Guardia Civil im Telekommunikationszentrum.

Heute früh ist die spanische Guardia Civil in das Zentrum für Telekommunikation und Informationstechnik (CTTI) der Generalitat de Catalunya eingedrungen, um die Verantwortlichen zu zwingen, sämtliche Computersysteme herunterzufahren, die die Ausübung der elektronischen Wahl sowie die Auszählung der Abstimmungsergebnisse unterstützen könnten. Das CTTI in L’Hospitalet de Llobregat wird Medienberichten zufolge von einem Hubschrauber der Guardia Civil umkreist.

Grundlage für die Maßnahme ist eine Anordnung des Tribunal Superior de Justícia de Catalunya, das auch die Außerbetriebnahme von Handyapps vorsieht — beispielsweise eine findige private App, die die Datenbank mit den Wahlsprengeln und Abstimmungsinformationen enthält. Google hat die richterliche Anweisung offenbar bereits umgesetzt und die App aus dem Play-Store genommen.

Unbestätigten Informationen zufolge soll die Guardia Civil 48 Stunden lang in den Räumen des CTTI bleiben, um die Arbeit der Technikerinnen zu überwachen. Allerdings gab ein Sprecher der Generalitat bekannt, dass die Guardia Civil keinen Zutritt zu den technischen Anlagen erhält.

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Provinzielle Aufregung.
Quotation 401

Die Aufregung über das spanische Vorgehen sei eher ein Ausdruck des Südtiroler Provinzialismus. “Jeder will sich aufgrund der Probleme anderer profilieren. Und sieht dabei nur, was ihn interessiert.”

Senator Francesco Palermo (SVP/PD) über die Lage in Katalonien, zitiert in ff 39/2017

Man muss vermutlich äußerst weltgewandt sein, um die Durchsuchung von Zeitungsredaktionen, die Beschlagnahme von Urnen und Stimmzetteln, die Festnahme von Politiker- und Funktionärinnen, die Anklage von Bürgermeisterinnen und Vertretern der Zivilgesellschaft mitten im Europa des 21. Jahrhunderts zu verstehen. Ich muss zum Beispiel gestehen, dass ich leider den Provinzialismus und die Aufregung mehrerer dänischer, britischer, Schweizer und EU-Abgeordneter, von Amnesty International, Fundació Miró, den Bürgermeisterinnen von Barcelona und Dublin, mehrerer italienischer Persönlichkeiten oder des gesamten sardischen und aostanischen Regionalrats teile. In Zukunft werde ich mich aber anstrengen, auch nur ein wenig vom Niveau derer zu erhaschen, die der Einsatz der Polizei gegen einen demokratischen Wunsch der eigenen Bevölkerung kalt lässt — es scheint mir notwendig.

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Auch UN-Sonderberichterstatter für Meinungsfreiheit äußert sich zu Katalonien.

Neben dem Sonderberichterstatter »zur Förderung einer demokratischen und gerechten internationalen Ordnung« der Vereinten Nationen, Alfred-Maurice de Zayas, hat sich nun auch der Sonderberichterstatter »für Förderung und Schutz der freien Meinungsäußerung«, David Kaye, bezüglich Katalonien zu Wort gemeldet. In einer offiziellen Mitteilung, die auf der Webseite des Hochkommissariats für Menschenrechte (UNHCHR) veröffentlicht wurde, bringen sie ihre Sorge zum Ausdruck und betonen gemeinsam, dass unabhängig von der Legalität des Referendums vom 1. Oktober sämtliche demokratischen Grundrechte zu gewährleisten sind:

Spain must respect fundamental rights in response to Catalan referendum,
UN rights experts

GENEVA (28 September 2017) – UN experts have called on the Spanish authorities to ensure that measures taken ahead of the Catalan referendum on 1 October do not interfere with the fundamental rights to freedom of expression, assembly and association, and public participation.

The Catalan government has scheduled a referendum on independence for the autonomous region for 1 October. However, the Constitutional Court of Spain decided on 6 September that the referendum would be unconstitutional.

“Regardless of the lawfulness of the referendum, the Spanish authorities have a responsibility to respect those rights that are essential to democratic societies,” the experts said.

Since the ruling, hundreds of thousands of Catalans have taken to the streets in protests.  Tensions have escalated, with the authorities searching print houses and seizing referendum material. Websites have been blocked, and political meetings stopped.

Politicians have been arrested, and leaders of the mass protests have been charged with sedition, a crime which carries a maximum sentence of 15 years imprisonment.

“The measures we are witnessing are worrying because they appear to violate fundamental individual rights, cutting off public information and the possibility of debate at a critical moment for Spain’s democracy.”

On 21 September, more than 4,000 police officers were deployed to the autonomous region, with an order from the Government to “act in case the illegal referendum takes place”.

“We are concerned that this order and the accompanying rhetoric may heighten tensions and social unrest,” the experts said.

“We urge all parties to exercise the utmost restraint and avoid violence of any kind to ensure peaceful protests in the coming days”, they concluded.

The experts have been in contact with the government of Spain concerning the situation.

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EU laut Dorfmann »vernünftig«.

Interview mit Herbert Dorfmann, MdEP (SVP) in der TAZ zu Katalonien. Zwei Schnipsel:

Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat erklärt, dass Brüssel die Entscheidung, wie auch immer sie ausfällt, akzeptieren wird. Das ist die einzig vernünftige Vorgehensweise. Es wäre falsch, wenn sich die EU jetzt auf die eine oder andere Seite schlagen würde.

Niemand verlangt, dass sich Juncker auf die eine oder auf die andere Seite schlägt. Vernünftig ist die Vorgehensweise der EU aber wohl keineswegs, wenn sie zu den schweren Repressionsmaßnahmen nichts zu sagen hat. Wie will der Kommissionspräsident die Entscheidung der Katalaninnen respektieren, wenn die Entscheidung mit Gewalt verhindert wird?

Die EU hat […] kein Interesse an einer neuen Kleinstaaterei.

Sagt allen Ernstes der Vertreter einer Südtiroler Partei, die die Regionalisierung Europas will? Ist es nicht eher so, dass sich die EU diese aggressiven Nationalstaaten nicht mehr leisten kann?

Kleinstaaten Politik Recht Repression Selbstbestimmung | Zitać | Herbert Dorfmann Jean-Claude Juncker | TAZ | Catalunya Europa | EU SVP | Deutsch

Appello contro la deriva autoritaria.

Il referendum sull’indipendenza convocato dal governo catalano per il prossimo 1˚ di ottobre si sta trasformando in una grande questione democratica. Per impedirne la celebrazione il governo spagnolo sta applicando una strategia autoritaria e repressiva delle libertà e dei diritti fondamentali delle cittadine e cittadini catalani minacciando penalmente sindaci, deputati, autorità pubbliche, giornalisti, perfino coloro che decidano di andare a votare o vadano a comporre i collegi elettorali. Il governo Rajoy annuncia il commissariamento delle finanze della Generalitat catalana. La polizia entra negli edifici del Governo catalano, arresta alcuni rappresentanti importanti della Generalitat, entra nelle redazioni dei giornali, sospende manifestazioni, chiede l’identificazione di partecipanti e organizzatori, sequestra materiale di propaganda referendaria. Le istituzioni catalane – governo, parlamento, Comune di Barcellona e oltre 790 Comuni rappresentativi dell’85% della popolazione catalana – sono unite nel respingere questo attacco alla democrazia e chiamano la popolazione a una risposta pacifica e alla partecipazione al voto dell’1 di ottobre. Davanti a questi fatti e preoccupati per una possibile ulteriore involuzione autoritaria, condanniamo il comportamento irresponsabile e anti-democratico del governo spagnolo e chiediamo una soluzione politica, democratica e pacifica del conflitto istituzionale in corso.

  • Giorgio Airaudo (deputato Sinistra Italiana)
  • Mauro Beschi (com. esec. Coordinamento Democrazia Costituzionale)
  • Elena Marisol Brandolini (giornalista)
  • Beatrice Brignone (deputata Possibile)
  • Francesca Chiavacci (presidente nazionale Arci)
  • Giuseppe Civati (segretario Possibile)
  • Fausto Durante (coordinatore area politiche europee e internazionale Cgil)
  • Gennaro Ferraiuolo, (docente Università Federico II di Napoli)
  • Alfonso Gianni (cons. dir. Coordinamento Democrazia Costituzionale)
  • Giancarlo Giordano (deputato Sinistra Italiana)
  • Alfiero Grandi (vicepresidente Coordinamento Democrazia Costituzionale)
  • Alberto Leiss (giornalista)
  • Betty Leone (Mdp-articolo1 Movimento Democratici Progressisti)
  • Andrea Maestri (deputato Possibile)
  • Giulio Marcon (deputato Sinistra Italiana)
  • Marisa Nicchi (deputata Mdp-articolo1 MovimentoDemocraticiProgressisti)
  • Luca Pastorino (deputato Possibile)
  • Elena Pistolesi (docente Università di Modena e Reggio Emilia)
  • Patrizio Rigobon (docente Università Ca’ Foscari di Venezia)
  • Bia Sarasini (giornalista)
  • Vincenzo Vita (presidente Associazione Rinnovamento della Sinistra)
  • Maurizio Acerbo (segretario nazionale PRC)
  • Piero Di Siena (giornalista)
  • Roberto Musacchio (L’Altra Europa con Tsipras)

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Ulrich Ladurners Gespür für Härte.

Während Südtiroler Tageszeitungen das harte Vorgehen des spanischen Nationalstaats gegen Katalonien — zumindest auf den Titelseiten — ignorierten, erschien bei Zeit Online ein einschlägiger Artikel von Ulrich Ladurner. Diesen empörenden Beitrag des Südtiroler Journalisten möchte ich hier auszugsweise kommentieren.

Die Katalanen treiben das fragwürdige Referendum über ihre Unabhängigkeit voran, Eskalation inklusive. Ihr undemokratisches Vorgehen zwingt Madrid zu harten Reaktionen.

  • Erste Frage: Haben wirklich die Katalaninnen eskaliert? Oder war es vielleicht doch der Zentralstaat, der zuvor übrigens jegliche Verhandlung über ein Referendum abgelehnt hatte?
  • Zweite Frage: Was genau ist am Vorgehen der katalanischen Regierung, die eine Volksabstimmung und keinen gewaltsamen Putsch organisiert, undemokratisch?
  • Dritte Frage: Meint Ladurner tatsächlich, dass Madrid zu einer Vorgehensweise gezwungen war, die nun international von Politiker-, Bürgerrechtlerinnen und Medien scharf kritisiert wurde?

Am 6. September verabschiedete das katalanische Regionalparlament ein Gesetz, das den Weg für ein Unabhängigkeitsreferendum frei machen sollte. 60 Abgeordnete stimmten dagegen, 72 stimmten dafür. Das war schon ein Zeichen dafür, dass selbst die katalanische Gesellschaft in dieser Frage tief gespalten ist.

Es stimmten 72 Abgeordnete dafür, 11 enthielten sich und alle weiteren nahmen an der Abstimmung gar nicht teil. Ist »tiefe Spaltung« in einer Demokratie nicht quasi ein Normalzustand? Was wäre die Alternative? Dass sich die Mehrheit von 72 einer (nicht abstimmenden) Minderheit unterordnet?

Darüberhinaus ist doch zu sagen, dass da nicht die Abspaltung beschlossen wurde, sondern die Befragung der Bevölkerung mithilfe eines demokratischen Verfahrens wie dem Referendum.

Doch Puigdemonts Regierung kümmerte das nicht. Sie peitschte das Gesetz innerhalb von 48 Stunden durch das Parlament. Zeit für eine ausgiebige Debatte über eine so existenzielle Frage wie die Unabhängigkeit gab es nicht.

Stimmt. Ideal ist das nicht. Hätte der Zentralstaat eine Abstimmung mitgetragen, hätte man ähnlich wie in Schottland eine längere Vorlaufzeit mit parlamentarischen und außerparlamentarischen Debatten einplanen können. Nachdem das Interesse von Madrid jedoch nicht einer sauberen Durchführung, sondern der Verhinderung galt, musste man diesbezüglich Kompromisse eingehen. Man hatte es ja schon mehrmals versucht.

Doch in Katalonien wird schon seit Jahren (im Parlament und außerhalb) über die Selbstbestimmung diskutiert, weshalb zwar diese parlamentarische Debatte kurz ausfiel, aber im Laufe der Jahre doch genug Zeit vorhanden war, die unterschiedlichen Positionen zum Ausdruck zu bringen.

“Das Referendum wird niemals stattfinden”, sagte Ministerpräsident Mariano Rajoy deshalb und rief die katalanische Regierung zur Umkehr auf. Doch die machte immer weiter.

Warum nennt Ladurner Rajoy, anders als die Katalaninnen, nicht ebenfalls undemokratisch? Oder ist das ewige (»niemals«) Verbot eines Referendums etwa demokratisch?

Dann schritt die Polizei ein. […] Das geschah nicht, wie Puigdemont glauben machen will, weil von der Zentralregierung der “De-facto Ausnahmezustand” ausgerufen worden sei. Das geschah auf Anordnung eines Richters in Barcelona, der sich veranlasst sah, gegen die Vorbereitung eines illegalen Referendums vorzugehen. Doch diese wichtigen Differenzierungen gehen jetzt unter.

Erstens hatte die spanische Regierung kurz zuvor beschlossen, das katalanische Wirtschaftsministerium »auszuschalten« und zweitens ist es ein offenes Gehemnis, dass in dieser Frage Gerichte,  Zentralregierung und Geheimdienste »zusammenarbeiten«. Diese Konspiration hat sogar schon den UN-Sonderbeauftragten für Menschenrechte auf den Plan gerufen. Doch diese wichtigen Differenzierungen gehen jetzt unter.

Es geht auch unter, dass die katalanische Regierung das Referendum nicht gerade demokratisch ausgestaltet hat. Es sieht keine Mindestbeteiligung vor. Und es gilt die relative Mehrheit. Wenn also beispielsweise nur 20 Prozent der Katalanen abstimmten, und davon 50 Prozent plus 1 mit Ja votierten, hätte eine kleine Minderheit der Katalanen eine neue Republik geschaffen.

Ein Referendum, das den Ratschlägen der Venedig-Kommission des Europarats folgt, ist laut Herrn Ladurner also »nicht gerade demokratisch ausgestaltet«.

In Punkt 7 des Code of Good Practice on Referendums empfiehlt die Kommission ausdrücklich, von Beteiligungs- und Zustimmungsquora abzusehen.

Das Schlimme an der jetzigen Lage: Rajoys berechtigtes Bestehen auf die Grundlagen der repräsentativen Demokratie klingt in der Hitze der Emotionen wie eine Kampfansage an das katalanische Volk.

Nun ja… auch ein »berechtigtes Bestehen« kann eben eine Kampfansage sein, wenn man außerstande ist, politische Verhandlungen zu führen und völlig unverhältnismäßige Gegenmaßnahmen ergreift.

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