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Die Test-Nichtwahrheit.
Tageszeitung

Das heutige Titelthema der Tageszeitung (TAZ) lautet Die Zahlenjongleure und soll zur Aufklärung über die Infektionszahlen in Südtirol beitragen. Auf Seite zwei heißt es dann unter dem Titel Die Test-Wahrheit:

In Europa testen nur wenigen [sic] Regionen so massiv wie Südtirol. Aber Südtirol ist nicht dunkelrot, weil es viel testet, sondern weil das Infektionsgeschehen massiv ist.

Einen Nachweis bleibt Autor Matthias Kofler jedoch schuldig. Er zeigt lediglich auf: andere europäische Regionen, die ebenfalls viel testen, sind nicht notwendigerweise dunkelrot, sondern teilweise »nur« rot, eine einzige sogar orange.

No na. Dass viele Tests nicht automatisch eine Einstufung als dunkelrote Zone bedeuten, dürfte allen, die ein Grundverständnis von Logik haben, klar sein.

Allerdings kann eine hohe Testrate bedeuten, dass man deutlich schlechter eingestuft wird, als dies bei einer geringeren Testrate der Fall wäre.

Korrekt müsste man also folgender Frage auf den Grund gehen: Sind die Einstufungskriterien so, dass bei gleicher Infektionslage diejenigen benachteiligt werden, die mehr testen? In diesem Fall wäre die Vergleichbarkeit nämlich nicht gegeben.

Wer doppelt so viel testet findet nämlich bei gleicher Infektionslage und gleichbleibenden Testkriterien rund doppelt so viele Fälle.

Im TAZ-Beitrag steht weiters:

Die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen basiert ihre Entscheidungen zu den Zonen-Einstufungen auf drei Kriterien: die Anzahl der durchgeführten Tests, die 14-Tage-Inzidenz und die Positivitätsrate. Rot ist eine Region dann, wenn sie in zwei Wochen mehr als 50 Fälle pro 100.000 Einwohner aufweist und die Positivitätsrate höher als 4 Prozent ist. Oder aber wenn die Positivitätsrate niedriger als 4 Prozent ist, dafür aber die 14-Tage-Inzidenz über 150 liegt.

Diese Kriterien findet man auf der Webseite des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) tatsächlich, doch sie beziehen sich offensichtlich nicht auf die Karte mit der regionalen Einstufung, auf der Südtirol dunkelrot dargestellt wird (s. unten). Diese Karte zeigt lediglich die 14-Tage-Inzidenz, ohne Berücksichtigung weiterer Kriterien.

Quelle: ECDC.

Ich lasse mich hier natürlich gern korrigieren, wenn ich irre.

Und ich will hier auch keinerlei Schönfärberei betreiben: Auch meiner Meinung nach sind die Zahlen für Südtirol alles andere als gut. Doch von den Behörden würde ich mir zur objektiven Lageeinschätzung eine Einstufung aufgrund seriöser Kriterien erwarten — und von den Medien, dass sie die richtigen Zahlen recherchieren, vor allem dann, wenn sie (wie die heutige TAZ) vorgeben, die Wahrheit ans Licht holen zu wollen.

Siehe auch:

Faktencheck Gesundheit Medien Umfrage+Statistik | Covid-Stats Medienkritik Zitać | | TAZ | Europa Südtirol/o | EU | Deutsch

6 replies on “Die Test-Nichtwahrheit.
Tageszeitung

Es gäbe da auch noch ein Thema: die Positivitätsrate. Die hängt massiv davon ab, wie getestet wird. Wird blind in die Bevölkerung hineingetestet (Zufallstests), fällt sie niedriger aus, als wenn speziell in Hotspotgemeinden oder gar nur bei Vorhandensein von Symptomen getestet wird. Sie ist deshalb wenig aussagekräftig/vergleichbar, wenn nicht in ganz Europa nach ähnlichen Kriterien getestet wird.

Ganz richtig erkannt. Genau so, wie die Anzahl der Tests in die Inzidenzzahl einfließen müsste. Aber manchmal habe ich den Eindruck, das ist allen komplett “Wurscht”, Hauptsache Zahlen, Zahlen, Zahlen produzieren und damit etwas Panik verbreiten.

Ich glaube nicht, dass das Verbreiten von Panik ein bewusst verfolgtes Ziel ist — und ich glaube auch nicht, dass wirklich Panik entsteht. Eher im Gegenteil: Weil alle die Zahlen nach eigenem Gutdünken interpretieren und selbst Behörden und Medien teils unseriös agieren, entsteht nur große Unsicherheit.

In Wirklichkeit ist die Lage in Südtirol tatsächlich besorgniserregend, doch die Übertreibung auf der einen und die Untertreibung auf der anderen Seite bringt niemandem etwas.

Die vom Autor genannten Kriterien beziehen sich auf die von Ihnen verlinkte Karte (‘combined indicator’). Im TAZ-Artikel aber geht es um die Karte, die ich oben in den Artikel eingebettet habe (und die auch in der TAZ auch abgebildet ist).

Autor Matthias Kofler behauptet also zwar, dass Südtirols dunkelrote Einstufung aufgrund der genannten Kriterien erfolgt ist, doch das ist eben nicht der Fall. Denn dunkelrot ist Südtirol nur auf der Karte mit der Inzidenz.

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