Kann man sich Demokratie auch abgewöhnen?

von Brigitte Foppa (Vërc)

Ich fürchte ja. Ziemlich schnell sogar. Schauen wir uns die derzeitige Szene an. Wir sehen im Wesentlichen vier Männer, immer dieselben vier (Kompatscher, Widmann, Schuler, Achammer). Die Krawatte haben sie gegen ein Halstuch eingetauscht. Innerhalb weniger Wochen hat sich der politische Diskurs in ein Frage-und-Antwort-Spiel verwandelt. BürgerInnen sagen nicht mehr ihre Meinung, sie dürfen Fragen stellen. Der Herr Professor antwortet, Tag für Tag, auf die Fragen im Radio, der Herr Hausarzt antwortet in der Zeitung, der Landeshauptmann antwortet in der Pressekonferenz.

Das ist sogar nachvollziehbar. Menschen brauchen Information und klare Antworten in dieser Zeit. Und: Eine Krise muss in aller Schnelle bewältigt werden, Entscheidungen sind zu treffen, ohne die langwierigen parlamentarischen Prozeduren.

Aber: Die Modi schleifen sich sehr schnell ein. Das Wirtschafts-Maßnahmenpaket wird nun nicht mehr diskutiert, sondern nur mehr vorgestellt. Im Radio besprechen es nicht mehr der Landesrat und die politischen Vertretungen, sondern auch dazu gibt es jetzt Anrufsendungen, wo dem Landesrat Fragen gestellt werden dürfen.

In kürzester Zeit ist die politische Debatte verarmt. Die Perspektiven haben sich verengt. Der öffentliche Diskurs wird banalisiert. Dabei wird im Hintergrund, in den sozialen Medien, in den Telefongesprächen und Videomeetings massiv diskutiert, mehr als je zuvor. Maßnahmen werden besprochen, Menschen suchen nach Information und Austausch, die Satire blüht und zeigt auf, dass die kritischen Geister noch nicht ermattet sind, sondern wacher denn je. Die Sehnsucht nach Diskussion, nach Verständnis, nach Auseinandersetzung ist immens.

Eine große Kluft hat sich aufgetan zwischen dieser Ebene und der öffentlichen Szene. Letztere wird  von den eingangs genannten Herren bespielt und das Publikum darf wohldosiert interagieren.

Ich sehe darin eine große Langeweile, vor allem aber große Gefahren.

Eine ist die Infantilisierung der Gesellschaft. Indem der eigentlich vom Landtag gewählte Landeshauptmann zum allgegenwärtigen Landesvater wird, werden auch die BürgerInnen zu Kindern. Sie fragen um Antwort und zunehmend um Erlaubnis. Der LH hat seine Sprechart geändert. Er spricht heutzutage immer in der Ich-Form (Conte macht das übrigens auch. Es heißt, dass er zugleich an Sex-Appeal zugelegt hat. Auch das sollte zu denken geben). Auf die einzige kritische Bemerkung der Opposition in der gesamten Coronakrise (als die Frage aufgeworfen wurde, ob die berühmten Halstücher sinnvoll seien oder gar von Verwandten des Landesrates fabriziert worden waren), reagierte Kompatscher ungehalten und mit dem Ton einer Mama, die den Kindern sagt: „Da arbeite ich den ganzen Tag für euer Bestes und dann tut ihr auch noch kritisieren!“.

Die allseits verwendete Kriegsrhetorik verschärft die Meinungseinheit und die Botschaft des Gehorchens. Man denkt vielleicht, dass es nun Gehorsam braucht, um die Maßnahmen so flächendeckend als möglich durchzusetzen. Das ist eine Denkart. Eine andere geht davon aus, dass nicht gehorcht, sondern Regeln eingehalten werden müssen. Darin liegt ein kleiner, vielleicht winziger Unterschied. Denn während Gehorsam bedeutet, widerspruchslos Befehle anzunehmen, fußen Regeln auf einem gesellschaftlichen Konsens. Ganz ganz wichtig in dieser Zeit, wo wir so viele Menschen dazu bringen müssen, die Regeln des Zuhausebleibens und der Distanz einzuhalten.

Konsens aber entsteht aus Debatte. Wir konfrontieren in der Debatte unsere Haltungen, wir feilen daran, wir können Verständnis aufbauen und von vorgefertigten Urteilen abrücken. Genau das brauchen wir jetzt, noch mehr als sonst.

Daher mein inniges Plädoyer an alle, die Öffentlichkeit gestalten: Führen wir die Debatte wieder ein! Im Landtag, in den Medien, im wenn auch virtuellen Austausch zwischen den MeinungsträgerInnen.

Ich habe den Aufruf auch an den LH gerichtet. Ich weiß ihn da, zumindest theoretisch, auf meiner Seite. Er weiß um die Verführung der narzisstischen Omnipräsenz, aber auch um deren Einsamkeit. Er kennt die demokratischen Prozesse und nicht nur die Mühe, sondern auch die Stärke der Auseinandersetzung.

Es gilt die Demokratie wieder hochzufahren.

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Corona: Riesige Datenpanne beim Land.

Man kann sich intensiv darüber unterhalten, wie die Daten zum Coronavirus (Infizierte, Genesene, Verstorbene…) zu interpretieren und gegebenenfalls miteinander in Relation zu setzen seien. Außerdem können schlaue Schätzungen — zum Beispiel über den Erfassungsgrad — angestellt werden. Doch all diese Überlegungen sind sinnlos, wenn das zugrundeliegende Datenmaterial wertlos ist.

Das war in Südtirol tagelang der Fall, denn die einzige für einigermaßen glaubwürdig gehaltene Zahl — die der Verstorbenen, denn Verstorbene kann man nur schwer übersehen — war durch eine unglaubliche Panne sehr stark verfälscht.

Die vom Land kommunizierte Gesamtzahl an Todesfällen war nämlich gar keine Gesamtzahl, da »vergessen« wurde, die in den Seniorenheimen Verstorbenen einzurechnen. Ein Abgleich der Daten führte nun zur unfassbaren Erkenntnis, dass 32 von 110 (also knapp ein Drittel!) der Covid-19-Opfer einfach übersehen worden waren.

Damit schnellt die Sterblichkeitsrate, wie auch immer man sie berechnet, deutlich in die Höhe. Und viele der bislang angestellten Überlegungen sind hinfällig.

Natürlich können immer und jederzeit Fehler passieren. Dieser ist jedoch einerseits so riesig, dass er das Vertrauen in die Zahlen des Landes massiv erschüttert. Andererseits scheint er symptomatisch für eine etwas hemdsärmelige Herangehensweise, die wir auch aus anderen Bereichen gewohnt sind.

Siehe auch:

Gesundheit Service Public Umfrage+Statistik | Coronavirus | | | Südtirol/o | Land Südtirol Sabes | Deutsch

Corona: Land veröffentlicht einsprachige Tabelle.
In der Not national

Gestern Abend veröffentlichte die Landespresseagentur (LPA) eine Tabelle mit den Daten aller im Krankenhaus verstorbenen Covid-19-Patientinnen:

Ausschnitt aus der veröffentlichten Tabelle.

Obwohl die Spaltentitel zweisprachig sind (Ladinisch fehlt) wurde die gesamte Tabelle einsprachig/einnamig ausgefüllt. Sowohl das Geschlecht (M/F ist Italienisch für männlich und weiblich), als auch die Ortsbezeichnungen sind ausschließlich in italienischer Fassung angegeben.

Wenn die Tabelle intern einsprachig geführt wird, ist dies nicht wirklich schlimm. Spätestens zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hätte sie aber übersetzt werden müssen.

Erst vor wenigen Tagen hatte der Europarat Staaten, Regionen und Gemeinden dazu aufgefordert, Informationen zur gegenwärtigen Pandemie immer auch in den regionalen und Minderheitensprachen zu veröffentlichen.

Letzten Dienstag hatten wir bereits darauf hingewiesen, dass die LPA auch bei der Indexierung von Videos der virtuellen Landesmedienkonferenzen ausschließlich die italienische Sprache berücksichtigt. Dies wurde nicht bloß nicht nachträglich korrigiert, sondern wurde unbeirrt fortgesetzt.

Siehe auch:

Discriminaziun Gesundheit Minderheitenschutz Nationalismus Ortsnamen Plurilinguismo Service Public Sprachpfusch | Bilinguismo negato Coronavirus | | LPA | Südtirol/o | Land Südtirol Sabes | Deutsch

Due pazienti portati in Germania dalla Rega.

Grazie alla solidarietà internazionale, altri due pazienti delle terapie intensive affetti da Covid-19 sono stati trasferiti oltralpe, questa volta in Germania.

L’operazione si è svolta ieri, in collaborazione tra Azienda sanitaria sudtirolese (Sabes), Croce Bianca e Guardia Aerea Svizzera di Soccorso (Rega), che ha preso in carico i due pazienti allo scalo di Bolzano.

Foto: Croce Bianca.

La destinazione precisa del trasferimento non è stata resa nota.

Vedi anche:

Gesundheit Mobilität Solidarieté | Coronavirus Good News | | | Deutschland Südtirol/o Svizra | Sabes | Italiano

Corona-Webseite jetzt auch auf Ladinisch.
Bald Verbesserungen für Gehörlose

Wie die Landespresseagentur (LPA) informiert, steht nun die Informationsseite über das Coronavirus — genau einen Monat nach ihrer Einrichtung — endlich auch in ladinischer Sprache zur Verfügung, und zwar unter der Adresse http://www.provinzia.bz.it/segureza-proteziun-zivila/proteziun-zivila/coronavirus.asp oder über die Sprachwahl unter http://www.provinz.bz.it/coronavirus

Übersetzt wurden dabei auch die Handlungsempfehlungen, die häufig gestellten Fragen und die Datenübersicht:

Ferner sind etwa die Informationen in einfacher Sprache und das vor allem an Kinder und Jugendliche gerichtete Aufklärungsvideo der Eurac auf Ladinisch verfügbar. Bei seiner Anwesenheit im Rahmen der täglichen »virtuellen Landesmedienkonferenz« hatte Landesrat Daniel Alfreider (SVP) bereits am 23. März die kleinste Landessprache berücksichtigt.

Nicht in ladinischer Sprache verfügbar ist bislang jedoch die mitzuführende Eigenerklärung.

Weitere Verbesserungen sind in kürze zudem für Gehörlose geplant. Spätestens seit die Teilnehmerinnen der Landesmedienkonferenzen mit Mundschutz auftreten, ist auch Lippenlesen nicht mehr möglich.

Siehe auch:

Gesundheit Kohäsion+Inklusion Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik Service Public Tech&Com | Coronavirus Good News | Daniel Alfreider | LPA | Ladinia Südtirol/o | Eurac Land Südtirol SVP | Deutsch

Aiuto dall’Austria.

Oggi da Innsbruck è giunta l’attesissima fornitura di attrezzatura medico prottettiva che il Governo sudtirolese, col sostegno del gruppo Oberalp, era riuscito a reperire in Cina. Il Governo austriaco ne aveva organizzato il trasporto in Europa, inviando a Xiamen due velivoli della compagnia di bandiera Austrian Airlines. Sostanzialmente, si tratta di mascherine e tute protettive, di cui medici e infermieri sudtirolesi avevano urgentissimo bisogno e il cui trasporto, secondo il quotidiano A. Adige, sarebbe in un primo momento stato bloccato da Roma.

Alle ore 15.00 poi, in una conferenza stampa dei due Landeshauptmann tirolesi, Günther Platter (ÖVP) e Arno Kompatscher (SVP), è stato annunciato che cinque pazienti sudtirolesi affetti da Covid-19 saranno trasferiti nei nosocomi di Lienz (3 pazienti) e Innsbruck (2 pazienti). In cambio, il Sudtirolo cederà una parte delle mascherine e delle tute protettive appena arrivate al Tirolo del Nord e dell’Est.

Secondo gli ultimi dati diramati oggi dall’Azienda sanitaria (Sabes), infatti, sarebbero già 48 le persone in terapia intensiva nei sette ospedali del nostro Paese. Ci stiamo dunque avvicinando in modo preoccupante alla saturazione dei circa 60 posti complessivamente disponibili.

Vedi anche:

Gesundheit Mobilität Politik | Coronavirus Good News | Arno Kompatscher Günther Platter | AA | China Europa Italy Nord-/Osttirol Österreich Südtirol/o | Land Südtirol ÖVP Sabes SVP | Italiano

LPA fährt Zweisprachigkeit herunter.

Auch die Landespresseagentur (LPA) nimmt es in Krisenzeiten — also gerade dann, wenn es besonders wichtig wäre — mit der Zweisprachigkeit nicht mehr so genau. Seit dem 16. März finden tägliche sogenannte »virtuelle Landesmedienkonferenzen« statt, die der LH und seine Landesräte in wechselnden Konstellationen bestreiten. Im Anschluss werden diese Konferenzen von der LPA in eine Pressemitteilung verpackt und zur Übersicht mit einem (übrigens nicht interaktiven) Index versehen, der meist auch in der »deutschsprachigen Fassung« so aussieht:

Bilder zum Vergrößern anklicken.

Soweit ich das überblicken kann, war nur die erste Pressemitteilung (zur Medienkonferenz vom 16. März) mit einem zweisprachigen Index versehen. In der Folge hat man sich dann die deutsche Sprache einfach gespart.

Siehe auch:

Discriminaziun Minderheitenschutz Plurilinguismo Service Public Vorzeigeautonomie | Bilinguismo negato Coronavirus | | LPA | Südtirol/o | Land Südtirol | Deutsch