Hannah Arendt über den Nationalstaat.
Quotation 497

Die Lebensunfähigkeit gerade dieser Staatsform – und die Form scheitert an Fragen des Lebens, denn das sind alle wirtschaftlichen Fragen, wenn Sie sie recht betrachten – in der modernen Welt ist längst erwiesen, und je länger man an ihr festhält, umso böser und rücksichtsloser werden sich die Pervertierungen nicht nur des Nationalstaats, sondern auch des Nationalismus durchsetzen. Man sollte nicht vergessen, dass die totale Herrschaft vor allem auch in der Form des Hitler-Regimes, nicht zuletzt dem Zusammenbruch des Nationalstaats und der Auflösung der nationalen Klassengesellschaft geschuldet war. Es war im Grunde ein Zersetzungsprodukt, wenn man es rein objektiv betrachten will. Der Souveränitätsbegriff des Nationalstaats, der ohnehin aus dem Absolutismus stammt, ist unter heutigen Machtverhältnissen ein gefährlicher Größenwahn. Die für den Nationalstaat typische Fremdenfeindlichkeit ist unter heutigen Verkehrs- und Bevölkerungsbedingungen so provinziell, dass eine bewusst national orientierte Kultur sehr schnell auf den Stand der Folklore und der Heimatkunst herabsinken dürfte. Wirkliche Demokratie aber, und das ist vielleicht in diesem Zusammenhang das Entscheidende, kann es nur geben, wo die Machtzentralisierung des Nationalstaats gebrochen ist und an ihre Stelle die dem föderativen System eigene Diffusion der Macht in viele Machtzentren gesichert ist.

Hannah Arendt in ihrem Essay »Wir Flüchtlinge«.

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Hannah Arendt über Mussolini.

»Was lange währt, wird endlich gut« — könnte man in diesem Fall wohl über die Historisierung des monumentalen Mussolinireliefs von Hans Piffrader am Bozner Gerichtsplatz sagen. Gestern hatte ich endlich die Gelegenheit, mir das Ergebnis vor Ort anzuschauen.

Natürlich könnte man (speziell: könnte und werde ich wohl) auch einiges aussetzen und kritisieren, doch das sind angesichts der hier vollbrachten Leistung wirklich nur Details.

Der dreisprachige Schriftzug, abends eine Leuchtschrift, ist auch tagsüber — woran ich zunächst gezweifelt hatte — einigermaßen gut sichtbar. Er ist ausreichend verständlich und gleichzeitig ausreichend kryptisch, um sowohl die erwünschte kontextualisierende Wirkung zu erzielen, als auch zum Nachdenken anzuregen. Und er hat das, was meiner Meinung nach dem (sichtbaren) Eingriff am Siegesdenkmal fehlt, nämlich die nötige Ausdrucksstärke, um vor der Wucht und der Monumentalität des faschistischen Artefakts zu bestehen.

So sieht ein gelungener Umgang mit belastetem Kulturgut aus. Man kann sich jetzt schon kaum noch vorstellen, dass so viele Jahre lang gar nichts gemacht wurde.

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True and false.
Quotation 433

The ideal subject of totalitarian rule is not the convinced Nazi or the dedicated Communist, but people for whom the distinction between fact and fiction, true and false, no longer exists.

Hannah Arendt in ‘The Origins of Totalitarianism’

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