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Südtiroler Gesundheitswesen an vorletzter Stelle?

Die italienische GIMBE-Stiftung hat vor wenigen Tagen einen aufsehenerregenden Vergleich der Gesundheitssysteme in den Regionen und autonomen Ländern auf Staatsebene veröffentlicht. Demnach liegt Südtirol vor Kampanien an vorletzter Stelle.

Leider — oder besser gesagt: zum Glück — scheint es sich dabei um eine eklatante Fehlinformation zu handeln. Wie GIMBE angibt, wurden für die Bewertung die Ergebnisse der sogenannten LEA-Tabellen von 2010 bis 2017 analysiert. Das sind die Grundlegenden Betreuungsstandards (GBS), die die Gesundheitsdienste der Regionen auf dem gesamten Staatsgebiet erbringen müss(t)en.

Die von GIMBE veröffentlichte Rangliste bezieht sich also — erstens — gar nicht auf die Qualität der Gesundheitsversorgung insgesamt, sondern auf die Erfüllung zentral definierter Betreuungsstandards.

Noch wichtiger ist aber, dass die autonomen Regionen und Länder von der staatlichen Überprüfung ausgenommen sind, wiewohl sich dies nun offenbar ab 2020 ändern soll, wenn das sogenannte Neue Garantiesystem (NGS) das Licht der Welt erblickt.

Was aber hat GIMBE gemacht? Die Stiftung hat einfach die GBS-Punktezahlen von 2010 bis 2017 zusammengezählt, obwohl die Kennzahlen für unser Land großteils fehlen. Beispiel 2017: Von 33 Indikatoren sind nur 23 vorhanden, da Südtirol (wie Aosta, Friaul-JV, Sardinien, Sizilien, Trentino) nicht der Kontrolle durch das Ministerium unterliegt.

Das ist grob gesagt so, als würde man behaupten, dass jemand, der in Deutsch eine 7 hat, schlechter ist, als jemand, der in Deutsch und Mathematik eine 4 hat — weil man die zwei Vieren zu einer Acht zusammenzählt. Ein solches Verfahren hätte nur dann einen Sinn, wenn für alle gleich viele Bewertungen vorliegen. Und das ist bei den GBS-Daten gerade nicht der Fall.

Warum schneidet das Trentino (Rang 10) dann eigentlich viel besser ab, als Südtirol (Rang 20)? Ganz einfach: Weil das Trentino — obschon es dazu genausowenig verpflichtet war — dem Ministerium freiwillig mehr Daten zur Verfügung gestellt hat, als Südtirol. Gut möglich, dass unser südliches Nachbarland tatsächlich bessere Ergebnisse erzielt, als wir, doch der enorme Abstand ist nur durch die fehlenden Daten zu erklären.

Betrachtet man die Daten von GIMBE im Detail, fällt übrigens auf, dass Südtirol 2013 italienweit an letzter Stelle lag. Das ist interessant, weil im selben Jahr die Universität Göteborg eine Studie zu den Gesundheitssystemen in 172 europäischen Regionen veröffentlicht hat: da lag Südtirol italienweit an erster Stelle und europaweit auf Platz 9.

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Die Realitätsverweigerung des Generaldirektors.

Mindestens zweimal hat sich Sabes-Generaldirektor Florian Zerzer während der letzten Tage Medien gegenüber bagatellisierend zur mangelnden Zweisprachigkeit im Südtiroler Gesundheitswesen geäußert. Es sei ein Problem aufgebauscht worden, das für die Südtirolerinnen »absolut nicht« prioritär sei. Dass dies mit den Erkenntnissen aus dem aktuellsten Sprachbarometer kollidiert, habe ich jeweils aufgezeigt: dort gehört das Gesundheitswesen zu den Bereichen, in denen den Bürgerinnen am häufigsten das Recht auf Gebrauch der Muttersprache verwehrt wird.

Doch auch die Astat-Erhebung zur Zufriedenheit mit den öffentlichen Diensten (2018) spricht eine klare Sprache. Dort ist die unzureichende Zweisprachigkeit (9,6%) gleich nach den zu langen Wartezeiten (24,6%) und Warteschlangen (19,3%) der häufigste Grund für Unzufriedenheit mit dem Gesundheitsdienst.

Vor allem aber gab kein anderer der insgesamt sechs analysierten Bereiche (einschließlich Post und NISF) in puncto Zweisprachigkeit häufiger Anlass zur Unzufriedenheit, als der Gesundheitsdienst:

Das war noch 2015 anders: Damals hatten Post und Land vor dem Gesundheitsdienst die schlechtesten Werte.

Wenn aber knapp jeder dritten Südtirolerin deutscher Muttersprache ein verbrieftes Recht verweigert wird und dies noch für jede zehnte Nutzerin des Gesundheitssystems ausdrücklich Anlass zur Unzufriedenheit ist, sollten — auch aufgrund der damit verbundenen Risiken — die Alarmglocken längst schrillen.

Ein Generaldirektor, der mit Realitätsverweigerung und Selbstzufriedenheit reagiert, ist in einem derart sensiblen Bereich wohl kaum haltbar.

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Discriminaziun Faktencheck Gesundheit Minderheitenschutz Plurilinguismo Postdienst Recht Service Public Umfrage+Statistik | Bilinguismo negato Sprachbarometer | Florian Zerzer | | Südtirol/o | Astat Land Südtirol NISF Sabes | Deutsch

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Bilinguismo, per Zerzer problema inesistente.
Il barometro linguistico dimostra il contrario

Non abbiamo mai avuto lamentele per personale che non parlava la lingua del paziente. Anche perché è nel nostro interesse che il personale sia bilingue.

Per lo meno da quando sono in azienda io non ho mai avuto a che fare con cause legali legate alla non conoscenza della seconda lingua. E non ricordo nemmeno di pazienti che si siano lamentati perché medici o infermieri non parlavano la loro lingua.

Così l’inserto locale del Corriere cita il direttore generale di Sabes, Florian Zerzer, nell’edizione del 10 novembre. E deduce:

Cosa c’è di fondato nella denuncia di Süd-Tiroler Freiheit, condensata nei manifesti choc appesi alla fermata dell’autobus davanti all’ospedale? Dati alla mano, nulla. Pura provocazione. O almeno questo è quello che sostengono dall’Azienda sanitaria.

Velocissimi dunque, sia Zerzer che l’autore dell’articolo, ad assolvere Sabes, negando il problema. Che tuttavia — proprio «dati alla mano»! — esiste e andrebbe preso sul serio, invece che minimizzato: secondo il barometro linguistico dell‘Astat, nella sua ultima edizione, ben al 31,9% della popolazione di lingua tedesca e all’8,8% di quella di lingua italiana, nei soli 12 mesi precedenti alla rilevazione, da unità sanitaria e ospedali è stato rifiutato il diritto di parlare nella propria lingua, previsto dallo Statuto di autonomia.

La sanità pubblica dunque si attesta perfino ai primissimi posti nella poco lusinghiera classifica dei servizi pubblici che non garantiscono quanto stabilito dalle leggi in materia linguistica.

Trovo un pessimo segnale che il direttore generale neghi o, ancor peggio, non sia a conoscenza di un problema che definirei gravissimo (con possibili ripercussioni anche gravi sulla salute dei pazienti) solo perché non risultano ufficialmente lamentele o cause legali. La consapevolezza di quel che accade (e di quel che non va) sarebbe il primo passo, indispensabile, verso il necessario miglioramento — e invece scopriamo che va tutto bene.

Vedi anche:

Discriminaziun Faktencheck Gesundheit Medien Minderheitenschutz Plurilinguismo Recht Service Public Umfrage+Statistik Vorzeigeautonomie | Bilinguismo negato Sprachbarometer Zitać | Florian Zerzer | Corriere | Südtirol/o | Astat Sabes STF | Italiano

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Doppelpassbefürworter: jung, hochgebildet und zweisprachig.
Kopierte Interpretationen: Rohdatenanalyse vs. Presseaussendung

Seit das Land Südtirol auf einer Pressekonferenz und in einer Presseaussendung das CLIL-Experiment an deutschen Schulen als Erfolgsgeschichte verkauft hat, die Medien allesamt fast ausschließlich diese Presseaussendung wortwörtlich und ungeprüft übernommen haben, jedoch die dazugehörige Evaluation auch ganz andere, in der medialen Kommunikation unerwähnte, teils widersprüchliche Aspekte zu Tage gefördert hat, habe ich eine Angewohnheit. Immer wenn Studien- oder Umfrageergebnisse publiziert werden, versuche ich, an die Rohdaten zu gelangen, um die in den Aussendungen veröffentlichten Interpretationen überprüfen und gegebenenfalls ergänzen zu können.

Die interessanten aber – zumindest für mich – nicht wirklich überraschenden Umfrageergebnisse der Südtiroler Michael-Gaismair-Gesellschaft zum Thema „Doppelpass“ boten wieder einmal einen solchen Anlass. Glücklicherweise sind auf der Webseite der Gesellschaft die Rohdaten einsehbar. Und diese bergen tatsächlich die eine oder andere Überraschung.

Von den Journalistinnen im Lande hat sich offenbar niemand die Mühe gemacht, die Umfrage im Detail anzusehen. Salto und Tageszeitung haben die Aussendung mehr oder weniger 1:1 ohne viel Eigenleistung übernommen. Stol und Südtirolnews beziehen sich auch nur auf Aussagen aus dem Pressetext und machen sich somit die Interpretation der Auftraggeber der Umfrage zu eigen.

Die Presseaussendung der Michael-Gaismair-Gesellschaft halte ich jedoch für tendenziös und selektiv.

Die Südtiroler sind nicht an der österreichischen Staatsbürgerschaft interessiert.

Mehr als ein Drittel der Südtiroler ist an der österreichischen Staatsbürgerschaft interessiert. Ich erachte das schon als eine signifikante Minderheit. Es müsste also heißen „die Mehrheit der Südtiroler/60 Prozent der Südtiroler sind nicht an der österreichischen Staatsbürgerschaft interessiert“. Reißerische Überschriften zu finden ist für gewöhnlich Aufgabe des Boulevard und nicht einer Gesellschaft mit wissenschaftlichem Anspruch.

Der Unterschied zwischen den Sprachgruppen fällt auch bei dieser Frage kaum ins Gewicht: 68% der Südtiroler italienischer und 58% deutscher Muttersprache würden sicher keinen Antrag stellen.

Ist es tatsächlich eine gängige Interpretation, dass ein Unterschied von 10 Prozentpunkten keine relevante statistische Größe ist?

Anders als immer wieder behauptet, hat die überwiegende Mehrheit der Südtiroler Bevölkerung nicht den Wunsch, zusätzlich die österreichische Staatsbürgerschaft zur italienischen verliehen zu bekommen.

Gibt es für diese Feststellung irgendwelche Belege? Ich habe die Debatte um die Doppelstaatsbürgerschaft recht intensiv verfolgt. Mir wäre aber nicht aufgefallen, dass die Verfechter einer doppelten Staatsbürgerschaft immer wieder behauptet hätten, dass die „überwiegende Mehrheit“ den Doppelpass wünschte.

Sie steht einer solchen kollektiven Verleihung vielmehr sehr skeptisch gegenüber, nicht zuletzt deshalb, weil sie darin eine Gefahr für das Zusammenleben sieht.

Trotz der großmehrheitlichen Ablehnung des Doppelpassansinnens, sieht laut den Umfragezahlen eben keine Mehrheit darin eine Gefahr für das Zusammenleben – weder eine absolute noch eine relative. Zwar sagen 40 Prozent, dass es das Zusammenleben beeinträchtigen würde. Jedoch erwarten 36 Prozent überhaupt keine Auswirkungen und 10 Prozent erachten das Ansinnen sogar als förderlich. Heißt also, dass mindestens 46 Prozent (relative Mehrheit) keine entsprechende Gefahr für das Zusammenleben im Land befürchten.

Die wirkliche Überraschung

Zum Abschluss habe ich aus den Rohdaten dann einige für mich doch überraschende und im medialen Diskurs unberücksichtigte Informationen herausgekitzelt.

Wenn man sich das Ergebnis nach demographischen Eigenschaften aufgeschlüsselt ansieht, fällt eines auf. Diejenigen, die „auf jeden Fall“ und „unter Umständen“ um einen österreichischen Pass ansuchen würden (gesamt 34 Prozent) wie auch die geringsten Widerstandswerte aufweisen, sind überproportional jung, hochgebildet und zweisprachig.

Laut der Studie würden ganze 48 Prozent der 18- bis 34-Jährigen einen Antrag zumindest in Erwägung ziehen. Bei den über 65-Jährigen sind es hingegen nur mehr 17 Prozent. Diejenigen, die den Pass bestimmt nicht beantragen würden, sind bei den 18- bis 34-Jährigen mit 44 Prozent in der Minderheit, in der Generation 65+ mit 77 Prozent in der satten Mehrheit.

Ähnlich ist das Gefälle beim Bildungsniveau. Unter den Hochschulabsolventen können weit überdurchschnittliche 42 Prozent sich vorstellen, einen österreichischen Pass zu beantragen. Bei Menschen die nur die Grundschule besucht haben bzw. ohne Schulabschluss sind, sind es gerade einmal 15 Prozent.

Und auch bezüglich der Sprachfertigkeit gibt es signifikante Unterschiede. Umfrageteilnehmer, die sich als (fast) einsprachig geoutet haben, sind nur zu 26 Prozent am österreichischen Pass interessiert, während unter den „gut zweisprachigen“ Südtirolern 35 Prozent Sympathien für einen Antrag hegen.*

Könnte es sein, dass diese Zahlen nicht ganz in das oft recht starre, vorgefertigte Weltbild vieler Gegner der Doppelstaatsbürgerschaft (zu denen ich mich übrigens auch zähle) passen? (Vergleiche dazu Demographie der Unabhängigkeitsbefürworter in Katalonien.)

Schmankerl

„Internationale Presse“ ist, wenn der österreichische Standard über ein Ereignis berichtet, das in Wien stattfand. (Die Umfrage wurde nämlich ebendort im Café Prückel vorgestellt.)

* Freilich ist zu beachten, dass die Schwankungsbreite bei Detailaspekten höher ist, aber eine Tendenz lässt sich dennoch herauslesen.

Siehe auch:

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A. Adige erfindet Vorurteile der STF gegenüber Süditalienerinnen.

Die STF hat zur aktuellen Fragestunde im Oktober eine Anfrage präsentiert, in der sie die mangelnde Zweisprachigkeit der Busfahrerinnen auf der Linie Mals-Schlanders (Schienenersatzverkehr) thematisiert. Dort würden laut Auskunft eines Bürgers süditalienische Busfahrer eingesetzt, die sich nicht bemühten, Deutsch zu sprechen, sondern auf Italienisch beharrten.

Mit drei Fragen will die STF in Erfahrung bringen, welche Firma mit dem SEV beauftragt wurde; ob es stimme, dass größtenteils nur einsprachige (italienische) Busfahrerinnen eingesetzt würden; und was die Landesregierung zu tun gedenke, um das Problem zu beheben.

Daraus zimmert der A. Adige heute einen reißerischen Bericht, der mit journalistischer Sorgfaltspflicht wohl kaum noch etwas zu tun hat. Das Athesia-Blatt behauptet, die Anfrage sei voller Vorurteile und bezeichnet das Vorgehen der STF als «accanimento». Es handle sich beim SEV »um einen (wertvollen) temporären Dienst«, weshalb sich Sven Knoll und Myriam Atz Tammerle nicht um die Herkunft der Busfahrerinnen kümmern, sondern ein Lob für dessen Einrichtung aussprechen sollten.

Ich bin sicher der erste, der Vorurteile und Diskriminierungen anprangert , aber in der STF-Anfrage kann ich beim besten Willen keine finden. Wenn es sich bei den Busfahrerinnen auf der konkreten Linie konkret um Süditalienerinnen handelt, die sich — wiederum konkret — weigern, Deutsch zu sprechen, ist das kein Pauschalurteil, sondern einfach eine gezielte Wiedergabe von Fakten. Daraus ergibt sich keine Vorverurteilung von anderen Menschen süditalienischer Herkunft.

Genauso gut könnte jemand beanstanden, dass für einen Dienst xy eine — sagen wir — österreichische Firma beauftragt wurde, deren Angestellte nicht Italienisch sprächen und auf Deutsch beharrten. Kommt in Südtirol eher selten vor, wäre aber genauso inakzeptabel (und dürfte natürlich als Problem benannt werden).

Dass jetzt auch schon die Tatsache, dass ein Dienst »wertvoll« ist, ausreicht, um nach Ansicht des A. Adige das Recht auf Muttersprache außer Kraft zu setzen und stattdessen eine Pflicht zur Dankbarkeit auszulösen, kommentiert sich wohl von selbst.

Das Ziel der bewussten Hetze wurde aber erreicht: Auf dem Facebook-Profil der Zeitung erntet der Bericht hunderte empörter Kommentare, von »siamo in Italia« bis »che vadano in Austria« ist natürlich wieder alles dabei.

Siehe auch:

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Rosmini: Die »ahnungslose« Uni.

Prof. Stefania Baroncelli, von Rektor Paolo Lugli ernannte Prorektorin für Bildungsbelange an der Uni Bozen, hätte heute um 9.30 Uhr den Vortrag »Europa der Regionen: eine Vorstellung von Europa, die noch aktuell ist?« halten sollen. Ich weiß nicht, ob es dazu kam.

Ganz so ahnungslos, wie sie sich laut Salto bezüglich dem organisierenden Rosmini-Institut und den Tagungsteilnehmerinnen gibt, dürfte die Akademikerin jedoch nicht sein. Erstens, weil das Programm keineswegs »bis heute neutral war«, wie sie sagt. Die geplante Anwesenheit des russischen Neofaschisten Alexander Dugin war schon länger bekannt. Und zweitens, weil Frau Baroncelli nicht zum ersten Mal mit dem dubiosen Verein kooperiert.

Auf ihrem vier Seiten umfassenden, öffentlich im Netz abrufbaren Curriculum findet das Institut fünfmal Erwähnung. Hier die entsprechenden Auszüge:

  • Responsibilities for organizing conferences and seminars in the last 13 years:
    • 47° International Conference of the International Institute of European Studies “A. Rosmini”, Bolzano. Title “Europa: Costituzione o Trattato per suo fondamento? Sul Trattato di Lisbona e i suoi sviluppi” (together with prof. Marcello Fracanzani)
  • Selected publications:
    • Books – Edited:
      • Fracanzani MM, Baroncelli S (a cura di) (2017). Le Università: fra autonomia, formazione e informazione. INSTITUT INTERNATIONAL D’ÉTUDES EUROPÉENNES ANTONIO ROSMINI, NAPOLI:Edizioni Scientifiche Italiane, ISBN: 978-88-495-3416-0
      • Fracanzani – Baroncelli (2015), L’Ethos dell’Europa, Institut International d’Etudes Européennes Antonio Rosmini, Edizioni Scientifiche Italiane, Napoli
      • Baroncelli S, Fracanzani M (a cura di) (2012). Quale lingua per l’Europa? Welche Sprache für Europa?Institut International D’Etudes Européennes Rosmini. p. 1- 138, NAPOLI:Edizioni Scientifiche Italiane, ISBN: 978-88-495-2434-5
    • Book Chapters:
      • Baroncelli S (2012). Quale multilinguismo per l’Unione europea? Il principio di parità della lingua nell’ordinamento giuridico europeo . In: (a cura di): Fracanzani M, Baroncelli S, Quale lingua per l’Europa? Welche Sprache für Europa?Institut International D’Etudes Européennes Rosmini. p. 81-106, NAPOLI:Edizioni Scientifiche Italiane, ISBN: 978-88-495-2434-5

Da kann einer rührigen Uniprofessorin doch nicht entgangen sein, mit wem sie es zu tun hatte? Wenn doch, wäre das natürlich kein so gutes Zeugnis.

Der ehemalige Dozent der Uni Bozen Marcello Maria Fracanzani, dessen Name in Baroncellis Curriculum 18 Mal (worunter die fünf oben wiedergegebenen Punkte) gefunden wird, ist übrigens offizielles Mitglied des Rosmini-Instituts.

Nachtrag: Es gibt auch ein Buch mit dem Titel »Quale religione per l’Europa?«, herausgegeben von Marcello M. Fracanzani und Stefania Baroncelli fürs Rosmini-Institut im Verlag Edizioni Scientifiche Italiane, Neapel (2014).

Die Autoren:

  • Franco Cardini: Historiker, Gast der Rosmini-Tagung von 2013, ehemaliges Mitglied der rechtsradikalen MSI und Jeune Europe.
  • Danilo Castellano: Mitglied des Rosmini-Instituts. Die italienische Verfassung sieht er als von einem teuflischen Prinzip (dem freien Willen) inspiriert, an dessen Wurzel nicht die Gerechtigkeit, sondern die Anarchie stehe. Die Säkularisierung habe die Menschenrechte an die Stelle der göttlichen Rechte gestellt.
  • János Frivaldszky: Gast der Rosmini-Tagung von 2013. In seinem Buchkapitel bezeichnet er das Recht auf Abtreibung, die gleichgeschlechtliche Ehe und die Sterbehilfe im Gegensatz zu den »naturrechtlichen« Menschenrechten als »unmenschliche« Rechte (S. 57).
  • Umberto Galeazzi: Gast der Rosmini-Tagung von 2013.
  • Jerzy Ochmann: Mitglied des Rosmini-Instituts.
  • Christophe Réveillard: Mitglied des Rosmini-Instituts, vorbestraft für das Attentat auf ein Kino.
  • Andrea Sandri
  • don Michele Tomasi: damaliger Generalvikar der Diözese Bozen-Brixen, inzwischen Bischof von Treviso. Gast der Rosmini-Tagung von 2013 in Vertretung von Bischof Ivo Muser.
  • Giovanni Turco
  • José Luis Widow Lira: Gast der Rosmini-Tagung von 2013 und 2014.

Der Titel dieser Publikation, die im Curriculum von Prof. Baroncelli nicht genannt wird, ist gleichlautend mit dem Titel der Tagung von 2013 des Rosmini-Instituts.

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FCS: Halb- und Unwahrheiten im Landtag.

Zur teilweise einsprachigen Kommunikation des FC Südtirol haben die »Blauen« eine Landtagsanfrage (424/19) eingereicht, die am 6. September von Landesrat Philipp Achammer (SVP) beantwortet wurde.

In der Anfrage heißt es unter anderem:

Der Verein […] ist laut eigener Beschreibung „mit Südtirol, seinem vielfältigen Landschaftsbild, der Bevölkerung, der Kultur und den Traditionen eng verbunden und verwurzelt“. Dem wiedersprechend gestaltet sich oftmals die Kommunikation des Vereins in seiner Öffentlichkeitsarbeit. Beispiel dafür ist die rein italienisch gehaltene Abo-Kampagne „Perché qui siamo a casa“ für die Saison 2018/2019. Einsprachig italienisch ist [sic] ebenso der Youtube-Kanal „FCS-TV“ sowie die Ethikkodizes für Mannschaft und Fans.

Auf die konkrete Frage:

2) Wie beurteilt die Südtiroler Landesregierung diese zum Teil rein italienisch stattfindende Kommunikation bzw. Öffentlichkeitsarbeit des mit üppig öffentlichem Geld gesponserten Vereins?

antwortet Achammer folgendermaßen:

Sämtliche Kommunikation des FC Südtirol wird in deutscher und italienischer Sprache veröffentlicht[,] wie z.B. Presseaussendungen, News, Monatszeitschrift, Spielkalender, Spielankündigungsplakate, Werbekatalog, Geschläftsausstattung [sic], Autogrammkarten, Abos, Eintrittskarten, Website, Social Networks etc.

Sämtliche Kommunikation? In der Anfrage wird neben der Abo-Kampagne (die in einer gesonderten Frage behandelt wird) klar auf den Youtube-Kanal und auf die Ethikkodizes Bezug genommen. Doch der Landesrat nennt bewusst andere »Beispiele«, um die Behauptung in den Raum zu stellen, dass sämtliche Kommunikation zweisprachig sei — was eben nicht der Fall ist. Eine glatte Lüge.

Doch selbst das mit den Presseaussendungen und den Eintrittskarten stimmt nur bedingt, denn

  • die Grafiken zur Vorstellung neuer Spieler sind nicht zweisprachig Deutsch und Italienisch, sondern Italienisch und Englisch (»benvenuto/welcome to FCS«);
  • für das Online-Ticketing wird man auf eine einsprachig italienische Homepage (DIY-Ticket) verwiesen;
  • das »Ticket- und Stadionreglement« auf der Webseite des FC Südtirol ist ebenso einsprachig Italienisch.

Die Frage bezüglich der Abo-Kampagne beantwortet Achammer zweideutig:

Die Abo-Kampagne wird auf sämtlichen FC Südtirol-Medien (Monatszeitschrift FCS News, Website, Facebook, Presseaussendungen) zweisprachig beschrieben und beworben. Einzig jene Grafik der Abo-Kampagne, welche auf die vielen italienischsprachigen Fußballbegeisterten der Stadt Bozen ausgerichtet ist und verschiedene Stadtteile als Hintergrundbild führt, ist mit dem Leitsatz „Perchè qui siamo a casa“ versehen.

Diese Antwort könnte man (und würde man wohl normalerweise) so verstehen, dass es zwei unterschiedliche Abo-Kampagnen gibt — eine zweisprachige und eine auf die »italienischsprachigen Fußballbegeisterten« der Stadt Bozen ausgerichtete einsprachige. Da müsste mir aber schon ganz grob etwas entgangen sein. Ich habe es noch einmal überprüft und habe nur eine Kampagne gefunden, die zwar tatsächlich »zweisprachig« ist, aber immer mit der einsprachigen Grafik mit den wechselnden Bozner Stadtteilen versehen ist. Der FC Südtirol behandelt seine Fans also unterschiedlich, je nachdem welche Sprache sie sprechen.

Es scheint sogar eine grundsätzliche Regel zu sein, dass Grafiken (»i convocati«, »line up«, »calendario«, »presentazione squadra«, »ritiro 2019«, »season highlights«, »happy birthday« etc.) auf Italienisch und/oder Englisch beschriftet werden, aber nie auf Deutsch.

Besonders aufschlussreich ist schließlich die Antwort auf die dritte Frage:

3) Sieht die Landesregierung in der teils einsprachigen Kommunikation der Fußballmannschaft FC Südtirol einen Widerspruch zu den landeseigenen Richtlinien für Wirtschaftssponsoring laut Beschluss Nr. 1051 vom 04. Oktober 2016? Falls ja, welche Schlüsse und Konsequenzen zieht die Landesregierung daraus?

Die Antwort auf diese Frage entnehmen Sie bitte der Antwort auf die Frage 2. Zudem spielt der FC Südtirol großteils außerhalb der Region und somit zielt die Bekanntmachung der Dachmarke in diesem Fall auf den italienischen Markt.

Das Land sponsert eine Südtiroler Mannschaft, die ihre Heimspiele in Südtirol absolviert und vermutlich vorwiegend Südtiroler Fans hat, verweist dann aber darauf, dass sie angeblich »großteils« außerlandes spielt, um die teils einsprachige Kommunikation zu rechtfertigen? Eine derartige Argumentation ist — gerade für eine Minderheit — höchst… amüsant. Mal davon abgesehen, dass der FC Südtirol auch drei C-Jugendmannschaften hat, die fast ausschließlich im Land spielen.

Würden sie ähnlich denken, könnten etwa die Ladinerinnen und andere Sprachgemeinschaften mit sehr kleinem sprachlichem Hinterland faktisch auf ihre Sprache ganz verzichten.

Es gibt meines Wissens keine Vorschrift, die den FC Südtirol zur Zweisprachigkeit verpflichten würde — wiewohl dies ab einer gewissen Fördersumme (auch wenn indirekt über Werbeverträge) durchaus eine Überlegung wert wäre. Ein Landesrat wäre hingegen dazu angehalten, Anfragen wahrheitsgetreu zu beantworten.

Siehe auch:

Discriminaziun Faktencheck Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik Sport | Bilinguismo negato Italianizzazione Zitać | Philipp Achammer | | Italy Südtirol/o | Freiheitliche Südtiroler Landtag SVP | Deutsch

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Sea Watch: LR Bessone verbreitet Lügen.

Massimo Bessone von der rechtsradikalen Lega verbreitet über sein Facebook-Profil als Südtiroler Landesrat Falschinformationen über die Auszeichnung von Carola Rackete (Sea Watch e. V.) durch das katalanische Parlament.

Er behauptet, die Kapitänin der Sea Watch 3 sei von Spanien für die Seenotrettung ausgezeichnet worden, während das Land die Migrantinnen der Open Arms ablehne. Er bringt dies zudem damit in Verbindung, dass die Geretteten nach Italien gebracht würden.

Natürlich erntet der Landesrat mit dieser Darstellung viel Zustimmung unter seinem »besorgten« und »empörten« — um nicht zu sagen rassistischen — Publikum. Über 230 Kommentare mit großteils eindeutigem Tenor sind zur Stunde zusammengekommen.

-Leserinnen wissen bereits, wie es sich wirklich verhält. Während die spanische Regierung um den Sozialisten Pedro Sánchez (PSOE) Seenotretterinnen teils hohe Geldstrafen androht und die Aufnahme Geretteter regelmäßig ablehnt, hat sich die katalanische Reigerung von Anfang an für eine Öffnung der Häfen ausgesprochen. Die Ehrung von Carola Rackete (für Sea Watch e. V.) und Òscar Camps (für Proactiva Open Arms) ist auch keine spanische, sondern wurde vom katalanischen Parlament verliehen.

Demnach ist die von Landesrat Bessone suggerierte Heuchelei eine glatte Lüge, denn Katalonien hat immer für die Seenotrettung und für die Aufnahme Geflüchteter Partei ergriffen.

Siehe auch:

Faktencheck Kohäsion+Inklusion Migraziun Politik Racism | | Massimo Bessone Pedro Sánchez | Social Media | Catalunya Spanien Südtirol/o | GENCAT Lega | Deutsch