BBD-Glossar.

Was heißt Vollautonomie? Was ist ein Freistaat?

Unter maßgeblicher Beteiligung von Harald Knoflach, seines Zeichens Politologe und Gründungsmitglied der Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft, wurde im Laufe der letzten Tage ein -Glossar mit einem ersten Grundstock an politischen Begriffen erstellt, deren genaue Definition präzisere Diskussionen ermöglichen soll. Im Laufe der Zeit waren wir immer mehr zur Erkenntnis gelangt, dass in der Südtiroler Politik die Unsitte vorherrscht, mit nicht kodierten Schlagwörtern um sich zu werfen, die nicht sicherstellten, dass unterschiedliche Diskussionsteilnehmer und Zuhörer dasselbe meinten und verstanden. Deshalb war es unserer Auffassung nach unabdingbar geworden, ein Instrumentarium bereitzustellen, um die Qualität der bloginternen »Diskussionsarbeit« einer Beeinträchtigung durch diese — bewusste oder unbewusste — begriffliche Irreführung zu entziehen. Obschon das Glossar zunächst hauptsächlich für den bloginternen Gebrauch gedacht ist, erheben wir den Anspruch, möglichst universelle, d.h. anerkannte und allgemeingültige Definitionen formuliert zu haben, welche im besten Fall zu einer präziseren Wortwahl im allgemeinen politischen Diskurs beitragen können.

Der Link zum Glossar wird in die Seitenleiste des Blogs eingebunden und den Diskussionsteilnehmern zur Beachtung empfohlen.

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7 replies on “BBD-Glossar.”

Finde ich gut, denn gerade von der Politik wurde einige Begriffe geradezu wie Homonyme verwendet. Offensichtlich mit der Absicht unverbindlich zu bleiben und so die unterschiedlichen Spektren des Wählerklientels diplomatisch zu bedienen.

@ pv
ich befürchte sogar, dass es sich mehr um ahnungslosigkeit als um unverbindlichkeit handelt.

wie dieses heilose durcheinander zeigt treffen manche ins schwarze, während andere äpfel sagen und birnen meinen:

freiheitlicher Südtirol-Sprecher NAbg. Werner Neubauer:

“Die derzeit einzige, realistische Zukunftsperspektive für Südtirol kann nur in der Ausarbeitung von Kriterien zu einem ‘Freistaat-Modell’ liegen”, betonte Neubauer, der in der Erweiterung der Autonomie zu einer “Vollautonomie” eine Diskussionsgrundlage sieht. Letztlich müsse aber das Recht auf Selbstbestimmung und die Wiedererreichung der Tiroler Landeseinheit das Ziel des politischen Handelns bleiben.”

Roland Atz:

“Ich kämpfe dafür, dass wir die Vollautonomie (Freistaatstatus) erreichen, ausgenommen der Landesverteidigung und der großen Außenpolitik.”

Philipp Achammer:

“Vollautonomie und Europaregion anstatt irgendwelche Experimente.”

“Freistaat mag zwar wunderbar klingen, die Freiheitlichen bleiben jedoch die Antwort schuldig, was ein Freistaat überhaupt sein soll und wie dieser umsetzbar ist.”

Ulli Mair:

“Die Selbstbestimmung ist der Weg, der Freistaat Südtirol ist das Ziel.”

Martin G. (Kommentator auf südtirolnews) trifft den nagel auf den kopf:

Die Begriffe sind irreführend, Vollautonomie, Freistaat. Was soll das heißen und welche Inhalte haben sie?

@PV

Nicht nur um unverbindlich zu bleiben, sondern auch weil sie auch berauschend wirken. Warum wird im deutschen Sprachraum ausschließlich bei uns der veraltete Begriff Freistaat ( nach Bedeutung 1 des Glossars) verwendet, anstatt ganz einfach souveräner Staat? Ganz einfach weil es besser klingt!

Warum wird an anderer Stelle fälschlicherweise von Vollautonomie gesprochen, wenn es darum geht den Kompetenzbereich der Teilautonomie zu erweitern? Klingt halt zu trocken!

Die Politik in Südtirol tendiert eindeutig dazu werbeträchtigen Marketing-Wortschöpfungen zu verwenden, anstatt Fachbegriffe korrekt mit einem Geist von intellektueller Redlichkeit zu gebrauchen.

Wer den Glossar liest und die richtigen Konsequenzen daraus zieht, sollte in Zukunft auf Begriffe wie Voll-Autonomie und Freistaat vermeiden.

@ gorgias

gebe dir völlig recht, dass die verwendung von freistaat “marketing”-gründe haben dürfte.
selbiges gilt für vollautonomie – voll klingt super. voll klingt nach maximum.

Obwohl ich selbst grundsätzlich keine Sympathien für den Ausdruck »Freistaat« hege, sind Harald und ich (er möge dies notfalls richtigstellen) uns einig, dass dieser Begriff — unter denen, die in Südtirol nicht ganz »orthodox« gebraucht werden — am ehesten geduldet werden kann, und zwar, weil er seiner eigentlichen Bedeutung nicht beraubt wird und — noch wichtiger — in Südtirol eigentlich alle wissen, was mit einem »Freistaat« gemeint ist. Wie Österreich, Deutschland oder der Schweiz darf man auch Südtirol nicht a priori definitorische Autorität absprechen. Übrigens wurde der Begriff in Bayern zunächst (um die vorige Jahrhundertwende) auch noch mit derselben Bedeutung verwendet, wie heute in Südtirol — weil er eben einen gewissen »Appeal« besitzt.

Andere Begriffe wie Vollautonomie und Selbstbestimmung sollte man jedoch ausschließlich in ihrer eigentlichen Bedeutung gebrauchen, weshalb im Glossar ausdrücklich von einer häufig »fälschlichen« Benutzung in Südtirol die Rede ist. In diesen Fällen ist nämlich der Übergang zur Irreführung fließend, zudem die in Südtirol »fälschlich« gemeinte Bedeutung zu konträr zur fachlich korrekten.

@ pervasion
prinzipiell bin ich einverstanden, dass man den südtirolern die wiederbelebung dieser bedeutung, die ja die ursprüngliche ist, durchaus zugestehen kann.

andererseits sehe ich aber auch das problem, dass im internationalen kontext dann wieder falsche assoziationen entstehen könnten. freistaat wird sowohl hierzulande als auch im gesamten deutschen sprachraum mit bayern assoziiert und somit wird eine auch eine ähnlichkeit zwischen den beiden ländern was deren status betrifft suggeriert. wenngleich ich schon glaube, dass in südtirol die meisten “freistaat” mit “eigenstaatlichkeit” gleichsetzen.

Non decipitur, qui scit se decipi .Wenigstens ein Werkzeug, um, zumindest hier in unserem kleinen Rahmen, die Aussagen der Politiker zu greifen. Das ist ja, wer es versucht hat wird mir Recht geben,meistens zumindest, mühsam wie der händische Fischfang.
Ad. Hunter
Ich glaube Ahnungslosigkeit und strategisches Kalkül halten sich die Waage. Die diesbezügliche Zuordnung lässt sich eigentlich nach dem Parteinamen bewerkstelligen.

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