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ANPI-Angriff: Bekennerschreiben aufgetaucht.

In der Nacht vom 23. auf den 24. März, dem Gedenktag des Massakers in den Ardeatinischen Höhlen, waren Vitrinen des italienischen Partisaninnenverbandes ANPI in Bozen beschmiert worden. Ob es ein reiner Vandalenakt oder eine politisch motivierte Einschüchterungsaktion war, blieb zunächst unklar.

Nun ist auf einem CPI nahestehenden neofaschistischen Onlineportal ein »anonymes« Bekennerschreiben erschienen. Demnach hätten Faschistinnen Fotos von Menschen an die Vitrinen kleben wollen, die angeblich von Partisaninnen getötet wurden. Wie das ANPI schon zuvor mitgeteilt hatte, seien die Täterinnen jedoch von einer heranrückenden Polizeistreife in die Flucht getrieben worden, bevor sie ihren Plan fertig umsetzen konnten.

Dem Bekennerschreiben zufolge sei die nächtliche Attacke als Reaktion auf eine Veranstaltung zu betrachten, die an der Siegessäule (vor dem gleichnamigen Denkmal) stattgefunden hat. Bestrafen wollten die Rechtsextremistinnen das ANPI demzufolge, weil es die faschistische Säule als »abzutragendes koloniales Relikt« bezeichnet haben soll.

Die Faschistinnen müssen sich in Südtirol sehr sicher fühlen, wenn sie »anonyme« Stellungnahmen auf ihren eigenen Onlineportalen veröffentlichen.

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Eine Topographie des Grauens.
Südtirol

Anlässlich des morgigen Yekatit 12 und der entsprechenden vom Wu-Ming-Kollektiv initiierten Aktion veröffentlichen wir auf eine eigene Topographie des Grauens für Südtirol.

Sie ist entstanden, weil ich vorhatte, Wu Ming zur Vervollständigung ihrer Karte auf weitere Orte in Südtirol hinzuweisen. Allerdings geht es bei der für Yekatit 12 geplanten Guerrillaaktion in erster Linie um Spuren des Kolonialismus, während ich es interessant fand, eine umfassendere, nicht nur zu diesem Anlass passende Bestandsaufnahme zu machen:

Vollbildanzeige

Es handelt sich dabei um ein work in progress und erhebt allein schon deshalb keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Was die berücksichtigten Orte betrifft, haben wir uns unter anderem auch vom Postcolonial-Italy-Projekt inspirieren lassen.

Über Korrekturhinweise, Anregungen und Ergänzungsvorschläge — in den Kommentaren zu diesem Beitrag — freuen wir uns.

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Aufruf zu einer antikolonialistischen Aktion.
Wu Ming / Yekatit 12

Der 19. Februar (oder, laut äthiopischen Kalender, Yekatit 12) ist der Jahrestag des Pogroms von Addis Abeba, einem der schlimmsten Kriegsverbrechen, die vom italienischen Königreich in seinen Kolonien verübt wurden. Seit Jahren steht der Vorschlag im Raum, aus diesem Datum offiziell eine Gelegenheit des Gedenkens zu machen.

Angesichts der ewigen Untätigkeit der Institutionen schlägt das Wu-Ming-Kollektiv nun aber vor, das Gedenken von unten herbeizuführen — durch gezielte Aktionen, die eigenmächtig und dezentral am kommenden 19. Februar durchgeführt werden sollen.

Wu Ming selbst betreibt seit mehreren Jahren und bei unterschiedlichsten Anlässen eine sogenannte »Straßennamen-Guerilla«, in deren Rahmen problematische Ortsbezeichnungen überklebt und ersetzt oder »vervollständigt« werden.

Quelle: Wu-Ming-Foundation/Giap

Für solche oder ähnliche Aktionen — der Fantasie der Teilnehmenden wolle man bewusst keine Grenzen setzen — hat das Kollektiv nun für den kommenden 19. Februar eine Onlinekarte mit möglichen Zielen erstellt, in der auch Südtirol vertreten ist. Allerdings sind darin bis dato nur die Amba-Alagi- und die Antonio-Locatelli-Straße in Bozen sowie die Dreizinnenhütte (auch Antonio-Locatelli-Hütte) vermerkt. Weitere Ziele für kreative Aktionen könnte aber zum Beispiel das Postcolonial-Italy-Projekt aufzeigen, das in Südtirol 15 »kolonialistische Orte« ausgemacht hat.

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Postcolonial Italy – Mapping Colonial Heritage.

Die Forscherinnen Markus Wurzer (Universität Graz) und Daphné Budasz (European University Institute) haben es sich mit weiteren Mitwirkenden zur Aufgabe gemacht, Spuren der »verschwiegenen Kolonialgeschichte Italiens« im öffentlichen Raum aufzuspüren und in einem sogenannten Digital-Public-History-Projekt der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Unter den vier bislang unter die Lupe genommenen Städten befindet sich auch die Südtiroler Landeshauptstadt, in der — nach Florenz, aber vor Rom und Venedig — die zweitgrößte Anzahl an Spuren gefunden und in eine interaktive Karte eingezeichnet wurde:

Ausschnitt aus Postcolonial Italy – Mapping Colonial Heritage

Darunter befinden sich acht Straßen- und Plätzenamen, fünf Denkmäler (einschließlich eines Exkurses zum Alpinidenkmal in Bruneck) und eine Institution:

  • Die erst 1953 und auf Vorschlag des neofaschistischen MSI so getaufte Amba-Alagi-Straße, die an den Verlust des Kolonialimperiums erinnern (und vor dem möglichen Verlust Südtirols) warnen sollte.
  • Die Antonio-Locatelli-Straße, die 1936 nach dem Piloten und »glühenden Faschisten« benannt, nach dem Krieg in Giuseppe-Craffonara-Straße umbenannt und 1949 wieder in Antonio-Locatelli-Straße rückbenannt wurde. Locatelli war als Freiwilliger im Abessinienkrieg gewesen.
  • Die Drususstraße und die Drususbrücke, deren Namen (nach dem angeblichen Romanisierer germanischer Gebiete) die kolonialistische und expansionistische Ideologie vorwegnahmen, die später auch in Libyen und Eritrea zum Zuge kam. Stellvertretend für andere imperialistische Bezeichnungen wie Julius-Cäsar-Straße, Hadriansplatz und Claudia-Augusta-Straße.
  • Die ursprünglich 1936 eingeführte via Duca D’Aosta (nach dem »Kriegshelden« und »letzten Verteidiger« des Kolonialreichs Amedeo di Savoia-Aosta), 1946 in Spitalgasse umbenannt, 1953 auf Druck von Veteranenorganisationen als Bezeichnung einer anderen Straße, der heutigen Duca-D’Aosta-Allee, wiedereingeführt.
  • Die Padre-Reginaldo-Giuliani-Straße, wie die Locatellistraße nach einem »Märtyrer« des Abessinienkrieges benannt, 1946 in Andreas-Hofer-Straße um- und 1949 in Giulianistraße rückbenannt.
  • Die Rhodosstraße, die an die Eroberung der Dodekanesinseln erinnert, die von 1912 bis 1943 zum italienischen Kolonialreich gehörten.
  • Die 1936 so benannte Tripolisstraße, deren Name 1949 auf Vorschlag eines sozialistischen Gemeinderatsmitglieds bestätigt wurde, weil sie auf den ersten Italienisch-Türkischen Krieg und nicht auf den Faschismus Bezug nehme. Bei dieser Entscheidung seien jedoch die faschistischen Kriegsverbrechen in Libyen unberücksicht geblieben.
  • Der Mazziniplatz zu Ehren des italienischen Risorgimento und somit eines vereinigten italienischen Nationalstaats. Der Platz wurde 1939 in Piazza dell’Impero und 1946 in Mazziniplatz umbenannt.
  • Das Alpinidenkmal in Bruneck.
  • Die Siegessäule am gleichnamigen Platz (hinter dem gleichnamigen Denkmal).
  • Ein Flachrelief am Siegesplatz, das unter anderem die Befreiung versklavter Völker als ein »Geschenk« der faschistischen »Zivilisation« am Höhepunkt des faschistischen Expansionismus darstellt.
  • Die Flachreliefs und Inschriften (Verse von Virgil und Horaz) an den ehemaligen INA- und INFPS-Gebäuden am Siegesplatz.
  • Das Piffraderrelief am Gerichtsplatz.

Und schließlich die Otto-Huber-Kaserne, die nach einem faschistischen »Kriegshelden« aus Südtirol benannt ist und auf die der Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) 1956 einen Bombenanschlag verübt hat. Huber ist auch in Meran eine Straße gewidmet. Einer ähnlichen Logik der Ehrung einheimischer Faschisten folgt die Benennung der Wackernellkaserne in Mals, die noch heute unter diesem Namen (teilweise) als Carabinieri-Kaserne dient.

Alle Südtirol betreffenden Texte und Bilder auf dem Portal stammen vom Schweizer Historiker Sebastian De Pretto (Universität Luzern).

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Faschistische Fleckenbekämpfung.

Vor wenigen Tagen wurden in Bozen dem Rassismus und Kolonialismus gewidmete Symbole mit Farbe bekleckst. Darunter die wunderschöne imperialistische Säule, die am sogenannten Siegesplatz an die Gefallenen erinnert, die Libyen, Ostafrika und Spanien Giftgas und Gewalt Sprache und Kultur gebracht hatten.

Schon am Sonntag sind aber dankenswerterweise die faschistischen Fleckenbekämpfer (nur Männer) von CasaPound angerückt, um den Müll vom Dreck zu säubern. Ich finde: Putzen können sie so gut, dass man ihnen viel öfter Anlass dazu geben sollte.

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Kolonialistische Symbole markiert.

Auch hierzulande scheint in Zusammenhang mit den BLMProtesten ein Prozess der (Selbst-)Reflexion eingesetzt zu haben, der zu realen Veränderungen führen könnte — im öffentlichen Raum wie in der Gesellschaft. Und wenn es ihn schon gab, so ist er nun sichtbar geworden.

Die Seite Bolzano-male veröffentlichte heute auf Facebook Bilder, die zeigen, dass in der Landeshauptstadt Symbole des Rassismus und Kolonialismus angegriffen — in diesem Fall mit Farbe markiert — wurden.

Foto: Bolzano-male, Facebook

Davon betroffen sind die offen imperialistische Säule auf dem Platz hinter dem Siegesdenkmal sowie mehrere Straßenschilder (Amba-Alagi-Straße, P.-Reginaldo-Giuliani-Straße).

Wie Bolzano-male schreibt, soll »eine Gruppe von Unbekannten« die Aktion »vor einigen Nächten« durchgeführt haben.

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Leo fällt, Wastl hält.

Mehrere Statuen und Büsten von König Leopold II, der während der Kolonialära in Belgien regierte, wurden im Laufe der letzten Tage beschmiert oder beschädigt. Die Stadt Antwerpen reagierte auf die Proteste, die im Rahmen der weltweiten BLM-Kundgebungen stattfanden, mit der Entfernung einer großen Statue des Monarchen aus dem öffentlichen Raum. Sie soll ins Depot eines Museums verbracht worden sein.

In Bruneck steht eine Statue, die ursprünglich dem Sieg des faschistischen Italien über Abessinien in einem völkerrechtswidrigen Angriffs- und Eroberungskrieg gewidmet war. Obschon mehrmals beschädigt, wurde sie jedes Mal wiedererrichtet.

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Historisierung mit dem Schremmhammer.

Am 6. Mai hatte Markus Wilhelm in seinem Blog dietiwag.org auf ein Hakenkreuz hingewiesen, das wohl Mitte der 1930er Jahre auf einen Felsen in Sölden gemalt worden war, als die NSDAP in Österreich verboten war. Es wurde später von den einheimischen Heimwehrlern mit roter Farbe übertüncht

möglicherweise beides mehrfach, das eine [Hakenkreuz] wie das andere [Übermalung].

— dietiwag.org

Abhängig von den Lichtverhältnissen, so weiter, scheine das Hakenkreuz auch heute noch manchmal durch.

Schon heute konnte im Blog mitgeteilt werden: der Verfassungsschutz hat aufgrund des Beitrags von Markus Wilhelm die (Alpin-)Polizei verständigt, die sich zur beschmierten Stelle abgeseilt und das »historische« Nazi-Symbol mit dem Schremmhammer unkenntlich gemacht hat.

Ein Bild zum unterschiedlichen Umgang mit faschistischer Symbolik in Nord- und Südtirol kann sich jede selber machen.

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