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Grüne: Gedächtnis statt Missbrauch!

In einer Stellungnahme äußern sich die Landesvorsitzenden der Grünen heute zum Umgang mit dem Siegesdenkmal in Bozen.

Wir Grüne erinnern daran, dass wir seit Jahren mit dem Vorschlag des Gedächtnisparcours in Bozen auf taube Ohren stoßen — dabei wäre dies der einzige Weg, Frieden mit dem Denkmal zu schließen. Der Sinn ist es, das Denkmal zu erklären (dazu reichen die derzeitigen, winzigen und kaum sichtbare Tafeln nicht aus!) und seine Geschichte allen BoznerInnen, SüdtirolerInnen und TouristInnen zu erschließen. Bozen hat als Stadt zweier Faschismen eine einzigartige Architektur und urbanistische Struktur. Diese muss verständlich gemacht werden – möglicherweise in einer Art Freilichtmuseum. Das Denkmal ist das, was wir daraus machen. Es kann als Zeichen und Zeugnis unserer aller leidvoller Geschichte gesehen werden.

Es kann aber auch missbraucht werden — zum Beispiel, wenn es weiterhin als Ort der Verherrlichung des Faschismus dient oder andererseits für die Fortschreibung der einseitigen Opferrolle der deutschsprachigen Südtiroler benutzt wird.

Wir fordern daher erneut auf, das Projekt “Bozen als Europäische Stadt der Erinnerungen” aufzugreifen und die Diskussion um das Siegesdenkmal endlich zu versachlichen.

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Foto: Wikipedia/Hubert Berberich.
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Autorinnen und Gastbeiträge

Szenarien der Macht.
Ein italienisches Bühnenstück

von Florian Dreher*


Italien erfährt seit 1994, dem Amtsantritt Silvio Berlusconis, dem Cavaliere und seiner Mitte-Rechts-Koalitionen, eine anhaltende “Entfaschistisierung des Faschismus” (Mattioli). Jedoch muss festgehalten werden, dass eine konsequente Aufarbeitung des Ventennio nero, der Ära der Mussolini-Diktatur, selbst in der Nachkriegszeit nie stattgefunden hat. Erste Anzeichen einer kritischen Diskussion über die italienischen Verbrechen in Äthiopien und Libyen entflammten beim Staatsbesuch in Rom 2009, als Revolutionsführer Gaddafi am Revers seiner Uniform, für alle gut sichtbar, ein Foto von libyschen Zwangsarbeitern befestigte. Durch einen geschickt eingefädelten Ablasshandel darf sich nun Berlusconi als bester Freund Gaddafis sehen (Spiegel-Interview, 3.1.2010) und sich die Vorkaufsrechte der libyschen Ölkonzessionen für Italien vorbehalten.

Mag diese Grund- und Verweigerungshaltung den Nährboden für das Wiederaufkeimen faschistischen Irrglaubens bereitet haben, geht es heute vor allem um die Meinungs- und Deutungshoheit politischer Bilder und Orte – Szenarien der Macht. Die Bilder der Vergangenheit werden wiederbelebt und nachgestellt, in ihrem Inhalt entkernt und neu codiert. Dabei, aus Gründen der Legitimation und ihrer Rückverankerung in der Gesellschaft, spielt der öffentliche Raum als Bühne eine entscheidende Rolle. Bild und Raum sind wesentlicher Bestandteil dieser Handlung.

Für die rechte Szene in Italien ist der öffentliche Raum Wiederentdeckung und Laboratorium zugleich. Ihre Aktionen werden geduldet und wahrgenommen. Um sich dauerhaft im kollektiven Gedächtnis einzunisten wird der Heldenkult und Märtyrertod, also die Erinnerungskultur, gefordert wie bespielt.

Jugendverbände, wie die zum rechten Spektrum zuzuordnende Berlusconi-Bewegung Azione Giovani in Rom, verlangen öffentlich für ihre im “Kampf gefallenen Kameraden” die Umbenennung von Straßenzügen. Letztendlich ist das bereits gang und gäbe, selbst wenn der vorherige Namensträger aus den Kreisen der Resistenza, des faschistischen Widerstandes kam. Die Grabenkämpfe zwischen Links und Rechts, den Veteranen der Resistenza und den Sympathisanten der letzten Mussolini-Regierung von Salò, werden immer noch offen ausgetragen. Als ebenso gute Patrioten sollen die übriggebliebenen Mussolini-Brigaden im Bewusstsein der Gesellschaft ankommen. Unterfüttert werden all diese Reklamationen durch aktive Beteiligungen von Regierungsmitgliedern, wie der Ministerin für Jugend, Giorgia Meloni, die 2009 öffentlich Kränze für Neofaschisten niederlegte oder der Tourismusministerin Michela Brambilla, die auf Wahlveranstaltungen ihren Arm zum “Römischen Gruß” gen Himmel streckt. Selbst die Duce-Verehrung erfreut sich seit Jahren wieder höchster Beliebtheit und geht bis an die Grenzen des erträglichen. Neben beliebten “iMussolini-Apps” fürs Telefonino, einem Taschen-Führer to go, werden die Duce-Rufe, mit denen sich Berlusconi auch von seinen Parteianhängern hochfeiern lässt, immer lauter. Grund für die ansteigende Faszination des Duce, nicht nur der Apps wegen, sei die Neugier, wie diese Person es geschafft habe, ein Volk zusammenzuhalten und Italien an den Fortschritt anzubinden. Bei der historischen Rekonstruktion ginge man eben nicht nur die traditionellen Wege, so Michele Pigliucci von Azione Giovani im Interview mit Kulturzeit.

Im italienischen Fußball, unter anderem bei AS und insbesondere Lazio Rom, gehört der Rechtsextremismus zur etablierten Fankultur. Mit eigenem Merchandising und Devotionalienhandel zeigt sich der Duce-Warenkatalog äußerst konsumfreudig und absatzstark – ein wahrer Kassenknüller.

Spieler wie Cannavaro, Buffon oder Di Canio brüsten sich, mit Begeisterung für den großen italienischen Führer zu schwärmen, kunstfreudige Sammler von Duce-Büsten zu sein oder ihre Überzeugung mit einem Dux-Tattoo (lat. Führer) zur Schau zu stellen. Der Rechtsextremismus wird zum sakralen beziehungsweise göttlichen Moment erhoben, wenn Mannschaft und Publikum im gefassten Raum des Stadions unter der speziellen Dramaturgie und Atmosphäre miteinander verschmolzen und zu einem Volkskörper geschmiedet werden.

Welche Rolle kommt der Architektur zu, wenn sie mehr als nur Hintergrundfolie darstellen will? Politik und Architektur gingen seit jeher ein symbiotisches Verhältnis miteinander ein. Kein Medium ist prädestinierter, die Klaviatur des Symbolischen zu bespielen und als Bedeutungsträger zu fungieren. Seit den Neunzigerjahren gilt die Architektur, so Michael Mönninger, als kulturelles Leitmedium in unserer Mediendemokratie. Es sind jedoch nicht die Ikonen der Stararchitekten wie Zaha Hadid mit ihrem Museo Nazionale delle Arti del XXI Secolo (MAXXI) oder Richard Meiers Ara-Pacis-Schutzbau in Rom, die der Medienjongleur Berlusconi für seine Staatsreklame rekrutiert. Gehen von den neueren Architekturikonen die falschen Signale aus, falls überhaupt Inhalte vorhanden sind? Zeigen sich doch in Zeiten der Krise erste Ermüdungserscheinungen was den Ikonenkult betrifft (Kramer, NZZ, 19.4.2010). Diesbezüglich strahlen sie den Makel einer Modeerscheinung mit dem Label des Vergänglichen aus und sind mit dem politischen Ewigkeitsanspruch nicht kompatibel.

Die historischen Bauzeugnisse der Mussolini-Diktatur sind, mangels Kriegszerstörungen, weitgehend erhalten geblieben und erfahren im Rahmen der Wiederaufwertung des Faschismus ihre kosmetische Revitalisierung. Erinnern wir uns, dass unter Mussolini ein gewaltiges Bauprogramm in Italien vonstatten ging. Bis in die letzten Winkel des Landes sollte durch den Bau von Infrastrukturen und vor allem Erinnerungsstätten die Herrlichkeit und Macht der Diktatur demonstriert werden. Die Bauten der Macht sollten Präsenz zeigen, und Mussolini wusste nur zu gut die Suggestivkraft der Architektur zu nutzen. Die Architekten zeigten sich kooperativ. Beide Hauptströmungen in der Architektur, die Architettura razionale und die Scuola Romana mit den Protagonisten Guiseppe Terragni und Marcello Piacentini, im übrigen vehement überzeugte Faschisten, gingen mit dem Regime einen “Faustischen Pakt” (Sudjic) ein. Hierbei dürfte Piacentini die glücklichere Hand gehabt haben, denn er stieg zum “Reichsarchitekten” (architetto del regime), wie später Speer unter Hitler auf. Dennoch baute er in der Nachkriegszeit ungehindert weiter. Terragni opferte sich hingegen für seinen Duce in den vierziger Jahren an der Ostfront – Treue bis in den Tod.

Neben Sabaudia, dem Mussolini-Forum oder den südlich von Rom gelegenen Agrarstädten auf dem trockengelegten Agro Pontino, zählt das heutige EUR-Gelände (Esposizione Universale di Roma oder Quartiere XXXII. Europa) zu den bedeutesten in Stein manifestierten Überlieferungen des Ventennio nero. Ursprünglich als Weltausstellungsgelände E 42 (Esposizione Universale 1942) nach den Veranstaltungsstätten Paris (1937) und New York (1939) auserkoren, tritt hier das fatalistische Verhältnis von Repräsentationsarchitektur und politischer Propaganda am Deutlichsten hervor. Eigentlich sollte Rom 1941, gemäß zweijährigem Turnus, Austragungsort der Weltausstellung werden. Doch das Regime sah in der Großveranstaltung die Möglichkeit, den Faschismus und seinen Machtanspruch Hand in Hand mit dem technischen Fortschritt zu präsentieren. So wurde aus Propagandazielen die Eröffnung der Weltausstellung um ein Jahr auf das zwanzigste Jubiläum des „Marsches auf Rom“ verschoben. Bereits 1932 hatte Mussolini mit einer gewaltigen Parade die neue Machtachse Via dell’Impero (heute: Via dei Fori Imperiali) im historischen Zentrum von Rom, vom Kolosseum zum Palazzo Venezia, im Setting einer Ruinenlandschaft antiker Foren eröffnet. Die im Regierungsbezirk liegenden Bauten, egal, ob es sich um archäologische Reste oder Armenbehausungen handelte, fielen einer radikalen Politik der Spitzhacke zum Opfer. E 42 sollte als Stadterweiterungsgebiet an diese Achse angeschlossen werden, das Tor zum Meer aufschlagen und die Expansionspolitik mit Weltmachtanspruch baulich unterstreichen. Auch entschied man sich für permanente Bauten, denn nach 1936 hatte sich das Selbstverständnis geändert. Man sah sich nicht mehr vor dem Hintergrund einer faschistischen Revolution, sondern proklamierte das neue Italienische Reich.

An den Planungen sollten anfangs als Kollektiv die beiden Architekturhauptpositionen beteiligt werden. Mit der Zeit aber konnte vor allem Marcello Piacentini seine Widersacher aus der rationalistischen Fraktion verdrängen. Unter Piacentini erhielt der Masterplan seine bis heute gültige Prägung, eine an der Antike Roms orientierte Monumentalarchitektur mit Plätzen, Achsen und Foren neoklassizistischer Ausformulierung. Inmitten eines Systems orthogonaler Achsen- und Sichtbezüge bilden drei Projekte bis dato das Herzstück der Gesamtanlage: der Palazzo della Civiltà Italiana (gemeinhin bekannt als Colosseo quadrato) von Guerrini, La Padula und Romano von 1938-1943, der Palazzo dei Congressi von Adalberto Libera von 1937-1942 sowie der Palazzo dello Sport von Piacentini und Pier Luigi Nervi von 1956. Zuvor hatte Piacentini an dieser Position einen Palazzo della Luce, einen Tempel mit liturgischer Funktion sowie mit Licht- und Wasserspielen als inszenierten Endpunkt der Hauptachse der Via Imperiale entworfen.

Die Geschichte zeigt an diesem Beispiel den nahtlosen Übergang von der Diktatur zur Nachkriegsdemokratie und ihren unbeschwerten Umgang mit dem politischen Erbe. Piacentini konnte mit dem Palazzo dello Sport dort fortfahren, wo er 1941 kriegsbedingt aufhören musste. An der Gesamtplanung gab es keine Korrekturen. Die Vierziger und frühen Fünfzigerjahre ließen E 42 zu einer Nekropole, einer Geisterstadt erstarren, bis man sich zum Weiterbau entschlossen hat und schließlich für die Olympischen Spiele das Gebiet wiederentdeckte und rehabilitierte. Glanzstück der Verharmlosung ist der bronzene Jüngling Genio del Fascismo. Anstatt die Staue mit dem römischen Gruß aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, befand man es als ausreichend, einen Boxhandschuh über die Hand zu stülpen. Aus dem Genio del Fascismo wurde der Genio dello Sport.

Für die Feierlichkeiten der Weltausstellung sowie für die Partei, entwarf Libera in Anlehnung an einen römischen Doppeltempel den Palazzo dei Congressi, einen Komplex aus Fest- und Empfangshalle, Konferenzsaal und einem Freilichttheater auf dem Dach, welches mit seinen Marmorbänken an die Gräber eines Soldatenfriedhofs erinnern. In der Gesamtbetrachtung ist der Prestigebau ein einziger Bühnenraum. Öffnet der Empfangssaal seine Pforten, so durchdringen die beiden Foyers und die Galerien sämtliche Ebenen. Sehen und Gesehen werden lautet die Maxime — oder: Kontrolle von allen Seiten.

In axialer Sichtbeziehung steht der Palazzo della Civiltà Liberas Gebäude gegenüber, verbunden mit einer breiten Prachtstraße und an einer weiträumigen Esplanade gelegen. Die Eingangssituation wird von einer kolossalen Säulenordnung dominiert, darüber thront ein monumentaler schneeweißer Kubus aus Carrara-Mamor, bekrönt von einer segmentförmigen Kuppelkonstruktion. Unter Mussolini war Marmor zum einzig wahren italienischen Baumaterial auserkoren, mit dem Subtext einer nationalistischen Kundgebung. 2003 wählte Berlusconi das Areal und den Palazzo dei Congressi für die EU-Regierungskonferenz unter seiner Ratspräsidentschaft aus und empfing im Habitus eines Großimperators seine Staatsgäste. Diese durften nach dem politischen Protokoll die weitläufige leicht ansteigende Esplanade emporschreiten, sich währenddessen von den Monumentalbauten beeindrucken lassen, bis sie an der Schwelle der Kolossalordnung vom Cavaliere persönlich abgeholt wurden. In der Vorhalle empfing sie ein erhaltenes Großmosaik mit dem Zyklus “Alle Wege führen nach Rom mit der Göttin Roma”, um danach durch kleine, fast niederdrückende Türöffnungen in den großen Empfangssaal zu gelangen. Erst nach ein paar Schritten im Inneren des Kubus erschließt sich einem dessen maßstabssprengende Raumdimension. Zur Tagung im Palazzo dei Congressi Riccione bildet das Idealstadtpanorama von Francesco di Giorgio das Hintergrundbild. Der gewünschte historische Bezug ist eindeutig und bespielt eine Entwurfsidee Liberas, die zwar geplant, aber nicht mehrausgeführt wurde. Die dunklen Innenseiten des Kubus sollten mit vier Großmosaiken auf circa 3.000 Quadratmetern ausgestattet werden. Jede Front sollte von einer römischen Glanzzeit verkünden: die des römischen Ursprungs, die des Imperiums, der Wiedergeburt und Universalität der Kirche und zum schließlich die des Zeitalters von Mussolini. Später sollte Libera sein Versagen eingestehen und seinen Bau mit der gesamten E 42 Anlage als “Friedhof unserer Niederlagen” bezeichnen.

In einer Achse mit dem Palazzo dei Congressi, auf einer Anhöhe weit über die Dächer der Umgebung ragend, strahlt der Palazzo della Civiltà Italiana als mystisch wirkender Monolyth. Seine klare äußere Erscheinung zeigt eine rationalistische Grundhaltung auf, die ihre Verneigung vor der römischen Antike, der Romanità, nicht verleugnet. Die extreme Nüchternheit wie Strenge eines starved classicism, gepaart mit einem kontrastreichen Licht- und Schattenspiel, vermitteln beeindruckend und auch für den Laien spürbar Machtdemonstration und Einschüchterungspolitik des Regimes. So verwundert es nicht, dass der seit April 2008 amtierende Bürgermeister Roms, Gianni Alemanno, ein verurteilter Rechtspopulist und Mitglied der Berlusconi-Partei Popolo della Libertà als eine seiner ersten Amtshandlungen die Sanierung des EUR-Gebäudes in Auftrag gab, dessen Umbenennung zurücknahm und die ursprüngliche Bezeichnung aus der Mussolinizeit, Palazzo della Civiltà Italiana, wieder einführte. Nun sollen in dem leerstehenden Koloss Shops, Boutiquen und Loungezonen im Lifestyleformat entstehen. Pläne für ein nationales Technikmuseum blieben Fragment. Der strahlende Sakralbau des Faschismus, der auch bei Rossis Gebeinhaus in San Cataldo bei Modena Pate stand, wird historisch entkernt, geliftet und banalisiert. Seinen großen Auftritt erlebt der Prachtbau im Werbespot zur Parlamentswahl 2008. Eine Horde junger, begeisterter Berlusconi-Jünger jeglicher Metiers, aber ohne Migrationshintergrund oder anderer Hautfarbe, also sinnbildlich nur der reine “neue Mensch”, singen eine Lobeshymne auf ihren Präsidenten: “Presidente siamo con te. Meno male che Silvio c’è.” (Präsident wir sind mit dir. Zum Glück gibt es Silvio.) In den Schlusssequenzen, dramaturgisch aufbauend, aus der Froschperspektive aufblickend, zoomt die Kameraeinstellung auf den jubelnden Chor, welcher sich auf einer Freitreppe gruppiert und in die Höhe staffelt. Als Hintergrundmotiv zeigt sich nun in der Totalen ein kraftstrotzender, blendend frisch sanierter Palazzo della Civiltà Italiana. Für den “ewig junggebliebenen” Berlusconi ein naheliegendes Bild und zugleich eine Kampfansage. Der Faschismus ist frisch, dynamisch, hübsch, kommt aus der gehobenen Mittelschicht und macht eindeutig klar, dass die Zeiten der Schmuddelkinder und der Schwarzhemden vorbei sind — er wird und ist salonfähig. Dies ist längst Alltag in Italien und hat das Stadium einer Postdemokratie (Mattioli) erreicht.

Die Parteiclips sind mit ihren eigens komponierten Liederparolen Ohrwürmer und oscarverdächtige Kurzfilme zugleich. Parallelen zu Hollywood werden bewusst aufgegriffen und unterschwellig in einzelne Sequenzen eingewoben, von der Musik bis zum direkten Bildzitat. So werden u.a. in einem Propagandspot von Azione Giovani, neben den Floskeln von Ehre, Patriotismus, Opferbereitschaft usw., Filmausschnitte mit Dialog und Musik (Sequenz der Kampfeinschwörungsrede) vom Hollywood-Blockbuster Gladiator mit Russel Crowe hineinmontiert. Wie wir wissen, stirbt Crowe am Schluss des Films. Als getreuer Patriot und Soldat Roms unterliegt er einer Intrige und muss als Gladiator im Kolosseum ums Überleben kämpfen, bis er den Aufstand gegen die Ungerechtigkeit probt, Rache nimmt und seine Ehre zurückfordert.

Unter dem Blickwinkel der propagandistischen Inszenierungen mit allem Prunk und Gloria nimmt die faschistische Inszenierung groteske Züge an, wo Mussolini 1922 selbst Bedenken äußerte: “Jetzt ist es nötig, dass die Geschichte von morgen, die wir eifrig schaffen wollen, nicht zum Kontrast oder zur Parodie der Geschichte von gestern wird.” Mit ihren aufgesetzten Verweisen antiker Vorbilder stellen die Bauten des EUR Geländes ein Sammelsurium architektonischen Größenwahns dar — blieben sie letztendlich doch nur Kulissen einer sinnentleerten Monumentalarchitektur, die nicht den Menschen, sondern nur den historischen Bezug suchte. Verheerend bleibt, dass die Komödie hinter dem Vorhang der Geschichte sich als Tragödie zeigt.

Aber selbst diese wird von Berlusconi, wie im Falle des Erdbebengebiets um L’Aquila 2009, noch medial verwertet. Eigentlich sah man für den G8-Gipfel ein neues Kongressareal auf der Insel La Maddalena bei Sardinien vor, welches extra nach den Plänen des Mailänder Architekten Stefano Boeri innerhalb von zehn Monaten aus dem italienischen Sand gestampfte wurde. Der Komplex, bestehend aus einem gläsernen Kongressgebäude und einem Ausstellungsbau, integriert Restbestände des ehemaligen Militärgeländes und gibt sich in seiner Ästhetik modernistisch und mit dem Zeitgeschmack kompatibel — ornamentale Gitterstrukturen für den Konferenzbau, sowie eine filigrane Tempelkonstruktion mit Mauerrestbeständen für den Ausstellungsbereich.

Natürlich zeigte sich das katastrophale Bild der Zerstörung L’Aquilas als zeichenhafter, emotionaler und einprägsamer sowie für die Inszenierung der Person Berlusconis geradezu als geeigneter Schauplatz. Die Gunst der Stunde wurde genutzt und der Gipfel kurzerhand ins Krisengebiet verlegt. Gleichzeitig konnte Berlusconi damit nachträglich seinem politischen Kontrahenten und Amtsvorgänger Prodi, dem Auftraggeber des Maddalena-Areals, sein bauliches Erbe streitig machen und ihn der Bühne verweisen. Abgesehen davon, verweigert sich Boeris Architektur dem Verlangen nach einem großen Auftritt und medialer Präsenz. Seit diesem Zeitpunkt fristet La Maddalena das Dasein einer Geisterstadt ohne jegliche Nutzung. La Maddalena verkümmert zum Gedenkstein einer nicht erfüllten Vision; der von Boeri erhoffte “Maddalena Effekt” wurde zur Illusion. Diese Tatsache scheint es mit den liegengebliebenen Aufbauarbeiten L’Aquilas zu teilen. Zwar wurde die Peripherie in großem Stil mit Notunterkünften bebaut, der zerstörte alte Kern ist jedoch nach wie vor eine verlassene Ruinenlandschaft.

Nach Berlusconis Ansicht sollten die Bewohner ihre Notunterkunft einfach wie einen Campingurlaub begreifen: Zum Glück gibt es Silvio! Er ist für alle da, wenn nicht leibhaftig, dann zumindest auf der Leinwand. Wir können heute an Berlusconis politischem Körper und dessen Kommunikationsstrategie der Liebe (z.B. die zum Wahlkampf geschaltete Telefonseelsorge „Silvio risponde“) teilhaben und können seine Bestrebungen, im Anti-Aging-Zeitalter der Sterblichkeit entgegenzutreten, mitverfolgen. Mittels Schönheitschirurgie und Medienwelt zeichnet sich neuerdings ein dritter, zusätzlicher, autonom agierender “medialer Körper” neben dem “doppelten Körper”, so Parotto, der Figur Berlusconi ab. Es entsteht eine Projektionsfläche für unterschiedlich wahrnehmbare Identitäten und Rollen. Ein Kaleidoskop an Berlusconi-Figuren öffnet sich, und alles scheint im Repertoire vorhanden zu sein: der Märtyrer, der gewiefte Geschäftsmann, der Macher, der treu liebende Vater, der Fußballfanatiker oder der Womanizer. Sein politisches Handeln entspricht demnach der Inszenierung einer bella figura. In einer Studie zum “doppelten Körper” unterscheidet Ernst Kantorowicz zwischen einem sterblichen und einem unsterblichen Körper. Der natürliche Körper verweist uns auf die Endlichkeit des Lebens. Gleichzeit koexistiert der sogenannte “politische Körper”, welcher losgelöst vom Tod mit der Aura des Ewigen verbunden ist, gemäß der Parole “der König ist tot, lang lebe der König”. Der Mensch Berlusconi vergeht, doch die Kunstfigur bleibt uns erhalten und findet im Faschismus seine Gleichzeitigkeit. Dieser war nie wirklich weg, immer latent vorhanden und überlebte stets seine Kritiker.

Weiterführende Literatur:

  • Simonetta Falasca-Zamponi, Fascist Spectacle. The Aesthetics of Power in Mussolini’s Italy, Berkeley/Los Angeles/London 2000
  • Giuliana Parotto, Silvio Berlusconi – Der doppelte Körper des Politikers, München 2009
  • Aram Mattioli, Viva Mussolini! Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis, Paderborn/München/Wien/Zürich 2010

*) Florian Dreher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am KIT – Karlsruher Institut für Technologie, Architekturfakultät, Institut für Architekturtheorie.

Erschienen in: Archithese 4/2010 (»Szenografie«); veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors. Dieser Beitrag unterliegt dem Urheberrecht.
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Crisi.

Ora che il governo italiano prepara tagli drastici e indiscriminati a cultura, sicurezza ed educazione, la proposta — educativa — che tutti aspettavamo era quella di demandare la polizia alla protezione di uno squallido monumento fascista.
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Kleiner Wahlspickzettel für Bozen.

Es soll ja tatsächlich (gemäßigte) Wähler geben, die am Sonntag Herrn Oberrauch unterstützen wollen. Denen möchte ich noch einige Details ins Gedächtnis rufen, bevor sie einen möglicherweise folgenschweren Fehler begehen.

Wer für Oberrauch stimmt, der unterstützt eine Koalition mit Unitalia. Und Unitalia, das ist eine Partei, die in den meisten westlichen Demokratien nicht wählbar wäre:

  • Ihre Vertreter haben den Bozner Gemeinderat verlassen, als einem Nazi-Widerständler die Ehrenbürgerschaft verliehen wurde. Weil es sich um „einen Deserteur“ handle. Das alleine ist so skandalös, dass ich die Aufzählung hiermit beenden könnte.
  • Gleichzeitig verhöhnen diese Leute die Opfer des Faschismus, indem sie Kränze vor dem Siegesdenkmal ablegen und Jahr für Jahr zum Grab von Ettore Tolomei pilgern.
  • Eine »Perle« war die Entfernung eines Hirten aus der Holzkrippe am Waltherplatz, weil Parteichef Donato Seppi eine Ähnlichkeit mit Andreas Hofer (!) erkannt haben wollte. Was lächerlich klingt, ist für eine liberale Demokratie völlig inakzeptabel. Eine Partei, die faschistische Symbolik verteidigt, beansprucht gleichzeitig die Deutungshoheit über den öffentlichen Raum und erhebt — direkt oder indirekt — den Anspruch, Zensur auszuüben. Je mehr Macht sie erhält, desto stärker wird auch ihr zensorischer Einfluss.
  • Unitalia unterstützt faschistische Organisationen (Eigendefinition!) wie den Blocco Studentesco, der in Bozen längst Fuß gefasst und öffentliche Aufmerksamkeit [Video] erregt hat. Auf der Homepage von Unitalia gibt es einen direkten Link zur faschistischen (Eigendefinition!) CasaPound. Außerdem ist die Partei lokaler Ableger der staatsweit agierenden Destra, die mit dem neofaschistischen Milieu eng verflochten ist.
  • Unitalia ist offen ausländer- und minderheitenfeindlich. Ihre Kampagnen richten sich regelmäßig gegen Zuwandererinnen und »Zigeuner«, sie sprechen die niedersten Instinkte an und vergiften das soziale Klima im Land.
  • Außerdem ist die Partei ausdrücklich autonomiefeindlich eingestellt und will selbst die Zweisprachigkeit abschaffen [W].

Wie soll ein Bürgermeister Oberrauch auch nur ansatzweise im Sinne der Gesamtbevölkerung regieren, wenn er sich von einer Partei wie Unitalia unterstützen lässt? Die Rechtsaußen sind das Extrembeispiel, aber auch andere Parteien im Bündnis nehmen ähnlich autonomiefeindliche (Teile des PDL) oder xenophobistische Positionen (Lega Nord) ein.

Wer auch nach dieser Aufzählung von seinem Vorhaben, Oberrauch zu wählen, nicht abkommt, der soll es tun — ihm ist nicht mehr zu helfen. Ich jedenfalls vertrete die Ansicht, dass es sich dabei nicht um eine normale demokratische Option handelt. Die Koalition befindet sich in großen Teilen außerhalb des verfassungsmäßigen Rahmens, wenngleich das nicht richterlich festgestellt wurde.
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Einmal Siegesdenkmal, bitte!

Vermutlich als indirekte Folge der Wirtschaftskrise — und des drohenden Staatsbankrotts — muss sich der Staat nun von seiner umstrittensten Immobilie im Lande trennen: Das Siegesdenkmal in Bozen wird nicht mehr renoviert, sondern verkauft. Ein bisher inkognito agierender einheimischer Mittelsmann wurde damit beauftragt, einen neuen Besitzer für den Piacentini-Bau samt Grünfläche und angrenzenden Stellplätzen zu finden. Sogar eine Homepage wurde eigens ins Netz gestellt.

Ein verbindlicher Preis ist derzeit aber genausowenig in Erfahrung zu bringen wie die genauen Verkaufsbedingungen oder ein etwaiges Interesse der Gemeinde Bozen oder des Landes, den Bau zu erwerben. Es bleibt zu hoffen, dass er nicht in die Hände von Rechtsextremisten oder einschlägigen politischen Parteien fällt.

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La memoria «rotta» di Bolzano.

Valentino, tramite Blaun, segnala un articolo straordinario apparso sul numero odierno de «l’Unità», a firma di Massimiliano Boschi. Ho deciso di riproporlo senza commenti anche su Brennerbasisdemokratie come riflessione per la Giornata della Memoria:

In fondo è facile tracciare una linea di confine, basta avere una riga, una cartina e dotarsi di un esercito per la sua difesa. Più difficile dividere le genti, perché basta poco per ritrovarsi il «nemico» in casa. E se quel nemico diventa amico, poi di nuovo nemico, poi nuovamente amico nell’arco di un secolo, la memoria del passato si avvita, fa salti mortali con esiti a volte tragici e volte ridicoli. Così è la memoria di Bolzano. Dove convivono enormi bassorilievi del Duce a cavallo e monumenti ai deportati del Lager cittadino. Dove, non lontano dalle lapidi sui caduti partigiani vi è quella che ricorda le vittime naziste di Via Rasella. Una memoria tutt’altro che condivisa. L’ufficio turismo di Bolzano distribuisce da qualche tempo una serie di itinerari nei luoghi della memoria della città. Uno di questi, Bolzano: percorso tra architettura e fascismo , ne propone uno tra gli edifici fascisti. Tra questi, oltre al noto monumento alla vittoria, spicca l’odierno Ufficio Finanze della città. L’opuscolo spiega che si tratta dell’ex Casa Littoria il cui «elemento distintivo di maggior pregio è il rilievo monumentale, opera dello scultore Hans Piffrader dedicato all’ascesa del fascismo e alla sua glorificazione». Così, il solito «oggettino delicato» progettato dalle menti fascistoidi per la glorificazione del Duce è diventato una meta turistica. Ma non è tutto, l’opera, come molte altre «glorie» fasciste, non giunse a compimento. Venne completata solo nel 1957 in occasione di un restauro. Se è concesso un confronto, anche a Berlino stanno creando un itinerario tra i palazzi del potere nazista, ma si chiama Topografia del terrore ed ha obiettivi molto diversi. Purtroppo, come ci racconta John Foot in Fratture d’Italia , libro che descrive la «memoria divisa» del nostro Paese: «in Italia ci si attacca alla memoria solo riferendosi al nemico, nel caso di Bolzano, i cittadini di lingua tedesca. Molti monumenti non hanno nulla a che fare con la memoria, ma piuttosto con la volontà di schiacciare l’altra parte politica. Hanno a che fare con questioni strettamente politiche, spesso molto legate al territorio locale. Sono semplici specchi in cui si riflettono differenze e si creano identità, per cui ognuno può avere la sua piccola lapide in piccoli spazi». Insomma, una memoria che si vuole lunga nel tempo ma che è limitata nello spazio. Al cimitero di Bolzano c’è anche una lapide che ricorda i 33 agenti del Polizei regiment Bozen uccisi in via Rasella a Roma. Fu per vendicare questi morti che i tedeschi uccisero 335 persone alle Fosse Ardeatine. L’ufficio cultura di Bolzano non lo inserisce, ovviamente, nell’altro itinerario della memoria, quello che racconta gli anni dal 1943 al 1945. In questo caso sono indicate lapidi in ricordo dei partigiani caduti, monumenti in ricordo dei deportati e soprattutto, il Lager di Bolzano, attivo tra l’estate 44 e la fine della guerra. Uno dei quattro Lager italiani oltre a Fossoli, Borgo San Dalmazzo e la Risiera di San Sabba. Molto di quello che si sa oggi riguardo al Lager di Bolzano è figlio della ricerca iniziata nel 1995 da Carla Giacomozzi, responsabile del Progetto dell’archivio storico cittadino: Storia e Memoria: il Lager di Bolzano . Ha intervistato più di 200 ex deportati, ha raccolto lettere, pezzi di abbigliamento e altri materiali, creato attorno al Lager di Bolzano una bibliografia, una filmografia. Sta lavorando per creare una memoria viva e attiva sul Lager e ha contribuito a preservarne l’unico muro di cinta originale. «Abbiamo lavorato otto anni per salvare quel muro che nessuno sapeva ci fosse ancora e siamo riusciti a fargli ottenere il vincolo di tutela per il suo interesse storico – spiega». Resta il fatto che mentre si restaurava il Duce a cavallo si perdeva la memoria del lager. «Non è così strano, qui la comunità tedesca percepì l’arrivo dei nazisti nel 1943 come una liberazione dalle discriminazioni subite dai fascisti. Qui tutto è visto in chiave etnica e ancora oggi, purtroppo, le due comunità viaggiano su binari paralleli che non si incontrano mai».

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Bozen: Stadtregierung ohne SVP?

Laut einem Bericht der Zett (Ausschnitt) vom vergangenen Sonntag, den 10.01.2010 schließt SVP-Obmann Richard Theiner eine Koalition mit den italienischen Mitterechtsparteien in Bozen aus. Siegfried Brugger hatte sich zuvor dafür ausgesprochen, eine solche Konstellation nach den kommenden Gemeindewahlen ergebnisoffen zu prüfen. Seine Ablehnung begründete der Obmann damit, dass man nicht mit Parteien zusammenarbeiten wolle, die »für den Beibehalt faschistischer Relikte« sind.

Ausschnitt Zett.

Es ist nicht damit zu rechnen, dass die Volkspartei genügend Stimmen erhalten wird, um eine Stadtregierung ohne — oder mit einem kleinen — Koalitionspartner zu bilden. Daher könnte sich hinter dieser Aussage die Absicht verbergen, nach den Gemeindewahlen in der Landeshauptstadt erstmals in die Opposition zu gehen.
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Berlin-Bozen 2010.

Berlin-Bozen 2010.

Berlin 2010. Die »Stolpersteine« sind goldene Pflastersteine, welche niveaugleich in den Boden eingelassen werden, wo schikanierte, deportierte und/oder getötete Jüdinnen zuletzt gewohnt oder gearbeitet hatten. Durch ständige Konfrontation fördert das Kunstprojekt das Geschichtsbewusstsein und die Aufarbeitung.

Bozen 2010. Das faschistische Siegesdenkmal wird unter der Aufsicht des staatlichen Denkmalamtes aufwändig saniert und in den Originalzustand versetzt. Erklärende Tafeln, die den historischen Kontext und die menschenverachtende Ideologie erklären, deren Ausdruck das Monument ist, lehnt das Amt strikt ab.

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