Eine sprechende Wissenschaft.
Quotation 521

Südtirol gibt für das Gesundheitssystem zirka 6% des Bruttoinlandsproduktes aus. Wir haben es gehört, das BIP 2017 betrug 22,5 Milliarden — wir geben zirka 2.500 Euro pro Person pro Jahr aus. Ein Wert, der eher im unteren Mittelwert (sic) gegenüber den anderen europäischen Ländern liegt, so die neuesten Daten der OECD… und man kann sie nachlesen.

Um die Pflegeberufe attraktiver zu gestalten und die Qualität zu gewährleisten, sollte eine der Verantwortung angemessene Zahlung festgeschrieben sein. […] Wir sind nicht mehr konkurrenzfähig mit den Institutionen im angrenzenden Ausland, sodass uns vor allem in Grenzgebieten Pflegepersonal verlässt, um an Fachabteilungen im Ausland zu arbeiten.

Die Medizin ist eine sprechende Wissenschaft. Der Dialog zwischen Patient und Arzt beziehungsweise Pflegepersonal ist entscheidend. Daher ist die Kenntnis der beiden Landessprachen von Bedeutung. Vor Beginn der Anstellung sollten die Sprachkenntnisse aktiv und mithilfe von Sprachkursen in der Dienstzeit in einem defninierten Zeitrahmen erworben werden.

aus der Rede von Franz Ploner (Team Köllensperger), vormals ärztlicher Leiter des Krankenhauses Sterzing, anlässlich der Wahl der neuen Landesregierung am 25. Jänner im Südtiroler Landtag

Siehe auch:

Gesundheit Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik Service Public Soziales und Arbeit Vorzeigeautonomie Wirtschaft+Finanzen | Zitać | | | Südtirol/o | OECD Sabes Südtiroler Landtag Team K. | Deutsch

Schurken, Retter und politische Zündler.

Für Europa werden die Flüchtlingsproblematik und die Migrationspolitik vor den Parlamentswahlen zu einer veritablen Nagelprobe für die Zukunft der Gemeinschaftsidee.

von Karl Gudauner

Humanität ist bei den Flüchtlingstragödien im Mittelmeer zu einem suspekten Begriff geworden, als in Ermangelung koordinierter Interventionen seitens internationaler Stellen vor Jahren verschiedene private Hilfsinitiativen gestartet sind. Deren Rettungsschiffe können sich bei ihren Hilfsaktionen auf internationales Seerecht berufen, werden aber einer faktischen Komplizenschaft mit den Schlepperbanden verdächtigt. Die Suggestion, dass es einen direkten Funkkontakt zwischen Schleppern und Rettungsschiffen geben könnte, ist eindringlich. Sie wurde letzthin dadurch befeuert, dass es scheinbar zur Praxis geworden ist, die Aufnahme der Flüchtlinge durch die Rettungsschiffe bereits sehr nahe an libyschen oder ägyptischen Hoheitsgewässern bzw. gar innerhalb deren jeweiligen Küstenmeeren oder entsprechenden Anschlusszonen zu organisieren.

Politiker, die gegen den „NGO-Wahnsinn“ im Mittelmeer wettern, verlassen sich darauf, dass unbewiesene Unterstellungen in der Phantasie der bereits in Alarmstimmung versetzten Bevölkerung verfangen und die Ausmalung möglicher „dirty deals“ schnell für ein reales Abbild der Lage gehalten wird. Auch die abstruse Idee, dass private Rettungsorganisationen aus ihren Hilfeleistungen Profit schlagen würden, gehört zu den fake news, mit denen gearbeitet wird, um Rettungsinitiativen zu delegitimieren. Dieselben Politiker hüten sich allerdings, selbst konkrete Maßnahmen für die Bekämpfung der wahren Ursachen der vielschichtigen und umfassenden Migrationsproblematik auf den Weg zu bringen. Schließlich sind sie nur an der meinungspolitischen Abschöpfung der Emotionen der Wählerschaft in der aufgewühlten öffentlichen Debatte im eigenen Land interessiert. Pragmatische Rationalität verlangt die Konzentration auf bespielbare emotionale und politische Felder.

Als real empfundene Bedrohungsszenarien sind rationalen Argumenten nicht zugänglich

Die Botschaft, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht, scheint umso plausibler, wenn es irgendwo weit weg von der eigenen Fernsehcouch passiert und fremde Kulturkreise betrifft. Ganz rational überlegen deshalb die Menschen vor den Fernsehschirmen in Europa, dass eine Kooperation zwischen Rettungsorganisationen und Schlepperbanden tatsächlich die Abläufe vereinfachen und die Risiken der Rettungsoperation verringern könnte. Indirekt würde dadurch zudem jenen obskuren Akteuren in die Hände gearbeitet, die die Organisationen von Flüchtlingsrouten aus den verschiedenen Regionen Afrikas in Richtung Europa zu ihrem Business gemacht haben. Erfolgreich zu Ende gebrachte Schlepperdienste kurbeln die Nachfrage der verzweifelt Entschlossenen an, in deren Vorstellungen Europa ein Elysion darstellt, das Freiheit, Einkommenschancen und eine bessere Zukunft verheißt. Diese Schlussfolgerung verstärkt in den europäischen Ländern wiederum den Eindruck, dass die durch Kriegsschauplätze, wirtschaftliche Desaster, mögliche Umweltkatastrophen und Bevölkerungsentwicklung belegten Bedrohungsszenarien bald Realität werden könnten. Die Bilder und die Berichte über seit 2015 nach Europa drängende Flüchtlingsströme werden als Vorboten dieser Entwicklung betrachtet und lösen rational nicht steuerbare quasi instinktive Abwehrreaktionen aus. Auf diesem Hintergrund präsentiert sich die Flüchtlingstragödie im Mittelmeer als ein Trilemma mit menschlichen Schicksalen zwischen Kriminalität, Ethik und Rechtsstaatlichkeit, das aufgrund der gegenseitigen Verzahnung der organisatorischen Rädchen nicht leicht entwirrbar ist.

Der Kontext der Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer zeigt die Unverfrorenheit krimineller Organisationen im Umgang mit Menschen, mit den Institutionen und der internationalen Rechtsordnung. Einmal den Schlepperbanden ausgeliefert, durchleben Flüchtlinge auf den verschiedenen Etappen der Flucht und in den küstennahen Internierungslagern nahe der Mittelmeerküste Gewalterfahrungen, die ihnen das Leben derart zur Hölle machen, dass sie gerne ihr Leben riskieren, wenn sie auf ein Boot gesetzt werden, das sie von diesem Alptraum der Entmenschlichung wegführt. Dass die Flüchtlinge systematisch auf weitgehend nicht seetüchtigen Booten in küstennahen oder in internationalen Gewässern zurückgelassen werden, ist Teil einer kaltschnäuzigen Strategie der Ausnutzung der internationalen Rechtsordnung.

Koexistenz der Polarität von Gut und Böse

Die Schlepperorganisationen gehen nicht nur brutal und menschenverachtend vor. Sie verstehen es außerdem ausgezeichnet, sowohl die Bestimmungen des internationalen Seerechts zur Rettung von Schiffbrüchigen für ihre kriminellen Machenschaften zu missbrauchen, als auch die ethische Verfasstheit der Gesellschaft auf breiter Ebene zu aktivieren, um ihre menschenverachtenden Geschäfte zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Der Grundsatz der Hilfeleistung in Notsituationen ist ein sakrosanktes Postulat christlicher Wertordnung und inzwischen auch zu einem säkularisierten Kernelement politisch-ethischer correctness geworden, allenfalls in Frage gestellt durch die Glaubenssätze neoliberaler Marktorthodoxie. Die Crew der Rettungsschiffe weiß, dass sie durch ihren Einsatz Menschen vor dem Ertrinken bewahren kann. Sie weiß auch, dass die Schlepper genau auf diese Aktionen der Menschlichkeit bauend ihre Bewegungen auf See kalkulieren und mittels Radargeräten frühzeitig abchecken können, welche Schiffe auf der gewählten Route unterwegs sind.

Als Beobachter dieser Geschehnisse müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass im Unterschied zur Theorie der klaren Trennung von Schurken und Rechtschaffenen und zur cineastischen Vorstellung, dass die einen an den schwarzen und die anderen an den weißen Hüten erkennbar sind, im tatsächlichen Leben eine Koexistenz von Gut und Böse der Fall ist. Es gibt ein ständiges Tauziehen zwischen ethischen und egoistischen Beweggründen im menschlichen Handeln. Dieses erfolgt zwischen den Menschen und genauso in jedem Einzelnen. In der Praxis ist die Interaktion zwischen diesen Polaritäten der Regelfall und nicht die lehrbuchmäßige blitzartige Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus. Die Rechtschaffenen können sich nicht immer dem Kontakt und der Kooperation mit den Schurken entziehen und verfügen selbst nicht über eine unverrückbare ethische Handlungs-DNA, sondern sind als selbstbestimmte Menschen im Alltag laufend mit dem Spannungsfeld widerstrebender Handlungsoptionen konfrontiert. Je mehr die Grundsatzfragen rund um die Flüchtlingsproblematik von einer privaten auf eine übergreifende gesellschaftliche und institutionelle Ebene gebracht werden, desto schwieriger ist es, Verantwortungsrationalität mit Ethik in Einklang zu bringen.

Diese Einsicht hat den Vorteil, dass sie es erleichtert, sich von fatalen schablonenhaften Menschen- und Weltbildern zu lösen und den Wert von Kompromissen zu erkennen oder vermeintliche schmutzige Geschäfte zwischen Schlepperbanden und Hilfsorganisationen in einen Gesamtkontext einzuordnen. Die Rettung von Menschenleben legitimiert Situationen, wo es Berührungspunkte zwischen privaten Hilfsorganisationen und kriminellen Profiteuren von Kriegs-, Hunger- und Misswirtschaftsdesastern gibt. In einer unabgesprochenen Aufgabenteilung zwischen der Zivilgesellschaft und den Institutionen wird auf der einen Seite versucht, im Mittelmeer menschliche Tragödien zu vermeiden, und auf der anderen Seite eine energische Repression der kriminellen Machenschaften zu organisieren. Bei der Fokussierung auf Teilaspekte hingegen werden Zusammenhänge übersehen: So blendet die Angst vor Überfremdung ethische Handlungskomponenten aus und legitimiert aufgrund konkret empfundener Bedrohungsszenarien radikale Ausgrenzungsmechanismen gegen Flüchtlinge. In der Summe können solche gesellschaftliche Gemütsverfassungen, in emotionalen Aktivismus gegen Migration umschlagend und durch verquere Supremationsphantasien genährt, generell die Basis für die Koexistenz verschiedener Kulturen und Gesellschaften auf unserem Planeten gefährden.

Warten auf eine wirkungsmächtige und hoffnungsgebende Botschaft

Wie schwierig es ist, in der Migrationsproblematik bei der Abwägung von ethisch kohärenten und von pragmatischem Egoismus beseelten Handlungsweisen eine klare Linie zu verfolgen, ist am Verhalten der einzelnen europäischen Staaten und der EU selbst nachvollziehbar. Die christliche Ethik und das in vielen Grundsatzdokumenten säkulär verankerte Solidaritätsprinzip sind nur mehr fahle Tapeten in den Schaltzentren der Macht. Die Stimmung in den einzelnen Ländern ist von den Ängsten um Wohlstandseinbußen und Identitätsverlust durch die (womöglich noch bevorstehende massive) Zuwanderung geprägt. Zu Profiteuren dieser Situation haben sich nationalistische Kräfte mit Machtambitionen ohne demokratischen Impetus aufgeschwungen. Sie haben erkannt, dass die Schürung solcher Ängste und hetzerische Parolen gegen MigrantInnen ihre reale Chance darstellen, an die Schalthebel der Machtzentralen zu gelangen.

Ihre Strippenzieher sind intelligent genug, um zu erkennen, wo die Grenzlinie zwischen forschen Wahlkampfparolen und Volksverhetzung verläuft: Ihr Handeln ist insofern rational, als die Bedienung von inkarnierten Vorurteilen gegenüber fremden Kulturen und die emotionszentrierte Desinformation mit der Zeit zu einem Strategieelement werden, das auch wider besseres Wissen eingesetzt wird. Ziel ist es, den radikalen Umbau einer als obsolet angeprangerten Gesellschaftsordnung und die Ersetzung als handlungsunfähig hingestellter Regierungen als unumgänglich darzustellen. Zu bieten haben die populistischen Aggregationen allerdings nur Zukunftsvisionen tribalen und korporativistischen Zuschnitts. Die EU hat das Potenzial, diesen Perspektiven eine starke Botschaft für die Handhabung der Migrationsproblematik entgegenzusetzen. Sie muss es nur tun.

Bloße Symptombekämpfung als Zeichen der Schwäche

Zurzeit sind die Migrationsflüsse zum Stoppen gebracht worden, u. a. dank der Abkommen mit der Türkei und mit Libyen. Das kann sich angesichts der politischen Turbulenzen in diesen Ländern und anderer Brennpunkte in Nahost, Vorderasien und Afrika schnell wieder ändern. Zugleich sind wir von konkreten langfristigen Plänen für eine gerechtere und nachhaltigere globale Entwicklung noch weit entfernt. Das spüren die Menschen. In dem authentischen Aufbegehren Einzelner gegenüber als existentielle Bedrohung empfundene Migrationsszenarien spiegelt sich der auf nationalstaatlicher und europäischer Ebene zu konstatierende Mangel an effizienten und effektiven Handlungsoptionen, was die langfristige Lösung der Problematik Migration in deren heutiger Dimension angeht. Die Migration ist nur das Symptom, sei es von Machtkonflikten zwischen den Weltmächten, die derzeit im Nahen Osten ausgetragen werden, sei es einer ungerechten und auf Ausbeutung beruhenden Entwicklung in Afrika und generell in den Schwellenländern.

Innenpolitisch unter Druck geraten, betreiben die einzelnen europäischen Staaten mit ihrer Abschottungspolitik nur Symptombekämpfung. Die EU ist nicht mit den Instrumenten ausgestattet, um die Mitgliedsländer zu einer gemeinsamen Haltung zu bewegen. Angst machen den Menschen in Europa nicht nur die Szenarien einer massiven Zuwanderung vor allem aus dem afrikanischen Kontinent. Es ist der politische und ideelle Immobilismus der EU, der die Menschen in der Sorge bestärkt, dass die einzelnen Staaten und die EU sie allein lassen werden, sollten sich die Migrationsströme verstärken. Ungeeignete Entscheidungsmechanismen und den kurzfristigen Zeitrahmen der Politik bestimmende reaktive Handlungsmuster haben bewirkt, dass die EU sich nicht dazu aufraffen konnte, erfolgversprechende Strategien zur Bewältigung des komplexen Themas einer nachhaltigen Entwicklung in Afrika zu lancieren. Ein gemeinsam finanzierter konsistenter Marshall-Plan, der gemeinsam von den OECD-Ländern verwirklicht wird, wäre eine machtvolle und hoffnungsgebende Botschaft sei es in Richtung Afrika sei es gegenüber der besorgten Bevölkerung in den Mitgliedsländern. Regierungen und Konzerne, die diesen Kontinent systematisch ausgebeutet und seine eigenen Entwicklungspotenziale zunichte gemacht haben, sind nach dem Verursacherprinzip unter UNO-Aufsicht dazu zu verpflichten, daran über einen Zeitraum von 30 Jahren mitzuwirken.

Systemstabilisierung und Machtrationalität als übergreifende Entscheidungsfaktoren

Für die privaten Rettungsorganisationen im Mittelmeer sind die Definition der Aufgabenstellung und die Organisation der Interventionen in einem überschaubaren Rahmen zu bewältigen. Ohne den Mut zu einem durchschlagenden Schritt politischer und ökonomischer Erneuerung der globalen Entwicklungsstrategien tritt die EU in ihrer Reaktion auf die Flüchtlings- und Migrationsproblematik auf der Stelle. Die österreichische Präsidentschaft sieht ihre Berufung in der Konsakration der Abschottungspolitik der einzelnen Staaten als europäische Strategie. Die einzelnen Regierungen sind allenthalben mit Versuchen beschäftigt, sich durch restriktive Maßnahmen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen die Mehrheit in den Parlamenten zu sichern.

Die eigentliche Aufgabe der politischen Entscheidungsträger im Unterschied zu den privaten Rettungsorganisationen wäre es, sich bei der Migrationsproblematik mit verschiedenen kurz- und langfristigen Entwicklungsszenarien und mit der Wirkung der verschiedenen Handlungsoptionen in einem von zahlreichen unterschiedlichen Akteuren geprägten Gesamtbild auseinandersetzen. Systemstabilisierung, Strukturerhaltung und Machtrationalität sind Aspekte, die auf der politischen Ebene in einer umfassenden Strategie auch vor der ethischen Kohärenz der Reaktion auf Einzelfälle gereiht werden können und durch ihre gemeinschaftsdienliche Rationalität eine Legitimation erhalten.

So sind auf der europäischen Ebene zum Beispiel die Effekte zu bedenken, die die Massensuggestion von Europa als Zuflucht und wonderland auf einem afrikanischen Kontinent auslösen kann, der mit wachsenden (und von Europa selbst auch verursachten) Problemen wirtschaftlicher Entwicklung und notwendiger Versorgungskapazitäten konfrontiert ist, Demokratisierung und den Aufbau verlässlicher Institutionen nicht auf die Reihe kriegt, selbst in einem Sumpf von Korruption und Misswirtschaft steckt, die massiven Innovationsschübe nicht mit den dadurch ausgelösten kulturellen Verwerfungen und dem traditionellen Erbe in Einklang bringen kann, massiven Umweltrisiken ausgesetzt ist und bis 2050 einer Verdoppelung der Bevölkerungszahl auf ca. 2,5 Milliarden Menschen entgegensteuert. Eine Korrektur der derzeitigen Entwicklung ist unumgänglich. Dies erfordert einen eigenen konsistenten Beitrag Europas für ein neues Aufblühen des afrikanischen Kontinents. Nur eine globale Kooperation unter Einschluss von China als wirtschaftlichem und ordnungspolitischem free rider mit massiven Interessen in Afrika kann diese Herausforderung insgesamt bewältigen. Wie andere Länder weltweit wird Europa nicht darum herumkommen, klare und restriktive Regeln für die Einwanderung festzulegen, um einem massiven Zustrom von MigrantInnen faktisch und psychologisch einen Riegel vorzuschieben. Der Grund ist schlicht und einfach, dass die Aufnahmekapazität begrenzt ist, und das unabhängig von der Aufnahmebereitschaft.

Gefahren der Hochschaukelung irrationaler politischer Weichenstellungen

Eine weitere Herausforderung für die politischen Strategie-Think-Tanks auf europäischer Ebene ist die Ausrichtung und die Lenkung der politischen Entwicklung in den einzelnen EU-Ländern und auf EU-Ebene. Das Europa-Bashing in der Migrationsproblematik ist Teil einer umfassenden Destabilisierungstrategie und muss als solche durch korrekte Information entlarvt und durch markante politische Akzente aus dem Feld gedrängt werden. Die regressive Dynamik der angekündigten neuen Allianzen mit dem Ziel der Aushöhlung der EU als den Mitgliedsstaaten übergeordneter Governanceebene zugunsten der einzelstaatlichen Souveränität ist im Hinblick auf die 2019 anstehenden Europawahlen nicht zu unterschätzen. In einer Mischung aus ökonomischer bzw. strategiepolitischer Unbedarftheit und durch populistische Enthusiasmuswellen bewirkter Selbstüberschätzung verkennen zahlreiche in Regierungsverantwortung stehende PolitikerInnen die zentrale Bedeutung der EU als aggregiertem Wirtschaftsraum und als politischem Protagonisten im globalen Kontext. Aus schrägem Nationalstolz, kurzsichtiger Vorteilsberechnung und mit dem Risiko einer entscheidenden Schwächung der EU und der einzelnen Staaten, die umso mehr dem Einfluss von Großmächten wie USA, Russland, China oder künftig Indien ausgesetzt würden, dieses asset auf’s Spiel zu setzen, wäre dumm und verantwortungslos. Ein bevölkerungsmäßig schrumpfendes Europa muss seine Kräfte bündeln und den politischen Einigungsprozess gezielt vorantreiben, um in der internationalen Standortkonkurrenz zu bestehen und nicht selbst zum Opfer von Kolonialisierungsbestrebungen zu werden.

In Europa und in einer weltweit vernetzten Gesellschaft ist Zusammenarbeit der Schlüssel für die Entwicklung. Die Behauptung des Vorrangs nationaler Interessen und die Zuspitzung verkürzter nationaler Identitätsbilder weisen genau in die entgegengesetzte Richtung. Samt damit verbundenen kulturellen Suprematieansprüchen gegenüber anderen Staaten und Kulturen kann eine Hochschaukelung nationaler Gemütsverfassungen tiefe Gräben zwischen Ländern und Kulturen aufwerfen. Angesichts zahlreicher weltweiter Konfliktherde und wachsender Gewaltbereitschaft, aber auch im Hinblick auf sich abzeichnende künftige Versorgungsengpässe (Wasserknappheit, Dürreperioden, konsistenter Temperaturanstieg aufgrund der Polschmelzung und des Austritts von Methangas aus den Permafrostzonen…) wird eine deutliche Steigerung der Bereitschaft zu evidenzbasiertem und gemeinschaftsdienlichem rationalem Handeln und zu unmittelbarer Umsetzung als notwendig erkannter Maßnahmen benötigt. Die Weltgemeinschaft wird es sich nicht leisten können, irrationalen (weil zu kurz greifenden) politischen Strategien nachzuhängen bzw. solche instrumentell für die Erreichung von Partikularzielen einzelner Interessenverbünde einzusetzen. Die Menschen müssen also die Fähigkeit entwickeln, gemeinsam über staatliche, kulturelle, konfessionelle und soziale Schichtungsgrenzen hinweg Zukunftssicherung zu betreiben.

Die Bereitschaft zu rationalem Handeln muss gesteigert werden

Der momentane Stillstand auf EU-Ebene ist deren VerantwortungsträgerInnen sehr wohl bewusst. Wenn eine eigene Interventionsstrategie in der Flüchtlingsfrage nicht konsensfähig ist, scheint Zurückhaltung ein Gebot der Vernunft. Wohl deshalb hat die EU nicht eigene Rettungsschiffe ins Mittelmeer entsandt und nimmt, während dort weitere Flüchtlinge Hilfe benötigen, den Vorwurf des Zauderns in Kauf, weil es ihr nicht gelingt, eine gemeinsame Linie zu entwickeln. Wohl deshalb überlässt sie es einzelnen Staaten, Abkommen mit Libyen oder anderen afrikanischen Staaten abzuschließen, was die Begrenzung der Flüchtlingsströme oder die Rückführung von Menschen angeht, denen der Flüchtlingsstatus nicht zuerkannt wurde. Wenn allerdings die ganze Aufmerksamkeit auf die Symptombekämpfung gerichtet ist, so wird die Problemwahrnehmung eingeschränkt: Es werden nur Maßnahmen dazu überlegt, wie die Menschen aus den verelendeten Ländern Afrikas davon abgehalten werden können, den Traum vom erreichbaren europäischen Elysion zu verwirklichen. Verantwortungsvolle Politik verlangt, gerade im Sinne des europäischen Selbstbildes, umfassende Lösungskonzepte und entschlossenes Handeln, beginnend mit der kritischen Auseinandersetzung mit den eigenen Handelsabkommen mit Afrika.

Dieser Beitrag wurde auch auf ‘Salto’ veröffentlicht.

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PISA 2015: Südtirol im Vergleich.

Heute wurden von der OECD die Ergebnisse der neuen PISA-Studie (2015) veröffentlicht. Südtirol schnitt im Vergleich mit umliegenden Staaten sowie dem Trentino wiederum gut ab. Unser Land liegt in den drei analysierten Kompetenzbereichen über dem OECD-Durchschnitt sowie über den Werten von Österreich und Italien, wobei die Schulen mit deutscher Unterrichtssprache durchwegs bessere Ergebnisse erzielen konnten, als jene mit ladinischer und italienischer Unterrichtssprache (in dieser Reihenfolge).

Hier die Ergebnisse für Südtirol und umliegende Länder. An erster Stelle jeweils das europäische Land mit der höchsten Punktezahl.

*) einschließlich Südtirol und Trentino

Bildung Scola Service Public Umfrage+Statistik Wissenschaft | Good News | | | Südtirol/o | OECD | Deutsch

Kein Vertrauen in diesen »Rechtsstaat«.
Ergebnis legt verbreitetes Unbehagen nahe

Pünktlich zum heutigen Europäischen Tag der Ziviljustiz hat das Landesstatistikamt (Astat) einschlägige Daten veröffentlicht — und die haben es in sich. Dass der Zustand der italienischen Justiz katastrophal ist, wussten wir bereits: Im EU-Justizbarometer 2016 rangiert das Land, dem wir angehören dürfen, auf Platz 26 von 28. Doch das erhobene Vertrauen — besser gesagt: das allgemeine Misstrauen — der Südtirolerinnen in das italienische Rechtssystem sprengt jede Vorstellungskraft.

Vertrauen ins Rechtssystem.
Personen, die dem Rechtssystem vertrauen (in %)

Diagramm zum Vergrößern anklicken.

Genau ein Drittel der Bürgerinnen (nämlich 33%) vertraut dem hiesigen Rechtssystem. Dass dies etwas mehr sind, als im italienischen Durchschnitt (29%) dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die Justiz in Südtirol ein klein wenig effizienter arbeitet, als auf dem restlichen Staatsgebiet.

Von umliegenden Ländern wie Schweiz (81%) und Österreich (66%) sind wir jedoch meilenweit entfernt, selbst der OECD-Durchschnitt (54%) ist außer Reichweite.

Einen relevanten Unterschied (von 10 Prozentpunkten!) gab es laut Astat zwischen jenen Befragten, die den Fragebogen in deutscher Sprache ausgefüllt (Vertrauen: 30%) und jenen, die ihn auf Italienisch beantwortet (Vertrauen: 40%) haben. Ob dies zum Beispiel auf die sprachlichen Defizite des Rechtssystems zurückzuführen ist, wurde nicht erhoben.

Immerhin bewertet eine knappe Mehrheit (55,8%) derjenigen, die zwischen 2013 und 2015 in ein Zivilverfahren involviert waren, die Erfahrung mit der Zivilgerichtsbarkeit in Südtirol positiv.

Dass zwei Drittel der Bürgerinnen dem Rechtssystem nicht vertrauen, ist Symptom eines weit verbreiteten Unbehagens, das mit einem Rechtsstaat keineswegs vereinbar ist. Ein derart erschreckender Befund müsste sofortige Konsequenzen nach sich ziehen. Dass es dazu kommt, scheint jedoch unwahrscheinlich.

Siehe auch:

Comparatio Plurilinguismo Recht Umfrage+Statistik | | | | Italy Österreich Südtirol/o Svizra | Astat OECD | Deutsch

Die »OECD-Grenze«.

Immer wieder wird man auch im »grenzenlosen« Internet (im »grenzenlosen« Europa) in nationale Schubladen gesteckt. Das ist bei Urheberrechten so, das passiert im Handel, wiewohl Bestrebungen bestehen, die Barrieren abzubauen — und das geschieht auch auf Webseiten internationaler Organisationen.
So etwa bekommt man — obschon Browser und Betriebssystem auf Deutsch eingestellt sind — auf der Homepage der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vermutlich aufgrund der italienischen IP-Adresse den automatischen Vorschlag, sich speziell die Performance Italiens in internationalen Rankings anzeigen zu lassen. Selbstverständlich einsprachig auf Italienisch.

OECD-Homepage.Natürlich ist dies als Service und Erleichterung gedacht. Doch wenn selbst internationale Organisationen Auskünfte in nationalstaatlich angepasste Pakete verpacken ist es wie so oft gleichzeitig ein Beitrag zur Verfestigung nationaler Grenzen und (auch sprachlicher) Zugehörigkeitsmuster in den Köpfen. Für Vielfalt bleibt da wenig Platz.

In einem dezidiert mehrsprachigen Land, wie es Südtirol als unabhängiger Staat sein könnte, würden solche gleichmacherischen Automatismen ad absurdum geführt.

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