Weltkrieg als gesamteuropäischen Krieg betrachten.

Rai Südtirol: Und weshalb hält man die Tiroler in dieser Opferhaltung fest, weil es praktisch ist oder ist der Geschichtsunterricht so schlecht, haben die Tiroler nichts gelernt was sonst so los war?

Martha Verdorfer: Ja, weil ich glaub tatsächlich, weil es praktisch ist und weil es schon ein bisschen, glaub ich, gehört es so, das ist auch, was ich am wenigsten an diesem Land mag, dass man so den Blick an der Brennergrenze, dass der dort oft haltmacht.
Ich möcht nur ein ganz kleines Beispiel, Belgien, ein kleines Land, das von den Deutschen überrollt, überrannt worden ist, ein neutrales Land, wo Massaker angerichtet worden sind. Also die haben sozusagen, die hätten allen Grund jetzt sozusagen ein feindliches Verhältnis zu Deutschland zu haben. Und was ist mit Belgien, was ist mit Brüssel, sie sind heute das Symbol eines geeinten Europa. Ich denk mir, die haben ihre Rolle und dieses Leid als Ausgangspunkt genommen für eine neue Vision der Zukunft. Und ich glaub, das fehlt den Südtirolern ein bisschen. Sie suhlen sich immer so ein bisschen in ihrer Sonderrolle, oder in ihrer Opferrolle oder sie sind die besonders Fleißigen, aber sie sind immer so ein bisschen besonders. Also es ist praktisch und es schmeichelt irgendwie der Identität.

Der Vergleich mit Belgien ist geradezu grotesk:

  • Es ist nicht bekannt, dass Belgien oder Teile von Belgien gegen den Willen der dortigen Bevölkerung als Folge des 1. Weltkrieges von Deutschland annektiert wurden. Ganz im Gegenteil. Mit Eupen-Malmedy wurde ein deutschsprachiges Gebiet vom Deutschen Reich an Belgien angegliedert.
  • Es ist nicht bekannt, dass die deutsche Bundesregierung den BelgierInnen vorschreibt, wie dem 1. Weltkrieg zu gedenken sei.
  • Es ist insbesondere nicht bekannt, dass die deutsche Bundesregierung am 4. August 2014, anlässlich des 100-jährigen Gedenkens zum deutschen Einmarsch in Belgien, per Erlass vorgeschrieben hat, diesem Ereignis durch Hissen der deutschen Flagge an allen öffentlichen Gebäuden Belgiens zu gedenken.
  • Es ist bekannt, dass sich die Bundesrepublik Deutschland, zumindest für eine Gräueltat (Massaker von Dinant) zwar spät (2001), aber immerhin, entschuldigt hat. Es ist nicht bekannt, dass sich jemals eine italienische Regierung in Südtirol für die Annexion oder für den Faschismus entschuldigt hätte.
  • Als unabhängiges und souveränes Land kann Belgien seine Zukunftsvisionen im Rahmen internationaler Verträge selbst definieren und umsetzen. Südtirol kann dies nicht.

Wenn wir von europäischer Vision und Blick über den Tellerrand sprechen, dann gäbe es ein wesentlich naheliegederes Beispiel: Das geografisch nicht weit von Belgien entfernte Luxemburg.
Das unabhängige und souveräne Luxemburg definiert sich, ohne jeglichen nationalstaatlichen Einfluss, etwa Frankreichs oder Deutschlands, als mehrsprachig. In Luxemburg gibt es auch einige EU-Institutionen und dank dem Status eines unabhängigen Landes können die gut 500.000 LuxemburgerInnen die EU-Politik gleichberechtigt mitgestalten. Als kleines Land ist Luxemburg geradezu gezwungen, international vernetzt zu sein.

Eine Realität, die in vielen Punkten Schnittmengen mit den Visionen von aufweist. Woran scheitern diese Visionen? Nicht an denjenigen BürgerInnen Südtirols, die sich an aufgezwungenen, nationalstatlichen Symbolen reiben, sondern an denjenigen, die sich immer dann echauffieren, wenn zaghaft die nationalstaatliche Logik in Frage gestellt wird. Der Fahnenerlass ist Teil dieser nationalstaatlichen Logik. Eine Logik, entsprungen aus der vergifteten Ideologie, die den 1. Weltkrieg verursacht hat.

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