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Hannah Arendt über Mussolini.

»Was lange währt, wird endlich gut« — könnte man in diesem Fall wohl über die Historisierung des monumentalen Mussolinireliefs von Hans Piffrader am Bozner Gerichtsplatz sagen. Gestern hatte ich endlich die Gelegenheit, mir das Ergebnis vor Ort anzuschauen.

Natürlich könnte man (speziell: könnte und werde ich wohl) auch einiges aussetzen und kritisieren, doch das sind angesichts der hier vollbrachten Leistung wirklich nur Details.

Der dreisprachige Schriftzug, abends eine Leuchtschrift, ist auch tagsüber — woran ich zunächst gezweifelt hatte — einigermaßen gut sichtbar. Er ist ausreichend verständlich und gleichzeitig ausreichend kryptisch, um sowohl die erwünschte kontextualisierende Wirkung zu erzielen, als auch zum Nachdenken anzuregen. Und er hat das, was meiner Meinung nach dem (sichtbaren) Eingriff am Siegesdenkmal fehlt, nämlich die nötige Ausdrucksstärke, um vor der Wucht und der Monumentalität des faschistischen Artefakts zu bestehen.

So sieht ein gelungener Umgang mit belastetem Kulturgut aus. Man kann sich jetzt schon kaum noch vorstellen, dass so viele Jahre lang gar nichts gemacht wurde.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/ 6/

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2 replies on “Hannah Arendt über Mussolini.”

ich habe die installation noch nicht live gesehen, aber alles, was ich bis jetzt in den medien gesehen habe, schaut vielversprechend aus.
ich finde auch, dass da ein wunderbarer kontrast geschaffen wurde.
auch halte ich die kritik, dass das arendt-zitat verfälscht und aus dem zusammenhang gerissen sei, für unberechtigt. es ist eine künstlerische interpretation, deren kern das paradoxe ist. zugleich wird arendt auch nicht vor einen falschen karren gespannt, da sie zeitlebens gegen das stand wofür mussolini steht.

Zudem steht da auf der erklärenden Tafel:

Hannah Arendts Paradoxon Zentrales Element der Historisierung des Piffrader-Reliefs ist der mittig angebrachte Schriftzug mit einem Zitat von Hannah Arendt (1906-1975). Die auf den ersten Blick durchaus paradox wirkende Aussage soll öffentlich sichtbar machen, dass zivilgesellschaftliches Nachdenken über das Relief unübersehbar erfolgt ist — das totalitäre Kunstwerk wird so auch zum reflexiven Lern- und Erinnerungsort. Die Äußerung von Arendt — der so bedeutenden und einflussreichen politischen Theoretikerin und Sozialphilosophin — ist einem Radiointerview mit Joachim C. Fest von 1964 entnommen und lautet eigentlich: “Kein Mensch hat bei Kant das Recht zu gehorchen”. Im Nachgang ihres Buches “Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen” verwahrte sich Arendt energisch gegen die missbräuchliche Berufung eines NS-Haupttäters auf den kategorischen Imperativ von Kant. Gegen die Fiktion eines Befehlsnotstands und das faschistische Motto “credere, obbedire, combattere” (glauben, gehorchen, kämpfen) betont das Zitat individuelle Gewissensfreiheit und demokratische Verantwortungsethik.

Damit ist der Vorwurf der Nicht- oder Missverständlichkeit vom Tisch.

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