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Ungeimpfte diskriminieren?
Covid-19

Dieser Tage macht in den sozialen Medien ein Beitrag zweier Wirtschaftsethiker in der Zeit die Runde, die darlegen, warum ihrer Meinung nach die Diskriminierung Ungeimpfter und letztendlich auch eine (allgemeine) Impfpflicht ethisch gerechtfertigt sein sollen. Dass der Artikel auch und gerade von vielen Linken eifrig geteilt wird, finde ich schade. Er ist meiner Meinung nach nicht nur schwach argumentiert, ethische Bedenken werden darin auch eher ausgeblendet und zur Seite geschoben denn tatsächlich analysiert. Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind zudem teils ausgesprochen ungerecht.

Dem Artikel von Thomas Beschorner und Martin Kolmar möchte ich hier einige Überlegungen der Schweizer Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle gegenüberstellen, die ich — als übrigens vollständig Geimpfter, der also von den Diskriminierungen nicht selbst betroffen wäre — persönlich für weit differenzierter und überzeugender halte:

Das Recht auf körperliche Integrität, das individuelle Abwehrrecht, gehört seit dem Zweiten Weltkrieg zu den stärksten Menschenrechten. Ein Impfobligatorium tangiert dieses Recht und muss daher äusserst gut begründet werden.

— Ruth Baumann-Hölzle

Wenn 60 Prozent der Infizierten sterben würden, wäre es überhaupt keine Frage, ob ein Impfobligatorium ethisch gerechtfertigt ist. Jetzt stellt sich jedoch die Frage nach dem Verhältnis der Grundrechtseinschränkungen zur Krankheits- und Todesrate und zum Verhältnis des Erkrankungs- und des Impfrisikos.

— Ruth Baumann-Hölzle

Es geht nicht um meine persönlichen Moralvorstellungen. Die Ethik hat die Aufgabe, ethisch relevante Fragen zu stellen und zu zeigen, was auf dem Spiel steht. Entscheiden müssen wir dann als Gesellschaft gemeinsam. Die Weltgemeinschaft hat nach dem Zweiten Weltkrieg einen universalen Bezugspunkt für die ethische Entscheidungsfindung gesetzt: Jeder politische und gesellschaftliche Entscheid muss zwingend gegenüber dem individuellen Abwehrrecht verantwortet und begründet werden.

— Ruth Baumann-Hölzle

Die Frage des Impfobligatoriums wirft zuerst die Frage nach dem Verhältnis von Sicherheit und Freiheit auf: Wollen wir in einer Null-Risiko-Gesellschaft leben? Und welche Freiheiten sind wir dafür bereit aufzugeben? Die Freiheit zur Selbstschädigung ist in unserer Gesellschaft ein hohes Gut: Wir dürfen etwa rauchen, auch wenn wir wissen, dass es nicht gesund für uns ist. Wenn wir urteilsfähig sind, darf uns niemand am Suizid hindern. Eine Impfpflicht zum Selbstschutz einer urteilsfähigen Person würde bedeuten: Der Staat weiss besser, was gut für sie ist und was nicht.

— Ruth Baumann-Hölzle

Beim Autofahren stellen wir auch eine Fremdgefährdung dar und trotzdem ist es nicht verboten. Bei der Debatte rund um die Impfpflicht, insbesondere beim Gesundheitspersonal, geht es also zentral um die Frage: Rechtfertigt die Fremdgefährdung durch Nichtgeimpfte ein Obligatorium?

— Ruth Baumann-Hölzle

Diese Diskussion müssen wir im Hinblick auf künftige Epidemien unbedingt führen – und um eine verhältnismässige, gesellschaftlich breit abgestützte Definition ringen.

— Ruth Baumann-Hölzle

aus einem Interview mit 20minuten.ch (23. Juli 2021)

Vor allem aber wird nicht berücksichtigt, dass wir heute noch wenig über die längerfristige Schutzwirkung der Covid-19-Impfung und über allfällige Langzeitfolgen wissen; die Phase-3-Studie zum Impfstoff von Pfizer/Biontech etwa wird erst 2022 abgeschlossen sein. In einer solch unsicheren Situation ein Impfobligatorium zu fordern, ist ethisch sehr heikel. Denn die Teilnahme an medizinischer Forschung bedingt Freiwilligkeit.

— Ruth Baumann-Hölzle

Solidarität ist eine innere freiwillige Verbundenheit der Menschen untereinander, die man nicht einfordern kann. Von der Bevölkerung zu verlangen, sie solle sich solidarisch zeigen und sich impfen lassen, widerspricht dem Begriff von Solidarität.

— Ruth Baumann-Hölzle

Unser Wissensstand ist derzeit zu gering, als dass man gestützt darauf massive Grundrechtseinschränkungen wie eine Impfpflicht oder eine Zweiklassengesellschaft von Geimpften und Nichtgeimpften einführen könnte.

— Ruth Baumann-Hölzle

Sorgen bereitet auch, wie leichthin man jetzt bereit ist, ethische Errungenschaften – etwa die informierte Zustimmung zu Behandlungen oder den vertraulichen Umgang mit Gesundheitsdaten – auf die Seite zu wischen.

— Ruth Baumann-Hölzle

In einer freien Gesellschaft gilt es, ethische Dilemmata auszuhalten. Und es gilt zu respektieren, wenn die Menschen damit unterschiedlich umgehen und ihre eigenen Abwägungen treffen.

— Ruth Baumann-Hölzle

aus einem Interview mit der NZZ (22. Juli 2021)

Dr. theol. Baumann-Hölzle ist Institutsleiterin bei der Stiftung Dialog Ethik und war 2001-2013 Mitglied der schweizerischen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/

Gesundheit Grundrechte Medien Politik | Coronavirus Zitać | | Die Zeit NZZ Social Media | Svizra | | Deutsch

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Corona und Übersterblichkeit im Vergleich.

Um die Auswirkungen von Covid-19 jenseits amtlicher Zählungen zu beurteilen, wird unter anderem die sogenannte Übersterblichkeit untersucht: Wie viele Todesfälle hat es in einem bestimmten Zeitraum 2020 im Vergleich zu anderen Jahren gegeben?

Am Mittwoch war in der NZZ über eine Studie* der beiden Ökonomen Giuseppe Sorrenti und Fabrizio Zilibotti berichtet worden, die sich die Differenz zwischen der Übersterblichkeit und den offiziell gemeldeten Covid-Todeszahlen in mehreren norditalienischen Provinzen angeschaut haben. Südtirol und das Trentino sind nicht dabei.

Das Ergebnis ist erstaunlich: So gab es in der Provinz Rovigo (Venetien) zwischen 1. Jänner und 4. April 75 Todesfälle mehr, als aus der Betrachtung der Vorjahre (2015-19) zu erwarten gewesen wäre. Laut Statistik des italienischen Zivilschutzes gab es in der Provinz jedoch nur vier Covid-Tote. Die reale Übersterblichkeit ist also 1.775% höher.

In anderen Provinzen ist die Differenz geringer, zum Beispiel Vicenza: Während offiziell 77 Covid-Opfer gemeldet wurden, gab es 213 Todesfälle mehr als 2015-19 nahegelegt hätten. Die Übersterblichkeit ist hier um 177% höher.

Grafik zum Vergrößern anklicken.

Die Zahlen**, die ich für Südtirol errechnet habe, sind nicht völlig mit denen der Studie von Sorrenti und Zilibotti vergleichbar, da sie sich nur auf den Monat März beziehen. Um die Übersterblichkeit (242) zu ermitteln, habe ich die Todesfälle von März 2020 (623) mit dem Durchschnitt des Monats März 2015-19 (381) verglichen.

Am 31. März 2020 gab es in Südtirol laut Daten des Zivilschutzes 76 offizielle Covid-Opfer, doch genau am 1. April wurde die Panne mit den Daten aus den Seniorenwohnheimen bekannt: die 32 bis dahin »vergessenen« Todesfälle habe ich deshalb noch dazuaddiert — das ergibt dann 108 offiziell gezählte Covid-Tote.

Zwischen der Übersterblichkeit (242) und den offiziellen Corona-Todeszahlen klafft aber damit noch immer eine große Lücke von 134 Fällen (124%).

Anders gesagt: In Südtirol war die Übersterblichkeit im März 2020 mehr als doppelt so hoch, wie es die gemeldeten Covid-Sterbefälle vermuten ließen.

Es gilt jedoch darauf hinzuweisen, dass diese Abweichung nur ein Indiz (aber kein Beweis) für die Untererfassung der Covid-Todesfälle sein können. Die Differenz umfasst nämlich auch etwaige Kollateralfolgen der Pandemie: Menschen, die aufgrund der hohen Belegung der Krankenhäuser und der Aussetzung von bestimmten Eingriffen oder zum Beispiel aus Angst und Einsamkeit verstorben sind. Ferner können sich darin aber auch normale Schwankungen in der Sterblichkeit verbergen.

Nichtsdestoweniger machen die Abweichungen auch darauf aufmerksam, dass die amtlichen Zahlen nicht notwendigerweise so präzise sind, dass wir sie blind zur Begründung von Maßnahmen und Lockerungen heranziehen können. Und in jedem Fall wird es nötig sein, die Statistiken spätestens am Ende der Pandemie unter verschiedenen Gesichtspunkten zu analysieren und aufzuarbeiten.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/

*) Zilibotti, Sorrenti: Methodologische Hinweise und Daten.
**) Daten des Südtiroler Gesundheitsbetriebs
(Sabes), veröffentlicht in der Dolomiten-Ausgabe vom 29. April 2020 (S. 14).

Gesundheit Umfrage+Statistik | Covid-Stats | | Dolo NZZ | Italy Lombardia Südtirol/o Venetien-Vèneto | Sabes | Deutsch

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Blumentöpfe.
Quotation 402 // Konstruktiver Widerstand

In den Tagen vor dem Volksentscheid wurden elf Millionen Wahlzettel und Urnen konfisziert. Um dem Zugriff der Polizei zu entgehen, griffen die Katalanen in den letzten Monaten auf konspirative Methoden zurück. Die Unterlagen und die Urnen wurden bis zum Wahltag versteckt, die Zahl der Eingeweihten wurde so gering wie möglich gehalten. Jordí Plens etwa, Beamter der katalanischen Landespolizei Mossos de Escuadra [sic], nahm am Sonntag frei, um als Wahlhelfer einzuspringen. Die Art und Weise, wie er «seine» Wahlurne beschaffte, mutet geradezu abenteuerlich an. Er habe im Morgengrauen eine ältere Frau vor der Kirche San Antón de Padua getroffen. «Brauchst du Blumentöpfe?», fragte sie ihn – Blumentöpfe war das Geheimwort für Urnen. Auf sein Nicken gingen sie um die Ecke, und die Frau öffnete den Rollladen eines unscheinbaren Warenlagers, wo mindestens 30 Urnen lagerten. «Als ich zwei davon in mein Auto hievte, weinte ich fast vor Emotion», gesteht Plens. Der Kampf für die Unabhängigkeit Kataloniens hat Tradition in seiner Familie. Schon seine Eltern trafen sich während der Franco-Zeit mit Gleichgesinnten, Plens fühlt sich daher an seine Kindheitstage erinnert.

Ute Müller, NZZ

Democrazia Medien Politik Polizei Selbstbestimmung Ungehorsam+Widerstand | Referendum 1-O 2017 Zitać | | NZZ | Catalunya | Mossos d'Esquadra | Deutsch

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Rigide Vorschriften.
Quotation 290

Die [italienischen] Vorschriften sind meiner Ansicht nach viel zu rigide. […] Der 24-Stunden-Dienst der Pädiatrie macht [in Südtirol] die großen Schwierigkeiten. In der Steiermark haben wir zehn Geburtenstationen, nur zwei haben einen 24-Stunden-Aktivdienst der Pädiatrie. Es wäre auch in Südtirol ausreichend, wenn diesen Dienst nur Bozen gewährt. Dort werden die Frühchen behandelt, die auch jetzt schon alle nach Bozen überstellt werden.

Wie blickt das österreichische Sanitätswesen auf uns?

Dort schüttelt man nur den Kopf.

aus dem heute in der Tageszeitung (in Zusammenhang mit der geplanten Schließung der Sterzinger Geburtsstation) erschienenen Interview von Erna Egger mit dem Grazer Gynäkologen Albrecht Giuliani.

Wenn ein und dieselbe EU-Richtlinie in Österreich weniger rigide ausgelegt und umgesetzt werden kann, als in Italien, heißt dies, dass das auch in Südtirol möglich wäre, wenn wir die Zuständigkeit zur Umsetzung selbst hätten. Leider sind wir aber offensichtlich auch in diesem Bereich nicht autonom — obschon wir zum Beispiel von ff-Journalist Georg Mair (via NZZ) erst neulich wieder erfahren durften, dass wir quasi schon alle nur erdenklichen Zuständigkeiten hätten:

Noch mehr Unabhängigkeit dürfte Südtirol von Rom allerdings kaum bekommen. «Was wollen wir denn auch noch mehr?», fragt der Journalist Mair. «Wir haben bereits grosse finanzielle und gesetzgeberische Kompetenzen.»

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/

Gesundheit Medien Recht Vorzeigeautonomie Zentralismus Zuständigkeiten | Quote | Georg Mair | ff NZZ TAZ | Italy Österreich Südtirol/o | EU | Deutsch

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Autorinnen und Gastbeiträge

Ein alter Mythos: Die »Spaltung der Sprachgruppen«.
Südtirol-Bericht der Neuen Zürcher Zeitung

von Thomas Benedikter

»Gemeinsam einsam« ist ein Beitrag der NZZ-Romkorrespondentin Andrea Spalinger über Südtirol vom 16. Juni betitelt und bringt eine Reihe alter Märchen über unser Land. Einige Kostproben:

Vor wenigen Jahrzehnten herrschten in Südtirol noch bürgerkriegsähnliche Zustände

Wahr ist: es gab Attentate gegen Einrichtungen des Staates, Angriffe gegen Polizei und Militär, doch es gab in Südtirol nie eine verbreitete Gewalt zwischen italienischer und deutscher Zivilbevölkerung. In Südtirol herrschte in den 1960er Jahren genau so wenig »Bürgerkrieg« wie im Schweizer Jura in den 1970er Jahren.

Trotz obligatorischer Zweisprachigkeit beherrschen laut Studien die meisten Südtiroler die andere Sprache nur ungenügend

In zweifacher Hinsicht ein Unsinn: Weder ist es bei uns Pflicht, zweisprachig zu sein (gibt es das etwa in der Schweiz?), noch sind die Zweitsprachkenntnisse der Südtirol aller Sprachgruppen so schlecht. 75% der Deutschen können laut Astat gut oder sehr gut Italienisch, fast 40% der Italiener können sehr gut oder gut Deutsch. Spalinger hat sich die wichtigste Studie in diesem Bereich eben nicht angeschaut (Astat-Sprachbarometer 2014).

Die deutsche Rechtsopposition stellt nicht ein Drittel des Landtags, sondern 10 von 35 Abgeordneten. Diese landläufig als »patriotisch« bezeichneten Parteien als »Ewiggestrige« zu bezeichnen, rückt sie in gewissen Sinn schon in die Nähe der NPD oder von CasaPound. Gegenfrage an Spalinger: Bezeichnen Sie die Schweizer SVP und ähnliche Schweizer Gruppen auch als Ewiggestrige? Unabhängig von der jeweiligen Position zur Selbstbestimmung: Ist Eintreten für Selbstbestimmung »ewiggestrig«?

In ihrer Nachzeichnung des Südtiroler Wegs zur Autonomie unterscheidet Spalinger zudem nicht zwischen der Region Trentino-Südtirol und den autonomen Provinzen Trient und Bozen, eine grobe Unterlassung. Überdies fließen schon länger nicht mehr 90% der Steuereinnahmen wieder zurück ins Land, vielmehr sind es seit dem Sicherungspakt 2014 nur noch rund 75%.

Journalistisch unkorrekt und sachlich falsch ist dann folgende Einschätzung: Rom sei irritiert darüber, »dass die gewährten Privilegien von den Südtirolern nicht gebührend geschätzt werden und die Autonomie in gewissen Kreisen immer noch umstritten ist«. Richtig ist: Weder ist die Errichtung einer Autonomie ein Privileg, sondern vielmehr eine völkerrechtliche Verpflichtung Italiens, noch ist die Autonomie in diesem Sinn umstritten. Fast alle deutsch- und ladinischsprachigen politischen Kräfte (und auch das Trentino) betrachten die heutige Autonomie als unzureichend, weshalb vor einem halben Jahr ein institutioneller Reformprozess gestartet worden ist. Hat Spalinger das überhaupt nicht mitbekommen?

Florian Kronbichler als ersten und einzigen Nicht-SVP-Vertreter Südtirols zu bezeichnen, bestätigt die Oberflächlichkeit einer Journalistin, die nur mit Vertretern der Grünen sowie mit den beiden Journalisten Georg Mair (ff) und Gabriele Di Luca gesprochen hat. Nicht nur sitzen heute Politiker anderer Couleur im Parlament (sind Palermo, Gnecchi usw. keine »Vertreter Südtirols«?), auch früher schon gab es Südtiroler Oppositionelle im Parlament (z.B. Gianni Lanzinger).

Erste obligatorische Fremdsprache.
Quelle: Schweizerische Erziehungsdirektorenkonferenz.

Ein in Südtirol hartnäckiger Topos ist schließlich jener der Trennung durch separate Schulen:

Aus Angst vor Italianisierung hat man danach auch Schutz durch Trennung gesetzt. Deutsch- und italienischsprachige Südtiroler besuchen vom Kindergarten bis zur Matura separate Schulen.

Hier zitiert die Autorin Spalinger Gabriele Di Luca, aber bei »Schutz durch Trennung« müssen auch in der Schweiz weniger Informierte an eine Art Apartheid denken. Wo bitte erklärt Spalinger der NZZ-Leserschaft das Südtiroler Sprachgruppenprinzip? Warum schreibt sie nicht, dass in Südtirol seit 70 Jahren das Recht auf eigenständige Schulen in den jeweiligen Muttersprachen ein Grundpfeiler des Minderheitenschutzes ist?

Aus Schutz vor Germanisierung haben die Tessiner eine italienischsprachige Schule?

Hat Spalinger jemals das Tessiner Schulsystem so beschrieben?

Auch in der Schweiz gilt überall, auch in den zweisprachigen Kantonen wie Freiburg und Wallis, der jeweilige Vorrang der Kantonssprache oder Kantonsteilsprache in der obligatorischen Schulbildung. Sind die Walliser deshalb »gespalten« oder getrennt?

Eine direkte Frage an Andrea Spalinger zum Abschluss, weil sie Südtirol so »gespalten« sieht: Ist die Schweiz in vier Sprachgruppen »gespalten«? Sorry, aber gerade von der NZZ hätte ich mir etwas mehr Sorgfalt in Recherche und Urteil erwartet.

Siehe auch: 1/

Außendarstellung Grundrechte Kohäsion+Inklusion Medien Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik Recht Selbstbestimmung Umfrage+Statistik | Sprachbarometer Zitać | Florian Kronbichler Georg Mair Thomas Benedikter | ff NZZ | Südtirol/o Svizra Ticino | CPI SVP Vërc | Deutsch

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NZZ-Bericht über die Situation in Südtirol.

Schon wieder ist in einem internationalen Medium ein — aus meiner Sicht — äußerst unausgewogener und schlecht recherchierter Bericht über Südtirol erschienen, diesmal in der NZZ. Allein schon, dass den Beitrag eine Karte ziert, auf der zwar die Region Trentino-Südtirol hervorgehoben, diese jedoch als »Südtirol« beschriftet ist, zeigt, wie tiefgreifend die Recherche und wie hoch die Ansprüche wohl waren.

Auch sonst wiederholt der von Rom-Korrespondentin Andrea Spalinger verfasste Artikel großteils die weithin bekannten Klischees (und manche Idealisierungen). Von einem Qualitätsmedium aus der ebenfalls mehrsprachigen Schweiz hätte man sich jedenfalls mehr erwarten dürfen.

Dass Bozen wie »eine deutsche Kleinstadt«, nur charmanter und lebensfreudiger wirke, lasse ich mal wohlwollend unkommentiert, es kann unter »harmlose Pauschalisierungen« verbucht werden.

Einige andere Passagen kann man aber kaum unwidersprochen lassen:

Die Autonomie hat nicht nur Frieden gebracht, sondern auch beeindruckenden Wohlstand. […] Und selbst im Vergleich mit dem benachbarten österreichischen Bundesland Tirol schneidet Südtirol deutlich besser ab.

Deutlich besser? Von der Arbeitslosigkeit über die Indikatoren für Forschung & Entwicklung bis hin zu BIP, Wertschöpfung und »verfügbarem Einkommen« schneidet das Bundesland Tirol in fast allen wirtschaftlich relevanten Bereichen besser ab, als Südtirol. Eindrucksvoll belegt durch offizielle Statistiken . Auf welche Quellen sich Frau Spalinger bezieht, ist hingegen unklar.

Noch mehr Unabhängigkeit dürfte Südtirol von Rom allerdings kaum bekommen. «Was wollen wir denn auch noch mehr?», fragt der Journalist Mair. «Wir haben bereits grosse finanzielle und gesetzgeberische Kompetenzen.»

Das ist eines der Lieblingsklischees hiesiger Politiker und Journalisten und wird im NZZ-Beitrag unhinterfragt übernommen. Dabei mögen die Zuständigkeiten im Vergleich zum sonst sehr zentralistischen Italien groß sein. Doch eigentlich ist die Autonomie in vielerlei hinsicht nicht einmal mit der eines normalen deutschen Bundeslandes vergleichbar, geschweige denn mit jener eines Schweizer Kantons. Landespolizei? Fehlanzeige. Primäre Schul- und Bildungskompetenz? Nicht vorhanden. Justiz? Keineswegs. Finanzhoheit? Höchstens ansatzweise.

und trotz obligatorischer Zweisprachigkeit beherrschen laut Studien die meisten Südtiroler die andere Sprache nur ungenügend.

Auch hier wäre es nett, wenn im Artikel eine Quelle genannt würde. Denn laut offiziellem Sprachbarometer nahmen die Zweitsprachkenntnisse im Laufe von zehn Jahren deutlich zu — und zumindest bei den Italienischkenntnissen der deutschsprachigen Bevölkerung kann von »ungenügend« kaum die Rede sein. Ob man noch besser werden könnte? Keine Frage.

Gemäss der letzten Volkszählung (2011) sind 63 Prozent der rund 500 000 Einwohner der Provinz Südtirol deutschsprachig, 23 Prozent italienischsprachig. 4 Prozent gehörten der ladinischen Minderheit an, die Romanisch spricht.

Leider wird gerade von internationalen BeobachterInnen immer wieder übersehen, dass diese Volkszählungsdaten keinerlei Aussagen über die tatsächlichen Sprachkenntnisse machen. Nachdem die Erhebung die Grundlage für den ethnischen Proporz bildet, kann davon ausgegangen werden, dass zahlreiche Angaben aus Opportunismus gemacht werden. Wie wenig die amtlichen »Volksgruppen« mit der Sprachlandschaft korrelieren, hatten wir zum Beispiel anhand des Sprachbarometers von 2004 aufgezeigt.

Dem Landeshauptmann bereitet das Erstarken dieser Ewiggestrigen Sorgen. Früher hätten diese argumentiert, innerhalb des italienischen Staates könne das deutsche Volkstum nicht geschützt werden, sagt Kompatscher. Mittlerweile sei das Gegenteil bewiesen.

UnabhängigkeitsbefürworterInnen pauschal als ewiggestrig darzustellen, ist ein Unding, an das wir uns nie gewöhnen werden. Inwiefern aber bewiesen sein soll, dass die deutsche Sprache in Italien geschützt werden kann, bleibt wiederum offen. Das hängt wohl auch davon ab, welche Maßstäbe man anlegt. Während nämlich die Bevölkerung immer zweisprachiger wird, nimmt die Bedeutung der italienischen Staatssprache in Südtirol zu, sodass sie nun (ungeachtet der oben erwähnten Volksgruppenstärken) von allen Sprachgemeinschaften schon als die wichtigste Landessprache empfunden wird. Die Gleichstellung von Deutsch und Ladinisch mit Italienisch ist nicht nur ungenügend, sondern verschlechtert sich zunehmend.

Jene, die sich von Italien loslösen wollten, brächten nun ökonomische Argumente vor. Italien gehe es schlecht und man wolle nicht mit dem sinkenden Schiff untergehen, heisse es.

Keine der im Artikel genannten Parteien, aber auch keiner der sonstigen gesellschaftlichen Akteure, die sich für die Unabhängigkeit aussprechen — ob sie nun rechts oder links einzustufen sind — bemüht ausschließlich oder vordergründig ökonomische Motive, sondern vor allem kulturelle, sprachliche und solche der Eigenverantwortlichkeit und Autonomie. Die einen tun dies mit egoistische(re)n Hintergedanken (die wir als ökosozial inspirierte Plattform heftig kritisieren), die anderen mit Blick auf ein solidarisches, inklusivistisches, subsidiäres Europa. Dagegen muss schon mehr her, als der Vorwurf der »Ewiggestrigkeit«.

Die historisch gewachsene Sonderbehandlung wird im Parlament aber kaum infrage gestellt.

Das ist nun wirklich hanebüchen. Immer wieder werden im römischen Parlament Vorlagen zur Abschaffung der Sonderautonomien präsentiert. Sowohl der heutige Ministerpräsident Renzi, als auch Reformministerin Boschi hatten sich solchen Forderungen bereits angeschlossen. Auch sonst ficht Rom (Regierung oder Parlament) immer wieder Landesgesetze vor dem Verfassungsgericht an und kürzt einseitig die Finanzmittel.

Außendarstellung Comparatio Medien Politik Recht Selbstbestimmung Umfrage+Statistik Vorzeigeautonomie Wirtschaft+Finanzen Zentralismus Zuständigkeiten | Medienkritik Sprachbarometer Zitać | Arno Kompatscher Maria Elena Boschi Matteo Renzi | NZZ | Südtirol/o Svizra | SVP Verfassungsgericht | Deutsch

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Alltagsrassismus, Kolonialismus.
Quotation 259

Der Umgang mit dem einstigen Kolonialismus ist in Italien bis heute ein Mix aus Folklore, Nationalstolz und fahrlässigem Rassismus. Das Geburtshaus von Mussolini in Predappio wird als Pilgerziel nostalgischer Faschisten ebenso toleriert und teilweise öffentlich finanziert wie das Mausoleum von Rodolfo Graziani in dem Dorf Affile westlich von Rom. Graziani, laut einem Uno-Tribunal ein schwerer Kriegsverbrecher, nannte sich «Vizekönig von Äthiopien» und setzte dort Giftgas für den Massenmord ein.

aus Rassismus in Italiens Alltag – Schwarzhemden und Negermädchen, NZZ

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/ 6/ 7/ 8/ 9/ 10/ 11/ 12/ 13/

Colonialismi Faschismen Geschichte Medien Militär Nationalismus Racism | Geschichtsaufarbeitung Zitać | | NZZ | Afrika Italy | UNO | Deutsch

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Die Zeit(ung) hat keine Schuld.

In der dieswöchigen Ausgabe der ff holt der aus Südtirol stammende Zeit-Redakteur Ulrich Ladurner unter dem Titel “Die Berge haben keine Schuld” wieder einmal zu einem Rundumschlag gegen Südtirol und seine Bewohner aus. Ja, man kann es tatsächlich so sagen, denn differenziert wird in Ladurners pseudopsychologischen Analysen offenbar grundsätzlich nicht.

Einmal mehr unterstellt er seinen Landsleuten pauschal und ohne einen Hauch von Ironie (zumindest keine, die sich mir erschließt), ignorante, selbstverliebte Hinterwäldler zu sein. Sätze wie

Die Südtiroler sind stolz auf ihre Provinzialität.

Warum sollte er [Anm.: der Südtiroler] sich der Welt öffnen, wenn er bisher doch sehr gut damit gefahren ist, sich ihr nicht zu öffnen.

Selbstbezogenheit ist für Psychologen wie für Politikwissenschaftler eine negative Kategorie, die schwerwiegende Folgen für die Betroffenen haben kann. Südtiroler aber glauben, dass negativ nicht gleich schädlich bedeutet.

belegen diesen Befund. Bizarr ist das Schauspiel vor allem deshalb, weil Ladurner beinahe in jedem Absatz schonungslos offenbart, dass es ihm bisweilen selbst genau an jenen Attributen fehlt, bezüglich welcher er bei “den Südtirolern” einen Mangel verortet. Dass Ladurner durch diese Taktik den Beweis anstrengt, sich selbst ebenfalls nicht der Provinzialität seines Herkunftslandes entziehen zu können und Teil dieser retardierten Gesellschaft zu sein, wage ich zu bezweifeln. Irgendwie formuliert Ladurner seine abstrusen Thesen sogar recht geschickt, denn seine “Argumentation” ist dahingehend apodiktisch, als dass er jeden Zweifel an seiner Diagnose – wohl auch den meinen – als Beweis für die Richtigkeit seiner Aussagen umzudeuten vermag. Der Südtiroler bestätige nämlich seine Provinzialität unter anderem auch dadurch, dass er Kritik an dieser nicht gelten lasse. Umgekehrt könnte man aber auch argumentieren, dass es eines der untrüglichsten Zeichen eines provinziellen Geistes ist, andere pauschal der Provinzialität zu bezichtigen. Ich bin der Letzte, der eine differenzierte und vielfach auch notwendige Kritik an der Nabelschau, am “Mir-sein-mir” nicht zu schätzen weiß, aber was Ladurner da von sich gibt ist eine Art Thomas Bernhard für die Löwinger-Bühne statt fürs Burgtheater.

Gerne strapaziert der Journalist Belege, die ohne Zusammenschau mit anderen Realitäten überhaupt nichts aussagen:

Umfragen nach interessieren sich die Südtiroler kaum für internationale Politik.

Diese Feststellung ist beispielsweise nur relevant, wenn sich das Verhalten der Südtiroler maßgeblich von jenem in anderen Ländern unterscheidet. Sollte in anderen Gebieten das Interesse nahezu Null sein, wäre “kaum” ja bereits eine positive Errungenschaft. Besser noch aber beweist folgender Absatz, wie beliebig Ladurner Phänomene für seine Zwecke interpretiert.

Es ist eine Tatsache, dass junge Südtiroler gerne Dialekt schreiben. Ob bei Facebook, bei Twitter oder in SMS-Nachrichten. Ausgerechnet in den sozialen Netzwerken des Internets, die das Symbol für die Globalisierung sind. Der Dialekt hingegen steht für das Lokale. Der totalen Entgrenzung im Internet setzt der Südtiroler die Grenze des Dialekts entgegen. Wir bleiben wir! Das ist keine Hinwendung zur Welt, sondern eine Abkehr. Es ist kein Schritt zur Offenheit, sondern einer in die Isolation.

Es mag stimmen, dass heute mehr als früher im Dialekt geschrieben wird. Dies aber offenbar zu einer Südtiroler Eigenart machen zu wollen, die noch dazu Ausdruck eines (bewussten und gewollten) Isolationismus – vor allem junger Menschen – sei, ist lachhaft.

Einige Gedanken dazu:

  • Verstärkte dialektale Ausdrucksweisen in informellen Online-Konversationen sind kein Südtiroler Phänomen und beschränken sich auch nicht auf die deutsche Sprache. Das ist eine weltweite Tendenz.
  • SMS und E-Mails stehen der mündlichen Konversation sehr nahe, ja ersetzen diese bisweilen. Ergo verwendet man auch ähnliche bzw. dieselben Ausdrucksmittel. Das, was Ladurner da zu beobachten glaubt, ist also kein neues, durch (un)bewusste Entscheidung herbeigeführtes Verhalten. Es ist lediglich die Übertragung eines längst bestehenden Kommunikationsverhaltens auf ein anderes Medium.
  • SMS und E-Mails – ja sogar (halb)öffentliche Facebookdiskussionen – sind oft mehr privater bzw. persönlicher Natur. Die neuen Medien werden zu einem Großteil zur Kommunikation mit dem engsten Umfeld genutzt, obwohl theoretisch die Möglichkeit bestünde, mit der ganzen Welt zu interagieren. Nur weil das Internet das Symbol der Globalisierung schlechthin ist, kann man daraus keine Notwendigkeit ableiten, es ausschließlich global nutzen zu müssen respektive widerspricht eine lokale Nutzung einer globalen nicht.
  • In dieser Form der Konversation ist der Dialekt viel nuancenreicher als die Hochsprache, da er eng mit unserem Umfeld und der lokalen/regionalen Kultur verknüpft ist.
  • Dialekt ist meist unsere Muttersprache und somit die Sprache der Intimität. Hochdeutsch hingegen ist die Sprache der Distanz.
  • Obwohl SMS und E-Mails oft “verschriftlichte” Konversation sind, mangelt es der Schriftsprache daran, spontan und unkompliziert Emotionen bzw. Gefühle auszudrücken, da Mimik und Gestik entfallen. SMS, aber auch Twitter-Nachrichten, verfügen über eine begrenzte Anzahl von Zeichen. Daher behilft man sich des Dialektes, welcher diesbezüglich viel effizienter ist. Ähnlich begründet sich der Gebrauch von Emoticons.
  • Diese Entwicklung ist eine, die viele Sprachwissenschaftler mit großer Spannung verfolgen und eigentlich bloß konservative Sprachpuristen negativ und als “Bedrohung” oder “Verfall” empfinden.
  • Und selbst wenn der Griff zum Dialekt eine bewusste Entscheidung ist, muss diese nicht notwendigerweise eine rückwärtsgewandte sein. Der Rückgriff auf das Regionale (zu beobachten bei Produkten, Kreisläufen, Bürgerbeteilung – aber auch der Sprache) ist zwar eine Reaktion auf die bzw. ein Korrektiv zur Globalisierung, aber nicht zwingend ein Signal für Isolation. Im Gegenteil: Obst vom Biobauern und Multikulti gehen oft Hand in Hand.
  • Wenn man möchte, kann man den jugendlichen Hang zum Dialektschreiben auch als eine Art Rebellion verstehen. Ein n. c. kaser hat auch alles klein, ein H. C. Artmann im Dialekt geschrieben. Ein Aufbegehren also gegen die starren Normen, wie und was man zu schreiben hat – was etwas subkulturiges an sich hat. Wobei laut einer Schweizer Studie Bildung und Alter beim Verfassen von Dialektnachrichten in den neuen Medien kaum eine Rolle spielen. Das Phänomen zieht sich nämlich durch alle Schichten.

Man sieht also, dass es für den Gebrauch des Dialekts im Internet mannigfaltige Gründe gibt. Für Ladurner jedoch ist klar: Die jungen Südtiroler isolieren sich von der Welt. *facepalm* (um im Internet-Dialekt zu bleiben :facepalm: )

Da ich nicht davon ausgehe, dass Ladurner Dialekt für grundsätzlich etwas Schlechtes hält, sehe ich keinen Grund, warum man in einem informellen Kontext nicht auch schriftlich Dialekt verwenden sollte. Es geht doch vielmehr darum, im jeweiligen Kontext die jeweils passende Sprachebene zu finden. Und da sehe ich bei den wenigsten Dialektschreibern (zu denen ich mich auch zähle) Schwierigkeiten. Südtiroler, die im Forum von www.tageszeitung.it Dialekt schreiben, schreiben im Forum von www.derstandard.at Hochdeutsch. Sie haben im Facebookchat gleichzeitig den Schulfreund, mit dem sie sich im Pusterer Dialekt unterhalten und die Urlaubsbekanntschaft aus Norddeutschland, mit der sie hochdeutsch kommunizieren. Sie verfassen eine Online-Bewerbung auf Hochdeutsch und ein E-Mail an die Fußballkollegen im Dialekt. Das ist weder ein Problem, noch ein Widerspruch und schon gar kein Ausdruck von Isolation, sondern einer von “innerer Mehrsprachigkeit”. Diese Fähigkeit zur Diglossie gereicht den Sprechern/Schreibern wissenschaftlich nachweisbar zum Vorteil, was die Sprachkompetenz betrifft.

Das alles kann man vielerorts nachlesen. In der Presse, in der NZZ, ja sogar in der Zeit. Die Zeit(ung) hat also keine Schuld.

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