Zerzer in Rom und die Bittstellerinnenmentalität.

Chefredakteur Christoph Franceschini schildert auf Salto ein Treffen zwischen dem Sabes-Generaldirektor Florian Zerzer und dem stellvertretenden italienischen Gesundheitsminister Luca Coletto (Lega), dessen Verlauf meines Erachtens — falls es sich natürlich so zugetragen hat — Bände über die Behandlung Südtirols in Rom spricht.

Dass da unvermittelt eine Person (der Arzt Costantino Gallo) mit am Verhandlungstisch sitzt, die aus persönlichen Gründen mit dem Südtiroler Gesundheitssystem verfehdet ist und sogar mit dem Sabes prozessiert, halte ich für eine Unverfrorenheit. An mangelnder Professionalität und Diplomatie wohl kaum zu überbieten ist, dass dieser Herr vom Ministerium auch noch als »Fachmann für die Südtiroler Sanität« betrachtet wird.

Kann sich jemand einen ähnlichen Affront bei — sagen wir mal — einem Treffen der Verantwortlichen des bayrischen und des Bundesgesundheitsministeriums in Berlin vorstellen? Dass da ohne Vorankündigung jemand (als Beraterin!) mit am Tisch sitzt, die einen Rachefeldzug gegen Bayern führt?

Dass Zerzer die Forderung erhoben haben soll, Herrn Gallo aus dem Sitzungsraum zu schicken, mag zwar ebenfalls nicht diplomatisch gewesen sein, aber konsequent und logisch war es allemal. Zumindest, wenn es ein Interesse an Lösungen gegeben haben sollte.

Franceschini schreibt:

Ein Bittsteller ersucht einen Vizeminister, dass er seinen Berater vor die Tür setze. Einen größeren Affront kann es wohl kaum geben. Es ist eine Art institutioneller Selbstmord.

Das Wort »Bittsteller« ist bezeichnend. Für viele Südtirolerinnen scheint es logisch zu sein, dass wir in Rom nur Bittstellerinnen sein können und nicht Verhandlungspartnerinnen auf Augenhöhe. Klar, wenn eine solche Forderung von einem Bittsteller kommt, den man wie einen Fußabstreifer behandeln kann, dann ist sie ein Affront. Wenn sie von einem gleichberechtigten Verhandlungspartner kommt, dann nicht.

Einen »zweiten Kapitalfehler« sieht Franceschini in der Tatsache, dass Zerzer vom Ministerium die Zustimmung haben wollte, auch Krankenpflegerinnen einstellen zu dürfen, die kein Italienisch sprechen. Eigentlich eine völlig logische Forderung, möchte man meinen, zumindest wenn es möglich ist, Krankenpflegerinnen zu beschäftigen, die kein Deutsch sprechen. Die beiden Sprachen sind laut Artikel 99 des Autonomiestatuts gleichgestellt, auf dem Papier.

Doch weit gefehlt: Die angebliche Aussage von Florian Zerzer, dass in der Südtiroler Berufskammer auch Ärztinnen eingeschrieben seien, die kein Italienisch sprechen, hat laut Franceschini zu einer umgehenden Überprüfung durch das Ministerium geführt. Da wird konsequent mit zweierlei Maß gemessen. Kein Deutsch? Wird zur Normalität. Kein Italienisch? Darf nicht sein.

Dass dieser nette Herr Gallo, der jetzt wohl an der Verbesserung unseres Gesundheitssystems arbeiten wird, derselbe Arzt ist, der nicht nur — wie Franceschini schreibt — ohne Zweisprachigkeitsnachweis Sabes-Generaldirektor werden wollte, sondern auch — was Franceschini womöglich entgangen ist — seine Tochter per Gerichtsbeschluss von einer deutschen in eine italienische Schule versetzen ließ, wird eine Freude.

Warum machen wir nicht den Laden dicht, geben den Paragraphenreiterinnen in Rom den Schlüssel in die Hand und lassen sie machen? Bevor wir wieder einen Kapitalfehler begehen!

(Wo in der ganzen Geschichte Gesundheitslandesrat Thomas Widmann (SVP) bleibt, ist mir allerdings wirklich ein Rätsel.)

Siehe auch:

Gesundheit Medien Plurilinguismo Recht Service Public Staat vs Land Vorzeigeautonomie Zentralismus Zuständigkeiten | Italianizzazione Medienkritik Zitać | Christoph Franceschini Florian Zerzer Thomas Widmann | Salto | Italy Südtirol/o | Lega Sabes SVP | Deutsch

Militärwohnungsskandal.

Wie Salto-Chefredakteur Christoph Franceschini aufgedeckt hat, soll das Land Südtirol Wobi-Wohnungen in städtischer Top-Lage an gegenwärtige und ehemalige Mitglieder der italienischen Streitkräfte verscherbeln. Grundlage für diesen Skandal sei das umstrittene Tauschgeschäft zwischen Land und Militär, in dessen Rahmen 5% der betroffenen Flächen an Genossenschaften von aktiven und bereits im Ruhestand befindlichen (Unter-)Offizieren hätten gehen sollen. Weil es jedoch nie dazu kam, sei mit dem im August verabschiedeten Nachtragshaushalt 2017 klammheimlich ein Passus ins Wohnbaugesetz eingefügt worden: Demzufolge könne die Landesregierung diese 5%-Quote auch durch Abtretung von Wobi-Wohnungen in Bozen und Meran erfüllen. Franceschini mutmaßt, dass diese Regeländerung auf Bestellung der Militärs beschlossen worden sei — da schon kurz nach ihrer Einführung eine Genossenschaft aus Angehörigen des Heeres und der Carabinieri gegründet worden sei, die zum Ziel hatte, diese neue Möglichkeit in Anspruch zu nehmen.

Dabei hätten sich die Uniformierten mit zunächst vom Wobi angebotenen Wohnungen nicht zufrieden gezeigt. Ihrem Wunsch nach zentrumsnäheren und somit teureren Lagen sei schlussendlich auch noch entsprochen worden. Da die Wohnungen weit unterm Marktpreis abgetreten worden seien und auch keiner Sozialbindung unterlägen, sei die Operation ein perfektes Spekulationsgeschäft.

Der wahren Wohnraumbedürfnisse ungeachtet könnten die Militärs dem Wobi— völlig legal — Immobilien abkaufen, um sie tags darauf gewinnbringend weiterzuverkaufen. Bildlich gesprochen schenkt das Land Privatpersonen hohe Geldsummen, weil sie einer bestimmten Berufsgruppe angehören.

Siehe auch:

Arch Medien Militär Politik Polizei Recht Service Public Transparenz Wirtschaft+Finanzen | | Christoph Franceschini | Salto | Südtirol/o | PD&Co. SVP Wobi | Deutsch

Tramin: Schützen in der Schule.

Chefredakteur Christoph Franceschini thematisiert auf Salto, dass die Schützen am Montag während der regulären Unterrichtszeit an der Grund- und an der Mittelschule Tramin eine Veranstaltung zum Thema »100 Jahre Kriegsende« abhalten konnten. Darüber soll sich eine Elterngruppe beschwert haben.

Die Kritik daran, dass die »Aktion« unmittelbar vor den Landtagswahlen stattgefunden hat, muss man wohl kaum kommentieren, da die betreffenden Schülerinnen nicht selbst wählen und wohl auch kein Einfluss auf das Wahlverhalten der Eltern zu befürchten ist.

Dass aber die Schützen — noch dazu zu ihren Bedingungen — Unterricht gestalten, ist höchst problematisch und meiner Meinung nach keineswegs opportun. Der paramilitärische Verein ist weder überparteilich noch unparteiisch: er pflegt mitunter Kontakte nach ganz weit rechts und hat gerade im Unterland erst letztes Jahr ein untragbares Bildungsverständnis unter Beweis gestellt. Dass eine solche Veranstaltung eine »patriotische« Schlagseite haben würde, war das mindeste, was man sich erwarten musste.

Es ist übrigens auch nicht dasselbe, wenn eine Lehrperson aus eigener Initiative jemanden (z.B. von den Schützen) in den eigenen Unterricht einlädt, da das erstens ein anderer Rahmen und andere Bedingungen sind und zweitens eine bessere thematische Kontextualisierung möglich ist.

Freilich kann man auch im vorliegenden Fall nicht ausschließen, dass es den Lehrpersonen gelingt, ihre Schülerinnen ausgleichend zu informieren. Doch das ist nicht der Punkt, denn das wäre nur »Schadensbegrenzung«.

Für ähnlich problematisch halte ich übrigens die Tatsache, dass der italienische Partisaninnenverband ANPI an Südtirols Schulen über den Zeitraum von 1919 bis 1948 und die Geschichte des Widerstands aufklären soll. Wiewohl die Schützen und das ANPI zwei völlig unterschiedliche Vereine — mit gänzlich unvergleichlichem Profil — sind, frage ich mich, warum man den Lehrpersonen nicht zutraut, den entsprechenden Stoff selbst im Unterricht zu verarbeiten. Sie haben dafür die besten pädagogischen Voraussetzungen. Speziell in Südtirol hatte der Partisaninnenverband eine geschichtlich zweifelhafte Rolle und vertritt bis heute einen ziemlich aufdringliche Form von Verfassungspatriotismus.

Bildung Geschichte Medien Nationalismus Politik Scola Ungehorsam+Widerstand | | Christoph Franceschini | Salto | Südtirol/o | ANPI Schützen | Deutsch

Frau Gudrun und die Blauen.

Gestern wurde in Bozen die Kandidatenliste der Freiheitlichen für die kommende Landtagswahl vorgestellt. Bisher haben sich die Medien vor allem auf die Rückkehr von Pius Leitner, den Ausschluss von Roland Tinkhauser und den Einstieg von Anna Pitarelli (als unabhängige Kandidatin) konzentriert. Es gibt da aber noch eine weitere Kandidatin, die etwas Aufmerksamkeit verdient hätte: Auf Platz 7 der 35 Namen umfassenden Liste finden wir Gudrun Ceolan aus Salurn. Wer ist das?

Im Jahr 2008 schrieb L’Espresso über die aus NRW stammende Lehrerin:

Quest’anno nella delegazione bolzanina è stata notata anche Gudrun Sprenger Ceolan, che insegna storia e lettere alla scuola media di Salorno. In passato è stata intercettata mentre diceva di avere brindato in onore del Führer. E nella sua abitazione gli inquirenti trovarono bandiere, busti e altri cimeli hitleriani. L’insegnante è moglie del capo degli Schützen di Salorno.

Und im Oktober 2016 widmete ihr auch Christoph Franceschini auf Salto ein paar Zeilen:

In der Operation „Runa“ wurden acht Südtiroler Neonazis verhaftet, die sich zum Südtiroler Kameradschaftsring zusammengeschlossen hatten. Gudrun Sprenger-Ceolan war mit den Verhafteten im engem [sic] Kontakt. In abgehörten Telefongesprächen und SMS („Heil und Sieg“) kam heraus, dass die Familie Ceolan nicht nur zu Wintersonnwendfeiern eingeladen wurde, sondern dass die Pädagogin auch zu Hitlers Geburtstag mit Sekt anstieß. Bei einer Hausdurchsuchung in Salurn beschlagnahmte die Polizei einschlägiges rechtsextremistisches Material. Offiziell gehörte es den älteren Kindern.

Noch Fragen?

Nachtrag: Die Kandidatur wurde zurückgezogen.

Siehe auch:

Faschismen Medien Politik Recherche | Landtagswahl 2018 Zitać | Christoph Franceschini Pius Leitner | l'Espresso Salto | Deutschland Südtirol/o | Freiheitliche | Deutsch Italiano

Franceschinis Erfahrung mit Alibideutsch.

Schon lange bemängeln wir die Qualität der deutschen Sprache im amtlichen Gebrauch, wobei ich bei schlechten, kaum verständlichen Übersetzungen von »Alibideutsch« spreche: Um nicht allzu offensichtlich gegen die Zweisprachigkeitspflicht zu verstoßen, wird häufig irgendetwas hingeklatscht, was vage an die deutsche Sprache erinnert.

Heute hat auch Journalist Christoph Franceschini in einem auf Salto erschienenen Artikel auf einen solchen Fall hingewiesen.

Er zitiert aus einem »Übertretungsprotokoll«, das seinem Sohn von der Gemeinde Bozen geschickt wurde. Dort stehe unter anderem:

Es ist verboten di eigenen Bedürfnisse ausserhalb der dafür vorgesehenen Orte zu verrichten.

und

Laut Art. 18 des Gesetzes Nr. 689 vom 24.11.1981 kann sich der Betroffene innerhalb von 30 Tagen ab der Zustellung des Übertretungsprotokolls beim Bürgermeister del Gemeinde Bozen vorlegen oder je nach Zuständigkeit von verlangen angehört zu werden.

Unterstreichungen von mir.

Hoffentlich hält das Engagement für gutes Deutsch etwas länger, als die Aufregung über eine als zu hoch empfundene Buße wegen unbotmäßigen Urinierens.

Siehe auch:

Discriminaziun Medien Plurilinguismo Polizei Recht Service Public Sprachpfusch | Zitać | Christoph Franceschini | Salto | Südtirol/o | | Deutsch

Feuernacht: la verità non c’è.

Non ho intenzione di entrare nel merito della discussione sugli attentati dinamitardi del 1961, perché è un tema che ho sempre sentito lontano dalla mia sensibilità e dunque, lo ammetto, non ho mai approfondito a sufficienza. Fosse stato possibile, avrei volentieri fatto a meno di toccare la questione, ma le modalità con cui viene discussa in sede pubblica mi «impone» una breve riflessione.

Come ha scritto Franceschini sulla Tageszeitung di qualche giorno fa (edizione di pentecoste), c’è chi sta tentando di imporre una presunta verità storica che non esiste. Storici di «prima classe», come Steininger e Steurer, sostengono la tesi che gli attentati della «Feuernacht» furono perfettamente inutili, se non addirittura controproducenti. Chi, come Hans Karl Peterlini o lo stesso Franceschini, sostiene tesi più frastagliate, esprime dubbi senza giungere a un giudizio definitivo, tranciante, viene di fatto relegato in «seconda classe».

Ora, mi sembra ovvio che un giudizio cristallino su un periodo storico talmente intricato, durante il quale si sovrapposero attori e interessi difficilmente analizzabili per compartimenti stagni, sarebbe possibile esclusivamente nel caso in cui venissero trovate prove veramente inconfutabili.

Nessun politico serio ammetterebbe che gli attentati siano serviti a qualcosa, per evitare di giustificare e favorire l’uso della violenza. Man non esistono nemmeno documenti segreti e «declassificati» a sostegno di una o dell’altra tesi.

Non essendoci nessun documento e nessuna testimonianza sufficientemente autorevole da poter confermare un’influenza (positiva o negativa) degli attentati sulla politica, e non essendoci nemmeno la certezza che quegli avvenimenti eclatanti non abbiano (direttamente o indirettamente) influenzato le trattative, e fosse anche uno solo dei partecipanti, le tesi degli storici rimangono per forza tali — delle tesi.

È perfettamente legittimo che gli storici si facciano un’opinione e la difendano, anche appassionatamente, o che una società si faccia un’idea e dia un giudizio politico e morale su ciò che è avvenuto cinquant’anni fa. Ma bisogna sempre diffidare da chi vuol imporre una verità senza avere prove sufficienti.

Feuilleton Geschichte Medien Politik | | Christoph Franceschini Hans Karl Peterlini | TAZ | Südtirol/o | | Italiano

Neues aus dem Glashaus.

Ein beeindruckender Artikel in der Wochenendausgabe der Tageszeitung belegt, wie doppelzüngig die Schützen bei der angeblichen Faschismusbekämpfung sind. Der Verein soll sich, wenn ihm mit der Geschichtsbewältigung ernst ist, intensiv mit der eigenen Vergangenheit befassen, bevor er sich öffentlich zu Wort meldet. Er schadet sonst nicht nur sich selbst, sondern dem Antifaschismus überhaupt.

Tiroler Gewissen mit Gedächtnislücken.
von Christoph Franceschini

Der Südtiroler Schützenbund tritt immer offensiver als antifaschistische Bewegung auf. Was man aber nicht tut: Die eigene Vergangenheit nach rechts aufarbeiten. Christoph Franceschini über die braunen Flecken auf der Tracht der Mander und die Kontinuitäten bis heute.

“Der Schützenbund ist das Gewissen des Landes”, sagte der amtierende Bundesgeschäftsführer des Südtiroler Schützenbundes Elmar Thaler ganz am Ende eines Filmes zum 50-jährigen Jubiläum des SSB. Seit langem, aber vor allem in den letzten Jahren, tritt der SSB immer offensiver gegen die faschistichen Denkmäler auf. Der Marsch im vergangenen November in Bozen und die für morgen geplante, große Protestkundgebung gegen den “Kapuziner Wastl” in Bruneck sollen demonstrativ und spektakulär diese Haltung untermauern. Gleichzeitig gebrauchen Thaler & Co. eine Standardformel. Immer dann, wenn der “gesunde Patriotismus” (Elmar Thaler im Film) in die Nähe rechten Gedankengute kommt, heißt es: “Der Südtiroler Schützenbund verurteilt jedwedes totalitäre Gedankengut, sei es Faschismus als auch Nationalsozialismus.” Dieses Bekenntnis und das Marschieren gegen die Denkmäler in Südtirol, sollen die Südtiroler Schützen zu glühenden Anti-Faschisten machen.

Doch die Hausaufgaben im eigenen Haus hat man nicht gemacht. Denn die [eigene] Vergangenheit der Nähe zum NationalIsozialismus, zu rechtsextremen Kreisen, zum Holocaust-Leugner David Irving und die bis heute bestehenden Verbindungen werden einfach verschwiegen, verdrängt und bewusst ausgeklammert. Vergangenheitsbewältigung fordern die Mander nur auf der [anderen] Seite. Auf jener, die aber sie betrifft, tut man nichts. Das “Gewissen des Landes hat sozusagen einige Gedächtnislücken.

Die offizielle Geschichte des Südtiroler Schützenbundes und des Südtiroler Schützenwesens wird immer nach demselben Schema dargestellt. Die Stationen dabei: Die Ursprünge des Tiroler Schützenwesens im Spätmittelalter, das “Tiroler Landlibell” Kaiser Maximilians des I. 1511, die Verteidigung der Heimat. Die Teilung Tirols, der Friedensvertrag von St. Germain, nach dem den Schützen das Tragen von Waffen verboten wird und dann das Verbot des Schützenwesens durch die Faschisten. Danach folgte eine Lücke von über 30 Jahren. So wie im Film von Heinz Degle oder auch in der offiziellen Chronologie auf der Homepage des “Südtiroler Schützenbundes” geht die Geschichte der Südtiroler Schützen dann erst 1958 mit seiner Wiedergründung weiter. Dazwischen aber? Vergessen. In der offiziellen SSB- Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum wird erstmals der Teppich der kollektiven Verdrängung ein klein wenig angehoben. Dort heißt es lapidar: “Auch die Nationalsozialisten erlaubten nach der Machtübernahme in Südtirol 1943 kein Wiederaufleben des Schützenwesens, sondern missbrauchten einzelne Gruppen in Schützentrachten für ihre Zwecke.” Das ist alles. Dabei präsentierte sich die Geschichte etwas anders.

Bereits im September 1938 schlossen die Nationalsozialisten in Nordtirol alle Schützenkompanien und Trachtengruppen zum “Standschützenverband Tirol-Vorarlberg” zusammen. Der eindeutigen NS-Organisation gehörten Ende 1939 rund 100.000 Mitglieder an. Kommandant war Gauleiter Franz Hofer. Nach dem Einmarsch der Deutchen Wehrmacht 1943 wurde nach demselben Modell auch die Errichtung eines Standschützenverbandes in Südtirol angeordnet. Die führende Rolle dabei spielte die “Arbeitsgemeinschaft der Optanten” (ADO). Sie hatte schon vorher überall im Land ein eigenes Schützenwesen, Musikkapellen und Trachtengruppen im Land aufgebaut. Die ADO schloss jetzt diese Schützenkompanien unter dem NS-Standschützenverband zusammen und schaltete sie gleich. Wie sehr die Standschützen dem Regime verbunden waren, zeigt ein Detail. Bereits 1943 trat man mit dem Wunsch nach Aufstellung einer eigenen Formation zur Landesverteidigung an Gauleiter Franz Hofer heran. Im Herbst 1944 wurden die Südtiroler Standschützen dann zu einer militärischen Formation des NS-Regimes. Es war die Variante des “Tiroler Landlibells” unterm Hakenkreuz. Die Mander waren eindeutig nationalsozialistisch eingefärbt. Auf die Uniform wurde nämlich ein Tiroler Adler mit einem Hakenkreuz in den Fängen aufgenäht.

Immer wieder marschierten die Schützenkompanien aber auch in Tracht bei nationalsozialistischen Anlässen mit. In Innsbruck, in Brixen oder in Bozen. Die Hand zum Hitlergruß erhoben und voll in die Nazi-Maschinerie integriert. Dutzende Südtiroler Schützenkompanien traten so beim lnnsbrucker Landesschießen an. Im “Bozner Tagblatt” finden sich zahlreiche Propagandaberichte über Landes- oder Bezirksschießen in den Jahren 1944 und 1945. Die Schützen waren dabei ganz gezielt Akteure und Teil der NS-Massenversammlungstheatralik.

Der Großteil der Mander, die in den Südtiroler Standschützenverbänden gedient hatten, ganze Kompanien, finden sich 15 Jahre später dann im Südtiroler Schützenbund wieder: Am 2. März 1958 wurde in Bozen der “Südtiroler Schützenbund” wieder gegründet. Erster Landeskommandant wurde der damalige Landeshauptmann Alois Pupp. Erster Bundesgeschäftsführer August Pardatscher: Alois Pupp, 1900 in Untermoi im Gadertal geboren, war bereits in den dreißiger Jahren nach Deutschland ausgewandert. Der Diplom-Ingenieur fand in Danzig in der Rüstungsindustrie Arbeit. Im Februar 1943 suchte Pupp um die Aufnahme in die NSDP an. Am 1. Juni 1943 wurde der spätere Südtiroler Landeshauptmann und erste Landeskommandant des SSB unter der Nummer 9.561.641 NSDAP-Mitglied.

Auch der erste SSB-Geschäftsführer, August Pardatscher, hat eine Vergangenheit, die der Schützenbund wohlweislich bis heute verschwiegen hat. Der Kalterer, Jahrgang 1921, hat sich 1940 freiwillig zur Waffen-SS gemeldet. 1942 wurde Pardatseher zum SS-Rottenführer befördert. Ein Jahr später zum “Unterscharführer” und im Mai 1945 zum SS-Oberscharführer: Er war damit einer der höchsten SS-Angehörigen Südtirols. Dass August Pardatscher seine SS-Zugehörigkeit zwar nicht an die große Glocke gehängt hat, im Schützenbund aber seine Vergangenheit kaum verleugnet hat, macht ein Foto deutlich. Die Aufnahme aus dem Jahr 1958, gemacht bei einem Schützenfest in Kaltem, zeigt den Landeskommandanten Alois Pupp mit seinem Bundesmajor August Pardatscher. Pardatscher hat an seinem Revers nicht nur das Eiserne Kreuz Erter und Zweiter Klasse, sondern darüber auch die so genannte “Nahkampfspange”. Die Auszeichnung wurde von Adolf Hitler und dem Regime im November 1942 eingeführt. In der NS-Verordnung heißt es: “Die Nahkampfspange wird als Anerkennung dem Soldaten verliehen, der sich vielfach im Nahkampf ‘Mann gegen Mann’ mit der Waffe in der Hand entsprechend bewehrt hat.” In der Verordnung steht auch, was man unter einem Nahkampf versteht: “In denen die ausgezeichneten Kämpfer die Gelegenheit fanden, das Weiße im Auge des Feindes zu sehen.” Die Nahkampfspange gab es in drei Abstufungen, Bronze, Silber und Gold. August Pardatscher hat jene in Silber am Revers. Diese wurde für 30 erfolgreiche Nahkämpfe verliehen.

Der erste Geschäftsführer des Südtiroler Schützenbundes war mit seiner offen zur Schau gestellten NS-Ordenspracht alles andere als eine Ausnahme. So fielen die Südtiroler Schützen beim großen Landesfestumzug in Innsbruck 1959 anlässlich der 150-jährigen Jubiläumsfeierlichkeiten zum Tiroler Freiheitskampf von 1809 auch dadurch auf, dass sie unverhohlen ihre NS-Auszeichnungen trugen. Obwohl das damals in Österreich eigentlich gesetzlich verboten war.

Aber auch in den 80er Jahren war die Grenze zu Rechts im Schützenbund mehr als offen. Immer wieder pilgerten Schützen, teilweise ganze Kompanien, nach Passau. Der rechte Verleger Gerhard Frey, Herausgeber der “Deutschen Nationalzeitung” und Sponsor, Vorsitzender und Chef der “Deutschen Volksunion”, versammelte dort in der Nibelungenhalle einmal im Jahr die Spitze des europäischen Rechtsextremismus. Anlässlieh dieser Treffen wurde auch der von Frey gestiftete und mit 10.000 DM dotierte “Andreas-Hofer-Preis” verliehen. Den Preis erhielten auch die beiden hohen Schützenfunktionäre Jörg Picher (1984) und Oswald Astfäller (1985). Jörg Picher war damals stellvertetender Landeskommandant des Südtiroler Schützebundes. Obwohl der damalige Landeskommandant Bruno Hosp schriftlich die Südtiroler Schützen davon abbringen [wollte], in der Nibelungenhalle aufzumarschieren, fuhren hunderte Schützen jahrelang nach Passau. Dort traten der stellvertretende Landeskommandant des Südtiroler Schützenbundes, Jörg Picher, oder der Vinschger SSB-Bezirksobmann, Oswald Astfäller, dann gemeinsam am Podium mit dem englischen Historiker und Holocaust-Leugner (inzwischen in Österreich verurteilt) David Irving auf.

Dass diese Verbindungen aber auch heute noch bestehen, wurde in einem Gerichtsverfahren deutlich, das der amtierende SSB-Landeskommandant Paul Bacher und dessen Adjutant Efrem Oberlechner im vergangenen Jahr gegen die “Tageszeitung” angestrengt haben, Im Verfahren kam auch ein Bericht der Carabinieri-Sondereinheit ROS aus dem Jahre 2001 zum Vorschein. Dort heißt es: “Oberlechner wurde auch im Zuge einer Kontrolle von Nazi-Skinhead-Gruppierungen, die zum Kongress der ‘Deutschen Volksunion’ (…) nach Passau unterwegs waren, identifizielt,” Die DVU wurde 1987 eine Partei. Sie wird vom deutschen Verfassungsschutz eindeutig als “rechtsextrem” eingestuft. Heute ist Efrem Oberlechner Referent für Medien- und Öffentlichkeitsarbeit im Südtiroler Schützenbund.«

Vergleiche:

Faschismen Medien | Geschichtsaufarbeitung Zitać | Christoph Franceschini | TAZ | Südtirol/o | Schützen | Deutsch