Gründe für den Mangel an (zweisprachigen) Ärztinnen.
Medizinerinnen wenden sich mit offenem Brief an die Landespolitik

Nun melden sich Südtirols (angehende) Ärztinnen zu Wort: In einem offenen Brief wenden sich einige von denjenigen, die das heimische Gesundheitssystem so dringend bräuchte, an die Landespolitik  — und erklären aus ihrem Blickwinkel, warum die Rückkehr in die Heimat so unattraktiv ist. Und wie verantwortungslos es wäre, einsprachige Ärztinnen einzustellen, statt dafür zu sorgen, dass zweisprachige Südtirolerinnen zurückkommen können und wollen.

Sehr geehrter Herr Dr Schael, sehr geehrte Frau LR Stocker,

Es war lange nicht der angemessene Ton für Ärzte, sich direkt in die Belange der Landespolitik einzumischen. Die Generation meiner Eltern, die während der Ärzteschwemme promovierten, waren [sic] froh um einen Arbeitsplatz. Sie und Ihre Vorgänger wussten in den letzten Jahren, Jahrzehnten, um die Fehler im Gesundheitssystem, um den Nachwuchsmangel, um die Zweisprachigkeitsproblematik — und trotzdem wurde die tickende Zeitbombe immer an den nächsten weitergegeben, denn irgendjemand wird’s schon richten. Dieser Irgendjemand war schlussendlich nie jemand aus der Politik, sondern immer die Angestellten ebenselbigen Systems, um es aufrechtzuerhalten — dem Patienten zuliebe.

Warum wird solange mit einem kränkelnden, röchelnden System weitergewurschtelt, bis man um eine Notstandsverordnung nicht mehr herumkommt? Warum versucht man nicht, dem eigentlichen Problem auf den Grund zu gehen?

Wissen Sie, wir würden alle gerne zurückkommen. Wir haben Familie hier, wir lieben die wahnsinnige Schönheit Südtirols, die uns überall sonst fehlen würde — aber die Steine, die uns in den Weg gelegt werden, grenzen mittlerweile an ein Gebirge.

Seit 2009 werden im ärztlichen Kollektivvertrag die von der EU schon seit viel längerer Zeit vorgeschriebene wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden und die täglichen Ruhepausen geregelt. Die Abweichung von besagter täglicher Ausgleichsruhezeit sollte nur in Notfällen möglich sein — dies entspricht leider nicht der Realität. Es mag sein, dass die neue Regelung große organisatorische Probleme mit sich gebracht hat, jedoch hatten die Verantwortlichen nun 8 Jahre Zeit, um sich mit selbiger Problematik auseinanderzusetzen — trotzdem wird beinahe gleich wie vorher weitergewurschtelt. Der einzige wirkliche Lösungsansatz war das Anwerben von mehr Ärzten, der von bescheidenem Erfolg gekrönt war.

Wenn nun das Land wirbt, warum kommt niemand? Dies lag in den letzten Jahren an den riesigen bürokratischen Hürden aus Rom, wenn es um die Anerkennung eines Studiums, Übersetzung der Diplome, und schlussendlich Akzeptanz einer Stelle ging. Bis man sich in Südtirol überhaupt für eine Stelle bewerben konnte, verging oft beinahe ein Jahr an bürokratischen Irrläufen. Bei einer Ausbildungszeit von fünf Jahren nach Studiumsende eine nicht unerhebliche Zeitspanne. Sollte man den Facharzt der österreichischen Ärztekammer erlangt haben, wartete oft die böse Überraschung, dass Rom selbigen nicht anerkannte.

Sollte jemand von uns trotzdem die Hürden auf sich nehmen, um wieder in der Heimat arbeiten zu können, so ist dies nun alles umsonst: Die Facharztausbildung der österreichischen Ärztekammer, bis vor kurzem in allen Südtiroler Krankenhäusern zum Teil möglich, wurde ebenfalls vor kurzem gestrichen. Der Grund dafür ist weniger niederschmetternd als einfach nur ernüchternd: Die Südtiroler Krankenhäuser erreichen nicht das nötige Niveau, um eine teilweise Ausbildung zu jedwedem Facharzt zu ermöglichen. Ein italienischer Facharzt kann im Land nicht gemacht werden, da kein Krankenhaus zu den 54 staatlichen Ausbildungsstätten gehört — die nächstgelegene befindet sich in Verona.

Nun muss also die Gesundheitsversorgung hierzulande allein mit Fachärzten aufrechterhalten werden. Am Ende der Facharztausbildung ist ein Mediziner im besten Fall nicht ganz 30 Jahre alt. Sollte man nun zurückkommen wollen und in Südtirol zu arbeiten beginnen, inkludiert das in diesem Lebensabschnitt meist einen Partner, vielleicht auch bereits Familie. Hier ist Innovation vom Land gefragt, wie der mitziehenden Familie der berufliche und schulische Einstieg erleichtert werden kann. Zudem ist das italienische Karenzrecht für Assistenzärztinnen eine Zumutung: 6 Monate Karenzzeit zusätzlich zu den 3 verpflichtenden Karenzmonaten nach der Geburt eines Kindes kommt im internationalen Vergleich einem Schlag ins Gesicht gleich.

Der letzte Strohhalm der Landesregierung ist nun die Schaelsche Notstandsverordnung. Sie soll ermöglichen, den verpflichtenden Nachweis der Zweisprachigkeit zu umgehen, um rasch Ärzte aus Restitalien sowie dem deutschsprachigen Ausland anzuwerben. Herr Dr Schael, Frau LR Stocker: Ich appelliere an Ihre Verantwortung gegenüber den Bürgern, den Patienten. Wir sind ungefähr 60 Medizinstudenten pro Jahrgang, aufgeteilt auf die Universitäten Wien und Innsbruck, allesamt perfekt zweisprachig, die meisten bereits schon vor Universitätsabschluss mit Zweisprachigkeitsprüfung. Dazu kommen noch jene, die in Graz, München oder ganz woanders studieren. Wie können Sie es vor jenen Patienten verantworten, von jemandem untersucht, aufgeklärt und mit einer Diagnose nach Hause geschickt zu werden, der nicht in der Lage ist, ihnen ihre eigene gesundheitliche Situation in ihrer Muttersprache verständlich wiederzugeben? Versetzen Sie sich kurz in die Lage einer Bäuerin aus dem hinteren Langtauferer Tal oder eines Bozner Fabrikarbeiters, der zu seinem Hausarzt pilgern muss, damit ihm dieser den ausschließlich einsprachig verfassten Arztbrief übersetzen kann. Wir sind uns unserer Pflicht bewusst, dass die Zweisprachigkeit in unserem Land untrennbar mit unserem Beruf verbunden ist — und wir wissen auch um die Fahrlässigkeit, die entsteht, wenn man selbige untergräbt.

Mithilfe dieser Notstandsverordnung soll es auch ermöglicht werden, kündigende Ärzte für mindestens sechs Monate an ihre Stelle zu binden — beliebig verlängerbar. Dr Schael, LR Stocker: Ist dies Ihre Art und Weise, Ärzte anzuwerben? Möchten Sie uns so den Arbeitsplatz Südtirol schmackhaft machen: mit Zwang? Wie soll sich der Arztberuf hier noch von moderner Sklaverei unterscheiden?

Wir ziehen in die Welt und sammeln Wissen, Expertise, und würden uns in vielen Fällen wünschen, unsere Talente weiterhin zu fördern, auch nach einer Rückkehr nach Südtirol. All dies brächte eine schon lange nötige Steigerung des Niveaus der Gesundheitsversorgung im ganzen Land — zu Gunsten der Patienten.

Vielfach wird auch die Wissenschaft als “Fluchtgrund” angeführt. Die Forschungsoptionen beschränken sich hier auf die EURAC, ein vom Land finanziertes Forschungsinstitut mit ähnlich viel Unabhängigkeit wie eine Privatuniversität. Es wird nicht möglich sein, ohne universitären Hintergrund denselben wissenschaftlichen Austausch, den Gedankenreichtum und Ideenschatz zu produzieren. Wissenschaft braucht Zeit, Geld, persönliche Aufopferung und ein Umfeld, das fähig ist, all das zu bieten. Südtirol ist keine Metropole, hat nicht die humanen Ressourcen für einen florierenden Wissenschaftsstandpunkt. Warum wird nicht die Zusammenarbeit mit der Medizinischen Universität Innsbruck gefördert, die Vorstellung einer Wissenschaftsteilzeit in Betracht gezogen?

Zu all dem kommt eine absurd überbordende Bürokratie, wie sie nur sehr schwer woanders zu finden ist. Alle Krankenhäuser (außer Meran und Schlanders) haben unterschiedliche IT-Systeme, die Vernetzung mit den Hausärzten wird zwar versucht aber hakt.

Wie möchten Sie uns dazu bewegen, in ein Land zurückzukommen, in dem Menschen, die aus Leidenschaft Arzt wurden, ihren Beruf nur mehr lieben, weil sie in die Privatwirtschaft gingen, während ihre ebenso leidenschaftlichen Kollegen sich demotiviert durch die Woche hangeln? In ein Land, in dem ein Hausarzt nicht mehr als Notarzt fungieren darf, obwohl die nächste Einsatzstelle 50km weit entfernt ist? Ein Land, in dem grenzübergreifende Zusammenarbeit gestrichen wird, damit Sie sich profilieren können? In ein Land, das plant, kündigende Ärzte per Notstandverordnung noch mindestens für sechs weitere Monate in den Dienst zu zwingen? Das Land Südtirol, und somit der Südtiroler Steuerzahler, zahlt die Universitäten Wien und Innsbruck für die Ausbildung von Südtiroler Medizinstudenten. Jeder von uns, der nicht zurückkommt, ist eine verlorene Investition. Aber Ärzte fehlen überall. Wieso sollten wir nach Südtirol zurückkommen, wenn man uns hier nicht unseretwegen will, nicht deshalb, weil man gute Leute haben möchte, sondern einfach weil sonst irgendjemand größeres als ein simpler kleiner Assistenzarzt seinen Kopf herhalten muss? Verantwortung einzugestehen ist nie leicht. Wir übernehmen mit unserem Beruf Verantwortung, die Verantwortung für das Leben anderer – Sie taten das mit Ihrer Berufswahl auch.

Wie wäre es damit, unsere Krankenhäuser wieder auf das Niveau zu bringen, das Südtiroler Medizinstudenten eine Ausbildung ermöglicht? Wie wäre es damit, den Arbeitsplatz Südtirol attraktiv zu machen, anstatt die Sanität ewig weiter im politischen Sumpf versinken zu lassen? Wie wäre es damit, mal kurz daran zu denken, warum zweisprachige Südtiroler Medizinstudenten meiner Generation nicht zurückkommen bzw. kaum zurückkommen können, obwohl wir gerne würden? Wie wäre es damit, das Loch zu stopfen, anstatt oben lächelnd Wasser reinzuschütten?

Wir sind per Eid dem Wohl unserer Patienten verpflichtet, und zwar jenes konkreten Patienten, der gerade vor uns sitzt. Wir schwören jedoch keinen Eid auf den Erhalt eines maroden Systems auf alle Kosten — auf Kosten unserer eigenen Gesundheit und auf Kosten derer unserer Patienten. Herr Dr Schael, Frau LR Stocker: konzentrieren Sie sich auf die eigentliche Baustelle. Flickenteppiche halten nie lange.

Neben Erstunterzeichnerin Elisa Reiterer aus Meran unterschrieben weitere 158 (angehende) Ärztinnen den Brief.

Siehe auch:

Bürokratismus Comparatio Gesundheit Plurilinguismo Politik Service Public Soziales Wirtschaft+Finanzen Wissenschaft Zentralismus | Bilinguismo negato | Martha Stocker | | Südtirol/o | Eurac Sabes | Deutsch

Gesundheit oder Zweisprachigkeit.
Abwicklung eines Grundrechts

Rund ein Viertel der Ärztinnen, die im Südtiroler Gesundheitsbetrieb tätig sind, haben keinen Zweisprachigkeitsnachweis und sind demnach nicht imstande, das Recht auf Muttersprache zu gewährleisten — in einem Kontext, in dem Menschen besonders schwach und verletzlich sind.

Nun erfährt man vom Generaldirektor ebendieses Betriebs, Thomas Schael, dass man nicht etwa versucht, dieses Problem in den Griff zu bekommen — sondern vielmehr, dass beabsichtigt wird, massiv weitere einsprachige Ärztinnen einzustellen. Die Losung lautet, dass »Gesundheit vor Zweisprachigkeit« geht, doch dahinter versteckt sich die Abwicklung eines Grundrechts, das die Existenzgrundlage unserer Autonomie darstellt.

In Wirklichkeit ist »Gesundheit ohne Zweisprachigkeit« in einem Land wie dem unserem kaum menschenwürdig hinzubekommen. Auch in der »Strategy for the National Languages of Finland« wird zum Beispiel ausdrücklich darauf hingewiesen, dass besonders im Sicherheits- und Gesundheitsbereich — als zentrale Bereiche des menschlichen Lebens — auf ausreichende Kenntnis beider Amtssprachen zu achten sei.

In Südtirol ist leider das genaue Gegenteil der Fall:

  • Laut Astat-Sprachbarometer von 2014 wurde den Südtirolerinnen am häufigsten im Gesundheitswesen (26,9%) das Recht auf Gebrauch der Muttersprache verweigert, dicht gefolgt von den Carabinieri (26,2%). An dritter Stelle folgt Polizei (18,2%). Gesundheit und Sicherheit.
  • Die Zweisprachigkeitspflicht gilt oft gerade dort nicht — oder wird dort missachtet — wo es sprichwörtlich »um Leben und Tod« geht: Bei den Packungsbeilagen von Medikamenten, dem Hinweis auf Gifte und sonstige Lebensgefahren sowie bei der Etikettierung von Lebensmitteln, einschließlich Informationen für Allergikerinnen.

Und jetzt werden wir uns wohl auf eine weitere Verschlechterung im öffentlichen, von uns allen finanzierten Gesundheitswesen einstellen müssen. Schon bald könnte es sein, dass wir für ein psychologisches Gespräch (um einen Bereich zu nennen, wo sprachlichen Nuancen eine besonders große Wichtigkeit zukommt) in der eigenen Muttersprache privat bezahlen müssen.

Siehe auch:

Discriminaziun Gesundheit Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik Service Public Sprachpfusch Vorzeigeautonomie | Packungsbeilagen Sprachbarometer | | | Finnland-Suomi Südtirol/o | Astat Carabinieri Sabes SVP | Deutsch

PISA 2015: Südtirol im Vergleich.

Heute wurden von der OECD die Ergebnisse der neuen PISA-Studie (2015) veröffentlicht. Südtirol schnitt im Vergleich mit umliegenden Staaten sowie dem Trentino wiederum gut ab. Unser Land liegt in den drei analysierten Kompetenzbereichen über dem OECD-Durchschnitt sowie über den Werten von Österreich und Italien, wobei die Schulen mit deutscher Unterrichtssprache durchwegs bessere Ergebnisse erzielen konnten, als jene der ladinischen Ortschaften und jene mit italienischer Unterrichtssprache (in dieser Reihenfolge).

Hier die Ergebnisse für Südtirol und umliegende Länder. An erster Stelle jeweils das europäische Land mit der höchsten Punktezahl.

*) einschließlich Südtirol und Trentino

Siehe auch:

Bildung Comparatio Scola Service Public Umfrage+Statistik Wissenschaft | Good News | | | Deutschland Finnland-Suomi Italy Österreich Südtirol/o Svizra Trentino | EU OECD | Deutsch

Post: Zahlen, damit alles gleich bleibt?

Das Mailänder Abkommen ist ein Phänomen: Der Abschnitt, der den Anteil des Landes am Steuerkuchen definieren sollte, wurde vom Zentralstaat einfach ignoriert und musste durch ein neues Finanzabkommen — de facto eine Verzichterklärung — ersetzt werden.

Jener Teil hingegen, der es dem Land erlaubt, für den Staat in die Bresche zu springen und Leistungen zu finanzieren, deren Zuständigkeit in Rom bleibt, ist nach wie vor lebendig. So dürfen wir das (staatliche) Gefängnis finanzieren, für den lombardischen Teil des Nationalparks Stilfser Joch zahlen oder Rai Südtirol aufpäppeln — ohne dass dem Land im Gegenzug maßgebliche Kompetenzen übertragen worden wären. Für die Lehrerinnen (die weiterhin Staatsangestellte bleiben) und die Staatsstraßen (die nicht in den materiellen Besitz des Landes übergegangen sind) zahlen wir schon länger.

Und nun kommt eine weitere großartige »Finanzierungskompetenz« dazu: die Post. Wie unterschiedliche Medien übereinstimmend berichten, will das Land Südtirol dem ehemaligen Staatskoloss mit 10 Millionen Euro jährlich unter die Arme greifen — damit alles so bleibt, wie es schon war. Es sollen keine weiteren Filialen geschlossen werden und der Dienst soll (anders, als von der italienischen Post geplant) mindestens fünf Zustellungstage pro Woche erhalten bleiben. Etwas, was laut Europäischem Parlament normal sein sollte. Darüberhinaus soll es vielleicht auch wieder ein Verteilerzentrum in Bozen geben. Wie früher.

Dass dem Land Gesetzgebungsbefugnisse im Postwesen übertragen werden, ist genausowenig geplant, wie der Übergang des Personals ans Land. Wäre aber schön, wenn die Landesregierung wenigstens darauf pochen würde, dass die geltenden Autonomiebestimmungen (Zwei- und Dreisprachigkeit) eingehalten werden, wenn schon weder Gerichte noch das Regierungskommissariat dafür sorgen. Vielleicht kann man gar erreichen, dass die Post auch wieder Post (und nicht einsprachig Poste Italiane) heißt.

Wenn man sich ansieht, wie wenig sich an der Einsprachigkeit von Trenitalia geändert hat, seit das Land im Lokalverkehr als Auftraggeber auftritt, merkt man, dass selbst die Erreichung dieses Minimalziels alles andere als selbstverständlich ist.


Ob wenigstens ein Gedanke daran verschwendet wurde, was man in Zusammenarbeit mit der bereits von sich aus mehrsprachigen (und effizienteren, ça va sans dire) Schweizer Post umsetzen könnte, wenn man ihr den Einstieg in den Südtiroler Markt jährlich mit 10 Millionen Euro versüßen würde? Aber selbstverständlich gibt das Mailänder Abkommen sowas nicht her.

Siehe auch:

Föderal+Regional Medien Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik Postdienst Recht Staat vs Land Verbraucherinnen Vorzeigeautonomie Wirtschaft+Finanzen Zentralismus Zuständigkeiten | Finanzabkommen 2014 | | | Italy Lombardia Südtirol/o Svizra | | Deutsch

Digitalisierung killt Zweisprachigkeit.

Vor rund einem Monat war — nicht ohne Startschwierigkeiten — die Regierungswebseite online gegangen, über die man den sogenannten Kulturbonus beantragen kann. Wie bereits festgestellt, ist dort von Mehrsprachigkeit keine Spur, obschon Italien laut eigener Verfassung (Art. 6) eigentlich die Minderheiten schützt.

In der Folge habe ich mich auch an das Regierungskommissariat in Bozen gewandt, welches ja den Auftrag hätte, über die Einhaltung der Zweisprachigkeitspflicht zu achten. Dort sieht man jedoch keinen Handlungsbedarf, da die Webseiten www.18app.italia.it und www.spid.gov.it

von den Internetportalen gesamtstaatlicher Institutionen [abhängen], von denen sie auch verwaltet werden, nämlich das Ministerratspräsidium und die Agentur für das digitale Italien (Agenzia per l’Italia digitale).

— aus der Antwort des Regierungskommissariats

Diese Begründung und diese restriktive Auslegung bedeutet freilich, dass die Zweisprachigkeitspflicht mit fortschreitender Digitalisierung der Behörden drastisch abnehmen wird, womit die SüdtirolerInnen eines ihrer grundlegendsten Minderheitenschutzrechte verlieren. Analoge öffentliche Dienstleistungen benötig(t)en zumeist eine Anlaufstelle im Lande, die somit der Pflicht unterliegt bzw. unterlag, die Muttersprache der Bürgerinnen zu gebrauchen. In Hinkunft wird dies immer weniger der Fall sein.

Siehe auch:  

Discriminaziun Grundrechte Minderheitenschutz Plurilinguismo Recht Service Public Sprachpfusch Vorzeigeautonomie | Bilinguismo negato Italianizzazione Zitać | | | Südtirol/o | Regierungskommissariat | Deutsch

Dialoge des Wahnsinns.
Eine Tragikomödie in fünf Akten

Fest hatte ich mir vorgenommen, im vierten Jahr meiner Steuererklärung in Südtirol ist doch Italien alles richtig zu machen. Ich bin grandios gescheitert. Es folgt die Tragödie meiner Steuererklärung 2016, die entweder meine eigene Blödheit oder die Hirnrissigkeit eines unvorstellbar bürokratischen Apparates offenbart.

1. Akt
19. Mai 2016 – Büro der Gewerkschaft, Brixen

Auftritt Harald nach einer Stunde Wartezeit.
Ich: Ich würde gerne meine Steuererklärung machen.
Frau: Kein Problem. Machen wir ein Modell (sic!) 730.

Eine dreiviertel Stunde später.
Frau: Ist das ein ausländisches Konto?
Ich: Ja. Ich habe mein Konto bei einer Nordtiroler Bank.
Frau: Das geht nicht mit dem 730er.
Ich: Was machen wir dann?
Frau: Sie brauchen ein Unico.
Ich: Können Sie mir das auch machen, was immer das ist?
Frau: Ja, aber nicht jetzt. Da müssen Sie ab Juli wiederkommen. Eilt nicht. Sie haben bis Ende des Jahres Zeit.
Ich: Mit genau den Unterlagen, die ich jetzt schon mit habe?
Frau: Ja.
Ich: Ok.
Frau: Das macht 60 Euro für das 730er, bitte.

 

2. Akt
4. Oktober 2016 – Büro der Gewerkschaft, Brixen

Auftritt Harald nach fünf Minuten Wartezeit.
Ich: Ich müsste bitte eine Unico-Erklärung machen. Die EEVE und das Ansuchen um das regionale Familiengeld würd ich auch gleich machen lassen.
Frau: Da sind Sie zu spät. Da wäre gestern der letzte Tag gewesen.
Ich: Mir hat man hier bei der Gewerkschaft im Mai gesagt, dass ich für die Unico-Erklärung bis zum Jahresende Zeit hätte.
Frau: Ja, schon. Aber seit gestern müssen Sie 25 Euro Strafe zahlen.
Ich: Im Ernst?
Frau: Ja, leider.

Nach einer halben Stunde angestrengter Arbeit.
Frau: In Österreich ist das bestimmt nicht so kompliziert, oder?
Ich: Nicht wirklich. Ich hab meine Erklärung immer selbst online gemacht. Dauert zwanzig Minuten und ist gratis. Und um Familiengeld muss man auch nicht ansuchen. Schon gar nicht jährlich. Das geht alles automatisch. Die Verwaltung prüft einfach die Voraussetzungen und zahlt das Geld aus.
Frau: Es ist verrückt. Wollen Sie ein Zuckerle, es wird noch etwas dauern?
Ich: Nein, danke.

Gefühlte tausend Kopien und Ausdrucke später.
Frau: Jetzt haben wir eine Stunde gebraucht. Danach brauche ich einen Kaffee.
Ich: Ich bin ganz entspannt.
Frau: Ok. Das war’s. Hier ihr Unico, ihre EEVE und das Ansuchen um das regionale Familiengeld. Und mit diesen drei Zetteln müssen Sie in eine Bank. Einmal die Strafe von 25 Euro, einmal die Zahlungen für die ausländischen Konten und einmal die Vorauszahlung für das kommende Jahr.
Ich: Irgendeine Bank?
Frau: Ja.
Ich: Und was sind das für Zettel?
Frau: Die sind von der Agentur der Einnahmen. Zwei Rückzahlungen. Damit müssen Sie zur Post und bekommen das Geld. Sie sind der einzige, den ich kenne, der etwas rausbekommt. Normalerweise muss man immer nachzahlen (lacht).
Ich: Ich gehe also zur Post, hole mir die Rückzahlung und gehe damit zur Bank um dieses Geld als Vorauszahlung wieder einzuzahlen?
Frau: Ja. Dann bekomm ich noch zehn Euro für das Unico, bitte.
Ich: Das ist aber kein sehr guter Stundenlohn für Sie. Auf Wiedersehen.

 

3. Akt
4. Oktober 2016 – Postfiliale Brixen

Nummer F072 wird aufgerufen.
Ich: Können Sie mir bitte diese Steuerrückzahlung auszahlen.
Mann: Die Frist für diese Auszahlung ist gestern abgelaufen.
Ich: Wie abgelaufen?
Mann: Die Frist war der 3. Oktober. Sie müssen zur Agentur der Einnahmen gehen und die Auszahlung neu anfordern.
Ich: Ok. Was soll’s. Der Vormittag ist eh schon futsch.

 

4. Akt
4. Oktober 2016 – Sparkassenfiliale Brixen

Ich: Ich würde gerne diese Einzahlungen machen.

Harald händigt die drei Zettel aus, die er auf der Gewerkschaft bekommen hat.
Frau: Sind Sie Kunde bei uns?
Ich: Nein.
Frau: Das machen wir nur für Kunden.
Ich: Was soll ich dann tun?
Frau: Gehen Sie einfach zu Ihrer Bank. Die machen das für Sie.
Ich: Ich habe keine Bank in Südtirol.
Frau: Wie?
Ich: Mein Konto ist in Nordtirol. Die werden diese Einzahlungen wohl nicht vornehmen können.
Frau: Ich denke nicht. Dann muss ich Sie halt bei uns anlegen. Haben Sie Ihre Steuernummer und einen Ausweis dabei?
Ich: Hier, bittesehr.
Frau: So. Jetzt sind Sie bei uns registriert. Jetzt können wir das verbuchen. Macht dann 170,67 Euro, bitte.

Harald streckt seine Bankomatkarte über den Schalter.
Frau: Das geht nicht. Sie müssen bar bezahlen.
Ich: Ich habe jetzt nicht so viel Geld. Ich hole welches bei Ihrem Bankomaten im Foyer und bringe es dann hierher.
Frau: In Ordnung

Harald kehrt vom Bankomaten zurück.
Ich: Hier, bittesehr.
Frau: Danke. Bitte diese Bestätigungen gut aufbewahren, sonst könnten Sie Probleme bekommen. Könnte ich vorsichtshalber noch Ihre Telefonnummer haben?
Ich: 349 xxx xxxx
Frau: Danke. Schönen Tag.
Ich: Das wird sich wohl nicht mehr ausgehen heute mit dem schönen Tag.

 

5. Akt
4. Oktober 2016 – Agentur der Einnahmen, Brixen

Frau: Was hätten Sie gebraucht?
Ich: Könnten Sie mir bitte diese Auszahlungsbescheide erneuern. Die sind abgelaufen.
Frau: Das geht leider nicht. Das wird jetzt übertragen. Sie müssen warten, bis Sie neue Bescheide bekommen.
Ich: Aber die sind doch von Ihnen. Agentur der Einnahmen.
Frau: Ja. Aber das kann nur “Grande Fratello” in Rom.
Ich: Was soll ich dann tun?
Frau: Einfach warten. Oh, die sind gestern abgelaufen. Das kann dann etwas dauern. Aber warum machen Sie das überhaupt über die Post? Warum geben Sie mir nicht einfach Ihre IBAN?
Ich: Geht das auch? AT79 xxx xxx xxx xxx.
Frau: Achso. Das ist eine ausländische IBAN. Das geht dann natürlich nicht. Sie müssen also doch auf die Bescheide per Post warten.
Ich: Ok.
Frau: Sie müssen nur aufpassen, dass Sie die Frist nicht ein zweites Mal versäumen. Denn dann müssten Sie gesondert um Auszahlung ansuchen und das wird kompliziert.
Ich: Was Sie nicht sagen.

 

Epilog
4. Oktober 2016 – Südtiroler Sanitätsbetrieb, Brixen

Ich: Hier ist meine EEVE. Könnten Sie mir nachschauen, ob meine Kinder Anspruch auf Ticketbefreiung (sic!) haben?
Frau: Ich brauche die Steuererklärung.
Ich: Moment. Hier bitte!
Frau: Was war denn Ihr Bruttofamilieneinkommen 2015?
Ich: Das weiß ich nicht auswendig. Das müsste doch in der Steuererklärung stehen.
Frau: Sie liegen mit Ihrem Einkommen ein paar Hundert Euro über dem Grenzwert. Tut mir leid.
Ich: Vielen Dank. Auf Wiedersehen.

Siehe auch:    

Bürokratismus Comparatio Gewerkschaften Service Public Verbraucherinnen Wirtschaft+Finanzen | | | | | EU Euregio Sabes | Deutsch

Hallo, Polizei?

Ich habe sowohl nördlich als auch südlich des Brenners als Journalist bei Zeitungen gearbeitet. Dabei ist mir der in erster Linie der unterschiedliche Umgang mit Persönlichkeitsrechten aufgefallen. Im Gegensatz zu Nordtirol stehen in Südtirol Unfallopfer, Verbrechensopfer, Tatverdächtige und mitunter sogar Zeugen mit vollem Namen in der Zeitung. Eine zutiefst unwürdige Praxis, die ich schon mehrfach angeprangert habe. Ein weiteres Kapitel für sich ist die Abwicklung der so genannten “schwarzen Chronik” (Unfälle, Kriminalität und dergleichen).

In Nordtirol funktioniert das so: Es gibt eine zentrale, bei der Landespolizeidirektion angesiedelte Pressestelle. Dort werden sämtliche Ereignisse, bei denen Einsatzkräfte (Bergrettung, Feuerwehr, Polizei, Rotes Kreuz usw.) involviert waren, gesammelt und entsprechende Mitteilungen mehrmals täglich an die Medien versandt. Es gibt einen Leiter und fünf Pressesprecher. (Ein Amt, dessen Wichtigkeit jedem spätestens seit dem souveränen Auftritt von Marcus da Gloria Martins im Zuge des Amoklaufes in München bewusst sein dürfte.) Die Meldungen sind natürlich auch auf der Webseite der LPD abrufbar.

Verkehrsunfall mit Verletzten auf der B 179 in Nassereith

Ein 63-jähriger deutscher StA kam am 17.09.2016 gegen 08:25 Uhr mit seinem PKW auf der regennassen Fahrbahn der B 179 in Nassereith ins Schleudern und geriet über den talseitigen Fahrbahnrand hinaus. Das Fahrzeug stürzte – sich einmal überschlagend – über die Straßenböschung und kam ca fünf Meter tiefer auf der dortigen Gemeindestraße auf den Rädern zum Stillstand. Der Lenker und drei weitere Fahrzeuginsassen (alles deutsche StA – 79, 59 und 57 Jahre) wurden bei diesem Unfall unbestimmten Grades verletzt und in die Krankenhäuser nach Garmisch-Partenkirchen und Zams eingeliefert. Am Fahrzeug entstand schwerer Sachschaden.

Bearbeitende Dienststelle: PI Nassereith (BPK Imst)
TelNr: 059133 7103

Presseaussendung
vom 17.09.2016, 14:56 Uhr

Reaktionen bitte an Die Redaktion

Diese Praxis hat zur Folge, dass sich die Einsatzkräfte auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren können und nicht dauernd von Journalisten behelligt werden, da in einem Großteil der Fälle die Pressemeldung ausreichend ist, um über ein Chronik-Ereignis wie einen gewöhnlichen Verkehrsunfall berichten zu können. Die LPD informiert somit auch alle Medien im Lande gleichberechtigt und es ist sichergestellt, dass ausschließlich offizielle polizeiliche Meldungen und nicht die bisweilen divergierenden, individuellen Darstellungen Einzelner an die Öffentlichkeit gelangen. Sollte es dennoch offene Fragen geben, steht meist auch die Kontaktnummer der bearbeitenden Dienststelle dabei.

Daneben gibt es eine auf Blaulichteinsätze diverser Einsatzorganisationen spezialisierte Bild- und Nachrichtenagentur, über die man Fotos von Unfällen, Bränden usw. beziehen kann. Die Journalisten können sich dadurch auf ihr Kerngeschäft, die Recherchearbeit, anstatt auf schiere Dokumentation tragischer Ereignisse fokusieren.

Wechsel nach Südtirol: Hier machen die Redaktionen – und zwar alle Redaktionen – mehrmals täglich einen Rundruf – bei Carabinieri, Staatspolizei, Stadtpolizei, Finanzern, Weißes Kreuz usw. “Hab ihr was für uns?”, “Ist etwas Besonderes passiert?” “Stimmt das, dass es eine Körperverletzung gegeben hat?” Der einmal mehr, einmal weniger auskunftsfreudige Beamte erzählt dem Journalisten – und zwar jedem Journalisten – dann die Geschichte. Wohl immer ein klein wenig anders. Mitunter müssen mehrere Dienststellen durchtelefoniert werden, um die ganzen Details zu erfahren. Es gibt nämlich eine große Konkurrenz zwischen den Einsatzkräften, die auch sehr darauf erpicht sind, vollzählig genannt zu werden. Alles in allem ein sagenhaft ineffizientes und unprofessionelles Prozedere, das auf beiden Seiten wichtige Ressourcen bindet, die viel sinnvoller eingesetzt werden könnten. Zuguterletzt müssen in vielen Redaktionen am Land die Journalisten im Falle eines Brandes oder Unfalls dann auch noch ins Auto springen, um ein Foto von der Szenerie zu ergattern.

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