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Innere und äußere Kolonien.
Libyen, Eritrea, Sizilien und Südtirol

Auf Laying Claim, einen Text von Mia Fuller über den italienischen Kolonialismus, war ich schon vor einigen Jahren gestoßen. In Bezug auf die Unbeständigkeit natürlicher Grenzen — und die Ortsnamen von Ettore Tolomei — hatte ich daraus bereits im Mai 2019 kurz zitiert.

Aufschlussreich finde ich aber besonders die Überlegungen von Fuller über die externen und internen Kolonien, wobei sie zu letzteren im Fall von Italien neben Sizilien auch Südtirol zählt.

In Italien tendiere man dazu, die nach 1861 erfolgten Grenzänderungen nicht im Lichte der kolonialen Expansion zu betrachten, obschon die Einwohnerinnen in beiden Fällen die Oktroyierung der italienischen und das Verbot anderer Sprachen als eine Form kolonialer Unterjochung abgelehnt hätten.

Wie die Professorin am Department of Italian Studies an der University of California – Berkeley argumentiert, sollte man die »Konsolidierung« der italienischen Grenzen nicht nur im engeren Kontext der Staatswerdung, sondern auch im Lichte der imperialistischen Expansion des Landes betrachten. Die ab 1869, noch bevor Rom in den Staat eingegliedert wurde, diskutierte Eroberungspolitik sei ausdrücklich als Mittel des Nation Buildings gerechtfertigt worden. Demnach sollte der Kolonialismus einen einenden patriotischen Geist im Lande fördern und dem Regionalismus entgegenwirken. Kolonialistische Besetzungen in Afrika und und interne Einigung fanden nicht nur im selben Zeitraum statt, ihre Methoden waren dieselben, so Fuller.

Gewaltsame staatliche Kontrolle und Herabwürdigungen, wie sie für den Kolonialismus typisch sind, seien ab 1861 auf Sizilien und später in Venetien, Trentino oder Südtirol brutal auf diejenigen angewandt worden, die nicht dem Bild entsprachen, das die italienische Regierung von italienischen Staatsbürgerinnen hatte.

Gleichzeitig seien auch externe Kolonien wie Eritrea und Libyen oft in absichtlicher Aberkennung ihrer grundsätzlichen Andersheit bewusst als a priori italienisch dargestellt worden.

Auf Sizilien hätten sich Menschen vor allem in der Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung und auf eine Landreform Garibaldis Tausend angeschlossen — doch schon in den 1860ern sei dieser Optimismus verflogen, als Bauernaufstände gerade von den angeblichen Befreiern gewaltsam unterbunden wurden. Und während in Frankreich und Großbritannien die kolonisierten Völker Afrikas und Asiens studiert wurden, wähnte Italien seine eigenen »Primitiven« in den Gebirgsregionen von Abruzzen und Molise sowie auf Sardinien und Sizilien, also im Inneren des neu zusammengeflickten Landes.

Wie in Libyen habe Italien auch in Südtirol davon geträumt, ein historisches Kontinuum wiederherzustellen und dort anzusetzen, wo das Römische Reich aufgehört hatte. Als wäre die Geschichte in den dazwischenliegenden Jahrhunderten gestoppt worden. Eine räumliche und zeitliche Grenze sei gleichzeitig erfunden und erobert worden, um an eine glorreiche Vergangenheit anzuknüpfen und sich eine noch hellere Zukunft zu sichern.

Der Umgang mit Libyen und der mit Südtirol folgte in der Zwischenkriegszeit laut Fuller demselben Muster. Das Staatsgebiet wurde erweitert und die Anzahl von Italienerinnen innerhalb der neuen Grenzen nahm zu, weil die ursprünglichen Einwohnerinnen sowohl physisch als auch kulturell verdrängt wurden.

In 1939 sei die Agenda für beide Gebiete zusammengeflossen. Das bereits kolonisierte Libyen sei auch formell an Italien angegliedert und zu italienischem Festland erklärt worden. Über Nacht habe man so eine Kolonie zur italienischen Provinz gemacht. In Südtirol sollte die Option mehr Raum für eine zu intensivierende Italianisierung machen, die ohne den Zweiten Weltkrieg wohl ihr Ziel erreicht hätte. Die kulturelle Säuberung, die Italien in Südtirol umsetzte, sei viel detaillierter und mit Sicherheit wirksamer gewesen als jene in Libyen oder in jeder anderen externen Kolonie. Es habe sich nicht nur um eine Kolonisierung, sondern um eine radikale Auslöschung der Andersheit in der Gegenwart und in der Vergangenheit gehandelt.

Aus all den genannten Gründen sei im Falle von Italien die übliche historische Differenzierung zwischen Mutterland und Kolonien, wie sie etwa auf das französische und britische Empire Anwendung findet, nicht haltbar.

Die von Tolomei aufgezwungenen Ortsnamen sind bis heute gültig und — so Fuller — werden wohl die Grenze überleben, die Italien für ewig hielt. Während das Eis in den Alpen schmelze, erweise sich die nördliche Staatsgrenze aus dem kolonialistischen Blickwinkel als eine willkürlich gezogene Grenze statt als prädestinierte Markierung für alle Zeiten. Der Klimawandel bedrohe die symbolische Beständigkeit des Nationalstaats.

Mia Fullers Beitrag ist in A Moving Border: Alpine Cartographies of Climate Change (Hrsg. A. Bagnato, M. Ferrari, E. Pasqual – 2019) erschienen.

Siehe auch:

Colonialismi Ecologia Faschismen Geschichte Grenze Nationalismus Ortsnamen Politik Publikationen Symbolik Wissenschaft | Geschichtsaufarbeitung Italianizzazione | Ettore Tolomei | | Afrika Italy Sicilia Südtirol/o | | Deutsch

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Verlorengegangene Menschenwürde.
Quotation 645

Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört. Jeder ging, wohin er wollte und blieb, solange er wollte. Es gab keine Erlaubnisse, keine Verstattungen, und ich ergötze mich immer wieder neu an dem Staunen junger Menschen, sobald ich ihnen erzähle, daß ich vor 1914 nach Indien und Amerika reiste, ohne einen Paß zu besitzen oder überhaupt je gesehen zu haben. Man stieg ein und stieg aus, ohne zu fragen und gefragt zu werden, man hatte nicht ein einziges von den hundert Papieren auszufüllen, die heute abgefordert werden. Es gab keine Permits, keine Visen, keine Belästigungen; dieselben Grenzen, die heute von Zollbeamten, Polizei, Gendarmerieposten dank des pathologischen Mißtrauens aller gegen alle in einen Drahtverhau verwandelt sind, bedeuteten nichts als symbolische Linien, die man ebenso sorglos überschritt wie den Meridian in Greenwich. Erst nach dem Kriege begann die Weltverstörung durch den Nationalsozialismus, und als erstes sichtbares Phänomen zeitigte diese geistige Epidemie unseres Jahrhunderts die Xenophobie: den Fremdenhaß oder zumindest die Fremdenangst. Überall verteidigte man sich gegen den Ausländer, überall schaltete man ihn aus. All die Erniedrigungen, die man früher ausschließlich für Verbrecher erfunden hatte, wurden jetzt vor und während einer Reise jedem Reisenden auferlegt. Man mußte sich photographieren lassen von rechts und links, im Profil und en face, das Haar so kurz geschnitten, daß man das Ohr sehen konnte, man mußte Fingerabdrücke geben, erst nur den Daumen, dann alle zehn Finger, mußte überdies Zeugnisse, Gesundheitszeugnisse, Impfzeugnisse, polizeiliche Führungszeugnisse, Empfehlungen vorweisen, mußte Einladungen präsentieren können und Adressen von Verwandten, mußte moralische und finanzielle Garantien beibringen, Formulare ausfüllen und unterschreiben in dreifacher, vierfacher Ausfertigung, und wenn nur eines aus diesem Schock Blätter fehlte, war man verloren.

Das scheinen Kleinigkeiten. Und auf den ersten Blick mag es meinerseits kleinlich erscheinen, sie überhaupt zu erwähnen. Aber mit diesen sinnlosen ›Kleinigkeiten‹ hat unsere Generation unwiederbringlich kostbare Zeit sinnlos vertan. Wenn ich zusammenrechne, wie viele Formulare ich ausgefüllt habe in diesen Jahren, Erklärungen bei jeder Reise, Steuererklärungen, Devisenbescheinigungen, Grenzüberschreitungen, Aufenthaltsbewilligungen, Ausreisebewilligungen, Anmeldungen und Abmeldungen, wie viele Stunden ich gestanden in Vorzimmern von Konsulaten und Behörden, vor wie vielen Beamten ich gesessen habe, freundlichen und unfreundlichen, gelangweilten und überhetzten, wie viele Durchsuchungen an Grenzen und Befragungen ich mitgemacht, dann empfinde ich erst, wieviel von der Menschenwürde verlorengegangen ist in diesem Jahrhundert, das wir als junge Menschen gläubig geträumt als eines der Freiheit, als die kommende Ära des Weltbürgertums.

Stefan Zweig in Die Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers, 1942 (postum erschienen)

Siehe auch:

Bürokratismus Faschismen Feuilleton Geschichte Grenze Migraziun Nationalismus Polizei Publikationen Racism | Quote | | | Europa | | Deutsch

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Verlust von Verständigung und Bereicherung.
Quotation 642

Dem Majorisierungs- und Entnationalisierungsdruck, dem die Nachkriegsminoritäten seitens nationaler Mehrheiten ausgesetzt waren, entsprachen rasch die ethnozentrische Verhärtung der Minderheiten selbst und der damit einhergehende Verlust interkultureller Verständigung und Bereicherung. So auch in Südtirol, das sich nach Kriegsniederlage und Abtrennungserfahrung — zumindest in der Perspektive von deutsch- und ladinischsprachiger Landesbevölkerung — zunächst um ein geeignetes, identitäres Narrativ bemühen musste und sich gewissermaßen kollektiv neu zu erfinden hatte.

aus Kafka in Meran – »Unser Städtchen liegt…«, Patrick Rina, Veronika Rieder (Hg.), Edition Raetia, Bozen 2020; zitiert auf Salto von Hannes Obermair (26. Dezember 2020)

Siehe auch:

Geschichte Publikationen | Quote | Hannes Obermair | Salto | Europa Südtirol/o | | Deutsch

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Bravo italiano-cattivo tedesco im Geschichtsbuch.

In den Beiträgen des Georg-Eckert-Instituts (GEI) für Internationale Schulbuchforschung ist ein Aufsatz von Isabelle Bosch über die Darstellung von Faschismus und Nationalsozialismus in italienischen Schulgeschichtsbüchern zwischen den 1950er und den 2000er Jahren erschienen.

Das GEI ist seit den 1960er Jahren Schulbuchzentrum des Europarats.

Für diese Untersuchung wurden insgesamt zwölf Bücher — zwei für jedes Jahrzehnt — gewählt und ausgewertet.

Bezüglich der Wahl von Themen und Schwerpunkten stellt Bosch in ihrer Analyse insbesondere bei der Beschreibung der Innenpolitik große Unterschiede in den Büchern des Korpus fest. Dabei gehe die Tendenz im Laufe der Zeit hin zu mehr Ausführlichkeit. Dem italienischen Faschismus werde grundsätzlich mehr Platz eingeräumt als dem Nationalsozialismus.

Während hinsichtlich des Nationalsozialismus die Opposition und die Flucht einiger Gegner des Regimes nur zu den peripheren Themen gehören, wird der Opposition und dem Antifaschismus in Italien viel Raum gegeben. […] Die detailliert dargestellte Strömung des Antifaschismus suggeriert, dass große Teile der Bevölkerung sich nicht mit dem Regime identifiziert haben und es sogar ablehnten.

Die italienischen Kriege in Afrika und der Kolonialismus würden oft nur sehr kurz und ohne Details beschrieben, im Einzelfall sogar positiv dargestellt.

Die Dynamik des Bündnisses zwischen Hitler und Mussolini ist für die meisten Schulbuchautoren eindeutig: Mussolini steht im klaren Abhängigkeitsverhältnis zu Hitler, der den faschistischen Diktator für seine Pläne ausnutzt.

Zwar habe es ein Machtgefälle tatsächlich gegeben, so Bosch, doch das daraus gezogene Fazit sei für die Vergangenheitsbewältigung gefährlich.

Mussolini wird verharmlost, und alle negativen Taten des Faschismus werden als Ausdruck der Abhängigkeit vom Nationalsozialismus deklariert. Der Deutsche wird als Feindbild konstruiert und jegliche Kameradschaft während des Bündnisses vehement abgestritten. Das Bild des bravo italiano und des cattivo tedesco entsteht. Die Erinnerungskultur des Faschismus ist bis heute abhängig von der Gegenüberstellung und eindeutigen Abgrenzung zum Nationalsozialismus. Eine Auseinandersetzung mit den Gräueltaten der italienischen Diktatur blieb für lange Zeit aus und ist auch in den Schulbüchern des Korpus nur vereinzelt zu finden.

Wie erwähnt wird der Widerstand im Falle Italiens deutlich ausführlicher behandelt als im Falle Deutschlands. Die Weiße Rose wird gar nur in zwei der zwölf Bücher (eins aus den 60er und eins aus den 70er Jahren) erwähnt. Von den späten 80er Jahren bis zu einem Buch von 2007 findet die interne Opposition im Nazireich überhaupt keine Berücksichtigung mehr.

Immerhin wurde in den Schulbüchern im Laufe der Zeit mehr auf die Unstimmigkeiten innerhalb der Resistenza hinwiesen, die in früheren Jahren meist als einheitlich (und mehrheitlich) dargestellt wurde. Außerdem fand auch der Faschismus nach 1943, namentlich die Sozialrepublik von Salò, mehr Berücksichtigung.

Den Entschluss über den Eintritt in den Weltkrieg fasst Mussolini den Büchern zufolge allein. Die Teilnahme Italiens am Überfall auf die Sowjetunion wird meist nicht ausdrücklich erwähnt.

Kriegsverbrechen von italienischen Soldaten oder Offizieren werden in Einzelfällen im Zusammenhang mit dem Afrikafeldzug genannt, doch finden sich [nur in einem Buch] Hinweise auf Kriegsverbrechen auf dem Balkan oder anderen Ländern. Wenigstens ein Kriegsverbrechen der Deutschen auf italienischem Boden wird in jedem Schulbuch behandelt (Fosse Ardeatine und/oder Marzabotto), oder das […] Massaker auf Kefalonia.

In allen Kategorien (Machtergreifung, Innenpolitik, Außenpolitik, Zweiter Weltkrieg) sei in den Schulbüchern eine Erzählung zu finden

die eine einheitliche Erinnerungskultur erzeugt, indem ein viel mächtigerer und radikalerer Nationalsozialismus einem ausgenutzten, unfähigen sowie harmlosen Faschismus gegenübergestellt wird. […] Die Ergebnisse der Untersuchung haben gezeigt, dass das Selbstbildnis der Italiener als Opfer Mussolinis und Hitlers bis heute in Teilen Bestand hat.

Nur »in Ansätzen« sei die einseitige Interpretation bislang durchbrochen worden. Es gebe aber eine Weiterentwicklung, die einen kritischeren Umgang mit Geschichte erhoffen lasse. Die Schulgeschichtsbücher hätten die von der Politik gewollte »vermeintlich gemeinsame Erinnerungskultur des Antifaschismus« unterstützt, aber auch den »Mythos der Resistenza und der brava gente« verbreitet.

Es muss eingeräumt werden, dass es unmöglich für ein Land ist, eine einheitliche Erinnerungskultur zu besitzen. Dennoch muss Italien als Sonderfall betrachtet werden, da sich die Auffassungen so massiv widersprechen, dass keine einheitliche Vergangenheitspolitik entstehen kann.

Von den einen werde der Faschismus nach wie vor verharmlost, während ihm die anderen jegliche Unterstützung in der Bevölkerung absprächen.

Bibliografischer Hinweis: Bosch, Isabelle. »Bravo italiano e cattivo tedesco?: Darstellung der nationalsozialistischen und faschistischen Diktaturen in italienischen Schulgeschichtsbüchern.” Eckert. Beiträge 2016/2.

Siehe auch:  

Colonialismi Faschismen Geschichte Militär Publikationen Scola Ungehorsam+Widerstand Wissenschaft | Geschichtsaufarbeitung Zitać | | | Afrika Deutschland Italy | Europarat | Deutsch

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Covid: UNO gegen Sanktionen, Einschüchterung.
Quotation 624 // Klagewelle in Südtirol

Die Vereinten Nationen haben schon im Mai ein kleines Vademecum für den Umgang mit Hassreden im Kontext der Pandemie veröffentlicht.

Die Mitgliedsstaaten werden dort unter anderem auch dazu aufgerufen:

Seite 4:

Uphold the freedom to seek, receive and impart information as a corner-stone of building trust in measures taken to contain the pandemic.

(Die Freiheit, Informationen zu suchen, zu erhalten und zu verbreiten hochzuhalten. Dies ist ein Eckstein, um Vertrauen in die Maßnahmen herzustellen, die zur Eindämmung der Pandemie ergriffen wurden.)

Seite 5:

Ensuring the safety of journalists and the protection of sources, including that journalists and whistle-blowers who have raised legitimate concerns about COVID-19 and responses to it do not face criminal prosecution, civil penalties, intimidation or harassment

(Die Sicherheit von Journalistinnen sowie den Quellenschutz zu gewährleisten. Dies schließt ein, dass Journalistinnen und Whistleblower, die legitime Sorgen über Covid-19 und die dagegen ergriffenen Maßnahmen geäußert haben, nicht mit strafrechtlicher Verfolgung, zivilrechtlichen Sanktionen, Einschüchterung oder Schikane konfrontiert werden.)

Deutsche Übersetzung:

Irgendwas davon scheint in Südtirol nicht angekommen zu sein:

Siehe auch:

Gesundheit Medien Publikationen Recht Repression Transparenz | Coronavirus Quote | Christoph Franceschini Florian Zerzer Paul Köllensperger | Salto | Südtirol/o | Sabes UNO | Deutsch English

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Minderheiten: Fernand de Varennes in Spanien.
UN-Sonder­berichterstatter bemängelt zahlreiche Defizite

Der UN-Sonderberichterstatter betreffend Minderheiten führt jährlich im Normalfall zwei Landesbesuche durch. Dabei trifft er sich mit Räpresentantinnen von Exekutive, Legislative und Judikative, spricht mit Vertreterinnen UN-Büros und anderen internationalen Organisationen sowie von Zivilgesellschaft und NROs. Ziel ist es, dem UN-Menschenrechtsrat Bericht zu erstatten und Verbesserungen beim Minderheitenschutz herbeizuführen.

Solche Besuche finden allerdings auf Einladung des betreffenden Staates statt. Italien war bislang nicht darunter.

Im Jahr 2019 besuchte der amtierende Sonderberichterstatter, Dr. Fernand de Varennes, Spanien. Der daraus hervorgegangene Bericht enthält Bemerkenswertes, und zwar unter anderem:

  • Punkt 58: Die abermalige Anerkennung des katalanischen Schulsystems, dessen Grundlage eine stark asymmetrische Immersion zugunsten der katalanischen Sprache ist.
  • Punkt 65: Die Empfehlung, dieses hoch erfolgreiche und von der UNESCO ausgezeichnete Schulsystem nicht durch Maßnahmen zu gefährden, die den Anteil an Unterricht in katalanischer Sprache einschränken. Im Jahr 2015 hatte das spanische Höchstgericht (Tribunal Supremo) geurteilt, dass mindestens 25% des Unterrichts in spanischer Sprache (Kastilisch) durchzuführen sei (vgl. Punkt 57).
  • Punkt 66: Die Kritik am dreisprachigen Schulmodell (Kastilisch, Katalanisch und Englisch), für das sich einige Schulen auf den Balearen entschieden haben, weil es den Unterricht in der Minderheitensprache (Katalanisch) einschränke (vgl. Punkt 86).
  • Punkte 67-70: Die Sorge über das drastische Vorgehen gegen die katalanische Unabhängigkeitsbewegung und die (Höhe der) verhängten Haftstrafen — sowie über das Signal, das dadurch an andere Minderheiten ausgesandt werde.

Autonome Gemeinschaften in Spanien üben deutlich mehr Zuständigkeiten aus, als Südtirol. Dennoch ortete der Sonderberichterstatter — auch aufgrund der Beschwerden, die von zivilgesellschaftlichen Organisationen vorgebracht wurden — teils massive Defizite beim Minderheitenschutz. Unter anderem ist dies darauf zurückzuführen, dass einschlägige Gesetze nicht umgesetzt wurden, wovon wir auch hierzulande ein Lied singen können.

Über das hier zusammenfassend Erwähnte hinaus beinhaltet der Bericht auch interessante Erkenntnisse zu anderen Minderheiten wie Roma, Gehörlose, Zugewanderte oder Musliminnen. Ein Besuch des Sonderberichterstatters würde sich auch bei uns durchaus lohnen.

Siehe auch:

Minderheitenschutz Plurilinguismo Publikationen Racism Recht Repression Roma+Sinti Scola | affirmative action Best Practices CLIL/Immersion Good News | | | Catalunya Illes Balears Italy Spanien Südtirol/o | UNESCO UNO | Deutsch

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Der Zweite Weltkrieg in Afrika.
Quotation 608 // Rolle Italiens

[S]chon die zeitliche Begrenzung [des Zweiten Weltkriegs] auf die Jahre 1939 bis 1945 [ist] eurozentristisch. In Afrika begann [er] 1935 mit dem Einmarsch der Italiener in Äthiopien. 1937 hatte Japan neben Korea bereits die Mandschurei besetzt und dehnte seinen Krieg gegen China nach Süden aus. Als die Achsenmächte 1945 endlich kapitulierten, war der Krieg in vielen Länder der Dritten Welt auch noch nicht zu Ende. In Algerien massakrierten französische Truppen am 8. Mai 1945, der als »Jahrestag der Befreiung« bis heute in Frankreich gefeiert wird, Zehntausende Demonstranten, die für die Unabhängigkeit des Landes demonstrierten.

Am 2. Oktober 1935 erschien Benito Mussolini auf der Piazza Venezia in Rom und schrie mit seiner einpeitschenden Stimme den Versammelten zu: »Schwarzhemden der Revolution; Männer und Frauen von Italien! (…) 20 Millionen Italiener sind in diesem Moment im ganzen Land vereint. Zwanzig Millionen: ein Herz, ein Wille, eine Entscheidung. Diese Manifestation zeigt, dass die Identität zwischen Italien und dem Faschismus perfekt ist, absolut und unveränderbar. (…) Ich weigere mich zu glauben, dass die Franzosen und die Briten Blut vergießen und Europa an den Rand einer Katastrophe treiben wollen, um ein afrikanisches Land zu verteidigen, das in den Augen der ganzen Welt nicht wert ist, zu den zivilisierten Völkern zu gehören.« Beifall brandete auf. Am nächsten Morgen um fünf Uhr überschritten italienische Truppen ohne Kriegserklärung die äthiopische Grenze: mit über 300.000 Soldaten, 7.000 Offizieren, 6.000 Maschinengewehren, 700 Kanonen unterschiedlichen Kalibers, 150 Panzern und 150 Flugzeugen. Damit begann der Zweite Weltkrieg in Afrika.

Der äthiopische Historiker Richard Pankhurst kommt wie andere Wissenschaftler zu dem Schluss: »Das war der größte koloniale Krieg, der jemals in Afrika geführt wurde. Die Italiener kamen mit einer riesigen Anzahl Soldaten, dazu hatten sie die komplette Überlegenheit in der Luft. Sie setzten Giftgas ein, schwere Artillerie und überzogen die Rebellen mit Massenbombardements. Sie haben das Land förmlich überwältigt.

»Wir waren noch Kinder, als die Italiener hier in Eritrea waren«, erinnert sich der 65-jährige Arbeiter Ibrahim in der eritreischen Hafenstadt Massawa. »Wir dachten, alle Weißen seien Italiener. Im Alltagsleben existierte eine strenge Rassentrennung zwischen Schwarzen und Weißen. Diskriminierung war allgegenwärtig. Zum Beispiel durften wir in den Bussen und in den Restaurants nicht die gleichen Sitze benutzen wie die Weißen.« Italienische Siedler und Einheimische lebten in getrennten Wohngebieten; die einen in luxuriösen Stadtteilen, die Eritreer in native towns, »in Drecklöchern ohne fließendes Wasser oder öffentliche Toiletten«, wie Richard Pankhurst schreibt. Mischehen waren verboten, und die Eritreer durften nur die niedersten und härtesten Arbeiten verrichten.

Während sich in der Regenzeit im Sommer 1936 überall im Land Partisanen sammelten, forderte der Duce seinen Statthalter per Telgramm auf, »Rebellen und ihre Unterstützer systematisch zu terrorisieren und zu vernichten«. Graziani befahl, die Äthiopier in den italienisch kontrollierten Gebieten zu entwaffnen und den widerständigen Klerus der orthodoxen Kirche zu ermorden. Im Krieg gegen die Aufständischen gingen die Italiener stets nach dem gleichen Muster vor: Zuerst bombardierten sie ein Gebiet flächendeckend, dann warfen sie Gasbomben und anschließend ließen sie ihre Soldaten einmarschieren. Immer wieder verübten sie dabei Massaker an der Zivilbevölkerung. Richard Pankhurst schreibt: »Diese Operationen waren von barbarischen Repressalien begleitet. Ein äthiopischer Richter berichtete, dass die italienische Armee zum Beispiel in Gorro alle unbewaffneten Zivilisten in einer Höhle zusammentrieb, auch Frauen mit Kindern auf dem Rücken sowie ein paar Schäfer, und sie mit Maschinengewehren niedermachte.«
Ein Blutbad richteten die Besatzer auch unter den Einwohnern der Hauptstadt Addis Abeba an. Als Mussolinis Statthalter Graziani nach Art des äthiopischen Kaisers im Februar 1937 Almosen an Arme im Palast verteilte, warfen zwei Eritreer zehn Handgranaten auf den verhassten Despoten. Graziani wurde verwundet, und seine faschistische Garde mähte daraufhin alle 300 im Palast anwesenden Äthiopier, darunter Blinde und Bettler, kaltblütig nieder. In den folgenden Tagen durchkämmten die Schwarzhemden sengend und mordend die ganze Stadt. Sie steckten Häuser in Brand und überrollten mit ihren Militärfahrzeugen alles und jeden, der sich ihnen in den Weg stellte. Mit Eisenstangen und Knüppeln schlugen sie Menschen wahllos zu Tode. Sie verfolgten Intellektuelle, exekutierten sie oder warfen sie ins Gefängnis. Insgesamt massakrierten die Italiener in wenigen Wochen 30.000 Äthiopier. In Addis Abeba standen zehn Galgen, an denen bis Ende März 1937 1.500 Äthiopier erhängt wurden.

Schon bei ihrem Einmarsch hatte die italienische Luftwaffe Bomben mit Yperit- und Senfgas über Seen und Flüssen, auf Äcker und Vieh abgeworfen. Kaiser Haile Selassie, der das miterlebt hatte, prangerte in seinem Exil die italienische Kriegsführung an: »Von all den Massakern dieses schrecklichen und erbarmungslosen Krieges war die Gaseinsätze am schlimmsten. Männer, Frauen und Lasttiere wurden in Stücke gerissen und kamen in den Flammen um. Die Sterbenden und Verwundeten schrieen in ihrer Qual. Die Flüchtenden wurden Opfer des tödlichen Regens. Das Gas beendete das Blutbad, das die Bomben begonnen hatten. Auch in anderer Hinsicht seien die Italiener barbarisch und grausam gewesen, sagen die Veteranen. »Sie haben Patriots umgebracht, die schon kapituliert oder die sie gefangen genommen hatten; sie haben Zivilisten, darunter viele Bauern, ermordet. Bekannte Anführer der Patriots haben sie liquidiert und noch ihre Leichen geschändet. Sie haben ihnen das Genick gebrochen und mit ihnen vor aller Augen wie mit Puppen gespielt. Sie waren wirklich bestialisch.«

Auszüge aus »Unsere Opfer zählen nicht« – Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg , Rheinisches JournalistInnen Büro / Recherche International e. V. (Hg.)

Siehe auch:  

Colonialismi Faschismen Geschichte Militär Publikationen Racism | Geschichtsaufarbeitung Quote | | | Afrika Italy | Alpini | Deutsch

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Mehrsprachiges Lernbuch kostenlos online.

Die Uniun Ladins Val Badia (ULVB) und das Istitut Ladin Micurà de Rü haben in Zusammenarbeit mit anderen Kulturinstituten die mehrsprachige Plattform Mies prömes parores (Meine ersten Wörter) entwickelt und online gestellt.

Dort gibt es in den fünf dolomitischladinischen Idiomen (Badiot, Gherdëina, Fascian, Fodom, Anpezan) und Friaulisch ein interaktives Lernbuch für Kinder mit 50 thematischen Tafeln und zusätzlichen Lernspielen kostenlos.

Dabei ist für sämtliche Begriffe eine Audiodatei der Aussprache im jeweiligen ladinischen Idiom und zudem auf Deutsch, Italienisch und Englisch hinterlegt:

Nicht zuletzt gibt es das Buch in einer gedruckten Fassung, die von der Plattform aus bestellt werden kann — außer in den dolomitenladinischen Idiomen und auf Friaulisch auch auf Fersentalerisch. Weitere Sprachversionen sind geplant.

Vielleicht ist das in Zeiten der Ausgangsbeschränkung ja auch für nichtladinische Kinder (und Erwachsene) eine Idee: die kleinste Landessprache etwas besser kennenlernen.

Siehe auch:

Minderheitenschutz Plurilinguismo Publikationen | Coronavirus Good News | | | Friaul-Friûl Ladinia Souramont Südtirol/o Trentino | | Deutsch