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Cusak-Podiumsdiskussion.

Am 16. Mai habe ich auf Einladung der Brixner Cusanus-Akademie an einer Podiumsdiskussion zum Thema »Zwischen Stillstand und Selbstbestimmung — Die Vervollständigung der Autonomie« teilgenommen. Außer mir saßen Philipp Achammer (SVP), Brigitte Foppa (Vërc), Eva Klotz (STF) und Roland Tinkhauser (F) am Podium. Thomas Benedikter war Hauptreferent und hat einen exzellenten Vortrag zum Thema Autonomie, Autonomieausbau, Unabhängigkeit und — in diesem Zusammenhang — über Instrumente der direkten Bürgerbeteiligung gehalten. Unter anderem hat er über die Situation in anderen autonomen Regionen der Welt, zum Beispiel über die Konstituierende Versammlung in Sardinien berichtet und dabei auch erläutert, warum die Umsetzbarkeit eines Projektes (der Realismus) in diesem Zusammenhang keine politische Kategorie sein kann.

Meine Stellungnahmen während der Podiumsdiskussion möchte ich hier sinngemäß wiedergeben. Zuerst den allgemeinen, einleitenden Beitrag, der übrigens etwas kürzer ausgefallen ist, als ursprünglich geplant:

Guten Abend. Wahrscheinlich bin ich nicht der Einzige, der sich fragt, warum ich heute hier am Podium sitze — neben vier Berufspolitikern. Die Antwort, die ich mir gebe, ist, dass im Laufe der letzten Jahre, in Zusammenarbeit mit einer Kerngruppe, die sich um mein Blog gebildet hat, eine Zukunftsvision entstanden ist, die so von keiner Partei abgedeckt wird. Auch wir befürworten die Unabhängigkeit unseres Landes — nicht aber wie es die Süd-Tiroler Freiheit tut, auch nicht wie die Freiheitlichen, sondern am ehesten wie die Grünen, wenn sie sich in Südtirol nicht grundsätzlich dem Thema verschließen würden. In anderen Ländern ist das ja ein ausgesprochen grünes Projekt: Die katalanischen Grünen schwanken zwischen einem extremen Autonomismus und der Unabhängigkeit, in Schottland rufen sie dazu auf, für die Loslösung von Großbritannien zu stimmen, wenn es 2014 zu einer Volksabstimmung kommt. Und schließlich sitzen die Grünen im Europäischen Parlament ja nicht zufällig mit der EFA — der European Free Alliance — in einer Fraktion, die unterschiedliche Parteien umfasst, welche sich für die Unabhängigkeit oder zumindest für einen starken Ausbau der Autonomie in ihren jeweiligen Herkunftsgebieten einsetzen.

Wie sieht nun unser Modell aus und warum sind wir überhaupt für die Unabhängigkeit? Zunächst muss gesagt werden, dass — obwohl wir auch andere Themen bearbeiten — für uns fast ausschließlich gesellschaftliche Gründe ausschlaggebend sind, um die Loslösung vom Nationalstaat zu fordern. Wenn wir eine ungeteilte Gesellschaft und die Überwindung der Trennung nach Sprachgruppen, also richtiges Zusammenleben wünschen, dann müssen wir unserer Meinung nach auch die Autonomie überwinden. Sie ist es ja, die die ethnische Trennung aufgrund ihrer Ausrichtung perpetuiert und reproduziert, großteils durch Schutzmechanismen, die in einem Nationalstaat für eine Minderheit durchaus erforderlich sind. Zudem müssen wir jeden Tag von neuem antreten, unsere Andersartigkeit gegenüber dem übrigen Staatsgebiet unter Beweis zu stellen, denn das ist es ja, was unseren Sonderstatus rechtfertigt. Es dürfte jedem einleuchten, dass ein solches Modell nicht dazu angetan ist, die innere Befriedung im Sinne einer — wie wir sie nennen — »postethnischen Gesellschaft« zu gewährleisten.

Dem Nationalstaat setzen wir etwas völlig anderes entgegen: Ein inklusivistisches Modell, welches bereits in seinem Quellcode mehrsprachig ausgelegt ist — ein nicht national definierter Staat, wie es die Schweiz oder Luxemburg sind, wobei das Modell, das wir benötigen, selbstverständlich auf unsere spezielle Situation maßgeschneidert sein muss. Ziel ist es, dass sich in einer »postethnischen Gesellschaft« die Sprachen und Identitäten frei entfalten können, die Zugehörigkeit zu einer Ethnie jedoch genauso in den Hintergrund, in den Rahmen der Privatsphäre tritt, wie etwa die Religion. Natürlich wird es auch in einem solchen Staat — nennen wir es der Gewohnheit halber einen Staat, es könnte auch eine Region des föderalen Europas sein — zahlenmäßige Minderheiten geben, in diesem Fall die italienische und die ladinische, aber keine nationalen Minderheiten, weil alle die gleichen Rechte und Pflichten haben, und weil die öffentliche Hand zwar nicht auf die Sprachgruppen, aber sehr wohl auf die Entwicklung der Sprachen und auf die allgemeine Mehrsprachigkeit achtet.
Das ist auch etwas ganz anderes, als das Modell der Freiheitlichen, in deren Verfassungsentwurf nach dem Motto »alles ändern, damit alles gleich bleibt« nach wie vor Schutzmechanismen wie der Proporz enthalten sind, die meiner Meinung nach in einem unabhängigen Südtirol nichts verloren haben.

Roland Tinkhauser (F) hat darauf geantwortet, dass das Zugeständnisse an die Italiener seien, und zwar selbstverständlich nur provisorische. Davon mal abgesehen, dass es solcher Zugeständnisse ganz sicher nicht bedarf — sie führen, jedenfalls aus -Sicht, das gesamte Projekt ad absurdum — müsste der Proporz dann wenigstens als (befristete) Übergangsbestimmung in der Verfassung enthalten sein, da es sonst keine Gewissheit gibt, ob er jemals abgeschafft wird.

Nach Abschluss der ersten Diskussionsrunde wurden einige Stellungnahmen aus dem Publikum eingeholt. Darauf habe ich in meiner zweiten Wortmeldung Bezug genommen:

In ihren Stellungnahmen haben sich jetzt fast alle [am Podium und im Publikum] für das Menschenrecht auf Selbstbestimmung ausgesprochen. Ich möchte daher daran erinnern, dass vor einer Woche im Landtag ein Beschlussantrag Punkt für Punkt abgelehnt wurde, der sich auch damit befasst. Unter anderem wurde folgender Passus abgelehnt, ich zitiere: »Der Süd-Tiroler Landtag bekennt sich zu den UNO-Menschenrechtspakten und bekräftigt das in Artikel 1 der UNO-Menschenrechtspakte verankerte Selbstbestimmungsrecht der Völker auch für Süd-Tirol«, das heißt nicht, dass das Recht jetzt in Anspruch genommen werden soll, sondern, dass es grundsätzlich auch für Südtirol gilt. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der Landtag lehnt ein Menschenrecht ab. Natürlich muss man auch den Einbringern einen Vorwurf machen, weil sie ein so wichtiges und sensibles Thema verheizt haben, nur um gegen die Alpini Stimmung zu machen. [Frau Klotz widerspricht] Doch, Herr Knoll hat ausdrücklich gesagt, dass das mit den Alpini in Zusammenhang stand.

Roland Tinkhauser (F) wollte das Ganze etwas relativieren, indem er behauptete, dass man sich im Landtag eben manchmal etwas »zu fleiß« tut und deshalb auch das Verhalten von SVP und Grünen verständlich sei. Ich bin im Laufe der Diskussion nicht mehr dazu gekommen, ihn zu fragen, ob denn der Landtag ein Parlament oder eine Würstelbude sei. Schließlich könnte sich jetzt — zum Beispiel — China auf dieses Votum berufen und den dortigen Minderheiten sagen, dass dieses Menschenrecht selbst von einer Minderheit grundsätzlich abgelehnt wurde, die sich in einem demokratischen Rechtsstaat befindet.

Hans Heiss hat mich (aus dem Publikum) gefragt, aus welchem Grund wir der Meinung sind, dass unser Modell nicht auch im Rahmen der Autonomie umgesetzt werden könnte. Meine Antwort darauf:

Ich will vorausschicken, dass bei uns selbstverständlich immer auch eine Vision für Europa mitschwingt, ein Europa der Regionen, das dem Subsidiaritätsprinzip folgt. Natürlich entscheiden nicht wir hier in Südtirol, wie das Europa von morgen aussieht, aber wir entscheiden mit, wie alle anderen.

Wie schon gesagt, glauben wir nicht, dass wir als Minderheit in einem Nationalstaat jemals ohne Risiken auf die erforderlichen Schutzmechanismen verzichten können.

Zudem gibt es diesen ständigen Rechtfertigungsdruck, der uns dazu »zwingt«, unsere Andersartigkeit zu unterstreichen.

Um ein neues Gesellschaftsmodell umzusetzen, brauchen wir überdies den nötigen Handlungsspielraum direkt vor Ort — doch die Autonomie benötigt, wie auch Thomas Benedikter in seinem einleitenden Vortrag beschrieben hat, immer eine übergeordnete Absicherung.
Absicherung bedeutet im Gegenzug ja auch Starrheit, und das kennen wir doch schon heute: Wenn wir auch alle im Lande einverstanden sind, wir können nichts selbst ändern, wir können auch nicht die nötige Feinjustierung [an unserer »Verfassung«] vornehmen, wenn nicht Rom und Wien zustimmen.

Nicht zuletzt — doch das ist nur eine symbolische Überlegung — sind funktionierende Autonomien auch noch eine Rechtfertigung für den Fortbestand von Nationalstaaten. Daran möchten wir uns lieber nicht beteiligen.

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Geöffneter Brief an Brigitte Foppa.

Offene Version eines Briefs an Brigitte Foppa (Vërc).

Liebe Brigitte,

überraschenderweise war ich bei der Erstlektüre deines Briefes an Elmar Thaler in weiten Teilen mit dir einverstanden, wobei ich mir wünschte, du hättest die Angelegenheit radikaler »entethnisiert«. Auch mir ist — als überzeugter Pazifist — jegliche martialische Anwandlung mehr als nur suspekt. Eine Schusswaffe — egal ob Attrappe oder echt — kann das Stigma eines Tötungsinstrumentes, da ja das Töten ihr alleiniger Zweck ist — niemals ablegen. Darum einen Kult zu veranstalten, finde ich befremdend.

Mindestens ebenso überrascht war ich aber auch von den (beiden) Antworten 1/ 2/ von Seiten der Schützen, die meines Erachtens sehr gut sind und denen ich ebenfalls größtenteils zustimmen kann.

Dazu einige Gedanken:

A) Du erwähnst zwar die Alpini und die faschistischen Verbrechen — ich finde aber, dass du die Chance ausgelassen hast, derartige Diskussionen endlich einmal außerhalb der ethnischen Demarkationslinien zu führen. Sowohl Schützenaufmarsch als auch Alpiniumzug sind doch Manifest chauvinistischer Machtdemonstration und Reviermarkierung. Unser Ziel muss es sein, das bipolare Deutsch-Italienisch-Denken und die damit verbundenen Stereotypen zu überwinden. Allzu oft ist es aber so, dass Aktionen auf »deutscher Seite« gern als rechtslastig und zündlerisch gegeißelt werden, während exakt dieselben Ausformungen auf »italienischer Seite« geduldet werden bzw. die Kritik an denselben gar als »unnötige Provokation« abgetan wird. Patriotismus bis Nationalismus für Italien gilt als Norm, sogenannter Tirolpatriotismus hingegen als rückwärtsgewandt, ewiggestrig und rechts.

Da zum Beispiel auch Markus Lobis — so sehr ich sein ökosoziales Engagement schätze — hier auch oft selektiv wahrnimmt, hab ich ihm kürzlich auf Brennerbasisdemokratie folgenden Vorschlag gemacht:

ich hätte da einen vorschlag. wenn du das durchziehst, nehme ich meine kritik an deiner gesellschaftspolitischen ausrichtung zurück und zolle dir höchsten respekt:
male ein großes transparent auf dem steht: “euer antifaschismus ist einseitig und unglaubwürdig!” und stell dich damit beim  schützenumzug an den straßenrand.
dann male ein zweites großes transparent mit der aufschrift: “entschuldigt euch für nazi-kollaboration und kriegsverbrechen!” und platzier dich damit während des alpiniumzuges auf dem siegesplatz.

Wenngleich ich den Alto Adige nicht regelmäßig lese, hab ich noch keine einzige wirklich kritische Stellungnahme zum Alpini-Aufmarsch gesehen. Im Gegenteil. Den Schützen-Aufmarsch werden aber bestimmt wieder die Attribute »estrema destra tedesca« begleiten, was beim italienischsprachigen Leser natürlich die gewünschten Assoziationen weckt (so dubios manche der Klotz’schen Bekanntschaften sind, muss man schon auch sagen, dass die Süd-Tiroler Freiheit immer noch Mitglied der European Free Alliance ist, die zusammen mit den Grünen (!!!) im Europaparlament eine Fraktion bildet. Die EFA ist, was Nazismus und Rassismus angeht, sehr empfindlich und hat zum Beispiel die Lega Nord und die BürgerUnion ob ihrer radikalen Ansichten rausgeschmissen. Die Süd-Tiroler Freiheit jedoch nicht, da sie programmatisch nicht rechtsradikal ist). Auch die Hymnendiskussion wird auf italienischer Seite kaum geführt. Und somit ist auch dieses Thema wieder ein ethnisches und die SVP bemüht sich lediglich zu verhindern, dass die Deutsch- und Ladinischsprachigen die Hymne lernen müssen.

Dabei ist der Gesetzesvorschlag eine Anomalie in Zentraleuropa und ähnliches würde in Österreich einen Aufschrei durch sämtliche Bevölkerungsschichten hervorrufen. Erschwerend hinzu kommt, dass sich die Hymne explizit gegen europäische Nachbarn richtet und einen lächerlichen Pathos bis hin zum Tod für Italien propagiert. Kein Kind — egal welcher Muttersprache — sollte dazu verdonnert werden, diesen Müll zu lernen. Eine kritische Auseinandersetzung von mir aus — aber davon ist in der Diskussion nicht die Rede.

Die Trennlinie verläuft also nicht zwischen deutsch und italienisch sondern zwischen turbonationalistisch und liberal, zwischen demokratisch und totalitär. Diesen Umstand sollte man meines Erachtens viel vehementer hervorstreichen und Themen, die traditionellerweise ethnisch besetzt sind, vermehrt entsprechend kontextualisieren, damit sie endlich das Label verlieren, das sie von Beginn an gar nicht haben dürften. Verbeißt man sich jedoch in zwar ideoligischer — jedoch ethnisch einseitiger — Kritik, befeuert man das Auseinanderdriften der Sprachgruppen umso mehr.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es die angeblich so ethnisch denkende und geschlossene »deutsche Seite« ist, die sich — aus welchen Gründen auch immer — manchmal der ethnischen Logik entzieht und zumindest in Ansätzen — meist medial in Form des Hauses Athesia — im positiven Sinne ideologisch argumentiert (vergleiche Nazi-Aufarbeitung in den Dolomiten; ähnliches gibt es im Alto Adige bezüglich Faschismus nicht. Vergleiche Opposition der Dolomiten zu Schützenaufmarsch — SVP vs. STF — und verhältnismäßig milde Beurteilung des Alpiniumzuges).

B) Du schreibst:

Ich bin sicher, ihr werdet auch am 14. April mit Schildern auftreten, die “Freiheit” fordern. Gewundert hab ich mich schon über diese vielen Jugendlichen, die sich im Ahrntal, in Gröden vom italienischen Staat unterjocht fühlen. Ich kann es ja verstehen, wenn dieses Gefühl von denen kommt, die den Faschismus oder die Italienisierungspolitik des Staates in der Nachkriegszeit miterlebt haben […] Vergleicht doch einmal Südtirol mit der DDR, mit dem von euch wohlstudierten faschistischen Italien, mit Kuba oder auch nur mit Putins Russland und dann sagt, dass wir nicht frei sind?

Das erinnert mich an eine Aussage, die oft zum Thema Toponomastik kommt: »Gut, dass wir keine größeren Probleme haben«. Erstens denke ich, dass die Toponomastik sehr wohl Symptom eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Problems ist und zweitens entbindet mich die Existenz größerer Probleme ja nicht vom Drang bzw. der Pflicht, auch die kleineren zu lösen. Oder dürfen wir uns nicht um andere Dinge kümmern, solange immer noch Menschen in dieser Welt an Hunger sterben? Dürfen die Opfer des Mussolini-Regimes nicht Gerechtigkeit und Mitgefühl fordern, nur weil es den Juden und anderen im Deutschen Reich noch viel schlimmer ergangen ist? Verlieren die Katalanen das Recht, für ihre Version von »Freiheit« zu kämpfen, nur weil die Tibeter noch viel unfreier sind? Dieser Relativismus ist Schwachsinn. Italien ist ein freies Land, aber im Vergleich zu einigen Nachbarn doch auch ziemlich unfrei. Eine Verbesserung der eigenen Situation anzustreben ist daher für jede Gesellschaft ein legitimes Ziel. Wenn ich mich also auch nur ein kleines bisschen unfrei fühle (ob der mangelnden Pressefreiheit, der überbordenden Bürokratie, nationalstaatlicher Zwänge usw.) habe ich sehr wohl das Recht, auf demokratischem Wege Alternativen anzustreben.

C) Außerdem schreibst du:

Einige von Euch sind für die Gründung einen neuen Staates. Reden wir gerne auch darüber, denn es klingt ja nicht schlecht. Aber klärt uns auf darüber, ob Ihr der EU beitreten möchtet.

Dazu, finde ich, hat Elmar Thaler sehr gut geantwortet. Die Schützen machen von einem ureigenen demokratischen Recht — dem der Versammlungsfreiheit — Gebrauch und solange sie sich damit im demokratischen Grundkonsens bewegen, ist dagegen nichts einzuwenden. Machen die Gewerkschaften und viele andere ja auch. Die Schützen sind auch keine politische Partei sondern ein Verein — eine Interessensvertretung wenn man so will. Und da hat Elmar recht, dass sie eine Willensbekundung abgeben dürfen, es aber nicht ihre Aufgabe ist, die Umsetzung auf Punkt und Beistrich auszuformulieren (machen die Gewerkschaften bei ihren Protestaktionen ja auch meistens nicht). In diesem Sinne habe ich die Formulierung mit der »Legitimation« verstanden, wenngleich sie schon recht ungeschickt war.

D) Zuletzt schreibst du:

Das alles wollen wir verwerfen? Von neu anfangen und womöglich all die bereits erlebten Kämpfe, Verletzungen, Fehler oder gar Toten noch einmal erleben?

Das klingt mir zu hart. Niemand plant einen Militärputsch. Alle Akteure betonen, dass sie ihre Ziele auf demokratischem Wege und gewaltfrei erreichen möchten. Und wenn der Staat Italien eine freie Demokratie ist, dann wird er doch wohl mit demokratischen Willensbekundungen umzugehen wissen. Wenn nicht, wäre dies ein Grund mehr für eine Loslösung. Außerdem sehe ich eine zukünftige Unabhängigkeit ja nicht als Projekt, das vom absoluten Nullpunkt startet, sondern vielmehr als eine Weiterentwicklung dessen, was wir zur Zeit haben.
Und besonders die Grünen müssten allein schon aus Eigeninteresse ein derartiges Szenario herbeisehnen. Wir sind uns glaub ich einig, dass es in Südtirol ein Demokratiedefizit gibt. Diese »Anomalie« im Vergleich zu den umliegenden, bisweilen sehr ähnlich geschichteten Regionen, ist meiner Meinung nach fast ausschließlich der Autonomie und der Zugehörigkeit zu Italien geschuldet. Eine andere Erklärung dafür habe ich nicht. In Nordtirol liegen die Grünen — obwohl sie bei den vergangenen Wahlen ein Drittel ihrer Stimmen verloren haben — immer noch bei fast 11 Prozent. Erschwerend hinzu kommt, dass es in Nordtirol im Gegensatz zu Südtirol sehr wohl eine sozialdemokratische Konkurrenz gibt, die in ähnlichen Gewässern fischt. Dennoch kommen die Grünen südlich des Brenners nicht einmal auf 6 Prozent. Vergleicht man die Landeshauptstädte, die sich nicht nur wegen ihrer Geschichte durchaus vergleichen lassen, ist der Unterschied noch eklatanter. Die Innsbrucker Grünen lagen bei den vergangenen Wahlen bei 18,5 Prozent. Die Bozner Grünen holten gerade einmal ein Drittel davon (6,5 Prozent). Ich habe trotzdem nicht den Eindruck, dass »grüne Themen« den Südtirolern egal sind. Ganz im Gegenteil orte ich hier ein fast noch stärkeres Umweltbewusstsein als in Nordtirol. Wie erklärst du dir diese Diskrepanz? Sind einfach die Kandidaten hier so viel »unwählbarer«? Das hoffe ich wohl nicht.

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Grüne: Sonderbare »Diskussion«.

Vor wenigen Tagen war bekannt geworden, dass die Grünen sich in Hinkunft unter dem Stichwort »Ökostaat« verstärkt mit dem Thema Unabhängigkeit befassen wollen. Nun wird bereits zurückgerudert und zurechtgerückt. Die Co-Vorsitzende der Partei, Brigitte Foppa, wird in der heutigen Ausgabe der Tageszeitung mit folgenden Worten zitiert:

Der Zeitgeist zeigt, dass das Thema vieldiskutiert und sehr wichtig ist, wir wollen endlich auch einmal die Diskussion führen, damit wir wissen, warum wir uns hier in dieser Situation wohlfühlen. Bisher kennt man nur die vielen Gründe, weshalb man sich unwohl fühlt.

Die Grünen, zumindest Frau Foppa, scheinen eine merkwürdige Auffassung davon zu haben, was eine (demokratische) Diskussion ist. Üblicherweise versucht man damit, einen Prozess zu starten, um zu einem zunächst noch unbekannten Ergebnis zu gelangen. In diesem Fall scheint das Ergebnis aber bereits festzustehen, nämlich, dass wir uns in dieser Situation (gemeint ist die jetzige Autonomie) wohlfühlen. Nun versuchen die Grünen wohl, eine Diskussion zu führen, die möglichst ohne Überraschungen zu diesem Ergebnis führt. Trotz dieser sonderbaren Verrenkungen beurteile ich das neue Engagement der Grünen positiv: Es könnte ja sein, dass man im Laufe der Diskussion doch nicht zu dem Ergebnis gelangt, das man sich verordnet hat. Und dass die Grünen jetzt Argumente gegen einen Ökostaat suchen (nicht etwa gegen einen CO₂-Staat), das klingt ja schon einmal recht spannend.

Wir schauens uns an!

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Autorinnen und Gastbeiträge BBD

Mein Walscher.

Gastbeitrag von Brigitte Foppa* (02.10.2010)

Ich bin in Montan, einem Dorf im Unterland, aufgewachsen. Mein Mann nicht. Er hat Montan vor fast 20 [Jahren] zu seinem Wohn- und Lebensort gemacht. Massimiliano, so heißt er, kommt aus Florenz. Seine Jugend hat er in der Nähe von Mailand, in Monza, verbracht.
Nach all diesen Jahren hier ist er zu einem echten Montaner geworden, mehr als ich es je sein werde. Er trainierte die Kinder beim Fußball, hat zusammen mit anderen eine Volleyballmannschaft gegründet, er spielt in einer Band des Dorfes, versumpft regelmäßig in der Sportbar oder auf den Wiesenfesten und im Mai ist er sogar in den Gemeinderat gewählt worden. Eigentlich ist er ein perfekter oder zumindest ganz gewöhnlicher Montaner.

Er hat nur einen Defekt. Er ist Italiener.

In den Jahren hier hat er viele Deutschkurse gemacht. Er war sogar in Berlin, um noch besser Deutsch zu lernen. Aber irgendwie gelingt es doch nicht so wirklich. Er ist vielleicht nicht sprachbegabt; oder aber es ist wegen jener Hürden, die schon vielfach analysiert worden sind: der Dialekt, die seltenen Gelegenheiten, deutsch zu reden (weil alle sofort mit ihm italienisch reden) – vielleicht auch ein wenig Resignation und Frust, dass man diese schwierige Sprache nie richtig erlernen wird.
Trotz allem ist Massimiliano ein Verfechter der “Südtiroler Welt”: des Zusammenlebens, der Ordnung, der Bewahrung der Natur, des Sinnes für Gemeinschaft und Verantwortung… Das alles liebt und schätzt er.

Dennoch ist er auch ein richtiger Italiener. Er hält zu seiner Fiorentina und wenn Italien im Länderspiel spielt, nimmt er aus ganzem Herzen und voller Kehle Anteil an diesem Event.
Vom Staat Italien hält er wahrscheinlich gleich viel oder gleichwenig wie wir alle. Er schämt sich für Berlusconi und hasst das parlamentarische Chaos, er verabscheut die Korruption und verachtet den Schlendrian in den Staatsbetrieben. Trotzdem ist er auch stolz auf die italienische Kultur. Massimiliano zitiert lange Passagen der “Divina Commedia”, er kennt die Promessi Sposi halb auswendig, ebenso die Filme des Neorealismus und jene von Totò und Benigni.

Massimiliano ist ein natürlicher Faschismusgegner. Was Mussolini und Hitler, Stalin und Pol Pot an der Menschheit verbrochen haben, löst seine innerste “indignazione” aus und so waren wir gemeinsam wohl auf sämtlichen Friedenskundgebungen der letzten Jahre zugegen.

Trotzdem sagt Massimiliano manchmal das Wort “Alto Adige”. Er sagt auch meistens “Montagna” statt “Montan”, “Ora” statt “Auer” und “Bolzano” statt “Bozen”.
Darin liegt nicht Nationalismus oder gar Faschismus, sondern einfach nur “Normalität”. So wie die Deutschen Mailand zu Milano sagen oder Florenz zu Firenze, so sagt er eben Montagna. Meistens sagt er auch Sudtirolo, weils sympathischer ist. Er weiß um den geschichtlichen Hintergrund, er weiß von Tolomei – und doch, manchmal sagt er Alto Adige. Und ich gestehe – ich auch. Ohne jemanden beleidigen zu wollen, sondern oft ganz bewusst um zu zeigen, dass neue Zeiten angebrochen sind. Dass wir Ortsnamen nicht verwenden müssen, um uns gegenseitig eins auszuwischen, sondern um uns zu zeigen, dass uns das Zusammenleben wichtiger ist als historische Machtkämpfe. Dass wir den jeweils anderen zugestehen wollen, die Namen zu benutzen, die sie für “normal” halten.
In Montan hat man voriges Jahr, noch vor der letzten Schildbürgerdebatte, per Gemeinderatsbeschluss das Wort “Alto Adige” aus den offiziellen Gemeindedokumenten gestrichen.

Damit wollte man vermutlich geschichtliche Gerechtigkeit walten lassen. Unsere italienischen MitbürgerInnen haben das anders aufgenommen: Für sie war es viel eher ein klares Signal, dass sie sich (auch sprachlich – und symbolisch!) unterzuordnen haben. Dass sie die “Normalität” der anderen als die ihre anzuerkennen haben. Dass SIE an der Geschichtsbewältigung zu arbeiten haben, während die deutschsprachigen SüdtirolerInnen selbstzufrieden davon ausgehen, dass sie selbst das schon erledigt haben.
Der heurige Schilderstreit ist die Fortführung und Ausweitung dieser ersten, lokalen Ansätze und mein “walscher” Mann hat immer noch die gleichen Gefühle. Er findet, dass er (und all jene, die heute die Sprache sprechen, die Tolomei gerne allen aufgezwungen hätte) seinen deutschsprachigen Landsleuten wichtiger sein müsste als Tolomei und seine imperialistische Aktion vor 80 Jahren.

Mein Mann weiß, welches Unrecht von den Faschisten ausgegangen ist, er hat von Gatterer bis zum soeben erschienenen und sehr lesenswerten Buch von Francesca Melandri so ziemlich alles gelesen, was mit der Geschichte Südtirols zu tun hat – vermutlich sogar mehr als mancher deutsche Südtiroler.

In unserem Land aber ist eine ebenso verbreitete wie falsche Gleichung üblich: Wer für die Beibehaltung der von Tolomei übersetzten Namen ist = faschistisch oder zumindest unzugänglich für die Südtiroler Geschichte. Mit diesem kleinen Porträt eines mittleren aufgeschlossenen Italieners möchte ich eben dieses oft so bequeme Missverständnis ausräumen und behaupten, dass das Wissen um die faschistische Ungerechtigkeit nicht automatisch einher geht mit der Bereitschaft zur Aufgabe der Ortsnamen, die längst in den Alltagswortschatz eingegangen sind. Diese Namen sind Teil einer italienischen “Normalität” in Südtirol und Teil jener (leider, darin liegt der Kern des Problems) so zerbrechlichen italienischen Identität in Südtirol.

Diese prekäre und flüchtige Identität wird immer dann in Gefahr gewähnt, wenn es um neue Streichungen geht und so schlage ich eine Art Abkommen vor, um aus der vertrackten Situation heraus zu kommen: Die deutschen SüdtirolerInnen akzeptieren diese Ängste ihrer italienischen Landsleute ebenso wie deren Unbehagen als ewige “Zweite” in unserer Gesellschaft. Die italienischen SüdtirolerInnen ihrerseits setzen sich mit der Geschichte dieses Landes auseinander und finden Verständnis für das historische Unbehagen der deutschen Landsleute. Gemeinsam entscheidet man sich für die Beibehaltung der italienischen und Veramtlichung der deutschen Ortsnamen in der Toponomastikfrage – im aktiven Bewusstsein des ganzen geschichtlichen Gewichtes unserer Ortsnamen.
Es wird nur mit Aktionen dieser Art gehen, wenn sich hier irgendwann alle daheim fühlen sollen und nicht als Gäste im eigenen Land. Ob das allen Recht ist, daran habe ich meine Zweifel, denn gar manche ziehen es vor, dass die Walschen Walsche bleiben und Südtiroler-Sein Vorrecht der Deutschen und LadinerInnen bleibt. Bei dieser Frage müssten wir deshalb zu allererst ansetzen.

* Brigitte Foppa ist (zusammen mit Sepp Kusstatscher) Landesvorsitzende der Südtiroler Grünen.

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