Belarus… und Sudtirolo.
Bewusster Umgang mit Sprache

Bezeichnungen beschreiben die Realität nicht nur, sie prägen sie auch aktiv mit. Kürzlich haben Nachrichtenagenturen und Medien im deutschsprachigen Raum relativ einheitlich und konsequent begonnen, vom Namen »Weißrussland« (sowie »weißrussisch«) Abstand zu nehmen, um stattdessen von »Belarus« (sowie »belarusisch« — konsequenterweise mit einfachem »s«) zu sprechen und zu schreiben. Speziell im Zusammenhang mit den am Wochenende stattgefundenen Wahlen und den daraufhin begonnenen Protesten in dem Land.

Das hat Gründe: Während »Weißrussland« nahelegen könnte, dass es sich bei dem Land um einen Teil von Russland handelt, ist dies bei der Bezeichnung »Belarus« nicht der Fall. Sie bezieht sich nicht auf das deutlich größere Nachbarland, sondern auf die Rus, ein historisches Gebiet, auf dem die Kiewer Rus zur Vorläuferin der heutigen Staaten Russland, Ukraine und Belarus wurde.

Inwiefern ist das von Bedeutung? Einerseits ist »Belarus« einfach die korrektere Bezeichnung, andererseits macht der Bezug auf die Rus aus Russland, Ukraine und Belarus gleichwertige Staaten — während »Weißrussland« eine Hierarchie herstellt und gegebenenfalls sogar zur Legitimierung eines allfälligen Anspruchs von Russland auf Belarus beitragen.

Alternativ zu »Belarus« wäre im Deutschen auch der Rückgriff auf die exonyme Bezeichnung »Weißruthenien« denkbar, da »Bela« tatsächlich »weiß« bedeutet und »Ruthenien« die historische deutsche Bezeichnung für die »Rus« ist. Allerdings ist »Ruthenien« auch historisch vorbelastet.

Wir in Südtirol sind mit einer Landesbezeichnung konfrontiert, die ausdrücklich dazu gedacht war, Hierarchien, Abhängigkeiten und Zugehörigkeit zu »erschaffen« und zu legitimieren. Genauso wie im Fall von Belarus sollten wir uns bewusst überlegen, ob wir im italienischen (oder gar im englischen) Sprachgebrauch tatsächlich »Alto Adige« sagen und schreiben — oder lieber auf »Sudtirolo« (»South Tyrol«) setzen — wollen.

Eine neutrale Entscheidung ist das nicht, ganz im Gegenteil.

Siehe auch:

Außendarstellung Kohäsion+Inklusion Lingaz Medien Ortsnamen | | | | Russia Südtirol/o Ukraine | | Deutsch

Web der Landesverwaltung in Leichter Sprache.

Ab sofort stellt das Land einen Teil seines Webportals in Leichter Sprache (kurze Sätze, einfachere Wörter, zusätzliche Erklärungen, große Schrift) zur Verfügung. Dabei handelt es sich um ein niederschwelliges, barrierearmes Angebot, das für Menschen mit Beeinträchtigung gedacht ist — aber auch für Menschen, die noch keine Landessprache gut beherrschen, hilfreich sein kann.

Die entsprechende Startseite ist unter https://leichte-sprache.provinz.bz.it abrufbar.

Das mehrsprachige Infoportal über die Corona-Pandemie enthält bereits einen Abschnitt in einfacher Sprache.

In beiden Fällen hat Okay, das Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe Südtirol, die Texte lektoriert.

Siehe auch:

Kohäsion+Inklusion Lingaz Service Public Soziales Tech&Com | Coronavirus Good News | | | Südtirol/o | Land Südtirol | Deutsch

STF: Perseverare diabolicum.

Die STF hat die Bezeichnung, mit der sie einen erheblichen Teil der Bevölkerung in Südtirol und in Italien öffentlich beleidigt und herabwürdigt, noch immer nicht von ihrer Homepage entfernt. Geschweige denn, dass sie sich für den offensichtlichen Griff ins Klo entschuldigt hätte. Zu allem Überfluss greift Landtagsabgeordnete Myriam Atz Tammerle nun aber auch noch den Landeshauptmann an, der ihre Wortwahl kritisiert hatte — und wirft ihm vor, zu sehr auf politische Korrektheit und zu wenig auf Inhalte fokussiert zu sein.

Von absurden Auswüchsen politischer Korrektheit sind wir hier jedoch meilenweit entfernt. Es ist vielmehr die STF, die durch ihre wiederkehrenden sinnlosen und beleidigenden Provokationen dazu führt, dass der Fokus in vielen Fällen nicht auf die Substanz, sondern auf die — geradezu indiskutable — Form fallen muss. Wer bewusst jede Grenze des Anstands, des Respekts und des guten Geschmacks überschreitet, darf sich nicht wundern, wenn die Botschaft zum Beiwerk verkommt, anstatt vernommen zu werden.

Diesmal wäre eine Entschuldigung und Distanzierung von der eigenen Wortwahl mehr als überfällig.

(Und bitte keine etymologischen Deutungen des nach allgemeinem Empfinden beleidigenden Begriffs.)

Kohäsion+Inklusion Lingaz Politik | | Arno Kompatscher Myriam Atz Tammerle | | Südtirol/o | STF SVP | Deutsch

120 Tage nach Hanau: Räume für Solidarität.
Ein Interview mit der »Initiative 19. Februar Hanau«

von Heiko Koch*

Gedenkstelle vor der ehemaligen Shisha-Lounge „Midnight“ am Heumarkt. (Foto: Heiko Koch)

Neun Menschen mit (familiärer) Migrationsgeschichte fanden am 19. Februar in Hanau einen gewaltsamen Tod. Ein 43-jähriger Rassist erschoss sie und verwundete zahlreiche weitere Personen — zum Teil schwer. Am 19. Februar betrat der Täter in der Hanauer Innenstadt gegen 22 Uhr zwei Lokale in der Straße Am Heumarkt und erschoss drei Männer. In der Bar La Votre den 33-jährigen Wirt Kaloyan Velkov, in der Shisa-Lounge Midnight den 30-jährigen Inhaber Sedat Gürbüz und auf der Straße den 34-jährigen Fatih Saraçoğlu. Anschließend fuhr er in den benachbarten Stadtteil Kesselstadt. Auf dem Parkplatz vor einem Hochhaus am Kurt-Schumacher-Platz erschoss er Vili Viorel Păun. Der 22-Jährige war ihm mit seinem Fahrzeug gefolgt und hatte vergeblich versucht, den Mörder zu stoppen und die Polizei zu Hilfe zu rufen. Im Erdgeschoss des Hochhauses betrat der Mörder die Arena Bar, ein Lokal mit angeschlossenem Kiosk. Im Kiosk tötete er den 37-jährigen Maurer Gökhan Gültekin, die 35-jährige alleinerziehende Mutter Mercedes Kierpacz und den 23-jährigen Installateur Ferhat Unvar. Der 21-jährige Said Nesar Hashemi und der 22-jährige Hamza Kurtović erschoss er im Bereich der Bar. Weitere Besucher der Bar wurden zum Teil schwer verletzt. Nach diesem Massaker fuhr der Täter in das unweit gelegene Haus seiner Eltern, wo er erst seine Mutter und dann sich selbst erschoss.

Wie ein norwegischer Faschist bei seinen Anschlägen in Oslo und auf der Insel Utøya im Juli 2011 und ein australischer Faschist bei seinen Anschlägen auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch im März 2019, hinterließ auch der Hanauer Mörder ein Manifest. In diesem Pamphlet mit dem Titel »Botschaft an das gesamte deutsche Volk« äußerte er sich rassistisch, antisemitisch, islamfeindlich und misogyn (frauenfeindlich). Ein ähnlich lautendes Video stellte er Tage vor seinen Morden auf YouTube online. Seine Äußerungen sind zum einen mit unterschiedlichen Elementen aus Verschwörungstheorien bespickt und zum anderen deuten sie auf erhebliche Persönlichkeitsstörungen des Täters hin.

Über 100 Tage sind seit dem Terroranschlag vergangen. Und schon scheinen die Toten im Schatten der Corona-Pandemie in Vergessenheit geraten zu sein. Aber die Angehörigen, Freund*innen und Bekannte der Opfer können und wollen die rassistische Bluttat nicht vergessen. Sie fordern Aufklärung über die Hintergründe des Täters und den Verlauf der Tat, Solidarität für die vom Massaker betroffenen Familien, Angehörigen und Freund*ìnnen und die Benennung und Bekämpfung der politischen Ideologien und Einstellungen, die zu den Morden führten. Dafür organisieren sie sich in der Initiative 19. Februar Hanau.

+++ Liej inant – Weiterlesen – Continua…120 Tage nach Hanau: Räume für Solidarität.
Ein Interview mit der »Initiative 19. Februar Hanau«

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2016-19: 8.329 Einbürgerungen.

Wie das Landesstatistikinstitut (Astat) bekannt gibt, haben im Zeitraum 2016-2019 über 8.300 in Südtirol ansässige Bürgerinnen, die zuvor eine andere (oder gar keine) Staatsbürgerschaft hatten, die italienische Staatsbürgerschaft angenommen.

Fast die Hälfte von ihnen (48% oder knapp 4.000) hatte zuvor bereits die Staatsbürgerschaft eines anderen EU-Mitgliedslandes. Die restlichen Einbürgerungen verteilen sich auf Asien (18,9%), Afrika (18,1%), Resteuropa (8,9%) und Amerika (6,4%), während Australier-, Ozeanierinnen und Staatenlose (gemeinsam 0,1%) kaum ins Gewicht fallen.

Wie viele neben der neuen, italienischen, auch ihre alte Staatsbürgerschaft beibehalten haben — und somit Doppelstaatsbürgerinnen sind — geht aus den veröffentlichten Daten nicht hervor.

Siehe auch:

Kohäsion+Inklusion Migraziun Nationalismus Umfrage+Statistik | Doppia Cittadinanza Italianizzazione | | | Afrika America Asia Europa Italy Oceania Südtirol/o | Astat EU | Deutsch

SwissCovid-App: in neun Sprachen.

Seit vorgestern Donnerstag hat mit SwissCovid auch die Schweiz eine Corona-Tracking-App, die übrigens auch im Ausland heruntergeladen werden kann. Mit bereits über einer halben Million Downloads hat die Software im Verhältnis zur Bevölkerungszahl einen regelrechten Blitzstart hingelegt.

Verfügbar ist sie in neun bis elf Sprachen. Interessant ist dabei nicht nur die Anzahl, sondern auch die Auswahl. Immuni ist neben der Staatssprache Italienisch ausschließlich in den dominanten westlichen Tourismussprachen Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch verfügbar.

Deutschsprachige Südtirolerinnen und französischsprachige Aostanerinnen haben Glück, andere und deutlich größere Minderheiten (Friaulerinnen, Sardinnen…) schauen wie so oft durch die Röhre.

SwissCovid ist — natürlich — in sämtlichen offiziellen Sprachen der Schweiz verfügbar: Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Darüberhinaus wurden vor allem die größten Migrationssprachen berücksichtigt: Die multizentrische Sprache Serbisch/Kroatisch/Bosnisch, Albanisch, Portugiesisch und Spanisch. Und Englisch als internationale lingua franca.

Wichtige Sprachen der migrantischen Gemeinschaften (Albanisch, Rumänisch, Arabisch…) wurden in Italien ebenfalls nicht berücksichtigt.

Wieder einmal ist die Schweiz hinsichtlich der sprachlichen Inklusion ein leuchtendes Beispiel. Im konkreten Fall kann das von wesentlicher Bedeutung sein — und auch der sogenannten Mehrheitsbevölkerung einen entscheidenden Vorteil bringen.

Siehe auch:

Comparatio Gesundheit Kohäsion+Inklusion Migraziun Minderheitenschutz Plurilinguismo Service Public Tech&Com | Best Practices Coronavirus Good News | | | Italy Svizra | | Deutsch

Globales linkes Bündnis.

Eine gemeinsame Front der progressiven Kräfte auf dem ganzen Planeten zu bilden, das waren Ende 2018 die Vision und der Aufruf von Demokratie in Europa (DiEM25) um Yanis Varoufakis und Sanders Institut um den linken US-Politiker Bernie Sanders. Dass die aus dieser Idee hervorgegangene Progressive Internationale (PI) genau jetzt — am 11. Mai inmitten einer weltweiten Pandemie — gegründet wurde, ist weder ein Betriebsunfall, noch Zufall. Die beteiligten Kräfte wollten gerade in dieser schwierigen Zeit ein starkes Zeichen gegen das Wiedererstarken nationalistischer Tendenzen setzen.

Bereits 41 Organisationen — NROs, Medien und Parteien — führt der Webauftritt von PI bereits als Teilnehmerinnen auf. Sie stammen aus Afrika, Nord- und Südamerika, Europa und Asien. Mit im Boot sind als Mitglieder des Rates, der für die strategische Ausrichtung der Internationale verantwortlich zeichnet, unter anderen Noam Chomsky, Katrín Jakobsdóttir, Fernando Haddad, Naomi Klein, Carola Rackete oder Vanessa Nakate.

Der eigenen Vision zufolge strebt PI nach einer Welt, die dieser Beschreibung entspricht:

  • Demokratisch. Alle Menschen haben die Macht, ihre Gesellschaft und deren Institutionen zu gestalten.
  • Dekolonisiert. Alle Nationen bestimmen, frei von Unterdrückung, ihre gemeinsame Zukunft.
  • Gerecht. Gesellschaftliche Ungleichheiten werden beseitigt und unsere gemeinsame Vergangenheit aufgearbeitet.
  • Egalitär. Die Gesellschaft dient den Vielen, nicht bloß den Wenigen.
  • Befreit. Alle Menschen genießen gleiche Rechte, Anerkennung und Macht.
  • Solidarisch. Der Kampf eines jeden ist der Kampf aller Anderen.
  • Nachhaltig. Die planetarischen Grenzen werden respektiert und gefährdete Gruppen beschützt.
  • Ökologisch. Die Gesellschaft wird mit ihrer Umwelt in Einklang gebracht.
  • Friedlich. An die Stelle der Kriegsgewalt tritt die Diplomatie.
  • Postkapitalistisch. Jede Form der Arbeit erhält ihre angemessene Anerkennung. Der Arbeitsfetisch wird abgeschafft.
  • Wohlhabend. Armut wird beseitigt und eine Zukunft des gemeinsamen Wohlstands investiert.
  • Vielfältig. Wir feiern Verschiedenheit als Stärke.

Da deckt sich vieles auch mit den Prinzipien von .

Siehe auch:

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