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Aufruf zu einer antikolonialistischen Aktion.
Wu Ming / Yekatit 12

Der 19. Februar (oder, laut äthiopischen Kalender, Yekatit 12) ist der Jahrestag des Pogroms von Addis Abeba, einem der schlimmsten Kriegsverbrechen, die vom italienischen Königreich in seinen Kolonien verübt wurden. Seit Jahren steht in Italien der Vorschlag im Raum, aus diesem Datum offiziell eine Gelegenheit des Gedenkens zu machen.

Angesichts der ewigen Untätigkeit der Institutionen schlägt das Wu-Ming-Kollektiv nun aber vor, das Gedenken von unten herbeizuführen — durch gezielte Aktionen, die auf staatlicher Ebene eigenmächtig und dezentral am kommenden 19. Februar durchgeführt werden sollen.

Wu Ming selbst betreibt seit mehreren Jahren und bei unterschiedlichsten Anlässen eine sogenannte »hodonomastische Guerilla«, in deren Rahmen problematische Straßen- und Plätzenamen überklebt und ersetzt oder »vervollständigt« werden.

Quelle: Wu-Ming-Foundation/Giap

Für solche oder ähnliche Aktionen — der Fantasie der Teilnehmenden wolle man bewusst nicht einschränken — hat das Kollektiv nun für den kommenden 19. Februar eine Onlinekarte mit möglichen Zielen erstellt, in der auch Südtirol vertreten ist. Allerdings sind darin bis dato nur die Amba-Alagi- und die Antonio-Locatelli-Straße in Bozen sowie die <em>Dreizinnenhütte</em> (auch Antonio-Locatelli-Hütte) vermerkt. Weitere Ziele für kreative Aktionen kann aber zum Beispiel das Postcolonial-Italy-Projekt aufzeigen, das in Südtirol 15 »kolonialistische Orte« ausgemacht hat.

Siehe auch:

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Sezession für Urzì nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt.

Der Landtagsabgeordnete der neofaschistischen FdI, Alessandro Urzì, hatte sich mit Anfrage 946/20 über die sezessionistischen Bergfeuer erkundigt, die die Schützen während des ersten Corona-Lockdowns entfacht hatten. Darauf antwortete LR Arnold Schuler (SVP) am 3. August unter anderem, dass die Feuer (da über 20 Meter vom Wald entfernt) keiner Genehmigung bedurft hätten und dass es sich bei diesen sogenannten »Mahnfeuern« inzwischen um eine in Südtirol und im übrigen Alpenraum konsolidierte Tradition handle. Sie seien während der letzten Jahre auch gegen den Transitverkehr und jüngst gegen das Großraubwild entfacht worden und fielen der Meinung des Landesrats zufolge in den Bereich der verfassungsmäßig garantierten Meinungsfreiheit.

Letzteres brachte Urzì so sehr auf die Palme, dass er sich dazu veranlasst sah, eine weitere, direkt an den Landeshauptmann gerichtete Anfrage (1230/20) zu verfassen. Darin erkundigte er sich allen Ernstes, ob auch Arno Kompatscher (SVP) — wie sein Landesrat — der Auffassung sei, dass ausdrücklich sezessionistische Handlungen unter die Meinungsfreiheit fallen.

Was in dieser Frage mitschwingt ist so klar wie beängstigend. Umso mehr, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass FdI auf staatlicher Ebene in allen Umfragen boomt.

Der LH lässt sich zum Glück nicht aus der Fassung bringen. Ja, er teile die Auffassung von Landesrat Schuler, denn alle hätten das Recht, ihre eigenen Gedanken durch Wort, Schrift und jedes andere Mittel der Verbreitung frei zu äußern (Art. 21 Verfassung). Es sei zwar nicht Aufgabe der Landesregierung, sich zu jeder politischen Meinung zu äußern, er selbst habe jedoch wiederholt das Wort ergriffen, wenn es zu beleidigenden oder diskriminierenden Äußerungen gekommen sei.

Siehe auch:

Democrazia Grundrechte Selbstbestimmung | Coronavirus | Alessandro Urzì Arno Kompatscher Arnold Schuler | | Südtirol/o | FdI Landesregierung Schützen Südtiroler Landtag SVP | Deutsch

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Lawinenbericht auf Okzitanisch, aber nicht auf Ladinisch.

Seit dem Winter 2018/19 gibt es den gemeinsamen Lawinenbericht für die Euregio Tirol — von Anfang an dreisprachig Deutsch, Italienisch und Englisch.

Inzwischen sind vier weitere Sprachen dazugekommen: Okzitanisch (Aranesisch), Katalanisch, Französisch und Spanisch.

Ausschnitt: Lawinenbericht auf Katalanisch

Laut einer Auskunft des Landesmeteorologen Dieter Peterlin (auf Twitter) wird der Bericht nicht täglich manuell übersetzt. Vielmehr besteht er aus vorgefertigten Textbausteinen und wird somit automatisch in allen verfügbaren Sprachen veröffentlicht.

Ausschnitt: Projektbeschreibung auf Aranesisch

In alle sieben Sprachen übersetzt wurde aber nicht nur der Report (also die Bausteine) an sich, sondern weite Teile des Webauftritts, einschließlich der Projektbeschreibung.

Noch immer nicht dabei ist die Landessprache Ladinisch, obwohl dies mit dem Textbausteinsystem kein gr0ßer Aufwand sein dürfte.

Übrigens: Dolomitenladinisch wird von rund 30.000 Menschen gesprochen, Aranesisch von knapp 5.000.

Discriminaziun Minderheitenschutz Plurilinguismo Service Public Sport Tech&Com Tourismus | | | Social Media | Ladinia Nord-/Osttirol Südtirol/o Trentino | Euregio | Deutsch

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Sexistischer Angriff auf Brigitte Foppa.

Vor wenigen Tagen wurde die Landtagsabgeordnete Brigitte Foppa (Vërc) zum Opfer eines grausigen und nicht tolerierbaren Angriffs, als ihr ein gewisser Bernd R. — unter einem Facebook-Eintrag des freiheitlichen Jugendobmanns Oscar Fellin zum Thema Einwanderung — sexuelle Gewalt wünschte.

Wie die Landtagsabgeordnete inzwischen bekanntgab, hat sie beschlossen, rechtlich gegen Bernd R. vorzugehen — und begründete dies mit Zivilcourage (gegen Sexismus, Abwertung von Frauen und Gewalt), Solidarität (mit anderen Frauen) und Prävention (damit künftigen Generationen ähnliches erspart bleibe).

Das »vielstimmige Statement« gegen diesen Vorfall zeige, so Foppa auf Facebook, »dass sich etwas bewegt hat«.

Und ich kann euch sagen, es ist ein himmelweiter Unterschied, ob solche Worte nur in den eigenen Ohren widerhallen oder ob es ein großes öffentliches NEIN gibt. Wenn es das nämlich gibt, dann kommt das böse Echo, das ein solcher Kommentar in dir selbst, als Betroffene, auslöst, schnell zum Erstummen.
Genau das brauchen wir. Danke euch allen, wirklich allen, dafür.

— Brigitte Foppa auf Facebook

PS. Detail am Rande: Die Postpolizei ist erst wieder am Dienstag (und Donnerstag) offen. Von 8-12.

Siehe auch:

Feminæ Migraziun Politik Polizei Recht Tech&Com | Zitać | Brigitte Foppa | Social Media | Südtirol/o | Freiheitliche Staatspolizei Vërc | Deutsch

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Zweite allgemeine Verunordnung.

Der Landeshauptmann hat am 15. Jänner schon die zweite Verordnung (Dringlichkeitsmaßnahme bei Gefahr im Verzug) des neuen Jahres zur »Vorbeugung und Bewältigung des epidemiologischen Notstandes« veröffentlicht.

Wohl selten zuvor dürften sich Laien — volens nolens — so sehr für Rechtsnormen interessiert haben wie derzeit. Und selten zuvor haben sich Vorschriften, die zudem äußerst einschneidend sind, so häufig geändert wie in den letzten Monaten. Dies würde gebieten, der Klarheit, Verständlichkeit und Leserlichkeit der Normen besondere Beachtung zu schenken.

Das Gegenteil ist offenbar der Fall.

Bei den Tabellen mit den Infektionszahlen ist die Leserlichkeit angeblich so wichtig, dass man dafür — das Kind mit dem Bade ausschüttend — sogar auf die Zweisprachigkeit verzichtet. Wohingegen bei Dringlichkeitsmaßnahme 2/2021 wohl niemand auch nur einen Gedanken an die Verständlichkeit verschwendet hat:

  • War man sich in Dringlichkeitsmaßnahme 1/2021 teils noch im selben Satz unsicher, ob der laufende Monat österreichisch-südtirolerisch Jänner oder bundesdeutsch Januar heißen sollte, hat man sich nun konsequent für die deutschländische Variante entschieden. Dafür wird nun zwischen Ausschreibung (15. Januar 2021) oder Nummerierung (15.01.2021) der Monate abgewechselt. Für beide Schreibweisen gibt es in der drei Seiten umfassenden Verordnung je mindestens ein halbes Dutzend Beispiele.
  • Covid-19 wird ungenau als Virus bezeichnet, obschon es sich dabei um eine Infektionskrankheit handelt, die von dem Virus SARS-CoV-2 ausgelöst werden kann.
  • An einer Stelle ist von der Provinz Bozen die Rede, während parallel im italienischen Text Provincia autonoma di Bolzano steht. Dafür scheint man sich im Italienischen nicht für eine einheitliche Schreibweise (mit großem oder kleinem »A«) entscheiden zu können.
  • Formulierungen wie »die Tätigkeit der Anlagen in den Skigebieten bleibt ausgesetzt« (statt »die Aufstiegsanlagen in den Skigebieten bleiben geschlossen«) sind ein wahrer Hochgenuss. Das gilt auch für die Feststellung, »dass man es weiters für notwendig erachtet, an den zurzeit geltenden Maßnahmen […] Ergänzungen zu übernehmen«.
  • Flüchtigkeits- und Tippfehler (schon einmal etwas vom Vier-Augen-Prinzip gehört?) wie Dringlchkeitsmaßnahme, Diensleistungen und definirt tragen ihres zur Unlesbarkeit bei.
  • In ein und demselben Satz kann — konzentrationsfördernd — auch mehrmals darauf hingewiesen werden, dass sich die Dringlichkeitsmaßnahme an die Allgemeinheit richtet. An die Allgemeinheit richtet. An die Allgemeinheit richtet.
  • Wobei der erwähnte Satz keinen Abschluss findet, als darin festgestellt wird, dass die Maßnahme dem Ministerratspräsidenten und dem Regierungskommissär [zur Kenntnis gebracht wird?].
  • Mindestens ein Satz bedeutet zudem das genaue Gegenteil von dem, was beabsichtigt wird. Demzufolge soll die Verabreichung von sogenannten »superalkoholischen« Getränken »auch nicht als Zusatz zu anderen Getränken« untersagt sein.
  • Doch zum Glück ist am Ende wenigstens der Stempel der digitalen Unterschrift einsprachig italienisch. Das erhöht die Leserlichkeit ungemein.

Demnächst kommen sicher noch mehrere Dringlichkeitsmaßnahmen auf uns zu. Mit etwas Glück und Übung wird irgendwann eine davon fehlerfrei sein und — womöglich — nicht mehr so klingen, als handelte es sich um eine fast wörtliche Übersetzung aus dem Italienischen. Wer weiß…

Siehe auch:

Bürokratismus Gesundheit Politik Recht Sprachpfusch Transparenz | Coronavirus | Arno Kompatscher | | Südtirol/o | Land Südtirol Landesregierung | Deutsch

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Vaccinazioni, Sudtirolo in testa.

Ieri sera il membro della Dieta sudtirolese Diego Nicolini (M5S), contestando il rifiuto del Governo provinciale di far entrare la nostra terra in «zona rossa», su Facebook scriveva:

Speriamo di arrivare almeno alla media italiana in tema di vaccinazioni […]

Allo stesso tempo, rapportando i dati ufficiali delle somministrazioni (fonte Ministero della Salute) al numero di abitanti*, il Sudtirolo risultava primo a livello statale (2,67% di vaccinati), seguito dall’Emilia Romagna (2,45%) e dalla Vallée d’Aoste (2,30%). Il vicino Trentino non andava oltre l’1,77%.

Vedi anche:

*) calcoli effettuati e pubblicati da Johannes Kager (@johk95) su Twitter

Faktencheck Gesundheit Politik Tag+Nacht Umfrage+Statistik | Covid-Stats | Diego Nicolini | Social Media | Aoûta-Aosta Südtirol/o Trentino | 5SB/M5S | Italiano

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EGA: Hinweis auf Schlamperei.
SIAG

Am 7. September 2019 hatte ich in einem Blogbeitrag auf mehrere Unzulänglichkeiten hingewiesen, die mir bei einem Blick in die Elektronische Gesundheitsakte (EGA) aufgefallen waren. Unter anderem sprachliche Ungereimtheiten wie diese:

Da sich um die Übersetzung von Accesso auch ein Jahr später noch niemand gekümmert hatte, schrieb ich am 23. September 2020 eine kurze E-Mail ans Servicedesk der Südtiroler Informatik AG (SIAG). Ticket-Nr.: CALL-489695.

Der Fehler wäre von einer Webdesigner- oder Programmiererin vermutlich in 10 Minuten zu korrigieren und das Ganze keine weitere Befassung wert.

Auf meine auf Deutsch verfasste E-Mail erhielt ich aber am darauffolgenden Tag eine Antwort in italienischer Sprache:

Gentile sig. Constantini,
grazie per averci segnalato questo errore.
Provvederemo a correggerlo al più presto.

Lustig — oder auch nicht: Ein Hinweis auf Verletzung der Zweisprachigkeitspflicht wird von der SIAG mit einer weiteren Verletzung derselben quittiert.

Oder aber: Auf einen Hinweis auf Schlamperei folgt eine weitere Schlamperei. Und die nimmt kein Ende. Heute habe ich abermals die EGA geöffnet und — guess what — bald vier Monate später ist »al più presto« noch immer nicht eingetreten.

Siehe auch:

Plurilinguismo Service Public Sprachpfusch Tech&Com | Bilinguismo negato Zitać | | | Südtirol/o | Land Südtirol | Deutsch

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Impfrate »zum Schämen« — aber falsch.

In seinem heutigen Dolomiten-Leitartikel schreibt Chefredakteur Toni Ebner unter anderem:

Wer hat die niedrigste Impfrate in Italien? Nein, nicht Kalabrien, sondern Südtirol!
Das ist zum Schämen.

Wenn alle anderen Regionen Italiens mehr Menschen geimpft haben, liegt das Problem ganz einfach in der Unfähigkeit der Verantwortlichen, die Impfungen zu organisieren.

Nur: Südtirol hat gar nicht die niedrigste Impfrate in Italien und es stimmt auch nicht, dass alle anderen Regionen Italiens mehr Menschen geimpft haben. Warum es nicht stimmt, obwohl es bei einem flüchtigen Blick auf die Statistiken des Gesundheitsministeriums so aussehen könnte, habe ich schon vorgestern erklärt.

Ebner wirft den »Verantwortlichen« Unfähigkeit vor, ist aber offenbar selbst unfähig, seinen Auftrag (nämlich Information) zu erfüllen.

Stand heute hat Südtirol (20.620 Dosen für 530.000 Einwohnerinnen) mehr als doppelt so viel Impfstoff erhalten, wie das Trentino (9.850 Dosen für 540.000 Einwohnerinnen) oder Umbrien (9.835 Dosen für 880.000 Einwohnerinnen). Das Gesundheitsministerium veröffentlicht aber keine Impfrate im Verhältnis zur Bevölkerungszahl, sondern im Verhältnis zu den gelieferten Impfdosen.

Wenn Südtirol zwar gleich viel impft wie andere, aber deutlich mehr Dosen bekommt, sieht es demnach trotzdem so aus, als würde es langsamer impfen. Wie gesagt: Diesen Eindruck kann man haben, wenn man nur einen flüchtigen Blick auf die Daten wirft.

Die Medien hätten eigentlich die Aufgabe, solche Zusammenhänge zu recherchieren — es ist eine sehr einfache Recherche — und die Bevölkerung korrekt zu informieren. Tun sie aber nicht. Im Gegenteil: Sowohl die Dolomiten als auch andere Medien (wie Rai Südtirol und die TAZ) plappern seit Tagen nur die Daten der italienischen Regierung nach und erwecken durch ihre oberflächliche (und falsche!) Betrachtung den Eindruck, »alle anderen Regionen Italiens [hätten] mehr Menschen geimpft« als Südtirol.

So deutlich zeigt sich Desinformation nicht oft. Was wir hier geboten bekommen, ist aber äußerst ernüchternd. Im Grunde wird klar, dass eine Regierung — wenn sie manipulieren will — Nachrichten nach belieben aufbereiten kann und sich niemand die Mühe macht, auch nur ein wenig an der Oberfläche zu kratzen.

Dabei unterstelle ich dem römischen Gesundheitsministerium im konkreten Fall weder böse Absichten, noch dass die Daten in irgendeiner Weise gefälscht wären. Die Tatsache, dass die »Impfrate« nicht in Bezug auf die Bevölkerungszahl, sondern im Verhältnis zu den Dosen berechnet wird, ist höchstens sonderbar und wenig aussagekräftig.

Es sind die Medien, die diese Daten hernehmen, oberflächlich interpretieren und zur Grundlage für falsche Informationen machen.

Siehe auch:

Faktencheck Gesundheit Medien | Coronavirus Medienkritik Zitać | | Dolo Rai TAZ | Südtirol/o | | Deutsch