Das Quoten-Paradoxon.

Im ersten Gesetzgebungsausschuss des Regionalrats ist Brigitte Foppa (Grüne) mit einem Vorschlag baden gegangen, der die Geschlechtervertretung in den Gemeinderatskommissionen festgeschrieben hätte — auf mindestens ein Mitglied pro Geschlecht*.

Ulli Mair (F) hat dagegengestimmt, weil sie gegen Quoten ist — obschon sie den Sprachgruppenproporz befürwortet. Bei Brigitte Foppa ist es genau umgekehrt: Sie ist für die Quote, aber gegen den Proporz.

Siehe auch:

*) bei binärem Geschlechterverständnis

Democrazia Feminæ Kohäsion+Inklusion Politik Recht | Sprachgruppenproporz | Brigitte Foppa Ulli Mair | | Südtirol/o Trentino | Freiheitliche Region Südtirol-Trentino Vërc | Deutsch

Rai: Geht hin und befetzt euch!

Die STF hat Rai Südtirol kürzlich vorgeworfen, zu »grünlastig« zu sein. Einer Aufstellung zufolge, die die Partei selbst ausgearbeitet hat, seien die Grünen seit 2017 insgesamt 33 mal bei Pro&Contra und Am Runden Tisch anwesend gewesen, die Freiheitlichen 19 und die Süd-Tiroler Freiheit selbst 14 mal. Ich bin ehrlich gesagt sehr skeptisch, ob eine allfällige Benachteiligung anhand dieser einfachen Aufzählung nachweisbar ist.

Die Antwort der Chefredakteurin von Rai Südtirol, Heidy Kessler, treibt mir aber — völlig unabhängig vom ursprünglichen Vorwurf der STF — geradezu die Falten ins Gesicht. Via Tageszeitung teilt sie unter anderem mit:

Öffentlich-rechtlich heißt nicht, dass die Besetzung von Diskussionsrunden nach der Stärke einer Fraktion im Landtag zu erfolgen hat.

um dann gleich doch wieder das Wahlergebnis zu bemühen:

Wir können nicht immer über die Selbstbestimmung und über den Gebrauch der Muttersprache diskutieren. Wir würden in dem Fall am Interesse der Seher vorbeidiskutieren, wie die Wahlen gezeigt haben.

Lassen wir das mit der Selbstbestimmung dahingestellt. Dass der Gebrauch der Muttersprache auf die STF reduziert wird, ist aber sonderbar. Interessiert sich die große relative Mehrheit, die die SVP gewählt hat, denn nicht für den Minderheitenschutz, dessen Pfeiler der Gebrauch der Muttersprache ist?

Noch beeindruckender finde ich aber diesen Satz:

[E]ine Ulli Mair oder eine Brigitte Foppa [sind] sehr beliebte Gäste, gerade auch weil sie durchaus bereit sind, sich zu befetzen.

Entspricht es tatsächlich der Aufgabe und dem Profil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Gäste nach ihrer Bereitschaft auszuwählen, sich gegenseitig »zu befetzen«? Ich wenigstens möchte möglichst sachlich informiert werden — und keinen öffentlichen Sender, der schrille, ausfällige Töne fördert und mit Einladungen belohnt.

Democrazia Medien Minderheitenschutz Selbstbestimmung Service Public Tag+Nacht | Landtagswahl 2018 Medienkritik Zitać | Brigitte Foppa Ulli Mair | Rai TAZ | Südtirol/o | Freiheitliche STF Vërc | Deutsch

An exit strategy from patriarchy.

Speech given at the 29th EGP-Council. Berlin, 23rd of November 2018

by Brigitte Foppa (Vërc)

You asked me to speak about feminism.

So, I brought you something. What is this?

Usually this is simply a panty. But today it is not. Today, after that in an Irish court of justice was brought forward the argument that a woman who wears a thong is open for sexual encounters and therefore the claim of rape can be excluded, today this is an invitation to violence!

This is not the first time that something like this happens. In 1998 in Italy a judge sentenced that a young girl couldn’t be victim of a rape because she was wearing blue jeans. Now every year on May 27th women from all over the world remember this incredible fact wearing blue jeans on the “Denim day”.

Because we do not forget.

But we have to admit that times, they are not changing.

Now the question is: do we have to talk about violence when we speak about feminism? For many years I didn’t think so. I thought that there were other important issues I could work and fight for:

  • more female representation in politics.
  • equal pay, equal work, equal pension.
  • a gender quota in the boards of the companies.
  • more justice even in the language.

We can find all these topics in the Manifesto of the European Greens. They are so important, and we will continue fighting for them – always remembering that Green Parties are the only parties which are obviously and explicitly feminist. Which is not so easy, because usually ad-experts tell us that insisting on gender topics is the best way to lose elections. This is a problem. Gender politics are now the most revolutionary and unpopular politics when they really retold the capability to change the world, to change power structures, to change the distribution of welfare.

Within this capability we have potential and danger at the same time.

Danger? Yes. We observe actually a wave of hate against women. We usually try to explain this as the backlash of feminism, but I think there is more.

Because this wave of hate has a battle-field: our body.

There are different typologies of hatred:

When we (our bodies) are being laughed at.

When we (our bodies) are minimized.

When we (our bodies) are sexualized at all.

At last when we (our bodies) are destroyed.

Last year, in my small land in the Alps with half a million citizens, 4 women have been killed, in Italy 94, in Austria 16 – just because they were women! This is the reason why we have to speak about violence.

We can suppose that the origin of this hate lies in fear. There is always fear at the bottom of hate. In this case there is a lot of fear. Fear of losing the power. Fear of change.

In conclusion:

We have to keep working and fighting for gender politics.

But I think we need to go beyond and develop something bigger. We have now to start working on an EXIT STRATEGY FROM PATRIARCHY, from the power system which created submitted women and unhappy men.

Let’s think about it. Men and women together.

For more justice. For more respect. For a better world.

Thank you.

Feminæ Grundrechte Politik | | Brigitte Foppa | | Deutschland | Vërc | English

21-O: Kein Frauenlandtag.

Durch die Landtagswahl vom 21. Oktober ist der ohnehin geringe Frauenanteil im Südtiroler Landtag von 28,6% (10/35) auf 25,7% (9/35) gesunken.

Zum Vergleich: Im Innsbrucker Landtag sitzen derzeit 27,8% (10/36) und im Trentiner Landtag ebenfalls 25,7% (von 6/35 auf 9/35).

Der Frauenanteil in den einzelnen Fraktionen des Südtiroler Landtags:

  • STF 50% (1/2) – Myriam Atz Tammerle
  • Freiheitliche (1/2) – Ulli Mair
  • Grüne 33,3% (1/3) – Brigitte Foppa
  • SVP 26,7% (4/15) – Magdalena Amhof, Waltraud Deeg, Maria Hochgruber Kuenzer, Jasmin Ladurner
  • Lega 25% (1/4) – Rita Mattei
  • Team Köllensperger 16,7% (1/6) – Maria Elisabeth Rieder

Nur eine von neun Frauen — Rita Mattei — gehört der italienischen Sprachgruppe an.

ichfrau vom Frauenhaus Meran hat bei den einzelnen Parteien eine Umfrage zum Thema Feminismus und Gender durchgeführt. Eingegangen sind fünf Antworten von vier Parteien:

Die Aufgabe der Politik ist es, in Sachen Gender zu sensibilisieren, damit alte Rollenbilder aufgebrochen werden und so die Baggerfahrerin keine Exotin mehr ist — gleich wie der Kindergärtner keine Ausnahme mehr sein soll. Die Veränderung wird aber nicht die Politik allein schaffen; hier geht es um ein gesellschaftliches Umdenken, das nicht von einem Tag auf den anderen stattfinden wird.

– SVP (Parteizentrale)

Wir werden uns dafür einsetzen, dass die Ressourcen unserer Provinz (sic) laut „Genderbudgeting“ organisiert werden; für die Anerkennung der Erziehungszeit der Kinder für die Rente neu aufgerollt und weitergebracht wird; Gleiche Löhne für gleiche Arbeit; Am Aufbau zum Schutz von Diskriminierungen, gegen Mobbing in allen Bereichen arbeiten.

– ‘Team Köllensperger’ (Frauengruppe)

Es braucht den Genderansatz in jeder politischen Aktion, wenn wir die Welt wirklich nachhaltig und gerecht umbauen wollen. Genderpolitik ist die bahnbrechendste und unbeliebteste Politik überhaupt.
Weitermachen in meiner leider immer noch Pioniersarbeit als feministische weibliche Politikerin in Südtirol, mit vielen Mitdenkerinnen und hoffentlich auch mehreren Mitstreiterinnen.

– Brigitte Foppa (‘Grüne’)

Feminismus ist die wichtigste Revolution des XX. Jahrhunderts. Und des 21. Jahrhunderts ebenso.
[…] In jedem Bereich des Lebens, der politischen Entscheidungen und ihren konkreten Folgen ungerechte (sexuellen) Rollenverteilungen in Frage zu stellen und sie zu korrigieren, im Sinne einer neuen egalitären Vision (und Kultur) der Beziehungen unter Geschlechtern.

– Riccardo Dello Sbarba (‘Grüne’)

Der Wert einer Frau sowie ihrer Leistung muss endlich gleichwertig, wie jener der Männer anerkannt werden. Frauen verdienen bei gleicher Arbeit rund 17% weniger als Männer, dies führt später häufiger zu Altersarmut bei Frauen. Deshalb braucht es in der Politik Frauen, die diese Werte und gesetzliche Gleichstellung anstreben.
Mit Durchhaltevermögen und Hartnäckigkeit werde ich mich weiterhin für die Anerkennung der Erziehungs- und Pflegejahre für die Rente einsetzen. Der Wert dieser wertvollen Arbeiten muss endlich gesetzlich anerkannt werden.

– Myriam Atz Tammerle (STF)

Laut Angaben von ichfrau wurden auch Lega, Freiheitliche, PD und 5SB befragt, ohne dass von diesen Parteien jedoch eine Antwort eingegangen wäre.

Siehe auch:

Comparatio Feminæ Kohäsion+Inklusion Politik | Landtagswahl 2018 Zitać | Brigitte Foppa Myriam Atz Tammerle Riccardo Dello Sbarba Ulli Mair | | | Euregio Freiheitliche Lega PD&Co. STF Südtiroler Landtag SVP Team K. Vërc | Deutsch

Die Talfer hinter der Mauer.

von Brigitte Foppa*

Ich war im Gefängnis. Letzte Woche hatte ich die Gelegenheit, mit meinen Fraktionskollegen und dem Anwalt Fabio Valcanover, der sich seit Jahren für die Rechte von Gefängnisinsassen einsetzt, einen Lokalaugenschein in der Bozner Haftanstalt vorzunehmen. Es ist das Recht von Regionalratsabgeordneten, unangemeldet das Gefängnis aufzusuchen, um sich ein Bild zu machen.

Ich habe mir ein Bild gemacht. Viele Bilder.

Meine erste Assoziation: Es ist wirklich wie in einem Gefängnis. Aber nicht so, wie man das aus Filmen kennt, sondern eher so wie ich mir als Kind ein Gefängnis vorstellte. Also mit Gittern, die ein Wärter mit einem großen Schlüsselbund aufsperrt, mit Männern, die herumstehen, mit dunklen Gewölben, feuchten Mauern und mit hallenden Geräuschen.

Zweite Assoziation, als ich die Einzelzellen im Untergeschoss sehe: Es ist so ähnlich wie bei mir zu Hause der Heizraum — beengt, dunkel, abgefuckt. Unvorstellbar, dass jemand in so einem Raum Monate seines Lebens verbringen kann ohne durchzudrehen oder zu verschimmeln, wie meine Tochter sagen würde.

Die Direktorin Annarita Nuzzacci, eine resolute, schnelle, sympathische und sehr engagierte Frau, erklärt uns Abläufe und Organisation des Gefängnisses. 101 Insassen derzeit (damit ist man leicht unter der Kapazität von max. 105), alles Männer (die Frauen sitzen in Trient ein, sie machen insgesamt weltweit ca. 5% der Gefängnispopulation aus), viele sehr jung, 85% aus Nicht-EU-Ländern. Im Bozner Gefängnis sind Täter untergebracht, die Haftstrafen bis zu 5 Jahren absitzen müssen. Ein großes Manko ist das Fehlen von so genannten „Camere di sicurezza“ in allen Polizeistationen Südtirols, erklärt uns Nuzzacci. Dort, so ist es vom Gesetz vorgesehen, müssten all jene verweilen (bis zu 4 Tagen), die noch nicht laut einem richterlichen Beschluss im Gefängnis festgehalten werden. Weil diese Stätten fehlen, landet man in Südtirol direkt im Bozner Gefängnis. Die Direktorin spricht von ihrem Einsatz für Geldmittel, für mehr Personal. Es ist schwierig. Man wartet auf den neuen Bau in Bozen Süd, derweil vergammelt das alte Gefängnis mehr und mehr. Der Personalmangel ist besonders schwerwiegend, weil er insbesondere das pädagogische und begleitende Personal betrifft, allerdings fehlt es auch an Aufsichtspersonal.

Die Stimmung im Haus ist nicht unharmonisch. Aus dem chronischen Notstand hat man eine Tugend gemacht und es ist Solidarität unter den Menschen im Gefängnis spürbar.

„Il carcere si riconosce dal cortile“, sagt Nuzzacci, als sie uns in den Gefängnishof führt. Ein langer Asphaltstreifen mit einigen Steinbänken und einem Tischtennistisch. Vier Männer spielen gerade ein Doppel. Die Mauer ist gleich hoch wie der Streifen breit ist. Das einzig Schöne am Gefängnisbesuch ist das Rauschen der Talfer, das man hier deutlich vernimmt. Vier Stunden am Tag dürfen die Häftlinge im Hof verbringen.

Um 18 Uhr werden die Türen der Zellen geschlossen. Die Häftlinge sind dann hinter einer Gittertür eingesperrt. Die dicken Stahltüren mit Fensterguckloch bleiben in Bozen offen. In der lauen Frühsommerluft stelle ich die naive Frage: „Anche d’estate sono rinchiusi in cella alle 18?“ Frau Nuzzacci schaut mich entnervt an. „Che crede? Che d’estate possano stare fuori??“ Der Freigeist in mir, das Naturkind erstickt fast an dieser – logischen – Antwort. Ich stelle mir vor, wie lang die Abende sein müssen, wie stickig die Luft, wie zähflüssig die Zeit. Zu diesem Zeitpunkt habe ich die Zellen noch gar nicht gesehen.

Die allermeisten Häftlinge sind in 6er-Zellen untergebracht. Bei Tag sind die Gittertüren offen, wir können eintreten. Es ist Ramadan, folglich fordert uns Frau Nuzzacci auf, einen kleinen Sprung über den kleinen Teppich zu machen, der im Eingang der Zelle liegt. Auf engstem Raum leben sie hier. Drei Stockbetten, ein kleiner Tisch, drei Stühle, eine halbhohe Abtrennung und dahinter WC und Waschbecken — eine Ecke, in der auch gekocht wird. Drei der Männer liegen zusammengekauert auf ihren Betten. Es ist 11 Uhr vormittags, aber es gibt nichts zu tun. Es ist der Augenblick, in dem ich erahne, was es bedeutet, hier drin zu landen. Ich dachte immer, wenn man eingesperrt ist, dann wird einem der Raum genommen. Aber hier merke ich, es ist die Zeit. Das Gefängnis ist ein Ort ohne Zeit. Denn eine Zeit ohne Sinn ist keine Zeit.

Es geht um die Zeit, sie wird einem genommen, im Gefängnis. Nicht umsonst wird das Strafmaß in Zeiteinheiten angegeben. Die Verzweiflung und die Leere, ich sehe sie in den Gesichtern der Männer, die auf ihrem Bett liegen und warten, dass der Tag vorbei geht. Die Emotion überkommt mich. Für mich als dauernd Überbeschäftigte ist dies die schlimmste Vorstellung überhaupt.

Es gibt natürlich Angebote. Zwei der Männer arbeiten außerhalb des Gefängnisses, einige Arbeiten werden im Haus rotierend vergeben. Die begehrteste Arbeit ist jene in der Gefängnisküche. Die Direktorin sagt, die Küchenkräfte seien jene mit der geringsten Rezidivrate. Wer etwas lernt, hat am ehesten Chancen, draußen. Deshalb besuchen auch viele die Sprachkurse, oder sie holen die Mittelschulprüfung nach. Es gibt Alphabetisierungskurse und auch künstlerische Projekte.

Der Anteil der Drogenabhängigen und der Alkoholiker ist groß, über 60%. Viele Insassen haben keine gültige Aufenthaltsgenehmigung — auch das ist nicht ohne Ironie. In der ganzen Migrationsdebatte wird dieser Aspekt meist außen vor gelassen. Wer illegal ist, darf nicht arbeiten. Was bleibt, ist der Weg in Kriminalität, Prostitution, Drogenhandel.

Das Gefängnis ist einer der Terminals des nicht gelösten Migrationsproblems, gut versteckt hinter dicken Mauern.

Frau Nuzzacci begleitet uns zum Ausgang, vorbei an den Räumen, in denen die Aufnahme stattfindet, am trostlosen und doch wieder netten Besuchszimmer, in dem die Kinder und Frauen der Häftlinge über eine Seitentür herein kommen, wenn sie ihre Familienangehörigen besuchen. Ich stelle mir vor, wie diese Begegnungen ablaufen.

Hinter uns schließen sich die Türen des Gefängnisses. Ich habe viel verstanden an diesem Vormittag. Etwa, dass es praktisch unmöglich ist, aus einer solchen Anstalt „gesünder“ herauszukommen, als man nach einer Straftat hinein gegangen ist. Wer ins Gefängnis kommt, lässt einen Teil seines Lebens dort.

Der Weg zurück ins normale Leben, er führt durch Gitterstäbe und Stahltüren. Über die Mauer. Dort ist die Talfer, die fließt und nicht nur rauscht.

*) Brigitte Foppa ist grüne Abgeordnete zum Südtiroler Landtag und hat diesen Text auf Anregung von BBD verfasst

Gesundheit Recht Service Public Sicherheit Soziales und Arbeit | | Brigitte Foppa | | Südtirol/o | Vërc | Deutsch

Für Zweifelsfreiheit.

Was, wenn wir wieder einer totalitären Epoche entgegengingen, mit Rechtsunterschieden und Ausgrenzung? Ich mache mir Sorgen um unsere Gesellschaft.

von Brigitte Foppa

Schon seit Monaten hege ich die Befürchtung, dass wir in Europa einer totalitären Epoche entgegengehen. Ich komme von den Debatten in den Dörfern Südtirols zurück und in mir klingen die faschistoiden Aussagen und Denkmuster nach, die ich dort aufgefangen habe.

1.650 AsylbewerberInnen leben derzeit in unserem Land. Ob das viel oder wenig, ob das schaffbar ist, darüber wird auf allen Ebenen diskutiert. Das ist bemerkenswert in einem Land, das 30 Millionen Nächtigungen aushält und sich andererseits wegen 1.650 Personen bekümmert, die vor Krieg, Verfolgung, Hunger (ja, Hunger! kein Asylgrund, aber sehr wohl ein Fluchtgrund, doch sogar das muss man sich in Diskussionen erst erstreiten) flüchten.

Wir können uns das so vorstellen, als ob wir zu 500 im Waltherhaus sitzen würden und es kämen zwei dazu. Haben sie tatsächlich nicht Platz? Machen sie uns unseren streitig? Was verändern diese zwei Menschen? Können sie auf den Glauben, die Traditionen, die Werte der anderen 500 einwirken, ja ihnen diese nehmen? Würden die anderen 500 im Waltherhaus die zwei neuen überhaupt bemerken, wenn sie nicht eine andere Hautfarbe hätten?

Es verschieben sich derzeit die normativen Maßstäbe, nach denen wir zu denken gewohnt sind. Meist verschieben sie sich unbewusst. Harald Welzer nennt das „shifting baselines“.

Als ich klein war, kamen die ersten Bilder von hungernden Kindern aus Afrika nach Europa. Es gab Hungersnöte, Dürre und Krieg, Kinder starben. Damals gab es ein kollektives Entsetzen, erste Wahrnehmungen, dass das nicht richtig ist.

Wer sich heute rühren lässt, von hungernden Menschen, die jetzt nicht mehr in der Zeitung zu sehen sind, sondern am Bozner Bahnhof, der wird nunmehr als Gutmensch geschimpft. Ich wurde letzthin lauthals ausgelacht in einer Diskussion, als ich vorschlug, diesen Menschen Toiletten zur Verfügung zu stellen. In einem Südtiroler Dorf, das sechs geflohene Menschen wird aufnehmen müssen.

Es verschieben sich die Baselines, die normativen Maßstäbe. Oft in kürzester Zeit.

Golda Meir Welzer
(Harald Welzer, Wir sind die Mehrheit, Fischer Verlag, April 2017)

Innerhalb von acht Jahren hatte sich damals der Wandel Deutschlands vollzogen, von einem weltoffenen Land zu jenem, das mitten in Berlin die Deportationszüge starten ließ.

Sie sagen jetzt wahrscheinlich, der Vergleich mit den 30er Jahren sei heillos übertrieben. Das dachte ich auch lange Zeit. Aber es gibt leider viele Parallelen. Im Deutschland der beginnenden NS-Zeit begann es schleichend. Mit der Konstruktion des Sündenbocks. Mit feinen Unterscheidungen zwischen „anständigen“ Juden und anderen. Mit kleinen Maßnahmen, mit sprachlichen Neudefinitionen. Mit Argumenten wie der Gefährdung des „Volkskörpers“ durch „zuviele“ Juden. Mit Worten wie „Duldung“, „Abschiebung“, „Überfremdung“ oder „Überforderung der Sozialsysteme“. Kommen euch diese Begriffe bekannt vor?

Es ist leicht, sich verschieben zu lassen, in dieser Thematik, es passiert sogar den Gutmenschen, dass sie beginnen, zu unterscheiden, ob es eine „Berechtigung“ für die Aufnahme gibt. Krieg ja, Hunger nein. Dass sie vom Schutz der Außengrenzen Europas zu reden beginnen. Ja, es verschieben sich die Maßstäbe, auch in uns. Zweifel entstehen zu sicheren Gewissheiten, sogar zu Grundwerten, wenn man etwas immer wieder hört oder sieht. In einer Werbung letzthin auf Salto war ein eklatanter Rechtschreibfehler zu sehen. Magazien mit ie. Ich habe schmunzeln müssen. Nachdem ich es aber oft las, da die Schrift immer wieder verschwand und wiederkehrte, kamen mir Zweifel. Ich habe am Ende Magazien gegoogelt. Ein banales Beispiel für eine solche Maßstabsverschiebung. Wenn mans immer wieder hört, kommt es einem irgendwann richtig vor, auch wenns ursprünglich als falsch erkannt wurde, oder man beginnt zumindest zu zweifeln.

Ich fordere deshalb eine entschiedene Rückkehr zur humanitären Zweifelsfreiheit.

Die Diskussion und die Abstimmung zum Ius Soli letzthin im Regionalrat war erschreckend. Die Mehrheit der Abgeordneten hat die Aussage getroffen, dass es Unterschiede zu geben hat, zwischen Neugeborenen. Dabei steht im Artikel 1 der Menschenrechte der theoretisch verteidigte Satz „Alle Menschen sind frei und gleich an Rechten geboren“. Das gilt in der Praxis nicht, wenn ein Kind in Italien von einer Mutter geboren wird, die nicht italienische Staatsbürgerin ist.

In einer entsetzlichen kognitiven Dissonanz wird in unserem Land die Martinsprozession verteidigt, indem man zugleich die Hungernden aus dem Land haben will.

Finstere Zeiten. Zivilcourage ist hier gefragt. Und das Erkennen und Benennen der Zeichen. Seien wir also zumindest ehrlich. Sagen wir, dass es uns bei der „Sicherung der Außengrenzen Europas“ darum geht, Geflüchtete hinter die Grenzen Europas zurück drängen. Dass die „Rückführung von Nicht-Asylberechtigten“ bedeutet, die Hungerflüchtlinge zurück in die Armut schicken. Dass die „Bekämpfung des Schlepperwesens“ übersetzt nichts anderes heißt, als dass die Menschen in Afrika verharren müssen. Dass der gefeierte „Rückgang der Migrationsströme“ verschweigt, dass man horrende Lagersituationen in Libyen oder der Türkei akzeptiert.

Dass also die meisten Regierenden in Europa — und Europa selbst — in dieser Frage eine pseudohumanitäre, elegante, mit Pragmatismus kaschierte Feigheit kennzeichnet. Und dass es uns allen ein Leichtes ist, wegzuschauen, von Kontingenten zu reden, von den Grenzen der sozialen Aufnahmefähigkeit, von Unterschieden letztlich. Oder gar zu schweigen.

Meine Rede ist ein Appell dagegen.

Unsere Generation wird eines Tages nicht nur die ätzenden Worte und bösen Taten der schlechten Menschen zu bereuen haben, sondern auch das furchtbare Schweigen der guten.

— Martin Luther King

Auszug aus der Rede zum Landeshaushalt 2018 (leicht geändert).

Faschismen Grenze Grundrechte Kohäsion+Inklusion Migraziun Nationalismus Politik Racism Recht Solidarieté | | Brigitte Foppa | | | Vërc | Deutsch