Abgeschieden.

Verkehrsprojekte

Vorausgeschickt: Ich bin tendenziell für den Ausbau des Bozner Flughafens und gegen den Bau des BBT. Eine gefestigte Meinung habe ich jedoch vor allem zu letzterem noch nicht, weil ich zugeben muss, dass ich mich bis dato zu wenig damit auseinandergesetzt habe. Mit Sicherheit stört mich die bürgerferne, arrogante Vorgangsweise der BBT-Bauer.

Dennoch drängt sich mir die Frage auf, ob diejenigen, die beide Projekte gleichermaßen bekämpfen, nicht viel zu leichtfertig unseren Anschluss an die Außenwelt für einen manchmal etwas populistischen Umweltschutz opfern. Wären funktionierende Flugverbindungen, außer für den Wirtschaftsstandort, nicht auch und vor allem für unseren kulturellen Fortschritt von großem Nutzen — wenn nicht gar überlebenswichtig? Sicher wäre es mit einem Airport einfacher, unsere Uni mit renommierten Dozenten und »Visiting Professors« zu bestücken. Kongresse und Messen von überregionaler Bedeutung abzuhalten. Institutionen und Veranstaltungen wie das Stadt- bzw. Landestheater, das neue Museion, die Transart oder den Tanzsommer für ein internationales Publikum attraktiv zu machen — und von einem größeren Austausch zu profitieren. Neue Veranstaltungen zu etablieren oder hierzulande anzusiedeln. Und nicht zuletzt einen aufgeklärten Kulturtourismus zu fördern, der keine weitere Naturzerstörung (für Skipisten, Bettenburgen…) benötigt, und unserem Land auch inhaltlich zu Wachstum verhülfe.

Die Argumente der Flugplatzgegner kann ich zum Teil nachvollziehen, auch wenn sie großteils nach Mission und weniger nach basisdemokratischem Kampf um die Wählergunst klingen. Aber da bin ich vielleicht durch Vorwissen (Stichwort: Nimby) belastet. So wir uns jedoch gegen den »Airport Bozen Dolomiten« aussprechen – können wir uns wirklich leisten, auch noch auf eine Hochgeschwindigkeitsverbindung zu wichtigen Drehscheiben im Norden und im Süden zu verzichten? Wäre das nicht die endgültige Besiegelung unserer Zukunft als Provinzkaff, das seine besten Köpfe zur Flucht ins Ausland antreibt?

Vergleichbare Städte in der (gewiss nicht umweltfeindlich gesinnten) Schweiz haben sich für einen Flughafen und für die Anbindung an den schnellen Zugverkehr entschieden. Die Frage nach den Proportionen ist besonders im Fall des BBT mit Sicherheit erlaubt. Aber einen Rückschritt sollten wir uns nicht leisten.

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Tessin: Falsche Italiener?

Dass man Teil des deutschen Sprach- und Kulturraumes sein kann, ohne in Deutschland zu leben, dürfte bekannt sein. Kann man jedoch auch ein Italiener sein, ohne zum italienischen Nationalstaat zu gehören? Sehr wohl, und das zeigen die Bewohner des Schweizer Kantons Tessin seit Jahrhunderten sehr eindrücklich. Stolze Helveten sind sie, und dennoch gleichzeitig bewusste Pfleger ihrer Identität. Nicht nur: Darüber hinaus haben sie sich regelmäßig um ihren gesamten Kulturraum verdient gemacht. Wesentlich mehr, als die Südtiroler zur Entwicklung des deutschen Kulturraumes beigetragen haben, und selbstverständlich mehr auch, als die hierzulande sässigen Italiener (und Südtirol allgemein) den italienischen Kulturraum befruchtet haben – wie ich zu behaupten wage.

Dass Manzoni einen Teil seiner schulischen Ausbildung in Lugano absolviert hat, dürfte zwar mehr als nur anekdotischen Wert besitzen. Die bristanteste und emblematischste Phase der immer wieder zentralen kulturellen Rolle des Schweizer Kantons war aber wohl die Zeit des Faschismus, als italienischen Dissidenten systematisch Asyl gewährt wurde. Zu jener Zeit entwickelte sich die Kantonshauptstadt Bellinzona zu einem Zentrum des italienischen Verlagswesens. Bücher von Autoren, die in Italien nicht gedultet worden wären, wurden in der Schweiz bearbeitet, gedruckt und wiederum über die Grenze gebracht.

Auch heute erfreut sich die Pflege von Dantes Sprache im Tessin großer Lebenskraft. An der jungen Università della Svizzera Italiana wurde kürzlich folgerichtig ein hochkarätig besetztes »Istituto di studi italiani« gegründet, das in der gesamten Schweiz tätig sein soll.

Aus dem Corriere del Ticino vom 06.03.07:

Istituto di studi italiani «faro» per la Svizzera

Tenuta a battesimo ieri all’USI di Lugano, la struttura, che è ancora un cantiere aperto, è la risposta della Svizzera italiana alla chiusura di alcune cattedre d’italiano a livello nazionale – Direttore è il letterato Carlo Ossola.

Un faro che dal Ticino si irradia sull’intera Svizzera. È questa l’immagine che l’Istituto di studi italiani, in fase di costruzione, si prefigge di poter dare di sé nei prossimi mesi sotto la guida di Carlo Ossola. In autunno partirà a tal fine anche un master biennale in Letteratura e civiltà italiana: un progetto ambizioso e che, nelle parole dello stesso presidente dell’Università Piero Martinoli, intende essere la risposta concreta della Svizzera italiana alla sparizione di alcune cattedre della lingua di Dante in Svizzera. […]

Anders als in Südtirol, wo die angebliche Brückenfunktion ein reines Lippenbekenntnis bleibt, wird sie im Tessin mit Überzeugung gelebt. Institutsdirektor Carlo Ossola schreibt in seiner Präsentation:

Ragioni di un Master di Letteratura e Civiltà italiana
prof. Carlo Ossola, Direttore dell’Istituto

Ha scritto Yves Bonnefoy che l’arte italiana è l’«arrière-pays», il retroterra di qualsiasi esperienza e memoria del bello; e Osip Mandelstam osservò che per leggere Dante occorre avere uno sguardo volto al futuro. Questo è l’ambito della civiltà  italiana: la memoria di una perfezione condivisa, l’esercizio preveggente di un pensiero capace di abbracciare gli «universali» della condizione umana. Questa universalità non è somma di digressioni all’infinito: è, al contrario, come scrisse Jorge Luis Borges della Divina Commedia, capacità di racchiudere tutta una vita in un verso. Comprendere gli universali, stringerli in sintesi, offrirli come una ‘prospettiva’: arte, filosofia, poesia, spiritualità chiamate a dar forma all’essenziale. Un Master in «letteratura e civiltà italiana» deve avere ambizioni pari alla dignità del proprio oggetto e alle sfide che porge il secolo XXI; spesso i percorsi di Master specializzano così tanto che un repentino cambiamento di paradigmi dovuto a nuove invenzioni o tecnologie rende rapidamente obsoleti i procedimenti acquisiti. Qui, al contrario, il percorso sarà -come nel Libro delle massime di Goethe- ‘verticale’: «Se devo farti vedere i dintorni, / bisogna che tu salga sul tetto».

L’ambito di un Master in «Letteratura e Civiltà italiana» è non solo il territorio di culture che si esprimono in lingua italiana, bensì quel più largo orizzonte di coscienza che ha portato lievito e responsabilità d’Europa, coscienza di unità non tentata per faticose approssimazioni o mediazioni, ma vivida presenza di un centro, dell’origine, di una speranza: «E sulle colline di Voronej, nate ieri, / Ho sempre la radiosa nostalgia / Di quelle di Toscana, più limpide e panumane» (O. Mandelstam, Essere in vita).

Ein Auge auf das Tessin würde uns nicht schaden. Es zeigt den Italienern, dass man nicht Teil Italiens sein muss, um Teil des italienischen Kulturraums zu sein. Zu diesem Zwecke wäre auch die banale Maßnahme, neben dem Empfang des deutschsprachigen auch jenen des italienischen Rundfunks der Schweiz in Südtirol zu ermöglichen, mit Sicherheit hilfreich. Andererseits zeigt uns die Südschweiz, was eine selbstbewusste Brückenfunktion ist: Sie verlangt Engagement, und nicht nur Nachäffung — als passiv gelebte Überlappung zweier Kulturräume.

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Kargisch und Dekoro.

Ein Vortrag von Benedikt Loderer*, Stadtwanderer,

gehalten in leicht abgewandelter Form am 14.03.2006 im Rahmen der Gesprächsrunde »Architektur/Rezepte«, die der Kunstverein gokart in Zusammenarbeit mit der Landesberufsschule für das Gast- und Nahrungsmittelgewerbe »Emma Hellenstainer« zu Brixen an der Universität, ebenda, organisiert hat.

Meine D + H,

haben Sie gelesen, was die Einladung versprach? “Südtirol ist eine der grossen Sehnsuchtslandschaften Europas. Die touristische Erschliessung und Nutzung der Landschaft bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen respektvollem Umgang mit Landschaft, Kultur und Bevölkerung auf der einen Seite und der Störung und Zerstörung derselben auf der anderen.” Dreimal Landschaft in zwei Sätzen, das Subjekt unserer Geschichte ist offensichtlich die Landschaft. Wir werden sehen.

Eine Einführung wurde Ihnen versprochen, allerdings nicht von mir. Nun ja auch ich komme aus einer Landschaft, bin ein Kind der Berge, drei Jahre lang Mitglied der Jugendorganisation des Schweizerischen Alpenclubs, in der Wolle gefärbt also und das werden Sie noch merken. Ich führe Sie also in die Alpen unter besonderer Berücksichtigung ihrer Architektur. Damit dieser Auftritt einen roten Faden hat, garniere ich ihn mit 13 starken Sätzen, ein Verfahren, das den Mitschreibern unter Ihnen die Essenz finden hilft und allen andern die noch zu bewältigende Redestrecke verdeutlicht: nach dem 12. starken Satz kommt nur noch einer.

Glauben Sie an die einmalige Landschaft, wie sie die Veranstalter dieser akademischen Zusammenrottung selbstverständlich voraussetzen? Wenn Sie zur Tourismusfraktion gehören, tun Sie das mit kommerzieller Inbrunst, wenn sie ein denkender Mensch sind, zögern Sie und sagen: Ist nicht jede einmalig? Können Sie mit dem Satz: “Das Material ist, was es ist” etwas anfangen? Gehören Sie zu den Architekten der strengen Observanz, so enthält er ein helvetisches Bekenntnis, sind Sie im Gastgewerbe tätig, so stocken Sie und murren: Was denn sonst? In beiden Fällen liegt es nicht an der Wortwahl, sondern am Hintersinn. Einmalig, Landschaft, Material sind Wörter, die auch Sie verstehen, wenn sie zu Worten werden, sind es Offenbarungseide. Sie künden von einer Haltung, genau das, was die “tadellose Haltung” im Offizierskasino einmal war: die innere Übereinstimmung mit den von der eigenen Klasse geforderten Wertordnung.

Sie sehen, es wird ernst, bitterernst.

Nun, denken da die unbeteiligten Biedermänner, halb so wild, bei uns kann jeder nach seiner Façon selig werden. Das ist nichts als Trägheit des Urteils und wird spätestens von den Baureglementen als Schlamperei entlarvt, die sich Toleranz nennt. Dort steht nämlich im Befehlston: “Die Bauten und Anlagen müssen in ihrer Gesamtheit und ihren Einzelteilen sich harmonisch in das Orts- und Landschaftsbild einfügen”. Es gibt also eine Façon, nach der selig zu werden wir gesetzlich verpflichtet sind: das Orts- und Landschaftsbild, und zwar harmonisch. Man kann es im ersten starken Satz zusammenfassen: Harmonisch sei der Bau, bildtreu und örtlich. In den Alpen gelten also verschärfte Regeln. Warum? Weil wir seit Albrecht von Haller und Jean-Jacques Rousseau daran glauben, die Alpen seien schön. Das ist ein Geschmacksurteil, doch keine Tatsache. Ebenso sind wir uns einig, dass die Berge unberührt am schönsten sind. Jungfräulich sozusagen. Darum darf man sie nur behutsam vergewaltigen: im harmonischen Stil.

Darum wissen wir alle, welche Bauten von “Natur aus” richtig sind: die der Bauern, genauer, der örtliche Tradition. Lassen wir vorerst beiseite, dass sie alle der Natur abgerungen sind, sie domestizierend und verändernd, dass also bloss von einer zweiten Natur die Rede sein kann. Ich erwähne diese Selbstverständlichkeit nur, um, wenn immer im Laufe dieses Tages jemand mit dem Erlösungswort “Natur” fechten möchte, daran zu erinnern ist: Natur, hierzulande, ist etwas Gemachtes. Im Gelände und mehr noch in den Köpfen.

In dieser gemachten Natur leuchtet still und mahnend die Tradition. Sie ist unsere Richtschnur, die Tradition ist traditionell, harmonisch, sie fügt sich lückenlos ins Orts- und Landschaftsbild ein. Das Dörfli ist edel, hilfreich und gut. Das, Sie haben es herausgehört, ist der zweite starke Satz.

Der Bergbauer baut keine Berge, doch er erfand die Harmonie. Ihm kam das zwar nie so vor, doch nachdem die Unterländer ihn fast drei Jahrhunderte lang enthusiastisch dafür gelobt haben, glaubt er es unterdessen selbst. Bei soviel Gefühlsinvestition muss allerdings die Frage erlaubt sein: Was ist denn Tradition? Sie entsteht über eine lange Zeit durch Versuch und Irrtum. Sie löst damit im Bauernjahr und -leben sich stets wiederholende Probleme. Kurz, sie stellt einen Satz von Lösungen dar, die das Überleben ermöglichen. In diesem Lösungssatz sind auch die abverheiten Versuche enthalten. Allerdings kann die Tradition nur auf sich wiederholende Probleme einen Lösung herausbilden. Für neue, sich verändernde weiss sie keinen Rat. Der dritte starke Satz bring es auf den Punkt: Tradition ist eine Methode, kein Bild. Die Tradition braucht generationenlang Zeit und eine geschlossene Gesellschaft, um wachsen zu können. Beides gibt es heute in den Alpen längst nicht mehr.

Als vor 150 Jahren der Tourismus sich in die Berge schlich, ja hereinbrach, da war die Tradition, die Methoden, mit denen die Bergbauern ihr Überleben sicherten, eine Kuriosität. Mit naturtrübem Blick wurde sie zur Ursprünglichkeit verschielt. Seither gibt es auf der einen Seite das Echte auf der andern die Ziererei. Der edle Wilde steht weit über dem korrupten Höfling, der knorrige Bergbauer ist dem verweichlichten Städter moralisch überlegen. Der Senn ist echt und der Unterländer verlogen. Oben herrscht die Gesundheit und unten die Tuberkulose. Ich könnte diese Gegensatzpaare ad infinitum vorsetzten, sie würden nur den vierten starken Satz und das wichtigste Bildungsgesetz des Tourismus’ bestätigen: Immer wo echt drauf steht, ist die Lüge drin. Man kann es auch anders formulieren: das Echte, Edle, Gute am Gebirge und am Bauern, war und ist immer eine Erfindung der Touristen.

Das Echte, wenn wir die Wirklichkeit anerkennen wollen, war das angstvolle Überleben, war karge Subsistenzwirtschaft, war schreiende Armut, der geduldete Inzest, die allgemeine Karies und verzweifelte Auswanderung. Man schämt sich fast den fünften starken Satz auszusprechen: Der ökonomische Naturzustand der Bergbevölkerung ist die Armut. Trotzdem: Was diesen Leuten das mühsame Überleben sicherte war ihre Produktion. Sie war traditionell, will sagen vorindustriell, aber es war ihre eigene Kraft. Ihr Leitbild ist der Acker.

Die Ziererei hingegen ist Konsum. Das Orts- und Landschaftsbild wird genossen, nicht bearbeitet. Das Produkt heisst Naturgenuss und nicht Alpkäse und Roggenbrot. Es ist eine Industrie in den Bergen. Sie verbraucht das Orts- und Landschaftsbild wie ein am Ort gefundener Rohstoff. Ihr Leitbild ist die Mine. Sie wird ausgebeutet, bis sie nichts mehr hergibt und dann verlassen. Mine und Acker sind unvereinbare Gegensätze.

Das haben die Tourismuspioniere instinktiv verstanden. Sie haben keine Chalets, sondern Schlösser in die Berge gesetzt. Sie hatten begriffen, dass der Tourismus grundsätzlich und immer das Fremde ist, das Andere, das Gegenteil. Der Konsum kann keine Tradition aufbauen, weil er nicht bewahren will, sondern verbrauchen. Wir stehen vor dem zweiten Bildungsgesetz des Tourismus und dem sechsten starken Satz: Tourismus ist immer Kolonisierung.

Die Tradition ist tot, das gleich noch der siebente starke Satz. Sie starb mit der Berglandwirtschaft aus. Zurück blieb ihr Bastard, die Folklore, die sich mit frecher Stirn ursprünglich nennt und echt, in Tat und Wahrheit aber nur das Mäntelchen ist, das die Tourismusindustrie der toten Tradition überzog. Man hat die Leiche in die Landestracht gesteckt und stellt sie nun im Wachsfigurenkabinett des Selbstbetrugs zur Erbauung der Natursucher aus.

Leider waren diese grundsätzlichen Abschweifungen notwendig, um das Sprachenproblem, das ich ihnen vorführen will, zu verstehen. Vor Jahren wurde ich einmal gefragt: Wie steht es mit dem Verhältnis zwischen den Architekten und den Hoteliers? Ich kam zum Schluss: Es steht nicht. Es gibt kein Verhältnis zwischen denen, weil die beiden gar nicht miteinander reden können. Man könnte oberflächlich betrachtet meinen, sie gebrauchten dieselbe Sprache.
Deutsch in Zermatt zum Beispiel, Französisch in Chamonix oder Italienisch in Cortina d’Ampezzo, kurz die Landesprache. Das wohl doch nur wenn von Gegenständen wie Eishockey oder Wanderwegen die Rede ist, reden sie gegenseitig verständlich. Geht es aber um Architektur, so sprechen die Architekten Kargisch, die Hoteliers und mit ihnen alle Touristiker reden Dekoro.

Kargisch das ist die Herrensprache, der Dialekt der Inhaber der kulturellen Gewalt. Kargisch zu lernen, ist die lebenslange Anstrengung, die man braucht, um kulturelles Kapital zu akkumulieren. Kargisch reden die Architekten der strengen Observanz, was heisst, der Zirkel der Ernsthaften, der Avantgardisten, der Sucher und Finder. Diese Leute haben die Zusammenhänge durchschaut, sie pflichten mir bei, wenn ich im fünften starken Satz behauptete: die Tradition ist tot. Sie tun dies mit der Überzeugung der Besserwisser, denn sie sind es, die diese Tradition seziert und beschrieben haben. Sie waren es, die die alten Bauernhäuser ausgemessen und gezeichnet haben, die ihre Typologie erkundeten. Die wissenschaftlich haltbaren Untersuchungen zur Tradition stammen alle aus ihrem Kreis. Ihre Grundaussage ist klar: Methode, nicht Bild.

Wer Kargisch spricht, will nicht unbedingt verstanden werden. Kargisch ist ein Mittel zur Abgrenzung. Die strenge Observanz erkennt am Beherrschen des Kargischen, ob einer zum Orden gehört oder nicht. Diese Leute suchen nicht den Beifall der Menge, sie reagieren sogar sehr empfindlich, wenn der Applaus von der falschen Seite kommt. Wichtig ist ihnen die Anerkennung von Ihresgleichen. Der Orden ergänzt sich durch Berufungen, nicht Aufträge. In kargisch sind die Zeitschriften und Websites abgefasst, kargisch spricht man an den Architekturschulen, kargisch werden die Wettbewerbe juriert, wer nicht kargisch kann, wird es zu einem erfolgreichen Architekturbüro bringen, nie aber zu Ruhm und Ehre. Die kargische Abgeschlossenheit und Selbstförderung ist unterdessen zum Starsystem mutiert.

Kargisch hat einen Hang zum Grundsätzlichen. Will man Kompromisse ausdrücken, eignet sich Kargisch schlecht. Im Gebirge redet Kargisch also: Da das Hotel das Fremde ist, wird dies auch immer sichtbar, so sehr man es mit Dekoro verkleidet. Darum soll es sich selber sein, Hotel, nicht Chalet. Das heutige Hotel muss man jedes Mal wieder erfinden, je nach Ort und Kundschaft. Traditionell kann daran nur die Nutzung sein, denn Hotels gibt es, seit es Gasthöfe gibt. Seine Form aber sei eine Antwort auf die Landschaft. Mit der längst nicht mehr vorhandenen Landwirtschaft hat es nichts zu tun. Komplex sei der Bau, kontextbezogen und neu, redet im siebenten Satz der Oberpriester der strengen Observanz.

Dekoro hingegen ist die Sprache der Diener, pardon Dienstleister. Dekoro will gefallen, verständlich sein. Lernen muss man nichts, es gilt das Prinzip Bequemlichkeit. Dekoro bedient. Bedient die angelernten Vorurteile, bestärkt die mitgebrachten Bilder. Doch Dekoro ist ausserordentlich lebendig und erfindungsreich. In Dekoro lässt sich alles ausdrücken, was in Kargisch nicht zu Wort kommt. Dekoro scheut jede feste Regel, Dekoro ist flexibel, vor allem in den Grundsätzen. Dekoro wendet sich an alle, schliesst niemanden aus, der zahlungswillig ist. Dekoro ist die Lingua franca des Tourismus. Dekoro ist die Sprache der Gefallsüchtigen.

Doch leider ist der kulturelle Status von Dekoro minderwertig, wer Dekoro redet, der bleibt gewöhnlich. Zwar kann man mit Dekoro weit mehr Geld verdienen, als mit Kargisch, doch kulturelles Kapital häuft sich damit nie. Kurz, Dekoro ist minderwertig, was die Dekoristen entweder verdrängen oder daran leiden. Davon heilt die Meisten der Blick aufs Bankkonto.

Doch wie baut man ein Hotel in Dekoro? Es gilt der Grundsatz: Der Gast will es so. Das führt bei Speisekarten zur Breite und Spezialitäten, auf die die Köche und Wirte stolz sind. In der Architektur hingegen sehen wir mit Zähneknischen der Herrschaft des allgemeinen alpenländischen Lederhosenstils zu, geboren aus dem Geiste der Sentimentalität. Dekoro, das ist die gebaute Gefühlsschlamperei.

Der Gast will es so, muss übersetzt werden. Es ist die Vorwegnahme der Erwartung. Der eigenen, nicht der Gäste. Es ist das architektonische Familienpensionsdenken. Es sind die Alpen von gestern, die der Dekorist sich herstellen will. Seine Alpen. Vielleicht waren seine Grosseltern noch Bergbauern, die Eltern jedoch kaum, die haben gewirtet und sehnten sich nicht nach dem Viehhüten. Die Arvenstübli und die Carnozets, die Holzhäute über dem Betonkern, die Kunstoffbalkendecke, die Tiroler Balkonbrüstung, kurz, der ganze folkloristische Schmuckbehaft, das sind die Bilder, die die Hoteliers selber in sich tragen. Ihr verklemmtes Bedürfnis nach dem Dörfli, das sie mit ihrem Neubau ein Stück mehr zerstören. Es geht um Bilderhandel, Ablassgeschäfte. Dekorativ sei der Bau, sentimental und beruhigend lautet darum der achte starke Satz.

Was aber ist mit dem Gast, der da will? Er wird nicht gefragt, aber er entscheidet durch seine Wahl. Leider muss ich hier eingestehen, dass es nicht die Architektur ist, die sie entscheidet. Die Aussicht, die Küche, der Service sind in jedem Fall wichtiger. Die Landschaft allerdings wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Einzig bei den wenigen kargischen Hotels entscheidet sich die kargische Kundschaft für die kargische Architektur, womit die Kargen wieder unter sich wären und einen Nischenmarkt darstellen. Denn macht man eine quantitative Betrachtung, so gehören diese Häuser in die Abteilung kulturelle Exotik.

Als ich einmal kurz für das Schweizer Fernsehen arbeitete, hiess das Killerargument: so will es das Publikum. Welches Publikum was will, wurde nie gefragt. Anders herum, sowenig wie das Publikum, gibt es den Gast. Nur ein Beispiel: Der Snowboarder hat zwar 18 Jahre aber wenig Geld, er sucht Rambazamba unter Seinesgleichen, nicht die erhabene Ruhe angesichts der Ewigkeit der Gipfel. Seine Grundbedürfnisse sind existenziell: Gibt es Schnee, gibt es Girls?

Wie im zweiten starken Satz bereits festgehalten ist mit dem Dekoroprogramm der Glaube an das Dorf verbunden. Oben auf der Hangschulter liegt im warmen Sonnenschein mys Dörfli, die intakte Heimat meiner schlampenden Gefühle. Leider aber: Wer sich diesen Glauben bewahren will, muss zu Hause bleiben. Wer aber ins Dörfli fährt, der sieht als erstes die geschlossenen Fensterläden der Zweitwohnungen, den ebenso geschlossenen Dorfladen und die aufgegebene Poststelle. Doch sind das nicht die Anzeichen des Niedergangs, sondern die Merkmale des Erfolgs. Das Dorf ist zum ersten Mal in seiner Existenz aus den Bergen heraus gekommen. Genauer, die Welt kam zu ihm. Und seit die Strasse da ist, um die die Dörfler so lang gekämpft haben, seither gehört das Dorf endgültig zur Stadt. Denn die Verstädterung reicht so weit, wie das Auto fährt. Darum muss man das Dörfli als temporäre Schlafstadt begreifen, nicht als ausgestorbenes Bergbauerndorf. Das Dorf ist die Folklore, die Schlafstadt die Tatsache. Der Alpenbogen ist heute ein grosser Stadtpark, kein Naturreservat. München, Mailand, Zürich brauchen ihren Auslauf. Die Leute aus dem Dickicht der Städte bringen ihre Stadt mit und bauen sie in die Berge. Dörfer gibt es nur noch gegen Armut zu haben. Wir müssen uns an den fünften starken Satz erinnern: Armut ist der ökonomische Naturzustand der Bergbevölkerung.

Ich habe Zermatt eine Woche lang von oben betrachtet: Ein Talkessel ist randvoll mit ungeordneten Bauten aufgefüllt, kaum eine Grünfläche gibt es im Talboden noch, kurz eine Stadt in den Bergen. Da wendet sich kein Gast mit Grausen, nein, alle wollen da hin. Die Stadt Zermatt, wie auch die Städte St. Moritz, Garmisch-Partenkirchen, Chamonix und Gstaad sind begehrt und vom Dorf redet nur noch der in Dekoro verfasste Prospekt. Das führt zum neunten starken Satz: Wer nicht arm ist in den Bergen, wohnt in der Stadt. Etwas weniger um die Ecke geredet: Die Alpen sind verstädtert, wo sie es nicht sind herrscht die alpine Brache. In der Boulevardzeitung steht: Bergdorf röchelt, Bergstadt lebt.

Heute ist die Bergseligkeit, das Ergriffensein angesichts der Erhabenheit des Hochgebirges ein Minderheitenprogramm für die Andacht der Naturfrommen. Für den heutigen Gast gilt der zehnte starke Satz: Die Alpen sind ein Sportgerät. Seit man nicht mehr zu Fuss gehen muss, sind die Berge nur noch ein Konsumgut wie jedes andere, wie ein Badestrand in der Karibik oder eine Disco in Zürichwest zum Beispiel. Den Unterschied machen nur noch die Laune, die Kaufkraft und die Zugänglichkeit. Die Alpen sind nichts Besonderes mehr.

Denn die vollständige Mechanisierung der Alpen hat sie klein und geheimnislos gemacht. Das Konsumgut wurde konsequent erschlossen und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Nur die Klimaerwärmung wird den Zugriff stoppen. Zurück wird eine ausgelaugte Landschaft bleiben, übersät mit Investitionsruinen. Darum: Wem es heute mit dem Alpenschutz ernst ist, der stellt die Bergbahnen und Skilifte ab. Ja, ich weiss, doch Armut ist der ökonomische Naturzustand der unversehrten Berge. Landschaft wird mit Verzicht bezahlt, das der elfte starke Satz. Er ist unanständig, weil er auf Tatsachen gründet, aber trotzdem wahr.

Am Schluss muss ich Ihnen noch vorführen, dass ich meine Hausaufgaben gemacht habe. “Magie der Vielfalt. Mit diesem Slogan wird Südtirol beworben. Hat die neue Werbelinie Auswirkungen auf die Gastronomie, auf die Architektur?” fragt die Einladung zu dieser Gesprächsrunde. Ich bitte um Nachsicht, dass ich die Gastronomie schwänze. Es hat Redner nach mir, die meine Erfahrungslücke mit Tiefe stopfen werden. Aber auf die Architektur? Überschätzen wir die Werber nicht, ihr Einfluss auf die Architektur beginnt immer erst hinterher, dann wenn sie sie zu Werbezwecken benutzen und Bilder in die Köpfe pflanzen. Doch bedeutender wäre die Frage, wie die Architektur den Tourismus beeinflusst und umgekehrt.

Gehe von deinen Beständen aus und nicht von deinen Parolen, mahnt uns Dr. Gottfried Benn. Nun der Bestand ist vorhanden. Die Baudenkmäler, die Burgen, Schlösser und die Altstädte sind die einzigen wirklich tourismuswirksamen Architekturen. Sie prägen neben der Landschaft das Bild der Prospekte und möblieren die Erinnerung. Fast alle Menschen dieser Erde reagieren auf das grafische Kürzel des Eiffelturms wie Pawlows Hund: Paris, selbst wenn sie noch gar nie dort waren. Die wenigen Beispiele der Moderne dagegen sind Exquisitäten, die nur von wenigen Kennern besucht werden.

Die ungeheure Masse des allgemeinen alpenländischen Lederhosenstils, die wir zu erdulden gezwungen sind, beeinflusst zu meinem Leidwesen den Tourismus nicht negativ. Der funktioniert auch ohne gute Architektur. Die Rettung des Tourismus durch Architektur ist also eine Illusion. Immerhin, seine Verbesserung durch Architektur scheint möglich, nur müssten dazu die Architekten Dekoro und die Hoteliers Kargisch lernen. Anders herum: sie müssten miteinander reden, statt sich mit Misstrauen zu belauern. Die Architekten müssten dabei einsehen, dass Dekoro die Ausschmückung der Sehnsucht ist. Die Leute wissen sehr genau, dass sie sich etwas vormachen, sie sind sehr wohl in der Lage, die Lederhosenarchitektur als Selbstbetrug zu erkennen. Sie haben aber Ferien, von der Arbeit und der Wirklichkeit. Sie freuen sich, ein Bühnenbild zu bevölkern, das ihretwegen aufgestellt wurde. Es ist ein Rollenspiel, das nicht allzu ernst genommen wird. Der Ausnahmezustand Urlaub entbindet vom Urteil. Das ist eine seiner Aufgaben. Schlimm am Dekoro ist nicht sein Vorhandensein, sondern wie mies und lieblos es gemacht ist. Wir fordern von den Hoteliers besseren Dekoro und von den Architekten auch. Darum lautet der zwölfte starke Satz: Lernt besser Dekoro. Besser heisst hier fantasievoller, freier, lustiger. Man muss endlich aus dem Geissenstall ausbrechen. Das Dörfli liegt hinter uns, wer für die Bergstadt baut und das Freizeitgerät bestückt, der hat mehr Möglichkeiten als das Dörflivokabular. Man muss sie nutzen. Das beginnt damit, dass das Fremde auch fremd aussieht.

Denn wenn man sich vorstellt, was an Stelle der Lederhosen hätte gebaut werden können, Dinge von der Wucht und Qualität der ersten Hotelschlösser, von der Verspieltheit Carlo Molinos, von der grossartigen Geschlossenheit der Retortenstädte in Savoyen, so kann man das Schluchzen kaum zurückhalten.

Dieser Lederhosenarchitektur wegen wird heute und auch in Zukunft garantiert niemand hierher reisen. Man muss von einem langfristigen Fehlinvestment reden.

In der Gegenrichtung ist der Einfluss des Tourismus auf die Architektur gering. Deren Entwicklung geschieht im Zirkel der strengen Observanz und da gehören die landesüblichen Dekoroarchitekten definitiv nicht dazu. Anders herum: Der Tourismus leistet keinen Beitrag zur Architektur. Noch, sage ich nicht ohne Hoffnung. Noch helfen die Rosinen im Hosenträgerteig nichts. Es müsste statt Rosinen Sauerteig sein. Solche Projekte gibt es, ich nenne stellvertretend nur den Turm auf der Schatzalp oberhalb Davos von Herzog und de Meuron. Hier wird die Tatsache Alpenstadt in Architektur umgesetzt. Darum lautet der dreizehnte starke Satz: Vermesst eure Oberstübchen neu. Anerkennt die Realität. Sie hat drei Stichworte: Bergstadt, Sportgerät, Superdekoro.

Schernelz, 13. März 06 LR

*) Benedikt Loderer (geb. 1945) studierte Architektur an der ETH Zürich. Er arbeitete als Architekt und als freier Journalist, als Fernsehmitarbeiter und Hörspielautor. Bekannt wurde Loderer als Architekturkritiker des »Zürcher Tagesanzeiger«. 1988 gründete er im Verlag Curti Medien »Hochparterre«, die Illustrierte für Gestaltung und Architektur. 1991 übernahm die Redaktion die Zeitschrift im eigenen, selbstverwalteten Kleinbetrieb. Quelle: Turris Babel – tb70extra.

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Leserbrief: Flagge+EU.

Ein Leser hat mir heute folgende Nachricht gemailt:

Werte Mitglieder der Brennerbasisdemokratie,
seit beginn der Webpräsenz von selbstbestimmung.net stöbere ich von Zeit zu Zeit in Eurer Seite oder besser gesagt im Projekt der Brennerbasisdemokratie.

Zugegebener Weise verfolge ich Eure Tätigkeit nur halbherzig, da ich mich zur grünen Politik zu der sich Euer Projekt indirekt anlehnt nicht besonders hingezogen fühle. Was nicht heisst, dass ich den Gedanken nicht sehr reizend finde, dass sich auch linksorientierte Südtiroler für die Selbstbestimmung einsetzen.
Viel mehr gefällt mir seit Jahren der Gedanken eines eigenständigen Staates Südtirol. Die Einzigartige Lage Südtirols verlangt nach Selbstbestimmung, da wir uns Grundsätzlich von anderen Regionen unterscheiden. Gesetze und Bestimmungen die z.B. für den Rest von Italien oder auch der EU teilweise von nutzen sind haben in S-Tirol leider oft den gegenteiligen Effekt. Aus Ökonomischer, Ökologischer wie auch Kultureller Sicht wäre Südtirol als eigenständigen Staat zu etablieren die Einzige nachhaltige Lösung die auch allen Volksgruppen gerecht wird.
Aus meiner Sicht müssten wir uns nicht nur von Rom sondern auch von Brüssel trennen. Über kurz oder Lang wird die Fremdbestimmung von Brüssel auch keine positiven Auswirkungen auf Südtirol haben (Ich denke z.B. an den Tranist, die Wasserrechte……)

Im Manifest habe ich nichts zu Euer Haltung zur EU gefunden, wie steht selbstestimmung.net zur EU und deren (möglicherweise) negativen Auswirkungen für Südtirol?

Bei Eurer Fahne der ”Bewegung” möchte ich zur Konstruktiven Kritik anregen. Die Südtiroler wie auch Tiroler Landesfahne ist nicht rot-weiß wie in Eurer Seite angegeben, sondern weiß-rot. Die Reihenfolge wird des öfteren fälschlicherweise bei Fahne ohne den Adler falsch abgebildet.
Natürlich ändert sich dadurch nicht der sinngemäße Grundgedanken der Flagge, der Richtigkeit entspricht sie in dieser Form aber nicht…

Mich würde auch interessieren wie viele Personen hinter dem Projekt stehen und ob auch weitere Aktivitäten geplant sind.

Ich hoffe konstruktive Anregungen gegeben zu haben.

MfG.

[…]

Da ich nicht im Namen anderer antworten möchte, habe ich ihn um die Erlaubnis gebeten, seine Äußerungen hier in Form eines Eintrags der Diskussion zu stellen, wozu er sich bereit erklärt hat. Was die EU-Bindung betrifft, so habe ich auf den einschlägigen Punkt des Manifests hingewiesen:

Die Plattform bekennt sich zur Europäischen Union als Rahmen ihres politischen Handelns

Im Zuge der Artikeldebatte (s. unten) wird auch dieser Satz einer Diskussion ausgesetzt, in deren Verlauf dann die Einwände des Lesers besser berücksichtigt werden können.

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Dux in fundo.

Ein Land, das vom Nazifaschismus heimgesucht und beherrscht wurde, muss sich eindeutig von diesem dunklen Kapitel seiner Geschichte abgrenzen, es aufarbeiten und künftigen Generationen als mahnendes Schreckbild übergeben. Möchte man meinen. Hierzulande geht das Gesetz zwar mit voller Härte gegen die Freiheit der Kunst vor, so sie sich anmaßt das Bild des Staates anzutasten. Kriegsverbrecher, deren kriminelle Energie die demokratischen Institutionen schon einmal zersetzt hat, kann man hingegen im Zeitungsladen erstehen: als Kalendermotiv. schließt sich der Forderung von Grünen und Union für Südtirol an, den Vertrieb von Mussolinikalendern in Südtirol unverzüglich zu unterbinden!

Oberstaatsanwalt Cuno Tarfusser, derselbe, der zur letzten Instanz der Kunstkritik aufgestiegen ist, meint dagegen, es gebe kein Gesetz, das es verböte, diese Publikation zu verkaufen. Zwei Einwände:

  1. Die italienische Verfassung wurde am Prinzip des Antifaschismus ausgerichtet. Wo kein Gesetz ist, kann auch ein Richter »im Sinne des Gesetzgebers« handeln und einen Präzedenzfall schaffen. Dahingehend aktiv zu werden fehlt dem Staatsanwalt wohl der Wille.
  2. Es gibt auch kein Gesetz, das eindeutig festschreibt, was Kunst sei und was nicht. Dafür gibt es jedoch den Grundsatz der freien Meinungsäußerung, der im Falle des Museion bereitwillig geopfert wurde.

Dennoch: Stimmt die Aussage Herrn Tarfussers, so sollten bei der Legislative spätestens jetzt die Alarmglocken schrillen: Es muss dringendst ein Gesetz her, das ähnliche Vorfälle in Hinkunft verhindert! Warum kein Landesgesetz?

Was kommt als nächstes? Vielleicht ein schöner Bildband mit Jagdfotos von Hermann Göring?


Nachtrag: Scelba-Gesetz

1. Riorganizzazione del disciolto partito fascista

Ai fini della XII disposizione transitoria e finale (comma primo) della Costituzione, si ha riorganizzazione del disciolto partito fascista quando una associazione, un movimento o comunque un gruppo di persone non inferiore a cinque persegue finalità antidemocratiche proprie del partito fascista, esaltando, minacciando o usando la violenza quale metodo di lotta politica o propugnando la soppressione delle libertà garantite dalla Costituzione o denigrando la democrazia, le sue istituzioni e i valori della Resistenza, o svolgendo propaganda razzista, ovvero rivolge la sua attività alla esaltazione di esponenti, principi, fatti e metodi propri del predetto partito o compie manifestazioni esteriori di carattere fascista.

[…]

4. Apologia del fascismo.

– Chiunque fa propaganda per la costituzione di una associazione, di un movimento o di un gruppo avente le caratteristiche e perseguente le finalità indicate nell’articolo 1 è punto con la reclusione da sei mesi a due anni e con la multa da lire 400.000 a lire 1.000.000 (1). Alla stessa pena di cui al primo comma soggiace chi pubblicamente esalta esponenti, princìpi, fatti o metodi del fascismo, oppure le sue finalità antidemocratiche. Se il fatto riguarda idee o metodi razzisti, la pena è della reclusione da uno a tre anni e della multa da uno a due milioni (4). La pena è della reclusione da due a cinque anni e della multa da 1.000.000 a 4.000.000 di lire se alcuno dei fatti previsti nei commi precedenti è commesso con il mezzo della stampa (1). La condanna comporta la privazione dei diritti previsti nell’articolo 28, comma secondo, numeri 1 e 2, del c.p., per un periodo di cinque anni (5). (1) La misura della multa è stata così elevata dall’art.113, quarto comma, L. 24 novembre 1981, n. 689. La sanzione è esclusa dalla depenalizzazione in virtù dell’art.32, secondo comma, della legge sopracitata. (4) Comma così sostituito dall’art.4, D.L. 26 aprile 1993, n. 122. (5) Così sostituito dall’art.10, L. 22 maggio 1975, n. 152.

[…]

8. Provvedimenti cautelari in materia di stampa

Anche prima dell’inizio dell’azione penale, l’autorità giudiziaria può disporre il sequestro dei giornali, delle pubblicazioni o degli stampati nella ipotesi del delitto preveduto dall’art.4 della presente legge. Nel caso previsto dal precedente comma, quando vi sia assoluta urgenza e non sia possibile il tempestivo intervento dell’autorità giudiziaria, il sequestro dei giornali e delle altre pubblicazioni periodiche può essere eseguito dagli ufficiali di polizia giudiziaria, che debbono immediatamente, e non mai oltre ventiquattro ore, farne denuncia all’autorità giudiziaria. Se questa non lo convalida nelle ventiquattro ore successive, il sequestro si intende revocato e privo di ogni effetto. Nella sentenza di condanna il giudice dispone la cessazione dell’efficacia della registrazione, stabilita dall’art.5, L. 8 febbraio 1948, n. 47, per un periodo da tre mesi a un anno e, in caso di recidiva, da sei mesi a tre anni.

Hervorhebungen:

Democrazia Faschismen Feuilleton Kunst+Cultura Recht | Zitać | | | Italy Südtirol/o | BürgerUnion Vërc | Deutsch Italiano

Zensur!

Die Verfassung schützt die Freiheit der Kunst unmissverständlich:

Art. 33
(1) Die Kunst und die Wissenschaft sind frei, und frei ist ihre Lehre.

Nun wird diese Freiheit in Südtirol bereits zum zweiten Mal binnen weniger Tage angegriffen — und erneut ist es das Museion, das in die Kritik gerät. Alleanza Nazionale zieht vor den Kadi, um die Entfernung einer Installation zu erzwingen, die die italienische Hymne und eine Klospülung in einen gemeinsamen Kontext stellt.

zeigt sich über diesen wiederholten Angriff auf eine verfassungsmäßige Freiheit sehr besorgt und ruft Intellektuelle, Zivilgesellschaft und besonders liberale Demokratinnen gleich welcher Couleur und Sprachgruppe dazu auf, ihre Stimme zu erheben.

Allerdings sind wir uns auch sicher, dass das Landesgericht ggf. zugunsten der freien Meinungsäußerung und der Freiheit der Kunst entscheiden würde.

Siehe auch:

Democrazia Feuilleton Grundrechte Kunst+Cultura Recht | | | | | PDL&Co. | Deutsch

Art. 5 GG: »Die Kunst ist freiheitlich«.

Gerade während in Berlin die Wogen hochgehen, weil an der Deutschen Oper die Aufführungen von Mozarts Idomeneo aus zweifelhaften Sicherheitsgründen unterbrochen wurden, verschwindet in Bozen sang- und klanglos eine Kunstinstallation: Aus rein politisch-ideologischen Gründen — weil sie angeblich (!) dem Kommunismus huldige. Die Kunst, sie ist in Südtirol nicht frei.

Feuilleton Grundrechte Kunst+Cultura Recht | | | | Südtirol/o | | Deutsch

Schnittpunkt der Kulturen.

So wird uns in der Regel das kulturpolitische Debakel euphemistisch verkauft, das unser Land kennzeichnet. Und niemand hinterfragt das. Südtirol hat sich in den letzten Jahren mit wenigen Höhepunkten zum absoluten Randgebiet zweier wichtiger Sprach- und Kulturräume gewandelt. Der Großteil einheimischer Produktion besteht darin, eklektisch das angeblich beste von den Nachbarregionen zu kopieren – und selbst das ist zweifelhaft. Eine Kopie ist selten so gut, dass sie das Original übertrifft.

Eine eigenständige kulturelle und künstlerische Leistung, die wenigstens einen der beiden angeschlossenen Sprachräume bereichern würde? Fehlanzeige. Das geht auch nicht anders. Denn wir haben es in der Kultur genauso wie in der Politik geradezu verabsäumt, das Potenzial im Lande zu suchen und selbstbewusst dazu zu stehen. Die vielversprechendste Alternative für helle Köpfe ist und bleibt die Auswanderung. Nur die Überwindung dieses Stadiums, und die Einleitung einer Phase, die nicht wie bisher selbstgefällige Nabelschau betreibt (und Kultur taxativ auf Schützen- und Bastelvereine beschränkt) sondern das Potenzial im Land erkennt und selbstbewusst fördert, kann uns aus dieser Schieflage befreien. Und nur ein gesellschaftliches Gesamtprojekt, das endlich die ethnischen Barrieren überwindet, kann den dafür nötigen Impuls geben. Man wird ein enormes Potenzial feststellen, wenn man die bisher aneinander vorbeilebenden Sprachgruppen endlich so miteinander vereint, dass sich ihre Kräfte summieren oder sogar multiplizieren: Das ist es nämlich, was für unser Land pekuliär ist, und was wir als eigenständigen Beitrag zur europäischen Kultur leisten können.

Außendarstellung Feuilleton Kunst+Cultura Plurilinguismo | | | | | |