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Ich möchte nicht dürfen können.
Ein differenzierter Blick auf die Diskussion zur "mehrsprachigen Schule"

Wenn in Südtirol über Bildungspolitik diskutiert wird, ist in gefühlt 99 Prozent der Fälle der Sprachunterricht das Thema. Ganz so, als ob alles andere was in der Schule passiert keine Rolle spielt und eh wunderbar läuft. Egal.

Unlängst ist das Thema “mehrsprachige Schule” durch einen Beschlussantrag der Grünen im Südtiroler Landtag (der mehrheitlich abgelehnt wurde) wiederaufgeflammt. Die Diskussion im Anschluss war lebhaft und nicht ganz untypisch, wie ich finde. Was für die einen der Untergang der Autonomie ist, hat für die anderen nur Vorteile. Beides Diagnosen, bei denen ich für gewöhnlich sofort skeptisch bzw. hellhörig werde. Dann werden von den Befürwortern gerne auch genau jene Argumente ins Treffen geführt, die man in anderen Kontexten (Unabhängigkeit, doppelte Staatsbürgerschaft usw.) als nichtig abtut. Die Gegner hingegen lehnen meist schon jegliche Diskussion über eine Veränderung des derzeitigen Systems kategorisch ab.

Daher suche ich an dieser Stelle exemplarisch die Diskussion mit drei Befürwortern des Vorschlags, die nicht verstehen können/wollen, wie man als halbwegs klar denkender und weltoffener Mensch gegen den Vorschlag der Grünen sein kann.

Markus Lobis kommentiert auf Facebook:

Ich finde es gut, dass die Grünen diesen langjährigen Wunsch engagierter Eltern wieder aufgreifen, der seit Alexander Langers Zeiten von vielen als Schlüssel für Südtirols gute Zukunft gesehen wird. Bitte mutig dranbleiben!

Es gibt KEIN vernünftiges Argument GEGEN diese Wünsche aus der Südtiroler Elternschaft.

Michael Keitsch von den young greens southtyrol (sic) schreibt:

Neuer Putz für alte Mauern

[…] „Das ist ein Armutszeugnis für Südtirol. Sind wir in einem mehrsprachigen Land nicht in der Lage neben den einsprachigen Schulen auch mehrsprachige Alternativen anzubieten?“, sagt Michael Keitsch von den young greens southtyrol.
Die Begründung von Landesrat Achammer sowie den Landtagsabgeordneten Mair (Freiheitliche) und Knoll (STF) gegen die Einführung einer zusätzlichen mehrsprachigen Schule, war die Ablehnung einer Zweiklassenschule. Das ist doch an Peinlichkeit kaum zu überbieten: man fürchtet scheinbar darum, dass die etablierte einsprachige (deutsche) Schule gegenüber einer mehrsprachigen Schule das Nachsehen hätte. „Alle Achtung, aber dass ein Bildungslandesrat der eigenen Schule so schlechte Noten gibt, ist wirklich allerhand!“, empört sich Keitsch.
Ganz nebenbei ist es doch offensichtlich, dass viele Schüler*innen und Eltern das Bedürfnis nach einer mehrsprachigen Schule haben. Spätestens, wenn man sieht wie viele Kinder und Jugendliche den Kindergarten oder die Schule in ihrer jeweiligen Zweitsprache besuchen, wird das sichtbar.

„Statt Brücken zu bauen und den Südtiroler*innen in der Bildung mehr Wahlfreiheit zu geben, verputzt man die alten Mauern munter weiter.“ schließt Keitsch.

Und Alexandra Aschbacher stellt im dieswöchigen Leitartikel der ff fest:

Beispiel Nummer 1, mehrsprachige Schule. […] Ein „Mehr“, sagte Schullandesrat und SVP-Obmann Philipp Achammer im Anschluss ins Mikrofon von Südtirol Heute, bringe nicht automatisch mehr Sprachkenntnisse. Der italienische Schullandesrat (Lega) meinte: Ein schöner Vorschlag der Grünen, aber derzeit nicht umsetzbar.

Mmh, möchte man da grummeln, wann bitte wäre denn der richtige Zeitpunkt für die Umsetzung? Seit zwanzig Jahren wird über die mehrsprachige Schule diskutiert. Zig Beispiele zeigen, dass eine mehrsprachige Erziehung eine Bereicherung ist. Zig Untersuchungen belegen, dass wir beim Erlernen von Deutsch beziehungsweise Italienisch nicht viel weiter gekommen sind. […]

Worauf bitte warten wir noch? Warum verschließt die Mehrheit der Politiker die Augen vor der Realität? Einer Realität, in der immer mehr Eltern ihre Kinder bewusst auf anderssprachige Schulen schicken, beziehungsweise in den Kindergarten der jeweils anderen, der zweiten Sprache.

Wozu präsentiert sich die SVP als Europapartei und plädiert für ein weltoffenes Südtirol, wenn sie nach wie vor in den verkrusteten, starren Bildungs- und Sprachmustern verharrt?

Wovor hat man Angst? Seine Identität zu verlieren, wie immer behauptet wird? Mehrsprachigkeit festigt die Identität, bietet die Chance, die eigene Identität neu zu definieren. Klar, das Thema ist ein heikles. Aber deshalb muss man es nicht beharrlich vor sich herschieben. Mut zeigt sich nicht im Beharrungsvermögen, sondern in der Kompromissbereitschaft, die, wenn es wirkliche Kompromisse werden, freilich auch wehtut.

Interessant wird Aschbachers Artikel dann, wenn man “mehrsprachige Schule” bzw. Mehrsprachigkeit durch “Doppelpass” oder Selbstbestimmung ersetzt. Da tauchen auf einmal bekannte Argumente unter umgekehrten Vorzeichen auf. Aber das sei hier nur am Rande erwähnt.

Meine Position zur “mehrsprachigen Schule” ist so klar wie paradox: Ich würde meine Kinder sofort in eine solche Schule schicken, möchte aber nicht, dass ich unter den derzeitigen Rahmenbedingungen die Möglichkeit dazu habe.

Und zwar weil ich glaube, dass der gesamtgesellschaftliche Aspekt in diesem Fall (wie in so vielen anderen Fällen auch) den individuellen überwiegt. Ein ziemlich sozialistischer Ansatz – ich weiß. Würden beispielsweise Flugreisen gratis sein, würde ich (noch einmal) die ganze Welt bereisen. Sofort. Gleichzeitig möchte ich aber nicht, dass ich (oder andere) diese Möglichkeit haben. Es geht hier um zwei Ebenen – die individuelle (die persönliche Horizonterweiterung durch Reisen respektive den Sprachfortschritt jedes einzelnen) und die gesellschaftliche (den Klima- und Umweltschutz bzw. den Erhalt einer kulturellen und sprachlichen Vielfalt innerhalb eines Nationalstaates).

Die Gründe, warum für mich der gesamtgesellschaftliche Nachteil den individuellen Vorteil überwiegt, sind schnell erklärt:

  1. Trotz Autonomie leben wir in einem Staat, der sich als Nationalstaat definiert und eine lingua franca immer wieder durchzusetzen versucht (siehe momentane Situation im Gesundheitswesen oder im Konsumentenschutz).
  2. Solange die drei Sprachen in Südtirol nicht auch de facto gleichgestellt sind und Ladinisch und Deutsch rechtlich benachteiligt werden, ist für mich eine sprachliche Begegnung auf Augenhöhe nicht gegeben. Diese wäre aber meines Erachtens Voraussetzung für ein solches Modell.
  3. Die Tendenz in Südtirol immer alles paritätisch zu machen, stärkt automatisch die Staatssprache. Wenn, dann müsste man asymmetrische Modelle andenken bzw. Immersion wie in jenem Land betreiben, in dem dieses Modell erfunden wurde (Kanada). Denn Erkenntnisse aus nicht-mehrsprachigen Gebieten, können nicht eins-zu-eins auf Südtirol übertragen werden.
  4. Solange wir keine professionelle, auf normierten Tests basierende, laufende Erhebung der Sprachkenntnisse und vor allem der Sprachentwicklung in Südtirol haben (das Sprachbarometer basiert auf Selbseinschätzung), halte ich solche Vorstöße für hemdsärmelig und dilettantisch. Wir brauchen parallel dazu belastbare Daten und eine sprachwissenschaftliche Begleitung und Erhebung.
  5. Und zuguterletzt: die immer wieder betonte “Alternative” zur derzeitigen deutsch- und italienischsprachigen Schule würde mit ziemlicher Sicherheit keine solche bleiben. Da der individuelle Vorteil einigermaßen sicher gegeben ist, würde die “einsprachige Schule” relativ bald zum Sammelbecken der “Ewiggestrigen” (abgestempelt) werden und der Zug (oder gesellschaftliche Druck) in Richtung neues Modell unwiderstehlich sein.

Man kann trotzdem anderer Meinung sein, aber völlig unvernünftig erscheinen mir diese Gründe jedenfalls nicht.

Siehe auch:

Bildung Democrazia Kohäsion+Inklusion Medien Minderheitenschutz Mitbestimmung Plurilinguismo Politik Scola Selbstbestimmung Tag+Nacht Wissenschaft | affirmative action Best Practices CLIL/Immersion Doppia Cittadinanza Sprachbarometer Sprachgruppenproporz Zitać | Alexander Langer Alexandra Aschbacher Markus Lobis | ff | Canada Südtirol/o | Freiheitliche Lega STF Südtiroler Landtag SVP Vërc | Deutsch

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Ancóra Sudtirolo.

Markus Lobis su Facebook scrive «Sudtirolo». Al consigliere comunale di Bressanone Antonio Bova (AAnC) non va giù e protesta.

Gli argomenti sono i soliti:

  1. «Sudtirolo» non va bene perché in italiano non esistono la «d» e la «t» attaccate.
  2. Inoltre, semmai, si dovrebbe dire «Tirolo del Sud», in quanto «in italiano si usano le preposizioni».
  3. «Alto Adige» non è un’imposizione fascista, esiste già dall’epoca napoleonica.
  4. «Rispetto» e «cultura» e poco altro, ché di vere ragioni — se non politiche — non ce ne sono.

E allora vediamo:

  • (1) Può darsi che la «d» e la «t» in italiano non si usino comunemente, ma
    • è l’uso che determina quel che è corretto o meno e non viceversa e
    • sia la Treccani sia il dizionario Garzanti contemplano l’aggettivo «sudtirolese» che (fino a prova contraria contiene la «d» e la «t» attaccate.
  • (2) Questo viene contraddetto da «Sudafrica», «Sud-Tirolo» e «Sud America» che non contengono la «d» e la «t» attaccate ma non usano le preposizioni.
  • (3) Un’imposizione fascista rimane tale anche se l’oggetto dell’imposizione è un nome inventato da qualcun’altro. E un’ingiustizia non è meno ingiusta solo perché viene perpetrata due volte.
  • (4) Non so che dire.
    • Qual’è il rispetto nei confronti di chi si è visto imporre non un nome frutto della fantasia, bensì migliaia? E che sino ad oggi non solo qualcuno usa in ambito privato, ma che sono gli unici ad avere carattere ufficiale?
    • Cultura… cultura? Davvero

Vedi anche:

Faschismen Kohäsion+Inklusion Ortsnamen Plurilinguismo Politik | | Markus Lobis | Social Media | | PDL&Co. | Italiano

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Meran auf den Spuren seiner jüdischen Gegenwart.

Meran war und ist Heimat von Juden. Ohne ihre wirtschaftlichen Investitionen und geistig-kulturellen Impulse ist die Entwicklung Merans vom “Kuhstädtchen” zum internationalen Kurort und zur liberalen Kulturstadt nicht vorstellbar.

Mit verschiedenen Bildungsformaten wie Plakat- und Postkartenaktionen (Ein Stück Meran?), der Beflaggung von Gebäuden, welche früher in jüdischem Besitz waren, Stadtspaziergängen und Filmabenden begeben wir uns auf Spurensuche und möchten die Meranerinnen und Meraner auf dieses wichtige Stück Stadtgeschichte aufmerksam machen.

— urania meran

Am Dienstag, den 20. Dezember findet am Sitz der Urania Meran  ab 19.00 Uhr eine Podiumsdiskussion zum Thema

Alle Opfer? Meran und seine Juden

statt. Es beteiligen sich am Podium und aus dem Publikum:

  • Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems
  • Sabine Mayr, Philologin und Buchautorin
  • Joachim Innerhofer, Direktor des Jüdischen Museums Meran
  • Leopold Steurer, Historiker
  • Arnaldo Loner, Rechtsvertreter der Gde. Bozen im Mischa-Seifert-Prozess
  • Federico Steinhaus, ehem. Präsident der Jüdischen Gemeinde Meran
  • Mirko Wenter, Vizepräsident der Jüdischen Gemeinde Meran
  • Marko Feingold, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, KZ-Überlebender und Zeitzeuge
  • Paul Rösch, Bürgermeister der Gde. Meran

Musikalische Einleitung und Ausklang durch die Gruppe Stellerranti:
Cinzia Bauci, Vokal – Lydia Cevidalli, Geige – Pierantonio Gallesi, Ziehharmonika.

In der Podiumsdiskussion wollen wir die Vergangenheit lebendig werden lassen und wichtige Kapitel der Meraner Stadtgeschichte neu erzählen. Gemeinsam mit Historikern,Zeitzeugen und Politikern wollen wir aber auch Täterschaft, Schweigen und Passivität der Meraner Bevölkerung thematisieren und die Frage nach der Zukunft der jüdischen Gemeinde Meran stellen.

Moderation: Markus Lobis.

Cultura Geschichte Kohäsion+Inklusion Religiun Termin | | Markus Lobis Paul Rösch | | Südtirol/o | | Deutsch

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Markus Lobis schafft den Rassismus ab.

Markus Lobis, ehemaliger Gemeinderat der Grünen Bürgerliste und von Demos Brixen sowie rühriger Moderator und Mitorganisator interessanter politischer Debatten, hat Weltbewegendes geschafft: Der Rassismus ist endlich Geschichte, genauso wie der Kreationismus und einige Dutzend weitere -ismen.

Eine Welt ohne Rassismus? Jetzt und sofort? Wie geht das? Ganz einfach: Mit bestechender Logik!

Aber (wie man so schön sagt) der Reihe nach: Ein Blogleser hat in seinem Facebookprofil den -Artikel über Marco Timperios Ausfälle gepostet. Diesen Hinweis auf das undemokratische Verhalten des PD-Kandidaten und Mix-Ling-Vorsitzenden bezeichnete Markus Lobis in einem ersten Facebook-Kommentar kurzerhand als »dünnhäutig«. Pöbeleien, die mit einem demokratischen Diskurs nichts zu tun haben, sondern eher an »gute alte Zeiten« erinnern, muss man also kommentarlos hinnehmen.

Doch als ein weiterer Kommentator Lobis vorwirft, »Rassisten« zu verteidigen, wird die Sache ordentlich skurril. Lobis schreibt:

Gibt es eine deutsch [sic] Rasse? Ich dachte, das hätten wir hinter uns…

Nun hatte ich bereits darauf hingewiesen, dass ich Timperios Aussagen keineswegs als »antideutsch«, sondern eben als »undemokratisch« bezeichnen würde.

Aber dass Lobis den Rassismus abschafft, weil es keine [deutsche] Rasse gibt, ist eine fette Schlagzeile wert. Kryptofaschistinnen behaupten ja auch immer wieder, sie hätten mit der Ideologie der Mussolinidiktatur nichts zu tun, weil diese ja schon 1945 geendet habe. Voll logisch. Und: Denken wir Lobis’ Ansatz zu Ende, gibt es weder den Kreationismus noch den Perfektionismus oder den Satanismus. Verschwunden. Ebenso wie der Surrealismus und der Nihilismus.

Einen Antirassisten darf man sich dann in Zukunft halt leider auch nicht mehr nennen.

Siehe auch:

Faschismen Politik Racism | Zitać | Markus Lobis | | | PD&Co. Vërc | Deutsch

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Open Spaces: Kommet doch all’.

Wie Markus Lobis (Demos Brixen) war auch ich am Samstag bei der Konventveranstaltung in Bruneck, weil ich den Termin in Brixen nicht wahrnehmen kann. Anders als der ehemalige Gemeinderat bin ich aber leider außerstande, genaue (und despektierliche) Angaben zu geografischer Herkunft und Vereinszugehörigkeit der Teilnehmerinnen zu machen.

Doch Lobis’ Einschätzung, dass Selbstbestimmungsgegnerinnen und Progressive (zu) dünn gesät waren, teile ich voll und ganz — wobei ich wohltuend feststellen konnte, dass diese beiden Gruppen nicht deckungsgleich sind. Nicht nur wegen der Anwesenheit von lern.

Ob Bruneck für die weiteren Veranstaltungen des Konvents repräsentativ war, kann man natürlich nicht voraussagen. Die Vielfalt an Positionen, die in der Südtiroler Gesellschaft zweifelsfrei vorhanden sind, war am Samstag jedoch ganz sicher nicht angemessen abgebildet. Das gilt übrigens auch:

  • für die unterschiedlichen Sprachgruppen, wobei wenigstens mehrere Ladinerinnen aus dem unteren Gadertal ihren Weg nach Bruneck gefunden haben;
  • für die Geschlechter, da nur sehr wenige Frauen anwesend waren.

Die Teilnehmenden ob ihrer angeblichen oder tatsächlichen »Organisiertheit« zu verurteilen, halte ich für keine wirklich gute Idee. Wäre die Gruppe der, nennen wir es konservativen Selbstbestimmungsbefürworterinnen, nicht gekommen, hätte man die Brunecker Veranstaltung ohne weiteres in einer Telefonzelle abhalten können.

Erstaunlich und bedauerlich ist vielmehr, dass sich die Befürworterinnen von mehrsprachigen Schulexperimenten, der Beibehaltung faschistischer Ortsnamen oder des Verbleibs beim Nationalstaat Italien offenbar kaum aus ihren warmen Stuben locken lassen, um in einem partizipativ-demokratischen Prozess mit Andersdenkenden in einen konstruktiven Dialog zu treten.

Es wäre schön, wenn sie diese nahezu einmalige Gelegenheit in Brixen, Meran, Neumarkt, La Ila und Bozen wahrnehmen würden.

Siehe auch:

Feminæ Grundrechte Mitbestimmung Ortsnamen Plurilinguismo Politik Selbstbestimmung | CLIL/Immersion Südtirolkonvent | Markus Lobis | | Südtirol/o | | Deutsch

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Rita Franceschini über den Spracherwerb.
Quotation 48

  1. Rita Franceschini: Das ist natürlich schon die Realität […], dass die Italienischsprachigen weniger Deutsch können, und umgekehrt, dass die Deutschsprachigen eigentlich […] sehr wohl Italienisch zumindest verstehen und teilweise auch sehr gut sprechen. Dieses Ungleichgewicht, das dann dazu geführt hat, dass man [an der Freien Universität Bozen] desöfteren Sitzungen dann einfach gänzlich auf Italienisch gehalten hat.
  2. Rita Franceschini: Es wäre wichtig, dass es direkte Botschaften gäbe, die da heißen: »Es ist ok wie du Italienisch sprichst, es ist ok wie du Deutsch sprichst, nämlich zwischendurch halt auch mit Fehlern.« Das ist ein großer Unterschied auch zur Schweiz, dass man [in Südtirol] das Gefühl hat, es muss immer alles perfekt sein. Also, man kann nicht Italienisch, Deutsch schon gar nicht, nicht perfekt reden, das ist irgendwie schwierig zu verdauen. Das find’ ich komisch.
  3. Markus Lobis: Was müssen für Rahmenbedingungen zutreffen, dass es [beim frühkindlichen Spracherwerb] keine Unglücke gibt, die immer wieder heraufbeschworen werden, theoretisch zumindest?
    Rita Franceschini:
    Man kann nichts falsch machen. […]
  4. Rita Franceschini: […] »umso früher, umso besser« stimmt wissenschaftlich nicht. […] Personen, die auch später eine Sprache erwerben, können sie sehr gut erwerben, sie haben einfach eventuell in der Aussprache nicht denselben Zungenschlag. Aber, Herrgott, das ist ja auch nicht das Allerwichtigste. […] Und Erwachsene lernen teilweise Sprachen schneller, wie [sic] Kinder — ein Kind braucht fünf-sechs Jahre, ein Erwachsener kann in drei Jahren dieses Niveau erreichen. Also dieses ganz schnelle Denken, man braucht nur ganz früh die Kinder zu füttern, und dann sind sie zweisprachig für’s ganze Leben, stimmt auch nicht. Weil, wenn diese Sprachen nicht […] beständig gebraucht werden, dann vergessen Kinder auch ganz leicht.
  5. Markus Lobis: Warum wird in […] den schulischen Alltag nicht der Lebensalltag eingebaut?
    Rita Franceschini:
    Ich weiß es nicht. Ich weiß es definitiv nicht.
    Markus Lobis:
    Das ist eine politische Entscheidung, das kann nicht anders sein!
    Rita Franceschini:
    Nein, das hat sicher nicht der Landeshauptmann irgendwann entschieden: Es wird in den Oberschulen nur Literatur gemacht. Also das geht nicht.
    Markus Lobis:
    Aber wer hat das dann beschlossen?
    Rita Franceschini:
    Das sind didaktische Traditionen, […] die Sprachvermittlung ist auch ein kulturelles Produkt.
  6. Rita Franceschini: Wobei [Wittgenstein] natürlich auch in einer Donaumonarchie aufgewachsen ist, in der mehrere Sprachen schon immer a) respektiert wurden b) gepflegt wurden und [die] eine übrigens explizite Sprachpolitik gehabt hat, die auf Vielfalt aus war. Und es war einfach zu früh, wahrscheinlich. Heute in Europa sind wir viel donaumonarchischer.
  7. Rita Franceschini: Ich empfinde Südtirol sowieso als ein Gebiet, das nahtlos mit dem deutschen Sprachgebiet in Kontinuität lebt, also die rein sprachlichen, grammatikalischen, lautlichen Phänomene, die da sind, die sind genau gleich, wie im süddeutschen Raum […] — aber von den Einstellungen der Personen her, ist die Situation die, dass ein Minderheitenschutz hier als wichtig empfunden wird. Die Personen empfinden sich als Minderheit, die etwas zu schützen hat. Und das ist in allen Sprachminderheitensituationen so, ich glaube, es gibt keine Sprachminderheit, die nicht Angst hätte, die Sprache zu verlieren — und ich finde, das ist eine Größe, die man sehr ernstzunehmen hat…
    Markus Lobis:
    Es ist der konstituierende Faktor unseres Sonderstatus’…
    Rita Franceschini:
    Nein! Und es braucht auch ein Schulsystem, das eine Sprache schützt […].
  8. Markus Lobis: Aber ist das dann mit der Person verbunden, die dann in Kontakt ist mit dem Kind? Weil das ist ja auch immer diskutiert worden, dass wenn man mit Kindern spricht, sollte auch vor allem im mehrsprachigen Kontext, dass dann ein Elternteil wirklich sich bemühen sollte, wirklich nur in einer Sprache zu sprechen. Weil das ist ja auch manchmal schwierig für eine mehrsprachige Familie.
    Rita Franceschini:
    Das ist ein Mythos, dass das funktioniert. Also Kinder sind ja nicht dumm, sondern eigentlich manchmal g’scheiter als Erwachsene. Die merken doch auch, dass Papa und Mama sehr wohl die beiden Sprachen können und dass die miteinander in verschiedenen Sprachen reden, und vielleicht mal so, mal so… und weshalb mit mir nur so und die untereinander nicht? Also… alles was künstlich ist, funktioniert nicht. Das ist sicher eine der wenigen Regeln die ich sagen würde, wo man 100% sagen kann: Stimmt nicht! Also, künstlich eine Kommunikationssituation mit den Kindern aufrecht zu erhalten, das geht in die Binsen.

Stellenweise Auszüge aus dem Interview von Markus Lobis mit Prof. Rita Franceschini zum Thema »Spracherwerb im mehrsprachigen Kontext« (Ostwest/Zigori Clubabend vom 9. Mai 2012).

Siehe auch:

Medien Minderheitenschutz Plurilinguismo Scola Wissenschaft | CLIL/Immersion Zitać | Markus Lobis Rita Franceschini | | Südtirol/o | Freie Universität Bozen OstWestClub | Deutsch

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Pluralität zulassen.
Quotation 47

Minderheiten gäbe es nicht, wenn man Pluralität zulassen würde.

Prof. Rita Franceschini im Interview mit Markus Lobis zum Thema »Spracherwerb im mehrsprachigen Kontext« (Ostwest/Zigori Clubabend vom 9. Mai 2012).

plädiert für die Schaffung eines Rahmens, innerhalb dessen man Pluralität auf derart natürliche Weise zulassen könnte, dass es tatsächlich keine Minderheiten mehr gäbe. Ich höre schon den Einwand: Warum erst einen Rahmen schaffen? Weil wir uns ja bereits in einem Rahmen befinden, und dieser lässt Pluralität nicht im erwünschten Maße zu — er definiert sich national.

Siehe auch:

Kohäsion+Inklusion Minderheitenschutz Nationalismus Plurilinguismo Politik | Zitać | Markus Lobis Rita Franceschini | | Südtirol/o | OstWestClub | Deutsch

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Geöffneter Brief an Brigitte Foppa.

Offene Version eines Briefs an Brigitte Foppa (Vërc).

Liebe Brigitte,

überraschenderweise war ich bei der Erstlektüre deines Briefes an Elmar Thaler in weiten Teilen mit dir einverstanden, wobei ich mir wünschte, du hättest die Angelegenheit radikaler »entethnisiert«. Auch mir ist — als überzeugter Pazifist — jegliche martialische Anwandlung mehr als nur suspekt. Eine Schusswaffe — egal ob Attrappe oder echt — kann das Stigma eines Tötungsinstrumentes, da ja das Töten ihr alleiniger Zweck ist — niemals ablegen. Darum einen Kult zu veranstalten, finde ich befremdend.

Mindestens ebenso überrascht war ich aber auch von den (beiden) Antworten von Seiten der Schützen, die meines Erachtens sehr gut sind und denen ich ebenfalls größtenteils zustimmen kann.

Dazu einige Gedanken:

A) Du erwähnst zwar die Alpini und die faschistischen Verbrechen — ich finde aber, dass du die Chance ausgelassen hast, derartige Diskussionen endlich einmal außerhalb der ethnischen Demarkationslinien zu führen. Sowohl Schützenaufmarsch als auch Alpiniumzug sind doch Manifest chauvinistischer Machtdemonstration und Reviermarkierung. Unser Ziel muss es sein, das bipolare Deutsch-Italienisch-Denken und die damit verbundenen Stereotypen zu überwinden. Allzu oft ist es aber so, dass Aktionen auf »deutscher Seite« gern als rechtslastig und zündlerisch gegeißelt werden, während exakt dieselben Ausformungen auf »italienischer Seite« geduldet werden bzw. die Kritik an denselben gar als »unnötige Provokation« abgetan wird. Patriotismus bis Nationalismus für Italien gilt als Norm, sogenannter Tirolpatriotismus hingegen als rückwärtsgewandt, ewiggestrig und rechts.

Da zum Beispiel auch Markus Lobis — so sehr ich sein ökosoziales Engagement schätze — hier auch oft selektiv wahrnimmt, hab ich ihm kürzlich auf Brennerbasisdemokratie folgenden Vorschlag gemacht:

ich hätte da einen vorschlag. wenn du das durchziehst, nehme ich meine kritik an deiner gesellschaftspolitischen ausrichtung zurück und zolle dir höchsten respekt:
male ein großes transparent auf dem steht: “euer antifaschismus ist einseitig und unglaubwürdig!” und stell dich damit beim  schützenumzug an den straßenrand.
dann male ein zweites großes transparent mit der aufschrift: “entschuldigt euch für nazi-kollaboration und kriegsverbrechen!” und platzier dich damit während des alpiniumzuges auf dem siegesplatz.

Wenngleich ich den Alto Adige nicht regelmäßig lese, hab ich noch keine einzige wirklich kritische Stellungnahme zum Alpini-Aufmarsch gesehen. Im Gegenteil. Den Schützen-Aufmarsch werden aber bestimmt wieder die Attribute »estrema destra tedesca« begleiten, was beim italienischsprachigen Leser natürlich die gewünschten Assoziationen weckt (so dubios manche der Klotz’schen Bekanntschaften sind, muss man schon auch sagen, dass die Süd-Tiroler Freiheit immer noch Mitglied der European Free Alliance ist, die zusammen mit den Grünen (!!!) im Europaparlament eine Fraktion bildet. Die EFA ist, was Nazismus und Rassismus angeht, sehr empfindlich und hat zum Beispiel die Lega Nord und die BürgerUnion ob ihrer radikalen Ansichten rausgeschmissen. Die Süd-Tiroler Freiheit jedoch nicht, da sie programmatisch nicht rechtsradikal ist). Auch die Hymnendiskussion wird auf italienischer Seite kaum geführt. Und somit ist auch dieses Thema wieder ein ethnisches und die SVP bemüht sich lediglich zu verhindern, dass die Deutsch- und Ladinischsprachigen die Hymne lernen müssen.

Dabei ist der Gesetzesvorschlag eine Anomalie in Zentraleuropa und ähnliches würde in Österreich einen Aufschrei durch sämtliche Bevölkerungsschichten hervorrufen. Erschwerend hinzu kommt, dass sich die Hymne explizit gegen europäische Nachbarn richtet und einen lächerlichen Pathos bis hin zum Tod für Italien propagiert. Kein Kind — egal welcher Muttersprache — sollte dazu verdonnert werden, diesen Müll zu lernen. Eine kritische Auseinandersetzung von mir aus — aber davon ist in der Diskussion nicht die Rede.

Die Trennlinie verläuft also nicht zwischen deutsch und italienisch sondern zwischen turbonationalistisch und liberal, zwischen demokratisch und totalitär. Diesen Umstand sollte man meines Erachtens viel vehementer hervorstreichen und Themen, die traditionellerweise ethnisch besetzt sind, vermehrt entsprechend kontextualisieren, damit sie endlich das Label verlieren, das sie von Beginn an gar nicht haben dürften. Verbeißt man sich jedoch in zwar ideoligischer — jedoch ethnisch einseitiger — Kritik, befeuert man das Auseinanderdriften der Sprachgruppen umso mehr.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es die angeblich so ethnisch denkende und geschlossene »deutsche Seite« ist, die sich — aus welchen Gründen auch immer — manchmal der ethnischen Logik entzieht und zumindest in Ansätzen — meist medial in Form des Hauses Athesia — im positiven Sinne ideologisch argumentiert (vergleiche Nazi-Aufarbeitung in den Dolomiten; ähnliches gibt es im Alto Adige bezüglich Faschismus nicht. Vergleiche Opposition der Dolomiten zu Schützenaufmarsch — SVP vs. STF — und verhältnismäßig milde Beurteilung des Alpiniumzuges).

B) Du schreibst:

Ich bin sicher, ihr werdet auch am 14. April mit Schildern auftreten, die “Freiheit” fordern. Gewundert hab ich mich schon über diese vielen Jugendlichen, die sich im Ahrntal, in Gröden vom italienischen Staat unterjocht fühlen. Ich kann es ja verstehen, wenn dieses Gefühl von denen kommt, die den Faschismus oder die Italienisierungspolitik des Staates in der Nachkriegszeit miterlebt haben […] Vergleicht doch einmal Südtirol mit der DDR, mit dem von euch wohlstudierten faschistischen Italien, mit Kuba oder auch nur mit Putins Russland und dann sagt, dass wir nicht frei sind?

Das erinnert mich an eine Aussage, die oft zum Thema Toponomastik kommt: »Gut, dass wir keine größeren Probleme haben«. Erstens denke ich, dass die Toponomastik sehr wohl Symptom eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Problems ist und zweitens entbindet mich die Existenz größerer Probleme ja nicht vom Drang bzw. der Pflicht, auch die kleineren zu lösen. Oder dürfen wir uns nicht um andere Dinge kümmern, solange immer noch Menschen in dieser Welt an Hunger sterben? Dürfen die Opfer des Mussolini-Regimes nicht Gerechtigkeit und Mitgefühl fordern, nur weil es den Juden und anderen im Deutschen Reich noch viel schlimmer ergangen ist? Verlieren die Katalanen das Recht, für ihre Version von »Freiheit« zu kämpfen, nur weil die Tibeter noch viel unfreier sind? Dieser Relativismus ist Schwachsinn. Italien ist ein freies Land, aber im Vergleich zu einigen Nachbarn doch auch ziemlich unfrei. Eine Verbesserung der eigenen Situation anzustreben ist daher für jede Gesellschaft ein legitimes Ziel. Wenn ich mich also auch nur ein kleines bisschen unfrei fühle (ob der mangelnden Pressefreiheit, der überbordenden Bürokratie, nationalstaatlicher Zwänge usw.) habe ich sehr wohl das Recht, auf demokratischem Wege Alternativen anzustreben.

C) Außerdem schreibst du:

Einige von Euch sind für die Gründung einen neuen Staates. Reden wir gerne auch darüber, denn es klingt ja nicht schlecht. Aber klärt uns auf darüber, ob Ihr der EU beitreten möchtet.

Dazu, finde ich, hat Elmar Thaler sehr gut geantwortet. Die Schützen machen von einem ureigenen demokratischen Recht — dem der Versammlungsfreiheit — Gebrauch und solange sie sich damit im demokratischen Grundkonsens bewegen, ist dagegen nichts einzuwenden. Machen die Gewerkschaften und viele andere ja auch. Die Schützen sind auch keine politische Partei sondern ein Verein — eine Interessensvertretung wenn man so will. Und da hat Elmar recht, dass sie eine Willensbekundung abgeben dürfen, es aber nicht ihre Aufgabe ist, die Umsetzung auf Punkt und Beistrich auszuformulieren (machen die Gewerkschaften bei ihren Protestaktionen ja auch meistens nicht). In diesem Sinne habe ich die Formulierung mit der »Legitimation« verstanden, wenngleich sie schon recht ungeschickt war.

D) Zuletzt schreibst du:

Das alles wollen wir verwerfen? Von neu anfangen und womöglich all die bereits erlebten Kämpfe, Verletzungen, Fehler oder gar Toten noch einmal erleben?

Das klingt mir zu hart. Niemand plant einen Militärputsch. Alle Akteure betonen, dass sie ihre Ziele auf demokratischem Wege und gewaltfrei erreichen möchten. Und wenn der Staat Italien eine freie Demokratie ist, dann wird er doch wohl mit demokratischen Willensbekundungen umzugehen wissen. Wenn nicht, wäre dies ein Grund mehr für eine Loslösung. Außerdem sehe ich eine zukünftige Unabhängigkeit ja nicht als Projekt, das vom absoluten Nullpunkt startet, sondern vielmehr als eine Weiterentwicklung dessen, was wir zur Zeit haben.
Und besonders die Grünen müssten allein schon aus Eigeninteresse ein derartiges Szenario herbeisehnen. Wir sind uns glaub ich einig, dass es in Südtirol ein Demokratiedefizit gibt. Diese »Anomalie« im Vergleich zu den umliegenden, bisweilen sehr ähnlich geschichteten Regionen, ist meiner Meinung nach fast ausschließlich der Autonomie und der Zugehörigkeit zu Italien geschuldet. Eine andere Erklärung dafür habe ich nicht. In Nordtirol liegen die Grünen — obwohl sie bei den vergangenen Wahlen ein Drittel ihrer Stimmen verloren haben — immer noch bei fast 11 Prozent. Erschwerend hinzu kommt, dass es in Nordtirol im Gegensatz zu Südtirol sehr wohl eine sozialdemokratische Konkurrenz gibt, die in ähnlichen Gewässern fischt. Dennoch kommen die Grünen südlich des Brenners nicht einmal auf 6 Prozent. Vergleicht man die Landeshauptstädte, die sich nicht nur wegen ihrer Geschichte durchaus vergleichen lassen, ist der Unterschied noch eklatanter. Die Innsbrucker Grünen lagen bei den vergangenen Wahlen bei 18,5 Prozent. Die Bozner Grünen holten gerade einmal ein Drittel davon (6,5 Prozent). Ich habe trotzdem nicht den Eindruck, dass »grüne Themen« den Südtirolern egal sind. Ganz im Gegenteil orte ich hier ein fast noch stärkeres Umweltbewusstsein als in Nordtirol. Wie erklärst du dir diese Diskrepanz? Sind einfach die Kandidaten hier so viel »unwählbarer«? Das hoffe ich wohl nicht.

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