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Centaurus: Lega stimmte mit Urzì für Beitragsentzug.

Am Mittwoch wurde im Landtag der unsägliche Antrag von Alessandro Urzì behandelt, mit dem der Abgeordnete der neofaschistischen FdI der LGBTQIA-Vereinigung Centaurus die Finanzierung durch das Land entziehen lassen wollte, weil diese im Rahmen der Freiwilligenmesse eine — Zitat: — »Anleitung für “Blo…jobs”« hatte aufliegen lassen.

Während Brigitte Foppa (Grüne) sehr treffend ausführte, dass der Landtag keine Sittenpolizei ist und Landesbeiträge nicht nach persönlichem Geschmack vergeben werden können, kündigte Sven Knoll (STF) Enthaltung an, weil es wennschon Aufgabe der Messe sei, zu entscheiden, was wie ausgestellt werden soll. Andreas Leiter-Reber (F) wies vor allem auf den Widerspruch hin zwischen dem, was Urzì da in schrillen Tönen angeprangert hatte und der Tatsache, dass da ein kleiner Flyer auf einem Tisch herumlag.

Vor allem jedoch betonte LH Arno Kompatscher (SVP), dass man zwar darüber diskutieren kann, was man anstößig findet, sich allerdings selbst Gerichte schwer tun, im Einzelfall festzulegen, was sittenwidrig ist. Im konkreten Fall habe Centaurus ihrem Auftrag konform gehandelt und Aufklärungsarbeit geleistet, die wohl kaum ohne Bebilderung auskommen würde. Außerdem sei der Beitrag aufgrund von Regeln verliehen worden, die der Landtag beschlossen hat und deren Richtlinien die Verwaltung mit ihrer sachlichen Expertise befolgt hat — so funktioniere dies in einem Rechtsstaat.

Denn morgen haben wir dann einen anderen Antrag, wo wir dann irgendjemandem etwas wegnehmen, weil es uns nicht passt. So wird das nicht gehen. Abgesehen davon, dass ich noch einmal sage: Es sind diese Beiträge gewährt, diese Vereine unterstützt worden, weil [Centaurus] Aufklärungsarbeit leistet, weil sie Beratungsarbeit leistet, für Menschen, die einmal ihre sexuelle Identität, auch ihre Sexualpraktiken betreffen, vieles andere mehr, so wie wir das in vielen anderen Bereichen auch tun und ich verstehe nicht, was daran anstößig sein soll. […] Aber ganz grundsätzlich die Ablehnung — die Reaktion, Beiträge zu kürzen, weil einem etwas nicht passt, die ist absolut inakzeptabel.

— LH Arno Kompatscher

Transkription von mir

Auf Wunsch von Carlo Vettori (FI) wurde in der Folge über die allgemeinen Prämissen (denen er zustimmen wollte) und den beschließenden Teil mit dem Beitragsentzug (dem er nicht zustimmen wollte) getrennt abgestimmt — mit folgendem Ergebnis:

  • Prämissen: 5 dafür (Urzì, Lega, Vettori), 4 Enthaltungen (STF und F?), 21 dagegen.
  • Beschließender Teil: 4 dafür (Urzì, Lega), 2 Enthaltungen (STF), 24 dagegen.

Somit hat der Regierungspartner der SVP nicht nur wieder einmal mit Rechtsaußen Urzì gestimmt und seine homophobe Haltung zum Ausdruck gebracht, sondern auch eine Vorlage unterstützt, die der LH als nicht mit dem Rechtsstaat vereinbar und »absolut inakzeptabel« bezeichnet hatte.

Ich frage mich ernsthaft, wie lange man eine solche Regierungsmehrheit noch aufrecht erhalten will.

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1809 und die Coronaimpfung.

Südtirol hat — wie Österreich, Deutschland oder die Schweiz — eine im Vergleich zu anderen Ländern wie Italien eine relativ niedrige Corona-Impfquote. Wie so oft, wenn wir nicht die Klassenbesten sind, führt das rasch auch zu undifferenzierten Shaming-Tiraden.

Im konkreten Fall wurde unter anderem die Parallele zum Tiroler Freiheitskampf von 1809 bemüht, als sich viele im Land gegen die von Bayern eingeführte Pockenimpfpflicht wandten. Ein wackeliger Vergleich, dem die Südtiroler Historikerin Elena Taddei (Uni Innsbruck) im Rai-Südtirol-Interview wenig abgewinnen kann.

Taddei urteilt differenziert: Verweist auf vielfältige Gründe für Impfskepsis zu Zeiten von AH [Andreas Hofer] und sieht kaum Kontinuität zwischen Anno 9 und Gegenwart. […]

– Hans Heiss auf Twitter

Konkret gibt Taddei etwa zu bedenken, dass Impfungen damals etwas völlig Neues waren, vom Feind ohne Rücksicht auf den Informationsbedarf in der Bevölkerung aufoktroyiert wurden und gegen weit verbreitete Überzeugungen und den damals (anders als heute) vorherrschenden religiösen Fatalismus verstießen. Außerdem hätten in einem gebirgigen Land wie Tirol viele Menschen auch schon wegen der Witterung (Schnee…) nicht oder nur schwer erreicht werden können.

Wie immer ist Differenzierung das beste Mittel gegen populistische Diffamierung und Pauschalurteile.

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Die Verklärung von Andrea Mitolo.

Es ist der 30. Oktober dieses Jahres, als das Athesia-Tagblatt A. Adige einen Artikel des Faschisten Andrea Mitolo (1914-1991) vom Juni 1990 wiedergibt.

Das Blatt hatte ihm ein Jahr vor dem Ableben offenbar eine ganze Seite für eine weichgespülte und verharmlosende private Selbstdarstellung zur Verfügung gestellt. Weder wurde der damals 76-Jährige in Form eines Interviews mit lästigen Fragen konfrontiert, noch findet beim jetzigen, von Direktor Alberto Faustini persönlich signierten Wiederdruck eine kritische historische Einordnung statt. Sogar auf der Titelseite wird der Beitrag — mit »Così è nato il leader della destra« (zu Deutsch »So ist der Anführer der Rechten geboren«) — angekündigt.

Kohärenz

In der Einleitung von 1991 wird Mitolo als Mensch dargestellt, der Zeit seines Lebens seiner »Liebe für die Trikolore« treu geblieben war. Er habe schon in die (faschistische) MSI geglaubt, als dies nicht nur unbequem, sondern gefährlich war. Das Stichwort lautet »Kohärenz«, wie schön.

Dann schildert der Sohn eines Carabiniere, wie er Ende 1918 nach Bozen kam, da der Vater im italienisch besetzten Südtirol im Einsatz war. Mit den deutschsprachigen Kindern habe man sich bald geprügelt. Schon im Grundschulalter sei er mit anderen Kindern vor das Haus von Julius Perathoner gezogen, um mit Trikoloreflaggen zu protestieren, weil der damalige Bozner Bürgermeister die Flagge des Besatzerstaates habe »verschwinden lassen«.

Mitolo darf ausbreiten, dass die italienischsprachigen Kinder dank der squadristischen Besetzung der Schule in der Dantestraße vom Oktober 1922 »endlich« eigene Klassenzimmer bekommen hätten.

Später war er an der Gründung der Kletterschule der Gruppi universitari fascisti (Guf) am Sellajoch beteiligt und meldete sich 1935 als Freiwilliger am völkerrechstwidrigen Krieg in Ostafrika (Abessinienkrieg). Im Jahr 1940 besuchte er die Kaderschule des Partito nazionale fascista.

Nachdem er die Rede von Mussolini in der piazza Venezia (Kriegserklärung an Großbritannien und Frankreich) gehört hatte, habe er versucht, Bruneck zu erreichen. Die divisione Pusteria, der sein Alpini-Batallion Bassano mit Sitz in Bozen angehörte, war jedoch bereits in Cuneo und Valle Stura. Den ganzen Krieg habe er dann an der Front verbracht.

Nach dem Waffenstillstand sei er ins Pustertal zurückgekehrt, um sich noch einmal nach Albanien aufzumachen. Vier Medaillen und eine kriegsbedingte Beförderung habe ihm der dortige Einsatz eingebracht.

Erst die Kapitulation vom 8. September 1943, so Mitolo, habe zu »Problemen« geführt. In wenigen Minuten seien die Deutschen von Verbündeten zu Feinden geworden.

Doch Mitolo beschloss, kohärent, für die sogenannte Sozialrepublik von Mussolini weiterzukämpfen, wie es nur die überzeugtesten Faschisten taten — und distanzierte sich bis zu seinem Tod nicht davon.

Und all dies wird im Oktober 2021 unkommentiert wiedergegeben — wenige Tage, nachdem Neofaschistinnen in Rom einen Gewerkschaftssitz überfallen haben.

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Digitalianisierung – Digitalianizzazione.
Pressemitteilung - Comunicato stampa

Die Plattform Brennerbasisdemokratie (BBD) zeigt sich aufgrund des rapiden Abbaus zwei- und dreisprachiger öffentlicher Dienste tief besorgt. Eigentlich böte die Digitalisierung hervorragende Voraussetzungen für eine deutliche Aufwertung der Mehrsprachigkeit sowie der Bürgerfreundlichkeit im Allgemeinen. Genau das Gegenteil ist jedoch der Fall: Immer häufiger sind öffentliche Onlinedienste auch in Südtirol nur noch in italienischer Sprache verfügbar. Dadurch ist nicht nur der Minderheitenschutz in Gefahr, sondern unser Gesellschafts- und Autonomiemodell insgesamt.

Um nur einige Beispiele zu nennen, ist die Berücksichtigung der deutschen Sprache bei Onlinediensten wie SPID, Digitaler Unterschrift, Zertifizierter E-Mail, Elektronischer Fakturierung, IO-App bzw. bei Webauftritten und Services von NISF, Agentur der Einnahmen, Digitalem Meldeamt, Arbeitsamt ANPAL, KfZ-Register (PRA) und vielen anderen gar nicht oder nicht in ausreichendem Maße gewährleistet.

Obschon Europarat und OSZE ihre Mitgliedstaaten dazu aufgerufen hatten, gerade in Krisenzeiten mehrsprachige Angebote auszubauen, um Bürgerinnen und Bürger niederschwellig zu erreichen, gibt es etwa auch kaum Möglichkeiten, den Online-Antrag für den Green-Pass in deutscher oder ladinischer Sprache zu stellen.

All diese nicht hinnehmbaren Missstände gesellen sich zu strukturellen, historischen Defiziten wie etwa den einsprachigen Packungsbeilagen von Medikamenten, einsprachiger Lebensmittel- und Gefahrstoffkennzeichnung oder der vom Astat ermittelten unzureichenden Mehrsprachigkeit von Polizei und Gesundheitsbetrieb.

Dass es auch anders geht, zeigen viele Staaten, in denen ebenfalls Sprachminderheiten oder mehrsprachige Gemeinschaften beheimatet sind: Belgien, Spanien, Finnland, Slowenien, Vereinigtes Königreich, Kanada, die Schweiz. In vielen Bereichen machen sie deutlich größere und vor allem erfolgreichere Anstrengungen, um Mehrsprachigkeit auch im digitalen Umfeld sicherzustellen.

In Südtirol muss endlich wieder die Erkenntnis einkehren, dass eine mehrsprachige Verwaltung und ein mehrsprachiger öffentlicher Dienst zu den Grundversprechen der Autonomie gehören. Sie sind für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unerlässlich und nicht verhandelbar.

◊ ◊ ◊

La piattaforma BBD si dice preoccupata e indignata per la rapida riduzione del bi e trilinguismo nell’erogazione dei servizi pubblici. In teoria la digitalizzazione offrirebbe possibilità eccellenti per estendere il plurilinguismo, tuttavia sta accadendo l’esatto opposto e molti servizi online sono ormai disponibili solamente in lingua italiana. Ciò non mette in pericolo solamente la tutela delle minoranze, ma il patto sociale e autonomistico in se.

A titolo esemplificativo, la presenza della lingua tedesca non è garantita — o non lo è comunque in maniera sufficiente — da SPID, firma digitale, posta elettronica certificata (PEC), fatturazione elettronica, app IO e dai servizi online di importanti enti e amministrazioni come INPS, Agenzia delle Entrate, Anagrafe digitale, ANPAL, PRA e molti, moltissimi altri che purtroppo sono in costante aumento.

Nonostante il Consiglio d’Europa e l’OSCE avessero raccomandato ai paesi membri di ampliare l’offerta plurilingue proprio in tempi di crisi pandemica, in modo da raggiungere più facilmente la popolazione, anche la procedura di richiesta online del Green pass non tiene adeguatamente conto delle lingue tedesca e ladina.

Tutte queste carenze inaccettabili si aggiungono a deficit strutturali e storici come il monolinguismo dei foglietti illustrativi dei farmaci, dell’etichettatura dei prodotti alimentari o pericolosi oppure il plurilinguismo insufficiente di forze dell’ordine e servizi sanitari rilevato dall’Astat.

Altri paesi con presenza di minoranze linguistiche o comunità plurlingui come Belgio, Spagna, Finlandia, Slovenia, Regno Unito, Canada o Svizzera in molti di questi ambiti fanno sforzi maggiori e soprattutto più efficaci per garantire l’inclusione linguistica anche nel digitale.

Per quanto riguarda il Sudtirolo bisogna ribadire che la presenza di un’amministrazione e di un servizio pubblico pienamente plurilingui è una promessa essenziale dell’autonomia. Essa è necessaria per garantire la coesione sociale e quindi risulta innegoziabile e irrinunciabile.

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Elf Stunden ohne Regionalnachrichten.

Die Gewerkschaft der Rai-Journalistinnen Usigrai protestiert gegen die Absicht der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt, die Mitternachtausgabe der regionalen Fernsehnachrichten mit 9. Jänner 2022 auslaufen zu lassen. Zwischen 20.00 und 7.00 Uhr müssten die Bürgerinnen dann insgesamt elf Stunden auf Lokalnachrichten verzichten, so Usigrai in einer Erklärung.

Das wäre in der Tat unerfreulich. Das deutschsprachige Publikum in Südtirol muss allerdings schon heute täglich doppelt so lang auf TV-Nachrichten in deutscher Sprache warten — nämlich knapp 22 Stunden von 22.10 bis 20.00 Uhr des Folgetages.

Fast genau gleich lang (von 22.00 bis 19.55 Uhr) müssen sich die ladinischen Zuseherinnen gedulden, kriegen dann aber jeweils nur wenige Minuten dauernde Informationssendungen in ihrer Muttersprache geboten.

Die durchaus berechtigte Empörung der italienischen Regionalredaktionen wegen der Streichung der Mitternachtausgabe macht die unzureichende Versorgung der anderen Sprachgemeinschaften umso offensichtlicher.

Siehe auch: 1/ 2/

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Anagrafe digitale da ventennio.

Dal 15 novembre un nuovo servizio consente di accedere online ai servizi dell’anagrafe, dalla visura passando per emissione e stampa di autocertificazioni o certificati sino alla rettifica dei dati. Il relativo sito non è gestito direttamente dai comuni ma centralmente dal Ministero dell’Interno e, come ormai moltissimi altri servizi, è disponibile solo in italiano.

Immagine del sito

Questo significa che per quanto riguarda il Sudtirolo, anche relativamente all’anagrafe non è più garantita l’equiparazione delle lingue tedesca e italiana, né tantomeno di quella ladina. Tutta la procedura, cui si accede tramite SPID, monolingue, o CIE/CNS, monolingui, è, anch’essa, monolingue italiana.

La funzione di ricerca dei comuni aderenti non riconosce nemmeno la toponomastica tedesca o ladina, ma solo quella «italiana» inventata e imposta in epoca fascista.

In fase di emissione dei certificati invece è sì possibile specificare, spuntando un’apposita casellina, che almeno il documento scaricato sia in versione bilingue. Così facendo il tedesco viene però degradato a opzione facoltativa, «di cortesia», mentre diventa di default — anche per il Sudtirolo — il documento monolingue italiano.

Rispetto a quanto eravamo abituati finora dai nostri comuni si tratta di un peggioramento su tutta la linea, come se lo Statuto di autonomia e la tutela delle minoranze non esistessero.

I link che seguono consentono di fare una carrellata (non esaustiva) sui servizi che ormai non garantiscono più il bilinguismo:

Vedi anche: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/ 6/ 7/ 8/ 9/ 10/

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Covid: Südtirol begrüßt.

Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) hat eine neue Verordnung (Nr. 34) mit strengeren Regelungen zur Pandemiebekämpfung erlassen. Wie es in der heutigen Pressemitteilung dazu heißt, seien sämtliche Maßnahmen

auf Vorschlag des Sanitätsbetriebs und in Absprache mit dem Gesundheitsministerium in Rom zustande gekommen.

— LPA

Hervorhebung aus dem Original

Anders gesagt: Der Landeshauptmann konnte Minister Roberto Speranza von seinen Vorschlägen — pardon: von jenen des Gesundheitsbetriebs — überzeugen.

Warum Rom die Verordnungen nicht gleich selbst erlässt, ist mir unverständlich; doch vermutlich hat Südtirol primäre Kompetenz im Schreiben aller von Rom genehmigten Verordnungen. Oder es hatte dort gerade niemand Zeit.

In der Pressemeldung wird der Landeshauptmann aber auch mit folgenden Worten zitiert:

Wir begrüßen die Entscheidung der Regierung in Rom, dass die Dritt-Impfung schon nach fünf Monaten möglich ist. Wir begrüßen zudem die anstehende Entscheidung, den Super-Green-Pass einzuführen, der für Geimpfte mehr Möglichkeiten bietet, falls es zu weiteren Schließungen kommt[.]

LH Arno Kompatscher laut LPA

Hervorhebungen aus dem Original

Die Südtiroler Vorzeigeautonomie (als Verwirklichung der inneren Selbstbestimmung) gewährt dem Land auch die Begrüßungskompetenz. In freier Ausübung dieser wichtigen Zuständigkeit wurden letzthin auch schon mehrere Maßnahmen nicht begrüßt.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/

Hinweis: In diesem Beitrag geht es ausdrücklich nicht um die Bewertung der erlassenen Maßnahmen.

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Albert Memmi: Jede Domination ist relativ.

Der unter französischer Kolonialherrschaft in Tunesien geborene und aufgewachsene Jude Albert Memmi (1920-2020) ist mit seinen Werken ein Vorläufer des Anti- sowie, erst recht, des Postkolonialismus. Die von ihm verfassten Porträts des Kolonisators und des Kolonisierten mit einem Vorwort von Jean-Paul Sartre (1957) stellen ein bis heute zentrales und in vielerlei Hinsicht nach wie vor äußerst aktuelles Standardwerk dar. Darauf folgte unter anderem L’Homme dominé (Der dominierte Mensch), in dem neben dem Kolonisierten auch Schwarze, Frauen und andere Gruppen thematisiert sind.

Weniger bekannt dürfte vielleicht sein, dass 1972 für Québec eine eigene Ausgabe (Éditions l’Étincelle, Montréal) des Portrait du colonisé erschienen ist. Sie ist um einen Anhang ergänzt, in dem es um die Situation der frankophonen Minderheit in Kanada geht. Wiewohl nicht alles übertragbar ist, lassen sich daraus sehr wohl Lehren und Schlüsse auch für andere Minderheiten in der Welt (und somit auch für Südtirol) ziehen — denn:

Jede Domination ist relativ
Jede Domination ist spezifisch

— Albert Memmi, Les Canadiens français sont-ils des colonisés?

und

Es ist klar, dass man nicht im Absoluten dominiert ist, sondern immer im Verhältnis zu jemandem, in einem gegebenen Kontext. In der Art, dass man, selbst wenn man im Vergleich zu anderen Leuten und einem anderen Kontext bevorzugt ist, selbstverständlich eine Domination mit allen gewöhnlichen Eigenschaften der Domination, selbst der schlimmsten, erleben kann. Es ist genau das, was mit den Frankokanadiern zu passieren scheint.

Doch das ist auch kein Einzelfall. Dasselbe gilt für die amerikanischen Schwarzen. Wenn wir die Gesamtsituation der amerikanischen Schwarzen mit der Gesamtsituation der afrikanischen Schwarzen vergleichen, sind wir zu sagen geneigt: die amerikanischen Schwarzen sollten sich nicht beschweren, denn die amerikanischen Schwarzen, die dominiert werden, sind unendlich reicher als die afrikanischen Schwarzen, die frei sind. […] Doch relativ werden die amerikanischen Schwarzen von den Weißen dominiert.

— Albert Memmi, Les Canadiens français sont-ils des colonisés?

Der Anhang Les Canadiens français sont-ils des colonisés? stellt die Wiedergabe einer Diskussion zwischen Memmi und Studierenden der H.E.C. (Hautes études commerciales) aus Montréal dar.

Studierende: Die Frankokanadierinnen stellen sich als durch die Anglokanadierinnen wirtschaftlich und gesellschaftlich Kolonisierte dar. Doch was die französische Öffentlichkeit und die Franzosen, die vorübergehend in Kanada sind, in Verlegenheit bringt, ist die — jedenfalls scheinbare — Prosperität der Provinz Québec. Es sind eher zwei kolonisierende Völker, von denen eins vom anderen besiegt wurde. Die wahren Kolonisierten sind wennschon die Ureinwohnerinnen.

Albert Memmi: Zwei Punkte haben die französische Öffentlichkeit (und vor allem die linke Öffentlichkeit, die eine neue Chance vertan hat, sich korrekt zu einem Problem zu äußern, das sie besonders berühren hätte sollen) in Verlegenheit gebracht: Der Lebensstandard der Frankokanadier und der nationale Aspekt ihrer Forderungen.

Klar, der Lebensstandard der Frankokanadier ist insgesamt, und im Vergleich, höher als in Europa. Er ist näher an dem der [US-]Amerikaner, was im Moment für einen Franzosen das Maximum ist. Und es ist wahr, dass der Begriff der Kolonisierung materielle und kulturelle Armut suggeriert. Doch das liegt daran, dass wir die Kolonisierungen afrikanischer oder asiatischer Art im Sinn haben.

— Les Canadiens français sont-ils des colonisés?

Trotz Einigungsprozessen wie dem europäischen gäbe es ferner kein Recht

1) von den Leuten den Verzicht auf die Unterschiede, auf die sie — zu Recht oder zu Unrecht — Wert legen, zu verlangen;

2) noch die Universalisierung als Vorwand für die Domination einer Gruppe über eine andere, einer Mehrheit über eine Minderheit oder eines Volkes über ein anderes zu verwenden.

— Albert Memmi, Les Canadiens français sont-ils des colonisés?

Es besteht kein Zweifel, dass eine Menschengruppe, die sich befreien will, auch einen Kampf gegen sich selbst führen muss. Ich habe diesen inneren Kampf bei den Kolonisierten wie bei den Juden und den Schwarzen wiedergefunden. Die nordafrikanischen Schriftsteller haben die Kolonialisierung angeprangert; doch sie haben auch fast alle den Zustand ihrer Institutionen, ihrer Familien, ihrer Werte angeprangert. Dieser Punkt wurde durch die Bedeutung des äußeren Kampfes verdeckt. Sicher, es ist hinzuzufügen, dass dieser Werte und diese Traditionen lange eine relativ positive Rolle gespielt haben, da sie dem Dominierten geholfen haben, gegenüber dem Dominierenden zu bestehen. Deshalb habe ich vorgeschlagen, sie als Zufluchtswerte zu bezeichnen. Bei den Frankokanadiern hat die katholische Religion gegen die englischen Protestanten geholfen. Doch die Zufluchtswerte werden langfristig zur Bremse und man muss sie tatsächlich abschütteln.

— Albert Memmi, Les Canadiens français sont-ils des colonisés?

Alle Auszüge von mir übersetzt

Schon sehr früh war in Québec das Interesse für die Schriften von Memmi gewachsen, weil Frankophone in der Beschreibung des Verhältnisses von Kolonialisten und Kolonisierten gewisse Muster wiedererkannten. So kamen bald Kontakte zwischen dem Autor des Portrait du colonisé und etwa dem Québecer Literaturkritiker Pierre de Grandpré, dem Schriftsteller Hubert Aquin, den Redakteurinnen der linken Zeitschrift Parti Pris oder Professor André d’Allemagne (führendes Mitglied des Rassemblement pour l’indépendance nationale – R.I.N.) zustande. Aus der Befassung von Memmi mit der Situation in Québec entstand die einschlägige, um Les Canadiens français sont-ils des colonisés? erweiterte Ausgabe seines Hauptwerks.

Im Fall von Südtirol ist es etwa die us-amerikanische Wissenschaftlerin Mia Fuller, die — in jüngerer Zeit — ausdrücklich den Kolonialismusbegriff verwendet hat.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/ 6/ 7/

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