Früher anders.
Quotation 252

Im friedlichen Nebeneinander der wirtschaftlich blühenden Region sieht Mazza jedoch auch das Risiko eines Ohneeinander. Denn anders als früher ist heute die Kenntnis der jeweils anderen Sprache nicht mehr erforderlich. Gerade auf dem Land bemühen sich viele nicht mehr, Italienisch zu lernen. “Früher brauchte man im Kontakt mit Carabinieri und auf der Post das Italienische, das ist heute anders.”

Aus einem Artikel von Bettina Gabbe über Südtirol, erschienen in der Südwest Presse am 4. Jänner 2016.

Aldo Mazza stammt aus Kalabrien, ist in Kampanien aufgewachsen und lebt in Südtirol. Er ist Mitbegründer des Bozner AlphaBeta-Verlags.

Es ist unglaublich, wie wenig Medien heute in Recherche investieren und wie sehr sie sich auf Meinungen verlassen, die dann — wie in diesem Falle — das Bild eines ganzen Landes verzerren. Erst im letzten Jahr hatten wir einen Beitrag von Barbara Bachmann in der Zeit kritisiert, der in eine ähnliche Kerbe schlug.

Frau Gabbe hätte einen Blick in das Sprachbarometer des Landesstatistikinstituts werfen können, um herauszufinden, dass:

  • die Zweisprachigkeit in Südtirol während der letzten zehn Jahre deutlich zugenommen hat;
  • auch die deutschsprachigen SüdtirolerInnen die italienische Sprache als die wichtigste im Land bezeichnen, was wohl kaum für ein Ohneeinander spricht;
  • die Zweisprachigkeit im Amt sich drastisch und zu Lasten der deutschen Sprache verschlechtert hat, weshalb es nicht stimmt, dass man heute im Kontakt mit Carabinieri und auf der Post das Italienische nicht mehr braucht.

Auch Herrn Mazza würde ein Blick in das umfassende statistische Werk wohl nicht schaden.

Außendarstellung Faktencheck Medien Plurilinguismo Umfrage+Statistik | Sprachbarometer Zitać | | | | | Deutsch

Der Checker.
Quotation 215

È il partito “blu” (Anm.: FPÖ) che venne alla ribalta con il suo leader populista Jörg Haider il quale nel 1986 : tra proteste interne e internazionali — divenne vicecancelliere a fianco del popolare e “nero” Franz Vranitzky.

Toni Visentini, langjähriger Leiter der ANSA-Redaktion Bozen/Trient in einem Kommentar für den »Corriere dell’Alto Adige«.

Die Crème de la Crème des Südtiroler Journalismus beweist wieder einmal ihre Qualität. Faszinierend, diese prägnante geschichtliche Analyse. Brillant, diese gewissenhafte Recherche des ehemaligen ANSA-Chefs. Bei solchen Kalibern kann eine »Qualitätszeitung« wie der CdAA getrost auf einen Faktencheck verzichten.

Nur ein paar Kleinigkeiten: Die FPÖ trat nicht im Jahr 1986, sondern im Jahr 2000 in eine Koalition mit der ÖVP. Vizekanzlerin wurde damals Susanne Riess-Passer und nicht Jörg Haider — der Zeit seines Lebens auch nie ein Amt in der österreichischen Bundesregierung inne hatte. ÖVP-Parteichef und Kanzler des Kabinetts war überdies Wolfgang Schüssel, denn Franz Vranitzky ist Sozialdemokrat und war als Bundeskanzler von 1986 bis 1997 Haiders vehementester Gegner, nachdem dieser 1986 vom deutschnationalen Flügel der FPÖ am Parteitag in Innsbruck ins Obmannamt gehievt wurde. Nach dieser Wahl löste Vranitzky die damals bestehende Koalition zwischen SPÖ und FPÖ sogar auf.

Faktencheck Geschichte Medien Politik | Medienkritik Quote | | Corriere | Österreich Südtirol/o | Freiheitliche ÖVP | Deutsch Italiano

Daheim in Mythen?

Vor einiger Zeit hatte die Südtiroler Tageszeitung (TAZ) berichtet, das renommierte Hamburger Wochenblatt Die Zeit arbeite an einem Bericht über eine angebliche »Verdeutschung« Südtirols. Laut TAZ-Informationen sollte darin vor allem die »gemischtsprachige Landtagsabgeordnete« (Eigendefinition) Elena Artioli zu Wort kommen.

Am vorletzten Donnerstag ist der Artikel der freien Südtiroler Reporterin Barbara Bachmann tatsächlich erschienen, er kann hier nachgelesen werden. Die vorgebrachte Verdeutschungsthese ist äußerst dürftig untermauert, der Beitrag weist insgesamt grobe Mängel auf, die ich in der Folge aufdröseln möchte. Elena Artioli kommt nicht zu Wort.

  • Bereits der Titel (»Daheim bei Fremden«) weist auf einen nationalistisch angehauchten Leitfaden hin, der sich durch den Artikel zieht und wonach eine anderssprachige Mehrheit in der Region eines Nationalstaats etwas Anrüchiges sei und einer Rechtfertigung bedürfe.
  • Einen nicht unwesentlichen Teil ihrer Verdeutschungsthese lässt Bachmann durch den postfaschistischen Landtagsabgeordneten Alessandro Urzì vortragen — ohne allerdings darauf hinzuweisen, welch radikale Ideologie er vertritt. Unter anderem sprach er sich noch im März 2013 gegen die Gleichstellung der deutschen Sprache in der Produktetikettierung aus und erwirkte die römische Anfechtung des Landesgesetzes zur Ortsnamensgebung, das einen kompromiss deutscher und italienischer Parteien im Südtiroler Landtag darstellt, um wenigstens einige der im Faschismus erfundenen, italianisierten Ortsnamen wieder abzuschaffen.
    • Urzì ortet »in den Tälern, in den kleinen Orten Südtirols« einen »immer heftiger werdenden antiitalienischen Diskurs«. Dies entbehrt nicht nur eines Belegs, sondern mutet besonders merkwürdig an, nachdem gemäß letzter Volkszählung die Italienerinnen in allen Bezirken außer im Vinschgau und im Eisacktal anteilsmäßig zunehmen; nachdem die Eltern deutschsprachiger Schülerinnen ohne wesentliche Unterschiede zwischen Stadt und Land in einer (nicht repräsentativen) Umfrage erst neulich mehr Italienischunterricht gefordert haben; nachdem die Italienischkenntnisse in Südtirol deutlich besser sind, als es die Zuordnung zu den Sprachgruppen vermuten ließe. Und nachdem die Schülerinnen deutscher Muttersprache wesentlich besser Italienisch lernen, als umgekehrt.
    • Urzìs unwidersprochener Befund: »In Südtirol braucht man das Italienische nicht mehr.« Eine merkwürdige Aussage, nachdem das Astat-Sprachbarometer belegt, dass es deutsch- und ladinischsprachige Südtirolerinnen deutlich schwerer haben, ihre Muttersprachen im Umgang mit öffentlichen Ämtern zu gebrauchen als ihre italienischsprachigen Mitbürgerinnen; nachdem Produktetiketten und selbst Packungsbeilagen von Medikamenten in der Regel nur auf Italienisch abgefasst sind und auch nur auf Italienisch abgefasst sein müssen; Zugewanderte nur Italienischkenntnisse nachweisen müssen; internationale Handelsketten nicht selten auf Personal mit Deutschkenntnissen verzichten.
    • Ferner behauptet Urzì, die Situation der Italienerinnen in Südtirol sei »paradox«. »Rechtlich gesehen gehören sie der gesamtstaatlichen Mehrheit an. In der Praxis der Region sind sie aber eine Minderheit und abhängig von den Entscheidungen der lokalen deutschen Mehrheit.« Das ist jedoch alles andere als paradox, solange man nicht den anachronistisch-nationalistischen Anspruch erhebt, die »nationale Mehrheit« müsse tatsächlich in jeder einzelnen Region in der Mehrheit sein. Die von Italien nie ratifizierte Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarats empfiehlt sogar ausdrücklich, innerstaatliche Verwaltungsgrenzen so zu gestalten, dass Minderheiten in ihrer eigenen Region nicht minorisiert werden.
  • Bachmann berichtet weiter, »als im Sommer 2013 beschlossen wurde, Berghütten nur noch deutsche Namen zu geben« habe die Mailänder Tageszeitung Il Giornale geschrieben: »In diesem fantastischen Stück Italiens wird es jeden Tag heldenhafter, italienisch zu sein.« Sie »vergisst« sowohl zu erwähnen, dass die italienischen Bezeichnungen hauptsächlich Erfindungen des protofaschistischen Extremisten und Assimilierers Ettore Tolomei waren, die die ursprünglich deutschen auslöschen sollten, als auch, dass Il Giornale zu Berlusconis rechtspopulistischem Medienimperium gehört.
  • Selbst mit statistischem Zahlenmaterial wird salopp umgegangen. So behauptet die Autorin, seit Anfang der 1960er Jahre sei der Anteil italienischsprachiger Südtiroler um »mehr als zehn Prozentpunkte« zurückgegangen. Richtig ist, dass der Rückgang von 34,3% auf 24,5% genau 9,8 Prozentpunkte beträgt. Auch hier bleibt wichtiges unerwähnt, nämlich dass die Zahl von 1960 durch staatlich erzwungene und geförderte Zuwanderung zum Zwecke der Majorisierung völlig aufgeblasen war.
  • Dass die Zahl italienischer Landtagsabgeordneter nach den Landtagswahlen 2013 »von acht auf fünf, ein Siebtel der Mandatare bei einem knappen Viertel der Bevölkerung« zurückging, hat sehr viel mit der Zerstrittenheit und Zersplitterung der italienischen Parteien und sehr wenig mit Diskriminierung zu tun. Demokratische Wahlen sind frei und niemand wird gezwungen, sprachgruppenkonform zu wählen.
  • Erstaunlich ist, dass eine Grüne (Brigitte Foppa) es laut Bericht merkwürdig findet, wenn im Landtag der Vorschlag zur Ersetzung von .it durch .eu bei der Internetdomain des Landes gemacht wird — oder wenn angedacht wird, Südtiroler Sportlerinnen bei internationalen Wettbewerben mit neutraler Bekleidung statt italienischen Trikots antreten zu lassen. Die Überwindung des Nationalen und die Betonung des Europäischen sollte eigentlich ein Anliegen grüner Politik sein.
  • Senator Francesco Palermo bezeichnet die deutschsprachige Bevölkerung als eine »Mehrheit mit Minderheitskomplex«. Für einen Verfassungsrechtler angesichts der bereits erwähnten Empfehlungen des Europarats eine seltsame Auffassung. Müssen Minderheiten auf staatlicher, regionaler und kommunaler Ebene gleichzeitig in der Minderheit sein, um nicht eines Minderheitenkomplexes bezichtigt zu werden?
  • Palermo kenne noch Zeiten, in denen Bars ethnisch getrennt waren. »Mittlerweile hätten sich die die italienischsprachigen Südtiroler “mit einer gewissen Hierarchie abgefunden”, sagt er.« Angesichts der Tatsache, dass es gerade in Bozen mitunter sehr schwierig ist, sich in Bars und Läden (mit der Bedienung) auf Deutsch zu verständigen, ist das eine wirklich erstaunliche Aussage.
  • Als Gegenargument dazu, dass sich Südtirol »als funktionierende mehrsprachige Provinz (sic)« verstehe, zählt Bachmann unter anderem auf, dass es neben deutschen Tageszeitungen eine italienische Tageszeitung (in Wirklichkeit sind es deren zwei) gibt. Wäre es für ein funktionierendes mehrsprachiges Land besser, wenn es Zeitungen nur in einer Sprache gäbe? Oder müssten sämtliche Medien mehrsprachig sein?
  • Desweiteren schreibt die Autorin, dass die SVP eisern am ehtnischen Proporz festhalte. Dass heute gerade die Italienerinnen davon profitieren, wie selbst Postfaschist Alessandro Urzì gesteht, bleibt leider unerwähnt.
  • Auch Bachmann kann sich schließlich nicht verkneifen, den Mythos zu erneuern, wonach »die einen immer schlechter Italienisch sprechen« während die anderen aufholen. Daten hierzu gibt es nicht, wie aufgrund ausgiebiger Recherchen zweifelsfrei feststeht. Wir werden die Journalistin trotzdem anschreiben und nach ihren Quellen fragen.
    Jene Daten, die zu den Zweitsprachkenntnissen der Südtirolerinnen vorliegen, lassen zwar kein Urteil über deren Entwicklung im Lauf der Zeit zu, belegen jedoch, dass die deutschsprachigen Südtirolerinnen nach wie vor deutlich besser Italienisch sprechen, als umgekehrt.

Siehe auch:

Faktencheck Kohäsion+Inklusion Medien Plurilinguismo Politik Scola Umfrage+Statistik Wissenschaft | Landtagswahl 2013 Produktetikettierung Sprachbarometer Sprachgruppenproporz | Alessandro Urzì Brigitte Foppa Francesco Palermo | Die Zeit TAZ | Südtirol/o | Europarat PDL&Co. SVP Vërc | Deutsch

Zweisprachige Polizei?

Wie Südtirol Online (Stol) berichtet, wehrt sich das Bozner Polizeipräsidium gegen die Anschuldigung, die gesetzlich vorgeschriebene Zweisprachigkeit des Diensts sei nicht garantiert — was das Nachrichtenportal unhinterfragt wiedergibt:

Die Ämter der Polizei, die der Öffentlichkeit zugänglich sind, sind zweisprachig.

Die Erhebungen des Astat-Sprachbarometers (2004) ergeben jedoch ein völlig anderes Bild:

Verweigerte Muttersprache.

Eigentlich hätte ein derartiges Ergebnis, wonach ein erheblicher Teil der deutschsprachigen Südtiroler ihre Muttersprache nicht mit Carabinieri und Gemeindepolizei sowie mit Polizei und Finanzwache verwenden konnten, einen Aufschrei und massive Gegenmaßnahmen auslösen müssen. Übrigens schnitt der Gesundheitsbetrieb des Landes auch nicht viel besser ab, was erstaunt und beschämt.

Es mag natürlich sein, dass sich die Situation bei der Polizei seit Veröffentlichung des Sprachbarometers drastisch verbessert hat, doch dazu hätte es vermutlich eines erheblichen Engagements bedurft, das leider nicht zu bemerken war. Der Polizeipräsident macht es sich mit einer kurzen Pressemitteilung ziemlich einfach, ein nachgewiesenermaßen existierendes Problem so abzufertigen. Nachdem jedoch von Südtiroler Medien kaum ein Nachhaken bzw. ein Faktencheck zu erwarten sind, wird dies wohl das Niveau der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Thema bleiben.

Fakt ist: Die letzten vom Landesstatistikinstitut zu diesem Thema veröffentlichten Daten sprechen eine völlig andere Sprache, als die Polizei nahelegen möchte. Nicht zuletzt angesichts des gefühlten Sicherheitsnotstands in Südtirol sollte eine funktionierende Kommunikation mit der Bevölkerung in deren Sprache eigentlich eine Priorität sein.

Siehe auch:

Discriminaziun Faktencheck Medien Plurilinguismo Polizei Service Public Umfrage+Statistik | Sprachbarometer | | Stol | Südtirol/o | Astat Carabinieri Staatspolizei | Deutsch

A. Adige zensiert »Sudtirolo«.

Heute war bekannt geworden, dass der italienische Außenminister Südtirol als Modell für die Entschärfung der Situation in der Ukraine ins Spiel gebracht hatte. Dabei hatte er — ähnlich wie bereits Giorgio Napolitano und Matteo Renzi — nicht von A. Adige, sondern von Sudtirolo bzw. Sud Tirolo gesprochen, wie sämtliche Medien wiedergaben.

Sämtliche Medien? Alle außer eines: Das Südtiroler Kampfblatt A. Adige ließ es sich nicht nehmen, sogar zweimal (ohne darauf hinzuweisen) ein wörtliches Zitat des Ministers zu manipulieren, um es von der unliebsamen Bezeichnung zu säubern:

“Non riteniamo che la fornitura di armi all’Ucraina sia una buona idea. Speriamo nel successo del negoziato, per l’assetto delle regioni orientali potrebbe tornare utile il nostro modello del Sud Tirolo“. Lo dice il ministro degli Esteri Paolo Gentiloni, in un’intervista alla Stampa, nella quale spiega: “Rispettiamo le idee e le eventuali decisioni degli Stati Uniti, che sono il nostro alleato maggiore, ma l’escalation delle armi è quella che metterebbe meno in difficoltà  Putin”. Quindi la proposta italiana: “Il contesto è diverso, ma io ho parlato del nostro modello in Sud Tirolo. È possibile trovare una soluzione che rispetti la sovranità  dell’Ucraina, preservi i suoi confini e rispetti i diritti delle minoranze, se Mosca ha la volontà  politica di accettarla. Tutto ora dipende dalle decisioni della Russia”. Se non saranno positive scatteranno nuove sanzioni? “Non lo voglio dire per scaramanzia – risponde il ministro – e anche per gli interessi dell’Italia, ma il terreno economico è quello più efficace per fare pressioni sulla Russia”. Parlando poi della Libia, Gentiloni spiega che l’Italia sostiene la mediazione dell’Onu, ma “se fallirà , la minaccia terroristica”, finora contenuta a sud, “diventerà  molto più grave, e dovremo preoccuparcene seriamente perché sarà  a 3 o 4 ore di navigazione da noi”.

Aussendung der Nachrichtenagentur ANSA.

Il ministro degli Esteri Gentiloni cita l’Alto Adige come modello per risolvere la crisi ucraina. La provincia di Bolzano è considerata, infatti, dal Governo un modello esemplare per la convivenza tra etnie diverse. «Non riteniamo che la fornitura di armi all’Ucraina sia una buona idea. Speriamo nel successo del negoziato, per l’assetto delle regioni orientali potrebbe tornare utile il nostro modello altoatesino»:  lo dice il ministro degli Esteri Paolo Gentiloni, in un’intervista  nella quale aggiunge: «Rispettiamo le idee e le eventuali decisioni degli Stati Uniti, che sono il nostro alleato maggiore, ma l’escalation delle armi è quella che metterebbe meno in difficoltà  Putin». Quindi la proposta italiana: «Il contesto è diverso, ma io ho parlato del nostro modello in Alto Adige. È possibile trovare una soluzione che rispetti la sovranità  dell’Ucraina, preservi i suoi confini e rispetti i diritti delle minoranze, se Mosca ha la volontà  politica di accettarla. Tutto ora dipende dalle decisioni della Russia».

Artikel von A. Adige Online.

Hervorhebungen von mir.

In der Ortsnamensfrage schiebt das Kampfblatt gern das Argument vor, dass man den Italienern die Freiheit lassen müsse, Ortschaften so zu benennen, wie sie es wollen. Eine Freiheit übrigens, die sich auch duch die Abschaffung erfundener Ortsnamen als amtliche Bezeichnungen nicht ändern würde. Andersherum gesteht die Zeitung dem Minister dieselbe Freiheit nicht zu, wenn er Südtirol als Sudtirolo bezeichnet.

Siehe auch:

Faktencheck Medien Ortsnamen | Zitać | Paolo Gentiloni | AA | Südtirol/o Ukraine | | Italiano

Pröseler Worte (und die Realität).

Beim Regionalismusgipfel auf Schloss Prösels haben nach recht einhelliger Meinung nicht die Politiker, sondern die Intellektuellen Gehaltvolles von sich gegeben. Beeindruckend ist unter anderem, dass Robert Menasse in Anwesenheit des österreichischen Bundeskanzlers und der drei Landeshauptleute den Tod der Nationalstaaten nicht nur vorhergesagt, sondern de facto diagnostiziert hat, wiewohl dies wohl zu optimistisch ist. Landeshauptmann Arno Kompatscher hatte ja — wie berichtet — im Vorfeld der von ihm selbst initiierten Veranstaltung öffentlich befunden, die Überwindung der Staaten durch die Regionen sei eine Illusion. Nichts weniger.

Trotzdem konnten auch die Politiker in ihren samstäglichen Sonntagsreden nicht anders, als sich mit schönen Worten zu übertreffen. Berücksichtigen wir, was da gesagt wurde, dürften der Regionalisierung Europas goldene Zeiten bevorstehen. Doch einem Faktencheck hält all dies leider nicht stand: Matteo Renzi peitscht gerade eine Verfassungsreform durchs Parlament, die dem zarten Pflänzchen der italienischen Regionalisierung den Garaus machen wird.

Madrider Rahmenabkommen.Das Madrider Rahmenabkommen zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit hatte Italien noch ratifiziert. Seit 1980 herrscht allerdings absolute Funkstille. Die Ratifizierung der drei wichtigen Zusatzprotokolle von 1995, 1998 und 2009 steht noch immer aus, letzteres — das den Grundstein für »Verbünde euroregionaler Zusammenarbeit« (VEZ) legt — ist übrigens auch in Österreich noch nicht in Kraft getreten. Damit hinken beide Länder selbst dem zentralistischen Frankreich hinterher.

Lediglich der EVTZ steht unserer vorbildlichen Euregio zur Verfügung, weil dieser direkt von der EU eingeführt wurde und somit keiner Ratifizierung durch die Staaten bedarf.

Gleichsam ausständig ist von italienischer Seite die Ratifizierung der ebenfalls für die Aufwertung der Regionen bedeutsamen Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen — angeblich, weil sich der Staat weigert, die Sprachen der Roma und Sinti anzuerkennen.

Quelle der Grafik: mot – mission opérationelle transfrontalière, Paris.

Siehe auch:

Faktencheck Föderal+Regional Grenze Minderheitenschutz Politik Recherche Roma+Sinti Zentralismus | | Arno Kompatscher Robert Menasse | | | EU Euregio PD&Co. SVP |

Steuerbilanz.

Steuerbilanz 2011.

Während der letzten Tage häufen sich die Frontalangriffe auf die autonomen Länder und Regionen in Italien, insbesondere im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Zuerst war es Bruno Vespa in seiner Sendung Porta a Porta, Sonntag folgte Massimo Giletti bei Domenica In (l’Arena). Die Autonomien hätten nicht mehr tolerierbare steuerliche Privilegien und verfetteten auf Kosten der Regionen mit Normalstatut, so der Tenor.
Des Verdachts, dass diese harte Gangart den Weg zu politischen Maßnahmen ebnen soll, kann man sich kaum erwehren, gerade weil das jüngst geschlossene Abkommen zwischen Politguru Matteo Renzi und dem vorbestraften Anführer von Mitterechts die Überarbeitung des fünften Teils der italienischen Verfassung vorsieht — ein Euphemismus für die Rezentralisierung des Staates.

Einem Faktencheck halten die mediatischen Vorwürfe jedoch nicht stand: Während der letzten Tage veröffentlichten mehrere Südtiroler Medien übereinstimmend Daten* zur regionalen Steuerbilanz (s. Abbildung, grafische Aufbereitung ), die zeigen, wie Südtirol inzwischen zum viertstärksten Nettozahler Italiens aufgestiegen ist. Summiert man die Ausgaben von Staat, Land und Gemeinden, blieben 2011 nur 85% der Steuereinnahmen im Lande**, obwohl laut weitläufiger Meinung allein dem Land 90% der hier eingehobenen Mittel zustünden.

Von ihren Steuern, italienweit pro Kopf ohnehin schon die höchsten, gaben die Südtiroler 15% netto an den Staat ab. Auf Nimmerwiedersehen. Da erstaunt es, wie sehr die öffentliche Debatte sich von dieser Realität entfernt. Die meisten gewöhnlichen Regionen tragen deutlich weniger zum Staatshaushalt bei.

Übrigens:

  • Die vergleichsweise dünne Besiedelung, die hohen Lebenshaltungskosten und vor allem die durchgehende Zweisprachigkeit der Administration würden sehr wohl überdurchschnittlich hohe Kosten rechtfertigen.
  • Die letzten verfügbaren und hier analysierten Daten beziehen sich auf 2011 — das war noch vor den einseitigen und großteils widerrechtlichen Kürzungen von Mario Monti an unserem Landeshaushalt.

Siehe auch:

*) des römischen Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung, alle Daten 2011
**) Im ebenso autonomen Trentino (selbe Region, selbe Autonomie, ebenfalls vom Mailänder Abkommen betroffen) bleiben gar 10 Prozentpunkte mehr an Steuermitteln zurück, in absoluten Zahlen 410 Euro pro Kopf in einem Jahr.

Comparatio Faktencheck Medien Politik Umfrage+Statistik Vorzeigeautonomie Wirtschaft+Finanzen Zentralismus | | Mario Monti | Rai | Aoûta-Aosta Friaul-Friûl Italy Lombardia Sardigna Sicilia Südtirol/o Trentino Venetien-Vèneto | PD&Co. PDL&Co. | Deutsch Italiano

Rechte Tiroler?
Quotation 119

Die Tiroler weigern sich zum Beispiel, bei Straßenschildern, die den Weg nach Süden weisen, auch den italienischen Namen für “Bozen” anzugeben — nicht unähnlich den rechten Kärntnern bei ihrem Ortstafelstreit.

Prof. Max Haller, Soziologe, ff Nr. 1/2014

Ein wahrlich sonderbares Beispiel, das hier angeführt wird, um zu belegen, dass den Südtiroler Italienern im Falle einer Angliederung unseres Landes an Österreich »keine guten Aussichten« beschieden wären:

  • Aus welchem Grund sollte gemäß Territorialprinzip in einer einsprachig deutschsprachigen Region wie Nordtirol ein anderer als der amtliche deutsche Ortsname angegeben werden? Der Vergleich mit Kärnten ist unbrauchbar, da dort einer slowenischen Minderheit ihre Ortsnamen in ihrem eigenen Siedlungsgebiet verweigert wurden (und teils noch immer verweigert werden).
  • Wurde Nordtirol bzw. Österreich jemals von jemandem dazu aufgefordert, »auch den italienischen Namen für “Bozen” anzugeben«? Andernfalls kann man wohl schlecht von einer »Weigerung« sprechen.
  • Hätte das von Prof. Haller angeführte Beispiel Aussagekraft, könnte man es umgekehrt auch anführen, um die »schlechten Aussichten für deutschsprachige Südtiroler in Italien« zu untermauern — denn schließlich wird schon im Trentino der deutsche Name unserer Landeshauptstadt nicht auf Straßenschildern angeführt, obschon das Autonomiestatut, das dies ausdrücklich vorsähe, in der gesamten Region gültig ist.

Autobahnschilder Vergleich.
Auch aus -Sicht wäre die Angliederung Südtirols an Österreich keine erstrebenswerte Lösung. Das von Prof. Haller in seinem Beitrag angeführte Argument ist jedoch völlig sinnfrei.

Siehe auch:

Faktencheck Medien Mobilität Ortsnamen | Zitać | | ff | Koroška-Kärnten Nord-/Osttirol Österreich Südtirol/o | | Deutsch