Was in Euskadi vorgeht.

Angesichts der jüngsten ETA-Attentate in Spanien und auf den Balearen möchte ich hier einige Hintergrundinformationen bereitstellen, die vielleicht zu einem besseren Verständnis der aktuellen Lage in Euskadi beitragen können. Ich will jedoch ausdrücklich unterstreichen, dass ich (a) keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann, weil ich die Sachlage nicht bis ins kleinste Detail kenne und vor allem (b), dass ich jede Form von Gewalt zur Lösung politischer Konflikte aufs Entschiedenste und Schärfste verurteile. Alles, was die Strategie der ETA auf irgendeine Weise »erklären« kann, soll und darf nicht als Rechtfertigung verstanden werden.


Juan José Ibarretxe (lies: Ibarretsche), der ehemalige Lehendakari (baskische Präsident) hatte vor einigen Monaten einen ehrgeizigen, aber strikt demokratischen Zeitplan für ein Unabhängigkeits-Referendum vorgelegt. Er gehört der christdemokratischen baskischen EAJ/PNV an, der übrigens kein Nahverhältnis zur ETA vorgeworfen werden kann. Die Aushandlung eines endgültigen Waffenstillstands der ETA war unverzichtbarer Teil des Plans.

Kurz vor den Wahlen zum baskischen Parlament, die am 1. März laufenden Jahres stattgefunden haben, verbot das spanische Verfassungsgericht zwei Parteien, die bereits die nötigen Unterschriften gesammelt hatten und von den zuständigen Wahlgremien zugelassen worden waren. Dabei handelt es sich um Askartasuna sowie um D3M (»Demokratie 3 Millionen«), welche beide der sogenannten ezkerra abertzale, der revolutionären, unabhängigkeitswilligen Linken zuzurechnen sind. Einer breiten Schicht der baskischen Bevölkerung kam so von einem Tag auf den nächsten ihr politischer Bezugspunkt abhanden – und zum ersten Mal seit Francisco Franco stand damit keine abertzale Partei zur Wahl.

Ideologisch und politisch ist die ezkerra abertzale der ETA sehr nahe.  Auf das Verbot hin rief D3M ihre Sympathisanten zur ungültigen Wahl auf, indem sie die Partei einfach trotzdem wählen sollten — was aufgrund des spanischen Wahlsystems möglich ist. Bei den Parlamentswahlen gab es dann rund 100.000 ungültige Wahlzettel. Zum Vergleich: Bei vorhergehenden Wahlen waren es noch 4.000 gewesen. Dies lässt auf 6 oder 7 Sitze für D3M (von 75 im basikschen Parlament) schließen. Dabei ist jedoch noch nicht berücksichtigt, dass Wählerstromanalysen zufolge nicht wenige Abertzales für Ibarretxes EAJ/PNV gestimmt haben oder zu Hause geblieben sind.

Obwohl EAJ/PNV mit 38,5% der Wählerstimmen die größte Fraktion im baskischen Parlament stellt, wurde sie von allen Koalitionsverhandlungen von vornherein ausgeklammert. Das Spiel machten die rechtskonservative Volkspartei (Partido Popular) und Zapateros PSE-PSOE (Partido Socialista de Euskadi) unter sich aus. Mit Duldung der Konservativen stellt der PSE mit Patxi López nun zum ersten Mal den Lehendakari — und eine Minderheitsregierung. Die spanientreuen Parteien haben also dafür gesorgt, dass EAJ/PNV zum ersten Mal seit der spanischen Demokratisierung aus der baskischen Regierung ausgeschlossen wurde, was freilich ohne das Verbot der ezkerra abertzale nicht gelungen wäre.

Die ersten hundert Tage der aus dem Abkommen von Konservativen und Sozialisten hervorgegangenen Regierung waren vor allem von Symbolik geprägt. So hängt jetzt zum ersten Mal eine spanische Flagge am Regierungssitz des Lehendakari. Sogar die Landkarte Euskadis im landeseigenen Fernsehen ETB musste dran glauben: Sie wurde auf die Grenzen der offiziellen Region Baskenland zurechtgestutzt — ohne Nafarroa und ohne den französischen Teil des Baskenlandes*.

Die jüngsten Entwicklungen in Spanien und dem Baskenland sind also auch in diesem Lichte zu betrachten. Wäre all dies geschehen, wenn sich der Zentralstaat und die ihm treuen Parteien nicht vor der Meinung der baskischen Bevölkerung gefürchtet hätten? Und — falls dies der Grund für diese »Verschwörung« war: Hat man dann nicht mit allen Mitteln dafür gesorgt, dass dem (mutmaßlichen) Willen der Bevölkerung nicht entsprochen wird, ja, dass er nicht einmal demokratisch ausgedrückt werden kann?

*) Zum Vergleich: Das katalanische Fernsehen berücksichtigt bei Einblendungen das gesamte »katalanische« Gebiet, einschließlich València, den Balearen, Nordkatalonien (Frankreich) und L’Alguer/Alghero (Sardinien).

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Sprachliche Integration.

Am Sonntag ist die Tagesschau — mit mäßigem Erfolg — der Frage nachgegangen, warum in Bozen viele Bars von chinesischen Mitbürgern übernommen werden. Die Antwort darauf halte ich nicht wirklich für relevant; mich freut es, wenn Zuwanderer (auch, aber nicht nur) dort weitermachen, wo Einheimische nicht mehr mögen. In diesem speziellen Fall bewahren sie die Landeshauptstadt vor einem weitgehenden Lokalsterben.

Im erwähnten Bericht wurde ein Chinese auf Deutsch befragt — und eher beiläufig die (wohl übertriebene) Bemerkung gemacht, es handle sich um den wahrscheinlich einzigen Chinesen in Südtirol, der Deutsch spricht. Warum er die deutsche Sprache beherrscht: Seinen eigenen Angaben zufolge, weil er mehrere Jahre in Berlin gearbeitet hat! Der Chronist schien nicht verwundert, dass andere Chinesen — in Südtirol selbst — angeblich nicht Deutsch lernen.

Dabei sollten da bei wirklich jedem Südtiroler die Alarmglocken schrillen. Wir scheinen weder aus der Erfahrung anderer Länder, noch aus unserer eigenen Vergangenheit gelernt zu haben — als wir über Jahrzehnte verabsäumt haben, die Integration zwischen den Sprachgruppen zu fördern. Aufgrund der Rahmenbedingungen und der heiklen Vorgeschichte war dies vielleicht nicht immer leicht. Doch im Sinne eines funktionierenden gesellschaftlichen Zusammenhalts und einer altruistischen Aufnahmekultur wären wir jetzt umso mehr verpflichtet, den neuen Südtirolern die bestmögliche sprachliche Integration anzubieten.

Wir haben die einmalige Chance, die Zuwanderer zu einem Bindeglied zwischen den Sprachgruppen zu machen. Schaffen wir das nicht, tragen wir im Gegenteil dazu bei, die Gesellschaft weiter aufzusplittern, schlimmstenfalls weitere Parallelgesellschaften entstehen zu lassen und die Ausländer somit zu neuen, ahnungslosen Opfern eines geteilten Landes zu machen.

Es liegt an der Politik, aber auch an jedem von uns — indem wir den Zuwanderern die Gelegenheit geben, alle drei Landessprachen zu sprechen.

Kohäsion+Inklusion Migraziun Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik | | | Rai | | |

Bürgerwehren? Nein, danke.

Kaum sind die Bürgerwehren Gesetz, ist in Bozen auch schon ein Streit darum entbrannt. Weil Bürgermeister Spagnolli nicht von vorneherein ausschließt, die Zusammenarbeit solcher Gruppen in Anspruch zu nehmen, drohen die Ökosozialen mit einer frühzeitigen Beendigung der Gemeinderatskoalition. Völlig zu recht wie ich finde, denn Südtirol sollte sich nicht mit polizeiähnlichen Strukturen ausstatten, die einer Bananenrepublik würdig sind.

Neben einer vielfach anmaßenden, überheblichen und bürgerfernen Polizei brauchen wir nicht auch noch private Rambos, die sich als Laien in den Alltag der Bevölkerung einmischen und als Richter über Gut und Böse aufspielen. Erste Erfahrungen in Italien haben bereits gezeigt, dass Bürgerwehren durch Rechtsextreme unterwandert wurden und außer Kontrolle gerieten. Besonders Zuwanderer oder  »nicht Angepasste« haben dann mit Schikanen zu rechnen. Es ist dann zu befürchten, dass sie als verlängerter Arm der Polizei auch gedeckt werden.

Wennschon sollte endlich über die Einrichtung einer professionellen Landespolizei nachgedacht werden, die die staatlichen Ordnungshüter nach und nach ablöst. Damit könnten auf Landesebene bessere Effizienz und — zum Beispiel durch funktionierende Zwei- und Dreisprachigkeit — mehr Bürgernähe gewährleistet werden.

Siehe auch:

Faschismen Plurilinguismo Politik Polizei Sicherheit | | Luigi Spagnolli | | Südtirol/o | | Deutsch

Sprachverbot in der Slowakei.

Die Slowakei hat Anfang Juli ein neues Sprachgesetz verabschiedet, mit dem die mündliche und schriftliche Benützung von Minderheitensprachen in der öffentlichen Verwaltung verboten und der prioritäre Gebrauch des Slowakischen im öffentlichen Raum auch Privaten vorgeschrieben wird.

Ebenfalls verboten sind englische Wörter, für die es ein slowakisches Äquivalent gibt. Wer sich nicht an das neue Gesetz hält, kann mit Strafen in Höhe von 100,- bis 5.000,- Euro belegt werden.

Diese Änderung der Gesetzeslage hat in der starken ungarischen Minderheit des Landes (etwa 10% der Gesamtbevölkerung) eine Welle der Empörung ausgelöst. Auch in Ungarn hat der Vorstoß zu deutlichen politischen Reaktionen geführt. Seit 2006 regiert in der Slowakei eine Koalition aus Populisten und Nationalisten.

Alle im ungarischen Parlament vertretenen Parteien fordern das slowakische Parlament auf, das diskriminierende Gesetz zurückzunehmen. Doch aus Pressburg antwortete der slowakische Premierminister, die »Zeiten des ungarischen Königsreiches«, dessen Teil die heutige Slowakei war, seien »vorüber, und die Slowakei wird sich von Budapest nichts diktieren lassen«.

Obwohl beide Staaten Mitglieder der Europäischen Union sind, schweigt die Europäische Kommission bislang in dieser Angelegenheit. Mehrere Abgeordnete forderten, sie möge den diskriminierenden Charakter des Gesetzes deutlich verurteilen.

Quelle: Tribuna.cat

Vermutlich sind das die Minderheitenschutz-Standards der Europäischen Union, auf die Mitglieder der römischen Zentralregierung in Bezug auf Südtirol in regelmäßigen Abständen hinweisen.

Für die Kommission handelt es sich um eine äußerst heikle Angelegenheit, denn die slowakische Norm unterscheidet sich nur in ihrer Härte — nicht aber durch ihren Geist — von der bedauerlichen Sprachpolitik des Gründungsmitglieds Frankreich.

Discriminaziun Medien Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik Recht | | | | | EU |

»Revolutionäres« Nazi-Blog.

Neulich ging es mit Forum Alto Adige um ein neofaschistisches Blog. Seit Ende Juli haben wir es auch noch mit einem unverhohlen nationalsozialistisch orientierten Blog zu tun. Es heißt »Freie Revolution« und lässt an seiner Ausrichtung (Eigendefinition: »völkisch, sozialistisch, revolutionär«) kaum Zweifel aufkommen. Wenn doch, dann reichen Beiträge wie folgender völlig aus, um auch die allerletzten Unsicherheiten zu beseitigen:

Der Nationalismus trägt als Kern den Gedanken von der Gleichwertigkeit sämtlicher Volksgenossen und ist somit zutiefst sozialistisch. Zudem liegt jeglichem Nationalisten der Wille zum sozialen Erhalt seiner Gemeinschaft und seines Volkes zugrunde. Er stellt das Kollektiv weit über das Kapital und ist somit antikapitalistisch. Der Sozialismus hingegen funktioniert aus rein praktischen gründen [sic] nur auf nationaler Basis, da jede Gemeinschaft zweierlei Grundsätze inne hat. Eine ein- und eine ausschließende Position.
Der globale One-World-Sozialismus im Sinne eines Theoretischen Marxismus muss deshalb um einschließende Positionen zu entwickeln sein kompletes [sic] System auf Gleichschaltung und Zerstörung des Pluralismus errichten. Systemgegner werden ausgeschalten [sic], damit die Gemeinschaft sich politisch einen kann bzw. muss. Aber somit fällt der ausschließende Grundsatz vollkommen weg. Der Mensch geht zugrunde innerhalb einer riesigen Gemeinschaft, in der er allem Anschein nach keinerlei Individualrechte besitzt. Das System brökelt [sic]. Innerhalb einer völkischen Form von Sozialismus besteht jedoch bereits ein Bindeglied sämtlicher Personen. Die völkische Gemeinsamkeit bestehend aus Kultur, Abstammung und einem Wertesystem. Um diese Vorausetzung zu erfüllen muss das nationale System logischerweise auf einer homogenen Basis errichtet sein.

Wohin eine Ideologie führt, deren Grundlage die »Homogenität« (als Synonym für Reinheit) der Gesellschaft ist, wissen wir aus dem Geschichtsunterricht. Es ist zutiefst beunruhigend, mit welcher Selbstverständlichkeit hierzulande in letzter Zeit revisionistische und totalitäre Positionen gedeihen.

Faschismen Medien Politik | | | | | |

Die Eccli-Posse.

Da hat die »weltbeste« Autonomie (mit Zuständigkeit im Schulbereich) Herrn Ivan Eccli als italienischen Schulamtsleiter vorgeschlagen. Der wird jedoch im fernen Rom nicht goutiert, wo die Zentralregierung sogar ablehnt, dies zu begründen.

Ein Trauerspiel in viel zu vielen Akten. Der bisher letzte: Landeshauptmann Luis Durnwalder (SVP) fordert seinen Landesrat Christian Tommasini (PD) auf, den Schwanz einzuziehen und einen neuen Namen zu nennen — obgleich die italienische Schule in Südtirol geschlossen hinter Eccli steht. Der Landesrat tut gut daran, nicht zu kuschen, sondern auf den Mann zu bestehen, der für unsere Schule am besten ist. begrüßt dies.

Bildung Politik Scola Staat vs Land Vorzeigeautonomie Zentralismus Zuständigkeiten | | Christian Tommasini Luis Durnwalder | | Südtirol/o | PD&Co. SVP | Deutsch

Schottlands Unabhängigkeit »unausweichlich«.

Interview der katalanischen Tageszeitung »El Punt« mit dem schottischen Minister für Unternehmen, Energie und Tourismus.

Als Minister der sozialdemokratischen SNP ist Jim Mather überzeugt, dass die beste Lösung für Schottlands politische und wirtschaftliche Zukunft die Unabhängigkeit ist. Er unterstreicht das Recht der Schotten auf Selbstregierung und vertritt die Ansicht, dass jeder andere Weg ein Zeit- und Geldverlust wäre.

Hier die Übersetzung des Interviews:

El Punt: Die Calman-Kommission empfiehlt zusätzliche Zuständigkeiten für Schottland. Ein Schritt nach vorn?

Mather: Ja, aber es gibt eine viel elegantere Lösung: Die Unabhängigkeit und vollständige Finanzautonomie. Berichte wie der von Calman sind zu komplex und verzögern lediglich das Unausweichliche: Dass Schottland seine Zukunft selbst in die Hand nimmt, indem es unabhängig wird. Im Jahr 2004 empfahl ein ähnlicher Bericht den Steuerföderalismus, doch das war eine zu komplexe und teure Option. Wir haben ein klares Ziel vor Augen: Wir wollen unsere Wirtschaft selbst steuern, um sie effizienter zu machen.

Geht es der schottischen Wirtschaft so schlecht?

Die Zahlen sprechen für sich. Während der letzten 30 Jahre ist Schottland durchschnittlich um 1,8% im Jahr gewachsen, während das übrige Vereinigte Königsreich um 2,3% gewachsen ist, Norwegen um 3,1%, Irland um 5,2%. Es gab Zeiten mit einem noch viel niedrigeren Wachstum. Und einige Gebiete sind deutlich schlechter dran, weil diese 1,8% die sogenannte Finanzrevolution, also die Entdeckung neuer Erdölfelder und den drastischen Ausbau der Technologiebranche, beinhalten. Manche Teile Schottlands haben davon gar nicht profitiert.

Warum?

Wir hatten ein sehr niedriges Wachstum, weil die Kontrolle über die Wirtschaft in London liegt. Wir spielen ein unfaires Spiel, zu viele Entscheidungen werden zentral getroffen. Wir brauchen unseren eigenen Spielraum in Wirtschaftsfragen, um die Bedingungen anzugleichen. Wir wollen Schottland wettbewerbsfähiger machen, die Ressourcen vor Ort einsetzen.
Stellen Sie sich eine Familie mit Kindern vor: Die Kinder gehen zur Schule und wachsen… alles läuft bestens. Doch wenn sie 18 Jahre alt werden, teilen ihnen die Eltern mit, dass sie zu Hause bleiben müssen, dass ihr Gehalt auf das Konto von Vater und Mutter überwiesen wird — diese aber alle Rechnungen für sie bezahlen und ihnen ein gutes monatliches Taschengeld geben werden, mit dem sie all ihre Ausgaben bezahlen können. Welche Auswirkungen hätte dies auf die Kinder? Könnten sie ihr Potenzial voll ausschöpfen? Wären sie starke Menschen und hätten sie ihr Leben in der Hand? Schottland hat die letzten 300 Jahre mit dieser Einschränkung gelebt, und jetzt reicht es uns.

Manche halten ein unabhängiges Schottland für nicht überlebensfähig…

Sie sagen, dass Schottland zu klein, zu arm, vielleicht sogar zu dumm ist, um unabhängig zu sein. Dass es zu ineffizient ist, um alleine zu überleben. Doch die Dummheit liegt klarerweise in diesen Aussagen, Schottland ist bereit für die Unabhängigkeit.

Worin irren sich diese Leute also?

Eines der wenigen Länder der sogenannten Ersten Welt mit eigenen Erdölreserven ist wirtschaftlich nicht überlebensfähig? Wir haben hervorragende Universitäten, hier ist der Liberalismus von Adam Smith entstanden, wir haben 5,1 Millionen Einwohner, die im Informationszeitalter die Weltsprache Englisch sprechen. Und wir sollen nicht überlebensfähig sein? Das ist doch lächerlich, all das sind riesengroße Chancen.

Im Augenblick empfiehlt jedoch die Calman-Kommission, die Verwaltung des Erdöls bei Westminster in London zu lassen.

Das Erdöl ist Teil der schottischen Bodenschätze, und deshalb wollen wir es hier verwalten. Das Problem der Calman-Kommission ist das übliche: Sie verwirft von vornherein die Gelegenheit, unsere Ressourcen selbst zu verwalten und betrachtet die Unabhängigkeit nicht mal als eine von mehreren möglichen Zukunftsoptionen.

Warum tut sie das nicht?

Sie sagen, der Bericht wäre politisiert, wenn er sich mit der Möglichkeit einer Unabhängigkeit beschäftigen würde. Doch er ist gerade deshalb politisiert, weil er sie nicht einmal in Betracht zieht. Nur wenn man alle Optionen analysiert, ergibt dies einen apolitischen, neutralen, vernünftigen Bericht. Sowas kann wohl nur in Schottland geschehen, das hat absolut keinen Sinn. Wie können sie behaupten, dass sie eine objektive Kommission ins Leben rufen, um die Zukunft Schottlands zu analysieren, wenn sie nur die Möglichkeiten überprüfen, die sie von vornherein befürworten? Das ist eine unehrenhafte und beschämende Attitüde.

Die Unternehmerlobby CBI behauptet, die Wirtschaftskrise sei nicht der geeignete Zeitpunkt über mehr Zuständigkeiten oder über die Unabhängigkeit zu philosophieren.

Für die CBI wird der geeignete Moment auch nie kommen, denn sie hat eine sehr britische Perspektive. Wenn wir die wirtschaftlichen Ergebnisse des Landes verbessern wollen gibt es nur einen Weg: Je früher wir die Mechanismen kontrollieren, um es erreichen zu können, je früher wir unabhängig sind, desto besser. Warum sollten wir es hinauszögern?

Laut CBI, weil innerhalb Großbritanniens die besseren Voraussetzungen für Schottland bestehen, um aus der Wirtschaftskrise zu kommen.

Dieses Argument ist von einer unerhörten Arroganz, die typisch ist für manche zentralistische Organisationen in London, einschließlich Westminster. Die Zentralregierung sagt uns: Wir haben euch in diese Krise manövriert, und wir sind die einzigen, die euch da wieder rausholen können. Ich wüsste nicht warum.

Also hat der Unabhängigkeitsanspruch wirtschaftliche Hintergründe?

Der Ursprung des schottischen Separatismus liegt in unseren historischen Ansprüchen und der Wahrung unserer Eigenheiten. Auch wenn dies weiterhin wichtig bleibt, gibt es jetzt auch starke wirtschaftliche Gründe.

Doch zunächst müssen Sie das Referendumsgesetz verabschieden, und dann brauchen Sie noch die Unterstützung von Teilen der Opposition. Wird sich das ausgehen?

Wir haben angeboten, im Referendum eine Option für die Unabhängigkeit und eine mit den Vorschlägen der Calman-Kommission anzubieten, die ja von der Opposition befürwortet werden. Ich denke sie werden einwilligen, denn schlussendlich würden sie ansonsten der schottischen Bevölkerung verwehren, ihre Meinung zu äußern.

Und was denkt diese Bevölkerung Ihrer Meinung nach?

Die Kaufleute, die Arbeiter, die Rentner, alle verstehen dass es unmöglich ist, wirkliche Änderungen herbeizuführen, wenn wir nur den Haushalt verwalten. Ohne einen unabhängigen Entscheidungsspielraum können wir nicht genug unternehmen. Diese Erkenntnis ist bereits auf der Straße angekommen, die Leute reden davon, sehen das Potenzial, vor allem wenn sie den Vergleich mit anderen Ländern dieser Größenordnung wie Norwegen, Dänemark und Finnland ziehen.

Sie scheinen sehr überzeugt von der Unabhängigkeit, mehr als die Katalanen.

In Katalonien wird hervorragend für die katalanischen Ziele gearbeitet, in Schottland für die schottischen. Zusammen können wir eine Kombination sehr starker Ideen darüber erlangen, wie wir vorgehen müssen und wo wir Druck ausüben können, um unsere Ziele zu erreichen.

Sie sprechen von einem Erfahrungsaustausch?

Wir wollen Schottland mit den Menschen in Katalonien oder in Québec in Verbindung setzen. Das ist nur logisch, denn wir verfolgen alle ähnliche Ziele. Wir müssen einen guten Draht zu den großen Staaten dieser Welt haben, aber auch mit jenen Leuten, die uns verstehen.

Vielleicht würde Sie aber Spanien nicht verstehen. Glauben Sie, Spanien würde ein unabhängiges Schottland anerkennen?

Spanien ist wie England ein gutes und großzügiges Land. Wir hoffen auf eine pragmatische und sensible Unterstützung durch den spanischen Staat, was unsere Ansprüche betrifft.

Bis heute hat Spanien jedoch noch nicht einmal Kosovo anerkannt.

Dafür gibt es vielleicht Argumente — doch es ist allgemein eine Tendenz hin zu kleineren Staaten zu beobachten, die mit mehr Autonomie und einer direkteren Kontrolle der Politik ausgestattet sind. Spanien wird Schottland als unabhängiges Land anerkennen und mittelfristig auch ähnliche Entwicklungen im eigenen Land nicht aufhalten können.

Comparatio Medien Politik Wirtschaft+Finanzen | | | | Catalunya Québec Scotland-Alba | |

Italienisches Tourismusportal wieder online.

Die Webseite des italienischen Tourismus — Italia.it — die bereits Abermillionen an Steuergeldern verschluckt hatte, bevor sie zur Gänze aus dem Netz genommen wurde, ist in völlig neuem Outfit wieder da. Auf den ersten Blick lässt sich folgendes feststellen:

  • Das Webdesign ist fad und beschränkt sich großteils auf die Willkommensseite;
  • Klickt man sich durch das Portal, erlebt man ein Misch-Masch an Layouts und Navigationsstilen;
  • Das neue Tourismuslogo ist an Einfallslosigkeit kaum zu überbieten;
  • Die Seite selbst ist die Ultraleichtversion eines Portals, in vielen Bereichen beschränkt sie sich auf die Funktionen einer Suchmaschine, ohne eigene Inhalte anzubieten;
  • An wirklich brauchbare Daten kommt man über die Seite nur im Ausnahmefall. Plant jemand einen Urlaub, wird er hier wohl nicht fündig;
  • Aus prominenter Position grinst MP Berlusconi vom Bildschirm, was vor allem für ausländische Gäste eher abschreckend wirken dürfte*; je besser man Italien als Tourismusdestination vom politischen Italien trennt, desto erfolgreicher dürfte man sein;
  • Die deutschen Übersetzungen sind deutlich besser geworden, es bleiben nur noch wenige holprige Passagen; allerdings ist nur wenig Inhalt überhaupt auf Deutsch verfügbar;
  • Südtirol ist auch in der deutschen Version nur schwer zu finden. Meist ist von »Trentino-Alto Adige« die Rede, selbst die Kartendarstellung ist weitgehend einsprachig oder zweisprachig Italienisch-Englisch; dies kann nicht im Interesse einer effizienten Werbung für unser Land sein.

Wie erwähnt handelt es sich hierbei um einen ersten Eindruck, doch der gibt den Ton an — nirgendwo anders kann der potentielle Gast so schnell von Italien nach Griechenland (oder von Südtirol in die Schweiz) flüchten, wie im Netz. Mein Fazit wie beim ersten Mal: Finger weg, das ist rausgeschmissenes Geld. Nicht nur ist diese Seite kein Ersatz für südtirol.info, sie ist auch in keinster Weise eine Ergänzung.

*) Allerdings immer noch besser, als grüßte die Tourismusministerin die potenziellen Gäste.

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