Der alpine Kulturraum und seine Mehrsprachigkeit.

Verba Alpina heißt ein mehrsprachiges Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und mehrerer Kooperationspartner, die es sich schon seit 2014 zum Ziel gesetzt haben, den stark fragmentierten Sprachraum der Alpen zu erschließen und dabei endlich

die traditionelle Beschränkung auf im wesentlichen aktuelle politische Einheiten (Nationalstaaten)

zu überwinden. Gleichtzeitig sollen auch mehrere methodologische Ansätze — einschließlich Crowdsourcing — miteinander verbunden werden, um ein möglichst umfassendes Gesamtbild zu erstellen.

Es handelt sich somit um ein Instrument, das die reichhaltige sprachlich-kulturelle Vielfalt des Alpenraums erfassbar und anschließend Entwicklungen nachverfolgbar machen soll.

Über den Reiter Interaktive Karte lassen sich die bereits verfügbaren Daten georeferenziert anzeigen, während unter dem Menüpunkt Crowdsourcing die Möglichkeit besteht, die Datenbank mit Wörtern zu füttern.

Die Tatsache übrigens, dass man sich nie abschließend auf eine dolomitenladinische Standardsprache einigen konnte, rächt sich hier dadurch, dass die Homepage von Verba Alpina auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Slowenisch und Bündnerromanisch — jedoch nicht auf Ladinisch — verfügbar ist.

In der aktuellen Ausgabe (Nr. 29/2019) der Usc di Ladins ist ein kurzes Interview mit drei ladinischen Mitarbeiterinnen des Projekts erschienen.

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Chronik einer Reisepasserneuerung.

Heute war es auch bei mir so weit, ich durfte mich aufgrund des online vereinbarten Termins zum Polizeikommissariat in Brixen begeben, um einen neuen Reisepass zu beantragen.

Aber zuerst noch schnell zur Post und 42,50 Euro auf das Konto des Finanzministeriums überweisen. Nichts leichter als das. Unter den bereits ausgefüllten Vordrucken gibt es zwar kein passendes, aber ich nehme — wie einfallsreich! — einen leeren Posterlagschein und fülle ihn selbst aus. Den gibt es natürlich (dank Vorzeigeautonomie und Präfektur und Minderheitenschutz und Abkommen und sowieso) nur einsprachig italienisch. Doch Zeit zum Ausfüllen ist glücklicherweise genug, bin ja erst Nummer 67 und weiter geht irgendwie auch nichts. Vor mir zirka 15 Leute.

Irgendwann bin ich dann doch dran, ernte aber nur einen verständnislosen Blick: »Hier, der [ebenfalls einsprachige] Erlagschein für die Reisepassausstellung, bitte nochmal neu ausfüllen.« Einziger Unterschied zu meiner Eigenkreation: Empfänger, Kontonummer und Verwendungszweck sind aufgedruckt. »Warum gibt es den nicht drüben bei den anderen Vordrucken?« »Weiß ich nicht, wurde vielleicht nicht nachgefüllt. Kommen Sie nachher nochmal, Sie brauchen keine neue Nummer zu ziehen.«

Gesagt, getan (es reicht ja schließlich, Betrag in Ziffern und Buchstaben, Vor- und Nachnamen sowie Anschrift händisch einzutragen… und das Ganze dreimal) — dann werde ich allerdings zur gerade freien Kollegin weitergeschickt. Die nur gebrochen Deutsch spricht. Das ist wohlgemerkt eine Ausnahme, denn im Postamt Brixen sind fast alle Schalterbeamtinnen zweisprachig… aber eben nur fast.

Ob ich hier auch diese 73,50 Euro “contrassegno telematico a titolo di contributo amministrativo” einzahlen kann. »No, quello deve pagarlo dal tabacchino… però potevano scrivere “marca da bollo” invece di “contrassegno telematico”, così si capiva.« Seh ich ganz ähnlich.

Also kurz in der Trafik vorbeigeschaut, man hat ja sonst nix zu tun, und 73,50 Euro mit der Karte bezahlt. »Nur Bankomat, Kreditkarten nehmen wir für sowas nicht!«

Gleich noch weiter zum Bahnhof, Passfotos besorgen. Leider ist der Automat außer Betrieb, doch das ältere Paar vor mir weiß, dass es im nahe gelegenen Station Center einen weiteren gibt. Hintrotten, den Senioren den Vortritt lassen und dann… zack zack zack. Der Automat kann übrigens auch nur Italienisch oder Englisch. Weitere 5,- Euro sind fällig. In anderen Ländern schießt das Foto die Beamtin im Passamt, nicht so in Italien.

Endlich zur Polizei! »Dove deve andare?« wird man direkt am Eingang zweisprachig gefragt. »Ich muss den Reisepass erneuern« — »Allora deve andare di là«. Der Schalter ist frei, ist ja auch mein Termin, um nicht zu sagen: ich bin schon deutlich zu spät dran. Meine Schuld natürlich (ich hätte ja einen ganzen statt nur einen halben Tag freinehmen können).

Der Beamte ist freundlich, spricht aber offenbar auch nur Italienisch. Ich habe jedoch nur auf Deutsch gegrüßt und dann nach seiner italienischen Antwort nicht weiter auf mein Recht bestanden (Schande über mich, aber es kann doch nicht jedes Amtsgeschäft ein Kampf sein). Das zweisprachige Formular fülle ich auf Deutsch aus, mit denselben Daten, die ich bei der Online-Anmeldung schon angegeben hatte (wo sind die hin?), dann unterschreibe ich noch die umseitige Datenschutzerklärung — die leiderleider wiederum nur einsprachig Italienisch ist. Sicher nur ein kleines Versehen, ein Einzelfall!

»Ah, ma Lei è residente a Bressanone? Allora non c’era bisogno dell’appuntamento, bastava passare!« Toll! Dass man mir das heute schon mitteilt, nachdem ich für die Reisepasserneuerung extra zwei andere Termine verschoben habe. Warum steht das online nirgends? Warum scheint das nicht spätestens auf, wenn man bei der Vormerkung “Brixen” als Wohnort anklickt?

Damit habe ich dann wohl auch jemand anderem den einzig freien Vormerktermin weit und breit weggenommen. Ich hatte ja eigentlich an Glück gedacht, weil ich diesen nicht allzu weit in der Zukunft liegenden Termin ergattern konnte — und nun war alles gar nicht nötig.

Doch dann nach dem Fingerabdruckscan die gute Nachricht: »Ripassi tra quindici giorni«. Den zweisprachigen Abholzettel, den der wohl einsprachige Beamte ebenso einsprachig ausgefüllt hat, nehme ich auch als Beweis mit, dass ich den italienischen Amtsschimmel wieder einmal ohne nachhaltige Schäden überlebt habe. Bis zum nächsten Mal.

Siehe auch:

Bürokratismus Discriminaziun Minderheitenschutz Nationalismus Plurilinguismo Polizei Postdienst Recht Service Public Tech&Com | Bilinguismo negato | | | Südtirol/o | Staatspolizei | Deutsch

Volksbank-Web: Vorrang für lingua nazionale.
It's not a bug, it's a feature

Am 17. April hatte ich mich bezüglich der Sprachoptionen auf der Homepage der Südtiroler Volksbank an eine Mitarbeiterin derselben gewandt:

Sehr geehrte Frau XXXXXXXX,

ich möchte hiermit nachfragen, ob kürzlich etwas an der Volksbank-Homepage verändert wurde, da sich die Seite seit wenigen Tagen standardmäßig immer auf Italienisch öffnet. Dies auch, wenn ich zuvor — bei meinem auch nur wenige Minuten zurückliegenden letzten Besuch — die deutsche Sprache gewählt hatte. Ich finde das ziemlich anstrengend und zugleich unnötig, da es technisch unschwer möglich ist, entweder die Browsersprache zu erkennen oder die letztgewählte Sprache zu speichern.

Mit freundlichen Grüßen
Simon Constantini, Brixen

Gestern, also nur knapp einen Monat später, die wenig zufriedenstellende Antwort:

Guten Tag Herr Constantini,

beim Einstieg in unsere Internetseite www.volksbank.it öffnet sich automatisch immer die italienische Seite.
Sie müssen [sich] hier nach erfolgtem Einstieg die Sprache ändern und anschlie[ß]end die Seite mit der deutschen Sprache in Ihren Favoriten abspeichern und den Einstieg in Zukunft dann über die Favoriten machen.

Mit freundlichen Grü[ß]en

XXXXX XXXXXXXX

Sieht ganz danach aus, als würde sich das verstärkte überregionale Engagement der Volksbank nun auch mit (technisch unnötiger) Benachteiligung der deutschsprachigen Südtiroler Kundinnen bemerkbar machen. Wäre ich argwöhnisch — doch das bin ich ja fast nie —, könnte ich denken, dass das die mögliche Vorstufe zur »Vereinsprachlichung« der Seite ist: Wenn anhand der Seitenstatistik festgestellt wird, dass nur wenige den Aufwand betreiben, jedes einzelne Mal die Sprache einzustellen (oder ein Lesezeichen direkt zur deutschen Version zu setzen), ist der Weg zur »Rationalisierung« frei.

Anders als etwa in Québec oder Katalonien gibt es in Südtirol keine Verpflichtung für Banken, die örtliche(n) Amtssprache(n) zu berücksichtigen.

Für mich selbst gibt es jedenfalls genau einen Grund, warum ich nie auch nur in Erwägung gezogen habe, zu einer gegebenenfalls günstigeren überregionalen/internationalen Bank zu wechseln: die Regionalität, wozu in Südtirol auch die — möglichst gleichberechtigte — Mehrsprachigkeit zählt.

Siehe auch:

Discriminaziun Nationalismus Plurilinguismo Tech&Com Verbraucherinnen | Zitać | | | Südtirol/o | | Deutsch

EU: Günstigere Auslandsgespräche.

Nachdem die EU im Laufe der letzten Jahre schon die Roaminggebühren gesenkt und dann 2017 weitgehend abgeschafft hat, tritt mit dem heutigen 15. Mai eine weitere Vergünstigung in Kraft: Telefongebühren werden für Anrufe ins EU-Ausland auf 19 Cent pro Minute und für SMS auf 6 Cent pro Kurzmitteilung (Preise zzgl. USt.) gedeckelt. Die Bestimmung gilt sowohl für das Mobil-, als auch für das Festnetz. Es ist dies ein weiterer Schritt zur Schaffung einer grenzüberschreitenden europäischen Öffentlichkeit.

Demnächst soll die Maßnahme auch auf andere europäische Länder wie Norwegen, Island und Liechtenstein ausgedehnt werden.

Siehe auch:

Preisangaben ohne Gewähr. Telefonanbieter sind verpflichtet, ihre Kundschaft auf die neuen Tarife hinzuweisen.

Grenze Recht Tech&Com Verbraucherinnen Wirtschaft+Finanzen | Good News | | | Europa Island Liechtenstein | EU | Deutsch

Geoblocking-Lösung für Minderheiten.

Der Europaabgeordnete der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) in Belgien, Pascal Arimont (EVP), hat sich am vergangenen Dienstag mit der EU-Kommissärin für Digitales, Mariya Gabriel, getroffen, um eine Lösung für das Geoblocking-Problem zu fordern. Insbesondere für Sprachminderheiten, die oft auf Angebote aus anderen Staaten angewiesen seien, dürften durch das Blockieren von Inhalten keine Informationsgrenzen entstehen.

Die EU-Kommissärin versprach, ihre Dienste auf eine Lösung der Problematik anzusetzen und zudem europäische Fernsehanstalten verstärkt für die besondere Situation von Grenzregionen zu sensibilisieren.
Mit einer parlamentarischen Anfrage hatte Arimont die Kommission schon zu Jahresbeginn zum Handeln aufgefordert. Er stützte sich dabei auf eine einschlägige Resolution des EU-Parlaments vom vergangenen November.

Der EU-Abgeordnete der DG hat sich im Rahmen seiner Bemühungen aber auch schon mit Vertreterinnen von Netflix, Amazon und Sky zusammengesetzt, um gemeinsam nach Lösungswegen zu suchen.

Von Herbert Dorfmann (SVP) ist mir ein ähnliches Engagement leider nicht bekannt. Der Einsatz von Arimont kommt aber — hoffentlich — auch uns Südtirolerinnen zugute.

Siehe auch:

Discriminaziun Grenze Medien Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik Tech&Com Verbraucherinnen | Geoblocking Good News | Herbert Dorfmann Pascal Arimont | | Europa Ostbelgien Südtirol/o | EU EVP SVP | Deutsch

Nehmt Google Translate!

Jetzt schreibe ich tatsächlich noch was über diesen komischen Wisch. Links ein sogenannter Verständigungszettel (ja, Verständigung!) der italienischen Post in angeblich deutscher Fassung. Und in der rechten Spalte das Ergebnis, wenn man den italienischen Originaltext einmal bei Google Translate reinklatscht:

Italienische Post Google Translate


HinweisfürNichtzustellung

[…]

Sendung “postapatente” den/die Führerschein/ Zulassungsbescheinigungenthält, durchzuführen.

Wir informieren Sie, senden verfügt über angegebenen im Postamt: [unübersetzte Bezeichnung und Adresse des Postamts], ab 08:20 [Uhr] die 02/04/2019.
Im Postamt beobachtet die folgenden Stunden der Öffnung für die Öffentlichkeit
Aus MO. zu FR. aus 08:20 zu 13.35 [Uhr]
– SA. aus 08:20 zu 12.35

Uhr des darau- olgenden Tages dieses Hinweises, lagert:

Bezahlung von in Wertzeichen 5,87 € nötig.

Zur Abholung der Sendung ist die Zahlung per Nachnahme von 5,87 € nötig.

Wir errinern Sie daran, dass die Sendung für 60 Tage im obengenannten Postamt hinterlegt wird.

Nach der angegebenen Verfallfrist, wird das Schreiben den Ministerium für Transport und Infrastruktur zur Vernichtung/Annullierung zugesandt.

Für weiter Informationen steht Ihnen die Homepage www.ilportaledellautomobilista. it. zur Verfügung.

[…]

2. HINWEIS ZUR NICHT-LIEFERUNG

[…]

Der oben genannte “Mail Forwarder” enthält den Führerschein / die Zulassungsbescheinigung.

Sehr geehrter Kunde, wir laden Sie ab dem 02.04.2019 ab 08:20 Uhr zur Abholung der Sendung ein:

[Bezeichnung und Adresse des Postamts]

Bürozeiten:
– Von Montag bis Freitag von 08:20 bis 13:35 Uhr
SAB von 08:20 bis 12:35 Uhr

Die folgenden Beträge sind für die Versendung der Sammlung erforderlich:

Nachnahme: 5,87 €

Für einen Gesamtbetrag von 5,87€

Wir möchten Sie daran erinnern, dass die Sendung 60 Kalendertage nach dem Datum dieser Mitteilung bei dem angegebenen Amt aufbewahrt wird.

Nach dieser Frist wird die Sendung zur späteren Stornierung / Vernichtung an das Ministerium für Infrastruktur und Verkehr zurückgeschickt.

Weitere Informationen erhalten Sie unter www.ilportaledellautomobilista.it.

[…]

So weit sind wir nun also schon, dass wir beinah auf Knien betteln möchten, Ämter, Behörden und öffentliche Betriebe sollen ihre Texte doch lieber mit Google übersetzen, als ihre sonderbaren Kreationen auf uns loszulassen. Ja, wenn ihr kein Deutsch könnt, keinen Bock habt und sowieso… dann tut das bitte wirklich! Verschont uns. — Vor allem, wenn ihr nicht den Eindruck erwecken wollt, dass ihr uns bewusst veräppelt, was ich inzwischen glaube.

Siehe auch:

Näheres zur Fehlerkorrektur: ① Mit etwas gutem Willen hätte jeder denkende Mensch weitere Fehler von Google vermeiden können, was ich aber bewusst unterlassen habe. Dass der Webdienst nicht wissen kann, dass er sich für eine Bezeichnung wie »postapatente« gar nicht erst eine (zudem so dämliche) Übersetzung zu suchen braucht — geschenkt. »SAB von 08:20 bis 12:35 Uhr« hätte man verhindern können, wenn man in »SAB dalle 08:20 alle 12:35« von »SAB« auf »sabato« entkürzt hätte. Ich bin aber ehrlich gesagt beeindruckt, dass Google »Da LUN a VEN dalle 08.20 alle 13.35« korrekt übersetzt hat. ② Während die italienische Post die Bezeichnung des Postamts und die Adresse unübersetzt gelassen hat, hat Google in beiden Fällen den Ortsnamen (nicht aber die Straßenbezeichnung) übersetzt, und zwar korrekt.

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