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Assimilierung der Minderheiten schreitet voran.
Sprachbarometer

Autor:a

ai

Das Landesstatistikinstitut (ASTAT) hat heute das neue Sprachbarometer 2025 vorgestellt. Es handelt sich dabei erst um die dritte umfassende und systematische Erhebung der Südtiroler Sprachlandschaften nach den Sprachbarometern von 2004 und 2014. Während der kommenden Wochen und Monate werde ich mich vermutlich noch öfter mit einzelnen Aspekten der Studie beschäftigen.

Gleich beim ersten Durchsehen sind mir jedoch bereits einige Dinge aufgefallen, so zum Beispiel eine deutliche Verschiebung der Identität weg von der regionalen und hin zur nationalstaatlichen Ebene. Darin spiegelt sich der wiedererstarkte Nationalismus der letzten Jahre wider. Speziell für ein autonomes Gebiet sowie für sprachliche Minderheiten ist dieser Befund jedoch besorgniserregend.

Identitätsfrage

Bei der Frage nach der »territorialen, ethnischen und nationalen Zugehörigkeit« definierten sich trotz Möglichkeit von Mehrfachnennungen deutlich geringere Bevölkerungsanteile als »Südtiroler/in« als noch 2014. So sank der Wert unter denen, die sich der deutschen Sprachgruppe zugehörig fühlten, um 5,6 Prozentpunkte auf nunmehr 78 Prozent. In der Gesamtbevölkerung schrumpfte der Wert sogar um 8,6 Prozentpunkte auf 55 Prozent. Das heißt, dass sich nur noch eine relativ knappe Mehrheit der in Südtirol wohnenden Menschen auch als Südtirolerinnen fühlen.

Dieses Land und seine Autonomie scheinen für ihre Einwohnerinnen immer mehr an Attraktivität zu verlieren und somit weniger Identifikationsmöglichkeiten zu bieten.

In der italienischen Sprachgruppe waren gar nur noch 10 Prozent (-14,5 Punkte) der Meinung, sich auch als Südtirolerin definieren zu können, während der Wert in der ladinischen Sprachgruppe mit 42 Prozent (-9,8 Punkte) deutlich unter die 50-Prozent-Marke fiel.

Hier ist aber einschränkend festzuhalten, dass 2025 die Antwortmöglichkeiten »italienischsprachige/r Südtiroler/in« und »ladinischsprachige/r Südtiroler/in« nicht mehr zur Verfügung standen, die ich für 2004 und 2014 mit »Südtiroler/in« summiert habe.1in Bezug auf 2014, als bereits Mehrfachnennungen möglich waren, kann sich dies verzerrend auswirken

Da 2004 noch keine Mehrfachnennungen möglich waren, sind steigende Werte zwischen 2004 und 2014 kaum aussagekräftig. Der zwischen dem ersten und dem zweiten Sprachbarometer gesunkene Wert (85,6% → 83,6%) in der deutschen Sprachgruppe ist es dafür umso mehr: Obwohl die Einordnung als »Südtiroler/in« 2004 exklusiv war, konnten sich damals 85,6 Prozent der Deutschsprachigen dafür entscheiden. Und wiewohl dieselbe Antwort 2014 und 2025 eine unter mehreren hätte sein können, ist der Anteil kontinuierlich (auf nunmehr 78%) gesunken.

Wachsende »nationale« Zuordnung

Dagegen ist der Prozentsatz derer, die sich im Sinne des Nationalstaats als »Italiener/in« definieren, stetig gewachsen — in allen Sprachgruppen. In den gut zehn Jahren seit dem zweiten Sprachbarometer von 2014, hat sich dieser Anteil in der deutschen Sprachgruppe sogar mehr als verdoppelt (9,3% → 23%). Damit ist er sogar auf einen noch höheren Wert gestiegen als in der ladinischen Sprachgruppe (13,7% → 21%), wo er noch 2014 höher war als in der deutschen Sprachgruppe.

In der italienischen Sprachgruppe ist der Anteil derer, die sich explizit als »Italiener/in« identifizieren, noch einmal um über zehn Prozentpunkte angewachsen (59% → 70%). Selbst bei jenen, die sich keiner der drei offiziellen Sprachgruppen zugehörig fühlen, ist dieser Wert deutlich gewachsen, sodass sich in dieser Gruppe nun ein größerer Anteil als »Italiener/in« (17%) denn als »Südtiroler/in« (12%) definiert.

In der Gesamtbevölkerung identifiziert sich ein schnell wachsender Prozentsatz mit der italienischen Nation, was für Südtirol und den Anspruch auf »interne Selbstbestimmung« als Versagen gewertet werden kann.

Gemeinsam mit anderen Befunden aus dem Sprachbarometer 2025 (und aus dem Vergleich mit jenen von 2004 und 2014) ergibt sich daraus eine alarmierende Gesamtsituation. Wie schon mit Blick auf die Ergebnisse der letzten Sprachgruppenerhebung werden wir jedoch vermutlich auf klare Reaktionen der Landespolitik vergeblich warten.

Die Befürworterinnen des Nationalstaats und der nationalen Homogenisierung bzw. Nivellierung können sich hingegen freuen, dass der banale — auch sportliche — Nationalismus gemeinsam mit der erzieherischen Wirkung künstlich hochgespielter Skandale und Polemiken (vgl. 01 02 03) bestens zu wirken scheinen.

Cëla enghe: 01 02 03 04 05 || 01 02 03 04

  • 1
    in Bezug auf 2014, als bereits Mehrfachnennungen möglich waren, kann sich dies verzerrend auswirken


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Comentârs

6 responses to “Assimilierung der Minderheiten schreitet voran.
Sprachbarometer

  1. Kritiker avatar
    Kritiker

    Die Autonomie verliert zunehmend ihre Legitimation. Jetzt kommt der „Beweis“ dafür, sogar von amtlicher Stelle. Und wetten, dieses Ergebnis wird politisch von der Mehrheitspartei und vielen anderen Meinungsträgern totgeschwiegen?

    1. Martin Piger avatar
      Martin Piger

      Im Gegenteil!
      Sie werden sich selber für ihre erfolgreiche Politik loben. Sie werden nämlich mit einer Kreativität, die ihnen beim Schutz der Minderheitenrechte fehlt, nur das aus den Statistiken herauslesen, was ihnen gefällt.

  2. Walter Kircher avatar
    Walter Kircher

    … EU ? Europäische Union ?
    Das Sagen haben weiterhin die Nationen! Die EU ist die MELKKUH …!!

  3. Hartmuth Staffler avatar
    Hartmuth Staffler

    Als die italienische Fußballmannschaf bei der Weltmeisterschaft in England im Jahr 1966 von Nordkorea bereits in der Vorrunde durch ein 0:1 aus dem Wettbewerb geworfen wurde, war die Begeisterung in Südtirol groß. In einem Gasthaus in Brixen, wo zahlreiche Südtiroler das Spiel verfolgten, wurde spontan Geld gesammelt, um den Nordkoreanern eine erhebliche Menge Eisacktaler Sylvaner als Dank für diese Demütigung der Italiener nach England zu schicken. Als in diesem Jahr Jannik Sinner sich als überzeugten Italiener outete, der froh sei, nicht in Österreich geboren zu sein, erhielt er in Südtirol mehr Zustimmung als Ablehnung. Die beiden Vorfälle sind bezeichnend für den Gesinnungswandel, der sich in der Südtiroler Gesellschaft in diesen knapp 60 Jahren vollzogen hat. Tatkräftig mitgeholfen bei dem Bemühen, die Südtiroler zu Italienern zu machen, hat die Athesia-Presse, anfangs noch verhältnismäßig verhalten im Sportteil der Zeitung, dann immer ausgeprägter und zuletzt ausgesprochen aggressiv auch im Lokalteil, wo jede noch so gemäßigte Kritik an Sinner als Majestätsbeleidigung gewertet und mit den übelsten Beleidigungen der Kritiker verurteilt wurde. Damit trägt vor allem die Tageszeitung “Dolomiten” dazu bei, den von Kanonikus Gamper vorausgesagte “Todesmarsch” der Südtiroler Wahrheit werden zu lassen.

  4. Andreas avatar
    Andreas

    Die Frage zu den öffentliche Ämter, in denen man im letzten Jahr die Muttersprache nicht verwenden konnte, ist im neuen Sprachbaromter auch nicht mehr vorhanden.

    Ich finde es auch sehr schade, dass die Primärdaten nicht öffentlich zugänglich gemacht werden für Sekundärdatenanalysen, da ich es sehr bedenklich finde, dass im Bericht von der Astat die Variablen lediglich bivariat und auf eine multivariate Analyse, soweit ich es sehe verzichtet wurde, untersucht wurden.
    Beispielsweise bei der Tabelle zur Frage: “Gefühl der Bevorzugung bzw. Benachteiligung der eigenen Sprachgruppe nach soziodemografischen Merkmalen – 2025 “. Wird die abhängige Variable, also die erlebte Benachteiligung, mit verschiedenen unabhängigen Variablen wie der Sprachgruppe, Alter, Bildung … separat untersucht. Jedoch weiß man * bspw. bei Bildung, dass vor allem italienisch sprechende Südtiroler:innen viel öfter Matura oder einen Hochschulabschluss haben, als z.B. deutsch oder ladinisch sprechende Südtiroler:innen. In der Variable Bildung werden aber alle zusammengefasst. Deswegen könnte es hier bspw. sinnvoll sein, multivariat zu untersuchen, um mögliche Verzerrungen zu vermeiden.

    *Lindemann, R., & Atz, H. (2016). Bildungsstruktur und soziale Mobilität. In H. Atz, M. Haller, & G. Pallaver (Hrsg.), Ethnische Differenzierung und soziale Schichtung in der Südtiroler Gesellschaft. Ergebnisse eines empirischen Forschungsprojekts (S. 119- 133). Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.

    1. Simon avatar

      Du bringst es präzise auf den Punkt. Ich habe mir deshalb in Einzelfällen auch bereits Primärdaten vom ASTAT schicken lassen. Das ist aber umständlich, wiewohl das ASTAT (anders als das ISTAT, wo ich noch nie auch nur eine Antwort bekommen habe) i.d.R. recht kooperativ und hilfsbereit ist.

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