Unfassbar. Verantwortungslos.

Das schlägt jetzt dem Fass endgültig den Boden aus. Wie Medien berichten, konnte heute die faschistische Unitalia mit einem Rudel Skinheads unbehelligt einen Kranz vor dem Kapuziner Wastl ablegen, während mit einem Großaufgebot der Polizei verhindert wurde, dass sich die Schützen dorthin begaben. Obwohl deren Kundgebung regulär angemeldet worden war.

Es ist unerträglich, dass der Staat, der unparteiisch für die Einhaltung der Spielregeln zu sorgen hat, sich gerade am 25. April zum Komplizen der Rechtsextremistinnen macht — wenn es nur die richtigen sind. Eine — nach meiner Einschätzung unglaubwürdige und kontraproduktive, aber immerhin friedliche — Kundgebung gegen ein faschistisches Denkmal wurde hingegen derart mit Auflagen belegt, dass Grundpfeiler des Rechtsstaates ausgehebelt wurden.

Mit diesem Vorgehen werden die Spannungen zwischen den Sprachgruppen nicht entschärft, sondern gezielt geschürt. Unfassbar. Verantwortungslos.

Ich hoffe, die Landesregierung wird sich gegen diese Politik zur Wehr setzen. Es ist wohl Verpflichtung aller demokratischen Parteien im Lande, gleich wie kritisch sie den Schützenaufmarsch sehen, gegen diesen Vorfall zu protestieren.

Nachtrag: Videodokument der Schützen.

Im Video gut zu sehen die Lonsdale-Shirts, die bei Neonazis sehr beliebt sind, weil der Markenname den Wortteil “NSDA[P]” beinhaltet.

Siehe auch:

Faschismen Politik Polizei | Faschistische Relikte | | | Südtirol/o | PDL&Co. Schützen Staatspolizei | Deutsch

Bozen — Stadt der Erinnerung.

Die Grünen haben ein Manifest für den Umgang mit den faschistischen Monumenten in Südtirol veröffentlicht. Ich teile und unterstütze das Projekt, werde die Vorlage aufgrund einiger Formulierungen jedoch nicht unterzeichnen.

Bozen — Europäische Stadt der Erinnerung an die Faschismen

Ein Aufruf der Verdi-Grüne-Verc Südtirols

Geduldige Steine…
Neunzig Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erregen die vom Faschismus errichteten Denkmäler weiterhin die nationalen Gemüter und dienen als Mittel, um die ethnischen Gegensätze in Südtirol auf gefährliche Weise aufzuschaukeln. Vor allem das Siegesdenkmal gilt seit geraumer Zeit als Symbol eines nicht entwirrbaren Konfliktes zwischen deutschsprechenden und italienischsprechenden Südtirolern. Dies erschwert das friedliche Zusammenleben und fördert die Abgrenzung der Sprachgruppen voneinander. Diese inzwischen historischen Denkmäler waren als Symbole einer Diktatur errichtet worden, welche die Sprachminderheiten unterdrückte und Freiheit und Demokratie ablehnte. Mit diesen Bauwerken wollte man die Überlegenheit der einen über die anderen versinnbildlichen. Heute könnten sie Orte einer gemeinsamen und lebendigen Erinnerungskultur werden, wodurch die Werte der Zivilgesellschaft gestärkt und besonders die Jugend zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit animiert wird. Zugleich wird dadurch verharmlosenden Urteilen zu Diktaturen von gestern und heute entgegengewirkt.

Ein Gedächtnisparcours.
Ausgehend von Bozens Denkmälern der Zwischenkriegszeit und unter Beibehaltung dieser architektonischen Zeugnisse unserer Vergangenheit erachten wir Maßnahmen zu ihrem Bedeutungsabbau und ihrer Einordnung in den geschichtlichen Zusammenhang als besonders wichtig und dringend. Dies soll auch dadurch geschehen, dass sie der Öffentlichkeit zugänglich und dadurch integrierender Bestandteil eines Gedächtnisparcours durch Bozen werden. Es bietet sich dabei an, auf die Gestaltungsmöglichkeiten zurückzugreifen, welche die Stadt mit der Aufarbeitung der Geschichte des “Lagers Bozen” in der Reschenstraße vorgegeben hat. Man könnte also mittels erklärender Schautafeln (Fotos, Dokumente, Texte) etwa in unmittelbarer Nähe des Siegesdenkmals eine kurze und aussagekräftige Darstellung seiner Geschichte samt Einbettung in den historischen Zusammenhang bieten. Dasselbe soll auch mit dem “Mussolini-Relief” am Gerichtsplatz geschehen. Voraussetzung dafür ist allerdings der Abschluss der längst beschlossenen Restaurierungsmaßnahmen durch das staatliche Denkmalamt Verona und der Abbau der Barrieren, die einen Zugang zum Denkmal verhindern.

Kein Bildersturm, sondern geteilte Geschichte!
Im Interesse der Erhaltung des ethnischen Friedens verbieten sich jedoch Maßnahmen, die nur von einer Sprachgruppe allein als befriedigend empfunden werden können. Auch zeigt uns die Geschichte, dass Lösungen im Sinne eines “Bildersturms” nicht zur erhofften Bewältigung der Vergangenheit führen. Diese kann nur durch eine rationale Aufarbeitung der Geschichte im gegenseitigen Dialog erfolgen. Es gibt nicht viele europäische Städte wie Bozen, die über ein so reiches, wenn auch kleines, geschichtlich-architektonisches “Freilichtmuseum” des 20. Jahrhunderts verfügen. Die Stadt Linz, europäische Kulturhauptstadt 2009, hat eine ähnliche Aufwertung ihres architektonischen Erbes der 1930er Jahre vorgenommen, wie sie von unserem Vorschlag angestrebt wird. Dieses Beispiel zeigt, welches Potential die Stadt Bozen zur Gewinnung eines eigenständigen Profils auf europäischem Niveau hätte. Wir sind überzeugt, dass das oben dargelegte Anliegen von der überwiegenden Mehrheit der demokratisch und friedlich gesinnten Bevölkerung aller Sprachgruppen geteilt wird, und rufen daher die Behörden (Regierungskommissariat, Land und Gemeinde Bozen) auf, es zu unterstützen, damit es so bald als möglich verwirklicht wird.

Unsere Stadt steckt voller Geschichte – machen wir sie zugänglich für alle!

Bozen, 17. April 2009

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WM-Nachwehen.

Dies ist ein Artikel, den ich mir seit letztem Sommer immer wieder zu verfassen versprochen – und stets wieder aufgeschoben habe. Ein heißes Eisen eben: Die Fußball-WM hat in ganz Europa alte, nationalistische, vergessen geglaubte Töne wieder an die Tagesordnung gebracht. Wie schnell das doch geht. Im unbehagten Bozen feierte man am Siegesplatz, erhob die Hand zum römischen Gruß und beleidigte anderssprechende Mitmenschen. Ähnliches in Meran und Brixen, ohne dass die Straftaten schwarz-braunen Ursprungs auch nur halbherzig geahndet worden wären.

Nun ist es so, dass man gerne über den Anachronismus hinwegsehen kann, dass die sklerotischen Nationen gefeiert werden. Es ist Sport, und Sport ist meist politisch, ob wir das mögen oder nicht. Ausschlaggebend ist jedoch in jedem Fall, dass die Freude über den eigenen Erfolg nicht in die Verunglimpfung des Verlierers münden darf, was jedoch mit zum Teil erschreckenden, wenngleich minoritären Tönen geschehen ist.

Dasselbe in Groß gab es auch auf internationaler Ebene. Dass Boulevardblätter — Blöd-Zeitung an erster Stelle — die untersten Instinkte ansprechen, weiß man, muss es aber beileibe nicht akzeptieren. Was da an Vorurteilen und Klischees aufgetischt wurde, um Menschen billig gegeneinander aufzuwiegeln, ist einfach nicht zu glauben. Das Grenzt an Volksverhetzung. Sogar der Spiegel ist fett ins Näpfchen getreten, wenn auch nur in seiner Onlineversion und rasch revidiert. Zu Gast bei Freunden eben.

Die derart düpierte Nation, Italien, macht es nicht besser: Ein ehemaliger Minister beleidigt Finalgegner Frankreich mit rassistischen Ausfällen, Torwart Buffon wedelt in Rom mit dem Hakenkreuz (!) und »Sportbegeisterte« schänden einen jüdischen Friedhof mit Hakenkreuzen und judenfeindlichen Parolen.

Und das ist nur ein kleiner Auszug dessen, was eine WM in wenigen Wochen zu bewirken vermag: Das fragile gemeinsame Dach Europa droht einzustürzen, und dabei handelt es sich doch »nur« um ein Sportereignis.

Siehe auch:

Kohäsion+Inklusion Nationalismus Politik Racism Sport | Faschistische Relikte Medienkritik | | Bildzeitung Der Spiegel | Deutschland France Italy Südtirol/o | EU | Deutsch

Ein positives Denkmal für Südtirol.

Antifa.Seit 1996 wird in Deutschland jeden 27. Jänner der Holocaust-Gedenktag begangen, und auch in Bozen wurde heute der zahlreichen Opfer des Durchgangslagers gedacht.

In Südtirol wird seit langem gegen die Beibehaltung nazifaschistischer Symbolik gekämpft, manchmal aus politischem Opportunismus, doch mehrheitlich aus einem ehrlichen Empfinden heraus. Dennoch ist diesem Einsatz oft nur ein mäßiger Erfolg beschieden.

Zum heutigen Anlass möchte ich jedoch auch einen konstruktiven Vorschlag unterbreiten: Negativ besetzte Denkmale haben wir in unserem Lande genug, und über den Umgang mit solch sperrigen Zeitzeugen wird heftigst debattiert. Warum aber denken wir nicht gleichzeitig an die Errichtung eines gut sichtbaren, zentralen Mahn- und Denkmals für die Opfer von Nationalsozialismus und Faschismus? An ein in seiner Form auch bescheidenes Denkmal, in dem sich endlich alle Bürgerinnen dieses Landes ohne Vorbehalte wiedererkennen. Wo gemeinsam der Greueltaten beider Regimes gedacht wird, und wo — vielleicht auch mit der Einrichtung eines Dokumentationszentrums — gemeinsame Geschichtsaufarbeitung stattfinden kann. Ein solcher Ort der Begegnung und des Miteinanders wäre ein hervorragendes Gegenmittel für die zahlreichen Monumente der Trennung und der einseitigen Geschichtsauslegung.

Ein wahrnehmbares Gedenken sind wir m.E. auch jenen längst schuldig, die in unserem Lande gelitten haben: den Jüdinnen, Nomadinnen, Homosexuellen und Beeinträchtigten, den verfolgten Südtirolerinnen aller Sprachgruppen genauso wie allen anderen, die durch das Bozner Lager geschleust wurden.

Siehe auch:

Arch Faschismen Feuilleton Kohäsion+Inklusion LGBTQIA Roma+Sinti | Faschistische Relikte Geschichtsaufarbeitung | | | | | Deutsch

¿Einende Relikte?

Vor wenigen Wochen wurden den Links in der Seitenleiste die faschistischen Relikte hinzugefügt, weil diese Seite – abgesehen von manchen Äußerungen, die im Gästebuch geduldet werden – einen wichtigen Zweck erfüllt: Zum einen handelt es sich um eine löbliche Sensibilisierungskampagne, andererseits werden die faschistischen Überbleibsel aber auch umfassend katalogisiert, archiviert und in ihren geschichtlichen Kontext gestellt. Die Enttarnung und Historisierung erfolgt also bereits auf virtuellem Wege, wodurch ein Teil der impliziten Forderung nach kollektiver Aufarbeitung bereits erfüllt wird.

Diese Arbeit würde eine Übersetzung ins Italienische verdienen, weil sie dann ein wunderbarer Beitrag zu einer gemeinsamen Geschichte wäre. Solange wir jedoch nur uns selbst erzählen, was wir großteils bereits wissen, werden wir keinen Konsens über den Umgang mit diesen frei herumstehenden, beschämenden Monumenten der Tyrannei erlangen.

Wie Historiker und Landtagsabgeordneter Hans Heiss am 9. September in der Kusanus-Akademie unterstrichen hat, wäre ein so gedankenloser Umgang mit faschistischer Symbolik »in Deutschland nicht möglich«. Arbeiten wir gemeinsam daran, dies auf Südtirol auszudehnen.

Arch Faschismen Geschichte | Faschistische Relikte Geschichtsaufarbeitung | Hans Heiss | | | Vërc | Deutsch