Promenade des malfaiteurs.
Erinnerungskultur

Wenn manche jetzt behaupten, dass selbst Denkmäler von Sklavenhändlern und Rassisten erhalten bleiben müssten, weil wir sonst die Geschichte vergessen: befürworten sie auch das nötig werdende, großangelegte Programm zur Neuerrichtung von Statuen aller Diktatoren, Kriegsverbrecher und sonstiger Ungustln der Menschheitsgeschichte, die in unseren Städten noch fehlen?

Bis nicht endlich der Buchdruck erfunden und der grassierende Analphabetismus überwunden ist, wird uns leider auch gar nichts anderes übrig bleiben.

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As statues fall, a new history is remembered.
Quotation 611

History is not being erased by those seeking to topple the statues of slavers and murderous white supremacists; it is being remembered. That is the real sin as far as the protesters’ detractors are concerned.

What protesters are doing on both sides of the Atlantic is compelling entire nations to confront their present through a new understanding of their past. Our new history teachers are explaining that the vast wealth of western societies – unjustly concentrated in so few hands as it is – was generated through slavery, colonial violence and theft. This oppression required the dehumanisation of the populations who suffered the consequences – its legacy is the embedding of racism in institutions and entire societies.

As more statues fall, a new history is remembered – each one casting a disturbing new light on the present. Understanding this threatens our iniquitous status quo – that is what detractors truly fear, not the toppling of bygone racist tyrants.

excerpted from Owen Jones’ opinion (The Guardian, 11 june 2020)

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Konföderierte Denkmäler zu Fall gebracht.

Während der laufenden BLM-Proteste gegen die Ermordung von George Floyd durch einen Polizisten wurden quer durch die USA zahlreiche Denkmäler der Konföderation gestürzt, zerstört oder von den zuständigen Verwaltungen entfernt.

So warfen aufgebrachte Bürgerinnen am 31. Mai in Birmingham, Alabama die Statue des konföderierten Marinekapitäns und Stadtgründers Charles Linn vom Sockel. Das Confederate Soldiers and Sailors Monument von 1905 zu stürzen gelang ihnen nicht, doch schon am darauffolgenden Tag ließ es der Bürgermeister der Stadt entfernen. Der Verwaltung droht dafür im Sinne des Alabama Memorial Preservation Acts eine Strafe in Höhe von 25.000$, die sie jedoch zu bezahlen bereit ist.

Am 1. Juni wurde außerdem in Alexandria (Virginia) — eigentlich ebenfalls illegal — die sogenannte Appomattox-Statue beseitigt, die den konföderierten Soldaten der Stadt gewidmet war. Im Zentrum von Fort Myers (Florida) musste eine Büste von Robert E. Lee weichen, während in Montgomery (Alabama) eine Statue des Generals gestürzt und schwer beschädigt wurde. Bentonville (Arkansas) kündigte die Entfernung des Bentonville Confederate Monument an.

Am 2. Juni beschlossen Athens (Georgia), Norfolk (Virginia) und Rocky Mountain (N. Carolina) ebenfalls die Beseitigung konföderierter Denkmäler.

Am 3. Juni wurde in Philadelphia (Pennsylvania) die Statue des italoamerikanischen Polizeichefs und Ex-Bürgermeisters Frank Rizzo (Demokraten) abgetragen. Rizzo (1920-1991) war für seine autoritäre Polizeistrategie und für seine rassistischen Ansichten berüchtigt. Am selben Tag kündigte Richmond (Hauptstadt von Virginia) die Entfernung von vier Statuen aus der Monument Avenue der Stadt an, während der Gouverneur des Bundesstaates die »baldestmögliche« Beseitigung eines Lee-Denkmals von Staatsgrund versprach.

Am 4. Juni kündigte Indianapolis (Hauptstadt von Indiana) den Abbruch des Confederate Soldiers and Sailors Monuments an.

Am gestrigen 5. Juni ließ Fredericksburg (Virginia) einen historischen Sklavenversteigerungsblock vom Stadtzentrum ins örtliche Museum verlegen. Mobile (Alabama) ließ eine Statue des konföderierten Admirals Raphael Semmes entfernen, während Nashville (Hauptstadt von Tennessee) den Abbruch einer Statue von Sam Davis beschlossen hat.

Es ist damit zu rechnen, dass schon heute weitere Maßnahmen dieser Art angekündigt oder umgesetzt werden.

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Der Zweite Weltkrieg in Afrika.
Quotation 608 // Rolle Italiens

[S]chon die zeitliche Begrenzung [des Zweiten Weltkriegs] auf die Jahre 1939 bis 1945 [ist] eurozentristisch. In Afrika begann [er] 1935 mit dem Einmarsch der Italiener in Äthiopien. 1937 hatte Japan neben Korea bereits die Mandschurei besetzt und dehnte seinen Krieg gegen China nach Süden aus.Als die Achsenmächte 1945 endlich kapitulierten, war der Krieg in vielen Länder der Dritten Welt auch noch nicht zu Ende. In Algerien massakrierten französische Truppen am 8. Mai 1945, der als »Jahrestag der Befreiung« bis heute in Frankreich gefeiert wird, Zehntausende Demonstranten, die für die Unabhängigkeit des Landes demonstrierten.

Am 2. Oktober 1935 erschien Benito Mussolini auf der Piazza Venezia in Rom und schrie mit seiner einpeitschenden Stimme den Versammelten zu: »Schwarzhemden der Revolution; Männer und Frauen von Italien! (…) 20 Millionen Italiener sind in diesem Moment im ganzen Land vereint. Zwanzig Millionen: ein Herz, ein Wille, eine Entscheidung. Diese Manifestation zeigt, dass die Identität zwischen Italien und dem Faschismus perfekt ist, absolut und unveränderbar. (…) Ich weigere mich zu glauben, dass die Franzosen und die Briten Blut vergießen und Europa an den Rand einer Katastrophe treiben wollen, um ein afrikanisches Land zu verteidigen, das in den Augen der ganzen Welt nicht wert ist, zu den zivilisierten Völkern zu gehören.« Beifall brandete auf. Am nächsten Morgen um fünf Uhr überschritten italienische Truppen ohne Kriegserklärung die äthiopische Grenze: mit über 300.000 Soldaten, 7.000 Offizieren, 6.000 Maschinengewehren, 700 Kanonen unterschiedlichen Kalibers, 150 Panzern und 150 Flugzeugen. Damit begann der Zweite Weltkrieg in Afrika.

Der äthiopische Historiker Richard Pankhurst kommt wie andere Wissenschaftler zu dem Schluss: »Das war der größte koloniale Krieg, der jemals in Afrika geführt wurde. Die Italiener kamen mit einer riesigen Anzahl Soldaten, dazu hatten sie die komplette Überlegenheit in der Luft. Sie setzten Giftgas ein, schwere Artillerie und überzogen die Rebellen mit Massenbombardements. Sie haben das Land förmlich überwältigt.

»Wir waren noch Kinder, als die Italiener hier in Eritrea waren«, erinnert sich der 65-jährige Arbeiter Ibrahim in der eritreischen Hafenstadt Massawa. »Wir dachten, alle Weißen seien Italiener. Im Alltagsleben existierte eine strenge Rassentrennung zwischen Schwarzen und Weißen. Diskriminierung war allgegenwärtig. Zum Beispiel durften wir in den Bussen und in den Restaurants nicht die gleichen Sitze benutzen wie die Weißen.« Italienische Siedler und Einheimische lebten in getrennten Wohngebieten; die einen in luxuriösen Stadtteilen, die Eritreer in native towns, »in Drecklöchern ohne fließendes Wasser oder öffentliche Toiletten«, wie Richard Pankhurst schreibt. Mischehen waren verboten, und die Eritreer durften nur die niedersten und härtesten Arbeiten verrichten.

Während sich in der Regenzeit im Sommer 1936 überall im Land Partisanen sammelten, forderte der Duce seinen Statthalter per Telgramm auf, »Rebellen und ihre Unterstützer systematisch zu terrorisieren und zu vernichten«. Graziani befahl, die Äthiopier in den italienisch kontrollierten Gebieten zu entwaffnen und den widerständigen Klerus der orthodoxen Kirche zu ermorden. Im Krieg gegen die Aufständischen gingen die Italiener stets nach dem gleichen Muster vor: Zuerst bombardierten sie ein Gebiet flächendeckend, dann warfen sie Gasbomben und anschließend ließen sie ihre Soldaten einmarschieren. Immer wieder verübten sie dabei Massaker an der Zivilbevölkerung. Richard Pankhurst schreibt: »Diese Operationen waren von barbarischen Repressalien begleitet. Ein äthiopischer Richter berichtete, dass die italienische Armee zum Beispiel in Gorro alle unbewaffneten Zivilisten in einer Höhle zusammentrieb, auch Frauen mit Kindern auf dem Rücken sowie ein paar Schäfer, und sie mit Maschinengewehren niedermachte.«
Ein Blutbad richteten die Besatzer auch unter den Einwohnern der Hauptstadt Addis Abeba an. Als Mussolinis Statthalter Graziani nach Art des äthiopischen Kaisers im Februar 1937 Almosen an Arme im Palast verteilte, warfen zwei Eritreer zehn Handgranaten auf den verhassten Despoten. Graziani wurde verwundet, und seine faschistische Garde mähte daraufhin alle 300 im Palast anwesenden Äthiopier, darunter Blinde und Bettler, kaltblütig nieder. In den folgenden Tagen durchkämmten die Schwarzhemden sengend und mordend die ganze Stadt. Sie steckten Häuser in Brand und überrollten mit ihren Militärfahrzeugen alles und jeden, der sich ihnen in den Weg stellte. Mit Eisenstangen und Knüppeln schlugen sie Menschen wahllos zu Tode. Sie verfolgten Intellektuelle, exekutierten sie oder warfen sie ins Gefängnis. Insgesamt massakrierten die Italiener in wenigen Wochen 30.000 Äthiopier. In Addis Abeba standen zehn Galgen, an denen bis Ende März 1937 1.500 Äthiopier erhängt wurden.

Schon bei ihrem Einmarsch hatte die italienische Luftwaffe Bomben mit Yperit- und Senfgas über Seen und Flüssen, auf Äcker und Vieh abgeworfen. Kaiser Haile Selassie, der das miterlebt hatte, prangerte in seinem Exil die italienische Kriegsführung an: »Von all den Massakern dieses schrecklichen und erbarmungslosen Krieges war die Gaseinsätze am schlimmsten. Männer, Frauen und Lasttiere wurden in Stücke gerissen und kamen in den Flammen um. Die Sterbenden und Verwundeten schrieen in ihrer Qual. Die Flüchtenden wurden Opfer des tödlichen Regens. Das Gas beendete das Blutbad, das die Bomben begonnen hatten. Auch in anderer Hinsicht seien die Italiener barbarisch und grausam gewesen, sagen die Veteranen. »Sie haben Patriots umgebracht, die schon kapituliert oder die sie gefangen genommen hatten; sie haben Zivilisten, darunter viele Bauern, ermordet. Bekannte Anführer der Patriots haben sie liquidiert und noch ihre Leichen geschändet. Sie haben ihnen das Genick gebrochen und mit ihnen vor aller Augen wie mit Puppen gespielt. Sie waren wirklich bestialisch.«

Auszüge aus »Unsere Opfer zählen nicht« – Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg , Rheinisches JournalistInnen Büro / Recherche International e. V. (Hg.)

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Historisierung mit dem Schremmhammer.

Am 6. Mai hatte Markus Wilhelm in seinem Blog dietiwag.org auf ein Hakenkreuz hingewiesen, das wohl Mitte der 1930er Jahre auf einen Felsen in Sölden gemalt worden war, als die NSDAP in Österreich verboten war. Es wurde später von den einheimischen Heimwehrlern mit roter Farbe übertüncht

möglicherweise beides mehrfach, das eine [Hakenkreuz] wie das andere [Übermalung].

— dietiwag.org

Abhängig von den Lichtverhältnissen, so weiter, scheine das Hakenkreuz auch heute noch manchmal durch.

Schon heute konnte im Blog mitgeteilt werden: der Verfassungsschutz hat aufgrund des Beitrags von Markus Wilhelm die (Alpin-)Polizei verständigt, die sich zur beschmierten Stelle abgeseilt und das »historische« Nazi-Symbol mit dem Schremmhammer unkenntlich gemacht hat.

Ein Bild zum unterschiedlichen Umgang mit faschistischer Symbolik in Nord- und Südtirol kann sich jede selber machen.

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Die ladinische Flagge ist 100.

Es war der 5. Mai 1920, als sich am Frara (Grödner Joch) Verteterinnen der fünf ladinischen Talschaften — Anpezo, Badia, Fascia, Fodom, Gherdëina — einfanden, um das Recht auf Selbstbestimmung einzufordern. Sie zeigten sich vor allem über die Tatsache bestürzt, dass die Ladinerinnen im Pariser Vertrag keinerlei Erwähnung gefunden hatten und forderten die Anerkennung ihrer eigenständigen Sprache und Kultur.

Zu diesem Anlass wurde erstmals die bis heute bekannte blau-weiß-grüne Flagge gezeigt, die die Einheit der Ladinerinnen Tirols bekräftigen sollte. Eine Einheit, die jedoch schon wenig später vom faschistischen Italien bewusst mit Füßen getreten wurde, um die Minderheit zu majorisieren: Bis heute sind Anpezo und Fodom (gegen ihren Willen) Teil Venetiens, während Fascia zum Trentino, Badia und Gherdëina zu Südtirol gehören.

Die Flagge, die aus zivilgesellschaftlichem Engagement entstanden und bis heute von der Zivilgesellschaft getragen wird, symbolisiert aber nach wie vor den Wunsch nach Zusammengehörigkeit. In ihren Farben spiegeln sich das Blau des Himmels, das Weiß des Schnees und der Dolomiten sowie das saftige Grün der Bergwiesen.

In der ursprünglichen Gestaltung prangte in der Mitte ein Edelweiß, das heute meist fehlt. Stattdessen ziert sie oftmals der rote Landesadler, der die Verbundenheit mit Tirol zum Ausdruck bringt.

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