Kleinstaaten wirtschaftlich erfolgreicher.

Die Wirtschaft der kleinen Staatsgebilde kommt mit den Herausforderungen der globalisierten Welt besser zurecht, als jene größerer Länder wie Frankreich oder Großbritannien. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Harvard-Universität, welche vom Wirtschaftsforscher Adam Price durchgeführt wurde. Darin wird hervorgehoben, dass die durchschnittliche Wirtschaftssituation von Kleinstaaten im Beobachtungszeitraum (1996-2007) wesentlich besser war, als in größeren Staaten. Selbst im Krisenzeitraum 2008-2010 hätten Kleinstaaten im Schnitt besser abgeschnitten, als ihre großen »Brüder«.

Laut Price sind für dieses Ergebnis vor allem drei Faktoren ausschlaggebend: (1) Kleinstaaten sind aufgrund ihres kleinen Binnenmarktes von Natur aus exportorientiert, (2) sie verfügen über einen besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und sind daher leichter regierbar, (3) ihre geringe Größe erleichtert die rasche Anpassung an sich immer wieder ändernde Rahmenbedingungen.

Die Studie beinhaltet außerdem einen Vergleich zwischen Luxemburg und dem Saarland sowie eine Prognose für ein unabhängiges Wales im Vergleich zur heutigen Situation.

Siehe auch:
Comparatio Kleinstaaten Wirtschaft+Finanzen Wissenschaft | | | | Lëtzebuerg Wales-Cymru | |

40 replies on “Kleinstaaten wirtschaftlich erfolgreicher.”

Ich finde vor allem den 3. Punkt ausschlaggebend. Schnellere Reaktionen sind heutzutage imens wichtig. Man sieht dies auch bei großen Strukturen wie der EU und den Nationalstaaten bei denen Änderungen oft Ewigkeiten in Anspruch nehmen oder durch interne Zwistigkeiten blockiert werden.
Südtirol wird genauso von Italien ausgebremst. Die Wirtschaft jammert zurecht über Steuerdruck, ausufernde Bürokratie u.v.m.

Sulla maggiore versatilità  è abbastanza evidente il vantaggio. Per fare ed applicare riforme in stati grandi e disomogenei ci vuole sempre un sacco di tempo. In Italia probabilmente anche più che altrove.
Io credo che altri punti di forza siano la riduzione degli sprechi dovuto al più immediato controllo sia dei cittadini sia delle istituzioni sulla realizzazione di opere. Ed anche i politici locali sono più controllati…

Stimmt sicherlich bei entsprechenden Rahmenbedingungen. Wichtig ist, dass diese kleineren Staaten in der Regel gezwungen sind, stärker auf Außenhandel zu setzen. Deshalb sollte ein vierter Faktor hinzugezählt werden: Abbau von Handelshemmnissen, wie es der EU-Binnenmarkt bietet. Ansonsten könnte ich genug Kleinstaaten aufzählen, die nicht so erfolgreich sind, obwohl sie die ersten drei Bedingungen erfüllen. Die viel Geschmähte EU erweist sich wieder einmal als Erfolgsmodell, obwohl es viele nicht wahrhaben wolllen.

@succus
die „Kleinstaaterei“ gabs früher schon mal, man erinnere sich nur wie die deutschen Lande zersplittert und zerteilt waren. Doch damals gab es ganz andere Bedingungen. Jeder Kleinstaat hatte eine andere Währung, andere Masseinheiten, andere Standards, dazwischen noch jede Menge Zölle und sie waren natürlich Totalitär regiert.
All das hat sich geändert: wir haben internationale Standards, eine Währung (wenn auch mit Problemen), keine Zölle und stabile Demokratien, wobei ich glaube gerade Kleinstaaten eigenen sich wunderbar für die Direkte Demokratie.
Die EU hat vieles davon ermöglich und wirtschaftlich betrachtet ist sie ein Erfolgsmodell. Das bestreiten auch nicht die meisten Kritiker.
Kleinstaaten im Rahmen solcher Wirtschaftsbündnisse sehe ich also mit allerbesten Erfolgsaussichten und vielleicht ist das sogar die Zukunft der EU.

Die großen EU-Staaten sind zu groß um effizient zu sein und zu klein um allein auf dem Weltmarkt zu bestehen; das können die Regionen und die EU viel besser.

Ja, auch meiner Meinung nach ist das die Zukunft der EU. Eine EU der Regionen könnte zu einem echten Erfolgsmodell werden, hierfür müssten aber die Nationalstaaten beseitigt werden, was allerdings nur sehr schwer möglich ist. Die Nationalstaaten verfolgen Eigeninteressen und ein nicht unerheblicher Teil (sagen wir mal die Mehrheit) der Bevölkerung befürwortet die Nationalstaaten noch vor der EU. Es gibt aber in der Geschichte immer wieder unvorhersehbare gechichtliche Ereignisse, die Entwicklungen ermöglichen, die vorher undenkbar waren. Der Bankrott einiger EU-Staaten könnte eine Wende sein.

@succus: Ich glaube das sieht der Autor der Studie sehr ähnlich.

Grundsätzlich möchte ich hinzufügen, dass (wie bekannt sein dürfte) wirtschaftliche Gründe für mich nicht ausschlaggebend sind, um die Loslösung von Italien anzupeilen. Dieser Artikel ist vielmehr als Antwort für jene zu verstehen, welche die Wirtschaft stets als Argument gegen die Unabhängigkeit benutzen, indem sie behaupten, ein unabhängiges Südtirol habe wirtschaftlich keine Chance — was natürlich Blödsinn ist.

Die Beseitigung der Nationalstaaten wird eine extrem harte Nuss werden.
Ich denke aber es kommt Bewegung in diese Angelegenheit. Einmal durch Belgien, Catalonien, Schottland u.a. Regionen, einmal auch durch die Krise einiger Nationalstaaten.
Die EU sollte in Zukunft jene Aufgaben übernehmen, welche die einzelne Regionen nicht selbst übernehmen können und wo Einigkeit gefragt ist. Aussenpolitik, Verteidigungspolitik, Währung, Energie, Umwelt, Standards, Ausgleich und Förderungen schwacher Regionen, u.ä.
Bei anderen Fragen sollen die Regionen mehr Befugnisse haben, auch um in Konkurrenz zueinander und zu anderen Gebieten ausserhalb der EU treten zu können (Steuern, Wirtschaft, Förderungen, usw.). Und natürlich sollten sie auch in Fragen Sprachen, Kultur, Bildung u.ä, selbst bestimmen können.
Eine schwierige Aufgabe, weil Zustände wie zu Zeiten der deutschen Kleinstaaterei sind auf jeden Fall zu vermeiden. Aber nur so würde die EU wieder näher zum Bürger kommen. Derzeit ist sie für die meisten nur ein Bürokratisches Monster in Brüssel.

Ich persönlich sehe ein unabhängiges Südtirol (und vielleicht später eine EU-Region Tirol) wirtschaftlich absolut überlebensfähig. Natürlich vorausgesetzt wir haben eine verantwortungsvolle Regierung welche nicht hohe Millionen Beträge in Gross- und Prestigeprojekten versenkt. Derzeit wirtschaften wir mit 90% der Steuern, dann würden wir 100% haben und nur mehr einige Kompetenzen mehr übernehmen müssen.

„Der Bankrott einiger EU-Staaten könnte eine Wende sein“… das stimmt mich nachdenklich. Ich bin zwar auch fest davon überzeugt, dass gerade die Kleinstaaten effizienter sind. Aber: zählen Island, Irland, Griechenland und Portugal zu den grösseren Staaten in der EU? Eher wohl nicht.

Adam Price geht in seiner Analyse von der schwierigen Wirtschaftslage in Island, Irland und Griechenland aus — und kommt doch zum Ergebnis, dass Kleinstaaten im Schnitt erfolgreicher sind. Das kannst du auch im Abstract nachlesen.

Klein, gross, das ist Sache der Definition. Für mich sind Kleinstaaten eher Luxemburg und Co.
Island ist klein, gehört aber auch nicht zur EU (daher bei Währung nicht geschützt) und ein Sonderfall weil die Banken Mist gebaut haben, der Staat musste nur einspringen.

@anonym
Wenn ein Europa ohne Nationen entstehen soll, dann müssen zuerst einmal die Rahmenbedingungen geschaffen werden, das heisst ein einheitliches primäres Steuersystem, ein einheitliches Sozialsystem, ein einheitliches Rentensystem!!
Denn wenn z.B., wie du vorschlägst, jede Region eine primäre Steuergesetzgebungskompetenz hat, dann machen die sich doch gegenseitig fertig, das Grundgerüst muss für alle gleich sein sein, natürlich mit regionalen Spielräumen, aber doch genau definiert.

Was unser schönes Südtirol betrifft, natürlich wären wir mit dem momentanen Steuerdruck überlebensfähig, aber wollen wir als Arbeitnehmer wirklich mehr als 50% unseres Gehaltes an Abgaben zahlen, egal ob nach Bozen oder nach Rom? Oder gibt es solche Probleme in einem Freistaat Südtirol (und vielleicht später eine EU-Region Tirol) nicht mehr?

@ jonny
zu deinem ersten absatz: haargenau erfasst. das ist im moment der wahnsinn der eu-wirtschaftspolitik. der freie warenverkehr scheint ja beinahe ein gottgegebenes recht. dass wir in diesem freien markt aber mit unterschiedlichen regeln spielen (bsp. körperschaftssteuerunterbietwettbewerb und dergleichen) scheint dabei niemanden zu stören. slowakei senkt die steuersätze für unternehmen ins lächerliche – kein problem. wenn aber tirol verbieten möchte, dass auf der inntalautobahn lkw mit schrott unterwegs sind, ruft das die markthüter auf den plan. das erste was ein binnenmarkt braucht ist eine homogenisierung des steuersystems bzw. diese wäre voraussetzung für einen solchen. wir machen’s aber umgekehrt. schwachsinn.

@hunter
Und zu meinem zweiten Absatz?
Spass beiseite, diese Rahmenbedingungen werden in diesem Europa die nächsten 100 Jahre nicht zu erreichen sein, weil kein Land, kein Volk, kein Nation, bereit sein wird auf etwas zu verzichten, um damit ein anderes Land, ein anderes Volk, eine andere Nation zu unterstützen! Ok, es gibt jetzt schon die grossen Nettozahler wie Deutschland, aber die zahlen, um genau das zu verhindern, was ich beschrieben habe, so in der Art „Wir zahlen, und ihr mischt euch nicht in innenpolitische Themen, wie z.B. Rente und Steuern.“
So wird das nichts mit Europa, und leider auch nichts mit der Regionalisierung auf Kosten der Staaten, denn alle wollen daraus territorial Nutzen ziehen!
Und wo einige verdienen, müssen automatisch andere zahlen!

Um die Euphorie hier etwas zu bremsen. Es gibt auch Studien, die besagen, dass Kleinstaaten nicht wirtschaftlich erfolgreicher sein müssen.

Ich verweise auf folgenden (englischsprachigen) Beitrag: http://www.voxeu.org/index.php?q=node/3857

Ich fasse kurz die Argumente zusammen:
– die Autorin sieht keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Größe eines Staates und Wirtschaftswachstum und erwähnt verschiedene Studien, die keinen signifikanten Zusammenhang oder sogar einen positiven Zusammenhang (= größere Staaten sind wirtschaftlich erfolgreicher) finden

– kleine Staaten haben ein stärker schwankendes Wirtschaftswachstum: das hängt damit zusammen, dass Kleinstaaten prinzipiell wirtschaftlich wenig diversifiziert sind, d. h. sich auf einige wenige Wirtschaftssektoren konzentrieren. Falls es dann zu einem wirtschaftlichen Schock kommt, kommt es zu einer tiefen Rezession. Ökonomen ziehen ein stabiles Wirtschaftswachstum einem stark schwankendem Wirtschaftswachstum vor.

– kleine Staaten haben einen stärker schwankenden Konsum: ein stark schwankendes Wirtschaftswachstum kann theoretisch dadurch ausgeglichen werden, dass man auch ausländische Vermögenswerte hält. Aber die meisten Länder halten nur einen kleinen Anteil an ausländischen Vermögenswerten.

– die Bereitstellung von öffentlichen Gütern ebenso wie die Einhebung von Einkommenssteuern zieht immer gewisse Fixkosten nach sich, ebenso wie bei einem Unternehmen. Größere Staaten (ebenso wie größere Unternehmen) tun sich leichter, diese Fixkosten abzudecken.

– sollte Südtirol ein unabhängiger Staat werden, dann würde es kompetente Personen für Politikbereiche wie Medienpolitik, Außenpolitik (u. a. Aufbau von Botschaften!), Währungspolitik, Justizpolitik und Sicherheitspolitik (u. a. Polizeiapparat!) brauchen. Kleine Staaten mögen zwar besser ausgebildete Personen haben, aber es stellt sich die Frage, ob sie genügend davon haben. Als Beispiel erwähnt die Autorin David Oddsson, der von 2005 bis 2009 ohne eine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung (!) isländischer Zentralbankchef wurde.

„Als Beispiel erwähnt die Autorin David Oddsson, der von 2005 bis 2009 ohne eine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung (!) isländischer Zentralbankchef wurde.“

Glaubst du wirklich, in Island hätte es keinen einzigen Wirtschaftsabsolventen gegeben, der gerne Zentralbankchef geworden wäre? Es gab sicher andere Gründe für seine Auswahl als der Mangel an ausgebildeten Leuten. Aber ich kenne diesen Oddsson nicht: Hat er sich wirklich schlechter geschlagen als die ganzen Wirtschaftsexperten von isländischen, amerikanischen und Schweizer Banken.

Im Gegensatz zu Island, eine geografisch und sprachlich isoliertes Land, haben wir im „Notfall“ Zugriff auf einen deutsch-, italienisch- und ladinischsprachigen Arbeitsmarkt mit 150 Mio. Menschen um Schlüsselpositionen zu besetzen. Heute funktioniert es in der Universität und in unseren Krankenhäusern schon so.

Im Gegensatz zu Island, eine geografisch und sprachlich isoliertes Land, haben wir im ”Notfall” Zugriff auf einen deutsch-, italienisch- und ladinischsprachigen Arbeitsmarkt mit 150 Mio. Menschen um Schlüsselpositionen zu besetzen.

Argument akzeptiert! Dann stellt sich halt die Frage, wieviele von denen Deutsch, Italienisch und Englisch können, weil das sollte man von einer Spitzenkraft in Südtirol schon erwarten.

Glaubst du wirklich, in Island hätte es keinen einzigen Wirtschaftsabsolventen gegeben, der gerne Zentralbankchef geworden wäre?

Ich würde ja auch gerne Zentralbankchef werden, aber vermutlich reicht mein Wissen dafür nicht aus. :)
Ein einfacher Studienabschluss reicht bei weitem nicht aus, um Zentralbankchef zu werden. Dafür braucht es jahrelange Tätigkeit an Universitäten, in Banken usw. Schau dir mal den Lebenslauf eines Axel Weber oder Ewald Nowotny an.

Vermutlich würde es durchaus einige geeignete Personen geben, aber es braucht ja nicht nur einen ausgezeichneten Chef sondern auch ein ausgezeichnetes Team und ich stelle mir da eben die Frage, ob es in Südtirol dafür genügend geeignete Personen gibt bzw. sich dafür rekrutieren lassen.

Man hätte sicherlich auch in Island auf ausländisches Fachpersonal zugreifen können, aber leider ist einer der Nachteile kleinerer Staaten daß sie zur Verfilzung und extremer Vetternwirtschaft neigen, wenn es keine rigorosen Kontrollen und Regeln gibt. „System Südtirol“ docet.
Da wird eben einem Bekannten oder Freund der Vorzug gegeben obwohl komplett inkompetent und eine Fehlbesetzung. Aber wem erzähl ich das, ihr lebt im selben Land.
Die Erfahrung lehrt aber auch, daß „große Nationen“ noch besser sind, bella Italia zeigt es.

Obwohl es im ersten Moment logisch klingt, ist das mit dem Filz kein ohne weiteres haltbares Argument… jedenfalls nicht im Vergleich zu größeren Staaten, wie eine Weltbankstudie nahelegt [siehe].

@phoenixblob: Ich glaube nicht, dass Liechtenstein oder Andorra jemals Schwierigkeiten hatten, ihre Nationalbank mit kompetenten Personen zu bestücken, die auch fähig sind, sich eine oder mehrere zusätzliche Sprachen anzueignen. Übrigens ist das mit der Nationalbank ein denkbar schlechtes Beispiel, jedenfalls solange Südtirol Mitglied des Euroraumes bliebe. Studien aus Katalonien legen nahe, dass ein Land, welches sich von einem Euroland abspaltet, aufgrund der Rechtsnachfolge automatisch Anspruch auf die Gemeinschaftswährung hätte.

„- sollte Südtirol ein unabhängiger Staat werden, dann würde es kompetente Personen für Politikbereiche wie Medienpolitik, Außenpolitik (u. a. Aufbau von Botschaften!), Währungspolitik, Justizpolitik und Sicherheitspolitik (u. a. Polizeiapparat!) brauchen. Kleine Staaten mögen zwar besser ausgebildete Personen haben, aber es stellt sich die Frage, ob sie genügend davon haben. Als Beispiel erwähnt die Autorin David Oddsson, der von 2005 bis 2009 ohne eine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung (!) isländischer Zentralbankchef wurde.“

Ich denke daß wir uns auch auf unsere „Schutzmacht“ Österreich verlassen können und ohne weiteres auf deren Einrichtungen zurückgreifen könnten zB. Aussenpolitik oder Sicherheitspolitik. Es braucht halt eine enge Zusammenarbeit.
Ausserdem mangelt es uns nicht an pflichtbewussten und arbeitsamen Menschen.

Zitat @phoenixblob:…… Ich würde ja auch gerne Zentralbankchef werden, aber vermutlich reicht mein Wissen dafür nicht aus. :)

@phoenixblob:
ich bin zutiefst überzeugt, dass dieses „Personal-Problem“ um einiges besser und schneller gelöst wäre als ein Haufen anderer ernsthafterer.

Ich wäre sowieso dafür – bei gleicher Qualität – einen Ladiner als 1° ZB-Chef einzusetzen, denn: wer das Kleine nicht Ehrt…ist das Grosse nicht Wert !

@pérvasion
„Studien aus Katalonien legen nahe, dass ein Land, welches sich von einem Euroland abspaltet, aufgrund der Rechtsnachfolge automatisch Anspruch auf die Gemeinschaftswährung hätte.“
Ich verstehe den Sinn dieser Aussage nicht. Selbstverständlich gehe ich davon aus, dass ein eventueller Freistaat Südtirol weiterhin den Euro behält (alles andere wäre ja wirtschaftlich gesehen ein Blödsinn). Aber deswegen braucht man trotzdem eine nationale Zentralbank.

Zur Diskussion über die ausreichende Anzahl kompetenter Personen: Selbstverständlich kann man da unterschiedlicher Meinung sein. Aber ich bin der Meinung, dass man dieses Risiko nicht unterschätzen darf. Und das mit der Zentralbank war nur ein Beispiel. Ein Freistaat Südtirol würde Diplomaten, Unterhändler bei der EU und bei anderen internationalen Organisationen (UNO, OECD, OSZE, WTO, …) brauchen. Ein Roberto Bizzo würde mit den anderen Finanzministern über den EU-Rettungsschirm mitdiskutieren, ein Michl Laimer mit den Energieministern über die Nabucco-Pipeline, eine Sabina Kasslatter-Mur mit den Bildungsministern über eine Reform des Bologna-Prozesses. Sorry, aber da bin ich skeptisch.

Selbstverständlich gehe ich davon aus, dass ein eventueller Freistaat Südtirol weiterhin den Euro behält (alles andere wäre ja wirtschaftlich gesehen ein Blödsinn)

Es geht nicht darum, ob wir es wollen, sondern darum, ob wir dürfen. Und katalanische Studien kommen zum Schluss, dass ein Land, welches sich von einem Euroland abspalten würde, laut EU-Recht den (impliziten) Anspruch hätte, den Euro zu behalten. Das ist der Sinn der Aussage.

Natürlich braucht es trotzdem eine Nationalbank, aber die Hauptzuständigkeiten einer Notenbank werden in Frankfurt wahrgenommen, wenn ich nicht falsch informiert bin.

Du bist selbstredend frei, bzgl. der Fähigkeiten der Südtiroler skeptisch zu sein. Ich wüsste aber nicht, dass San Marino, Liechtenstein, Andorra oder Luxemburg jemals Probleme gehabt hätten, im Gegenteil. Und meines Wissens sind diese Länder auch nicht von Übermenschen bewohnt. In manchen Angelegenheiten lassen sie sich übrigens von anderen Ländern vertreten (Liechtenstein durch die Schweiz, Andorra durch Spanien und Frankreich…), brauchen deshalb z.B. auch nicht in aller Herren Länder eigene Botschaften.

Außerdem wachsen die Länder und ihre Führungsklasse mit ihren Aufgaben — und: nicht zuletzt wage ich zu behaupten, dass einige unserer heutigen Landesminister auch keine schlechtere Figur auf internationalem Parkett abgeben würden, als manch ein römischer Minister.

@ phoenixblob

könntest du mir mal bitte erklären was ein „freistaat“ ist. ich höre diesen begriff dauernd und alle schmeißen damit um sich, ich kann damit aber nichts anfangen. wie untersteidet sich ein freistaat von einem „normalen staat“?

könntest du mir weiter erklären, wie südtirol eine „nationale zentralbank“ haben soll? ist südtirol eine nation bzw. wäre südtirol, wenn es eigenständig wäre, ein nationalstaat?

Ich glaube ihr seht das alles viel zu kompliziert. Es gibt eine ganze Reihe von Staaten, welche so manche Kompetenzen „outsourcen“.
So übernimmt z.B. Deutschland für viele Staaten (sogar ausserhalb der EU!) den Druck von Pässen, Geldscheinen u.a. wichtigen Dokumenten (Bundesdruckerei). Die Währung wäre auf jeden Fall der Euro und somit ohnehin nicht eine eigene. Alterantiv käme noch der schweizer Franken in Frage. Militärisch kann man sich unter den Schutz einen Bündnisses oder Neutral erklären. In der Welt könnte man sich durch Österreich UND Italien vertreten lassen (Botschaften, Konsulate usw.).
usw. usw. usw. usw.
Alles ist meines Erachtens mit ein wenig guten Willen relativ leicht lösbar, sonst könnten Staaten wie Luxemburg, San Marino, Andorra, Liechtenstein usw. nie überleben.
Und man darf nicht vergessen, daß wir mit 3 Staaten sehr gut zusammen arbeiten können: Österreich, Italien und Deutschland.

Zum Freistaat: ich mag das Wort auch nicht, man soll die Sache beim richtigen, eindeutigen Namen nennen. Ein souveräner, unabhängiger, eigenständiger Staat. Punkt

Stimme mit anonym völlig überein. Möchte aber zu den 3 Staaten noch unseren direkten Nachbarn die Schweiz dazuzählen, die geografisch, wirtschaftlich, sprachlich und kulturell sehr viel mit Südtirol gemeinsam hat.

@hunter
Ich glaube, dass ich dafür der falsche Ansprechpartner bin, weil ich nicht Teil der bbd-Plattform bin.
Aber so wie ich das verstehe, bedeutet ein Freistaat Südtirol ein „normaler“ Staat wie eben Italien, Österreich oder Deutschland. Nur eben alles im kleineren Rahmen.
Und dann würde Südtirol auch eine nationale Zentralbank brauchen (oder eine Nationalbank wie sie sich in Österreich nennt oder eine Bundesbank wie in Deutschland).

@pérvasion
Ob ein eigener Staat Südtirol automatisch der EU und dem Euro angehören würde oder den ganzen Beitrittsprozess nochmal durchlaufen würde, ist eine interessante Frage. Darüber kann ich aber nichts sagen.

Ja, die EZB hat viele Aufgaben der nationalen Zentralbanken übernommen, aber letztere haben weiterhin wichtige Aufgaben inne, wie z. B. der Präsident ist im EZB-Rat vertreten und beeinflusst dort u. a. die Leitzinsentscheidungen, Bankenaufsicht, Abwicklung des Zahlungsverkehrs im In- und Ausland usw.

Und die italienischen Politiker würde ich nicht unbedingt als Maßstab verwenden.

Ich glaube, dass ich dafür der falsche Ansprechpartner bin, weil ich nicht Teil der bbd-Plattform bin.
Aber so wie ich das verstehe, bedeutet ein Freistaat Südtirol ein ”normaler” Staat wie eben Italien, Österreich oder Deutschland. Nur eben alles im kleineren Rahmen.

Die BBD-Plattform spricht nie von einem Freistaat. Du wirst den Begriff, außer in den Kommentaren, höchstens noch in einem Gastbeitrag finden, und selbst das wird dir nicht leichtfallen. Siehe hier.

Und dann würde Südtirol auch eine nationale Zentralbank brauchen (oder eine Nationalbank wie sie sich in Österreich nennt oder eine Bundesbank wie in Deutschland).

Diesen Automatismus sehe ich nicht, jedenfalls nicht gemäß BBD-Projekt, welches nicht die Schaffung eines neuen Nationalstaates anstrebt. Siehe hier.

Ob ein eigener Staat Südtirol automatisch der EU und dem Euro angehören würde oder den ganzen Beitrittsprozess nochmal durchlaufen würde, ist eine interessante Frage. Darüber kann ich aber nichts sagen.

Du nicht. Ich auch nicht. Deshalb habe ich eine katalanische Studie erwähnt, laut welcher der Beitrittsprozess im Falle einer »inneren Erweiterung« nach gegenwärtiger Rechtslage nicht erforderlich wäre.

Und die italienischen Politiker würde ich nicht unbedingt als Maßstab verwenden.

Ach nein? Warum denn nicht? Schließlich ist das doch unsere Alternative.

ecco. eines der größten probleme bezüglich südtirols zukunftsvision ist, dass alle mit begriffen um sich schmeißen, die für jeden etwas anderes bedeuten, da sich niemand die mühe macht, sie ihrer wahren bedeutung gemäß zu verwenden.

wahnsinnig erschreckend für mich ist dabei, dass politiker ebenfalls mit diesen begriffen hantieren und mit ihnen sogar argumentieren, politisieren und andere diskreditieren, obwohl sie derart gebraucht und fehldefiniert nur leere worthülsen sind.

mein lieblingsbeispiel ist philipp achammer. der meinte in bezug auf die selbstbestimmungsumfrage der südtiroler freiheit im ahrntal: ”Vollautonomie und Europaregion anstatt irgendwelche Experimente”.

wenn jemand über volle autonomie verfügt, dann ist er der originären bedeutung des wortes nach selbst- und nicht fremdbestimmt (heteronom). achammer ist also gegen den prozess der selbstbestimmung, weil er für einen selbstbestimmten status ist. das ist bizarr. tautologische schizophrenie.

achammers jg-kollege aus dem ahrntal (wenn ich mich richtig entsinne) forderte hingegen: ”die südtiroler freiheit soll endlich mal sagen, was sie unter selbstbestimmung versteht. die rückkehr zu österreich?” uffa. selbstbestimmung heißt, dass das volk als souverän, nicht eine partei entscheidet. wenn eine partei das selbstbestimmungsrecht für südtirol fordert, dann sollten die anderen parteien zumindest wissen, was das bedeutet, ansonsten – si tacuisses …

die südtiroler freiheit kann eine präferenz äußern, was sie als resultat in folge der ausübung des selbstbestimmungsrechtes sich wünschen würde. mehr nicht. denn entscheiden tun die bürger und nicht die stf, die svp oder der luis. selbstbestimmung ist nicht, wenn der luis von heute auf morgen entscheidet, dass südtirol wieder zu österreich soll.

dann ist da noch der tolle freistaat: für die einen ist das ein unabhängiger souveräner staat, die anderen wiederum denken gleich an bayern (widmann) und wieder andere glauben an etwas ganz was neues. dabei ist freistaat nur ein überbleibsel aus dem 19. jhd. und bedeutet heute in zusammenhang mit den deutschen bundesländern so gut wie gar nichts. damals war es synonym für republik.

selbstbestimmung heißt für die einen eigener staat, für die anderen rückkehr zu österreich und für die wenigsten heißt es das, was es eigentlich ist: der zustand, über jegliche seiner eigenen belange selbst befinden zu können (in der ausübung der selbstbestimmung könnten sich die südtiroler beispielsweise auch zur aufgabe der autonomie und zum verbleib bei italien entscheiden, sich quasi selbst entmündigen)

wir erinnern uns noch, dass der gute philipp auch gegen den freistaat und für die vollautonomie war. den spagat zwischen achammer und den freistaatlern schafft dankenswerterweise roland atz. er schreibt auf seiner webseite: ”ich kämpfe dafür, dass wir die Vollautonomie (Freistaatstatus) erreichen, ausgenommen der Landesverteidigung und der großen Außenpolitik.”

das ist doch der brüller, oder?

wir müssten also zuallererst dafür sorgen, dass wir die selben sachverhalte mit den selben vokabeln bezeichnen. welche begriffe wir verwenden, ist egal. wir müssen uns nur auf eine einheitliche bedeutung einigen. von mir aus können wir auch fordern, dass südtirol eine würstelbude wird – solange alle unter würstelbude das selbe verstehen.

Sorry, dass ich den Begriff „Freistaat“ unreflektiert verwendet habe. Bei meinen vorherigen Ausführungen habe ich damit immer einen unabhängigen Nationalstaat Südtirol gemeint. Ich hoffe, dass meine Gedanken trotzdem verständlich waren.
Übrigens fällt mir gerade auf, dass die Südtiroler Freiheitlichen den selben Fehler begehen.

„Ach nein? Warum denn nicht? Schließlich ist das doch unsere Alternative.“

Wir sollen uns an einer politischen Kultur messen, wo in die Irre führende Regierungsverordnungen eine ungeliebte Volksabstimmung verhindern sollen, wo eine gegen Widerstand gegen die Staatsgewalt verurteilte Person Innenminister werden kann, wo zahlreiche verurteilte Personen im Parlament sitzen, wo zahlreiche Abgeordnete einen Gesetzeswurf einbringen, die die Gründung einer faschistischen Partei ermöglichen soll, wo man problemlos Stimmen von Abgeordneten kaufen kann, wo regelmäßige Gesetze erlassen werden, um eine bestimmte Person vor Gerichtsprozessen zu schützen… (die Liste könnte man endlos fortsetzen)? Sollten wirklich solche Politiker als Maßstab dienen? Sollte die Latte wirklich so niedrig gelegt werden?
Oder sollte man sich nicht eher beispielsweise an der österreichischen oder deutschen politischen Kultur orientieren, wo bei Gott nicht alles perfekt ist, aber doch ein gewisses Niveau herrscht?

Natürlich sollten wir uns in diesem Bereich eher an anderen Ländern messen als an Italien.

Doch die angeblichen Unzulänglichkeiten unserer Landespolitiker können nicht ein Argument gegen die Unabhängigkeit sein, denn die Alternative dazu ist nicht, dass wir von Österreich vertreten werden, sondern von Italien.

@ phoenixblob

dass du den begriff verwendet hast, ist nicht weiter schlimm. viel schlimmer ist, dass wie ich beschrieben habe, mit diesen begriffen mit einer beeindruckenden selbstverständlichkeit politik gemacht wird, jeder aber etwas anderes darunter versteht und man sich nicht die mühe macht, sich auf ein gemeinsames vokabular zu einigen, sondern lieber schnell zur stelle ist, um die meinung des jeweils anderen schnell in richtung absurdität zu rücken – sogar dann, wenn man mal versehentlich vom gleichen spricht.

zum zweiten teil: stimmt, es ist bei leibe nicht alles eitel wonne und es wäre wesentlich besser, wenn österreich keine politiker hätte, deren namen auf „asser“ enden. aber die massivität an korruption und gesetzeslosigkeit bei gleichzeitig fehlender übernahme von verantwortung für andere und sich selbst hat in italien ausmaße erreicht, die für mich die grenze des demokratisch denkbaren überschritten haben.

@Senoner
stimmt natürlich, auch die Schweiz gehört dazu. wobei die Beziehungen dorthin eher kümmerlich sind, auch weil sich unsere Landesregierung meines Erachtens nicht sonderlich darum bemüht.

@hunter/phoenixblob
es ist ein probates Mittel in der Politik Schlagwörter des Gegners „zu besetzen“ und so zu gebrauchen und zu verwässern, dass sie für den Wähler keinen Sinn mehr ergeben oder Verwirrung stiften. Gerade deshalb sollten alle, die für eine Unabhängigkeit sind, Wörter wie „Freistaat“ komplett meiden.

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