Bildung: Unser Spielraum.

Wie zur Zeit zwischen Enrico Hell (Eltern für Zweisprachigkeit) und mir bei SegnaVia, ist es in Südtirol nicht zufällig seit langem Tradition, sich über ein besseres, inklusivistisches Schulmodell Gedanken zu machen – das zum einen die Mehrsprachigkeit fördern und zum anderen die Aufsplitterung der Gesellschaft in »Sprachgruppen« unterbinden soll.

Auf für mich eher überraschende Weise konnten wir uns sehr schnell darauf einigen, dass das von mir favorisierte katalanische Modell eine interessante Option für unser Land sein könnte. Die definition einer »Landessprache« (llengua pròpia) ermöglicht dort eine klar definierte Asymmetrie als Korrektiv zur Vorbeugung der Kastilisierung. In Katalonien wirkt die Schule Wunder, was die Integration von Katalanen beider Zungen, Zuwanderern aus anderen Regionen und Immigranten in die Gesellschaft und Sprachgemeinschaft des Landes anlangt. Und dies obgleich die Qualität des Unterrichts dort laut PISA nicht an Südtiroler Verhältnisse heranreicht.

Enrico Hell hat gestern noch eine kurze, aber prägnante Beschreibung dieses Systems auf seinem Blog veröffentlicht.

Ein Problem, das leider weniger oft diskutiert wird, ist der Handlungsspielraum, der uns in dieser Angelegenheit gegeben ist. Wie auch in anderen Bereichen ist unser Autonomiestatut leider Garant und Hemmschuh zugleich. Es schützt uns davor, dass unser Status zum Schlechteren abgeändert wird, gleichzeitig »schützt« es uns aber auch vor notwendigem Fortschritt. Das geltende Recht räumt unserem eigenen Parlament – dem Landtag – höchstens einen Interpretationsspielraum ein. Wir können uns lang und breit über die Auslegung des berühmt-berüchtigten Art. 19 unterhalten, mehr nicht. Grundlegend neue Ansätze sind ohne das placet und langwierige Verhandlungen mit Rom schlicht unmöglich, was auch die öffentliche Debatte immer wieder ausbremst.

Aus diesem Grund ist auch für eine dynamische Verbesserung des Schulsystems, womöglich in Zusammenarbeit mit der Brixner Fakultät für Bildungswissenschaften, ein wesentlich höheres Maß an Unabhängigkeit vom Zentralstaat dringend vonnöten.

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Beim TAR ricorso machen.

Darf ich vorstellen? Bistro — das ist Südtirol. Südtirol — das ist Bistro.

Seinem Selbstverständnis nach sollte Südtirol eine Vorreiterrolle bei Übersetzung und Vergleich internationaler Rechts-, Verwaltungs- und Wirtschaftssysteme einnehmen, wozu sowohl die inhaltliche als auch die sprachliche Komponente zählen. Die Wirklichkeit ist leider eine völlig andere: Über ehemalige Schulfreunde, die sich nun z.T. der Juristerei und ähnlichen Disziplinen widmen, bin ich mit einem furchtbaren Kauderwelsch (dem allseits verpönten Mischmasch) in Berührung geraten, dessen Ausmaße für einen Außenstehenden schlicht unvorstellbar sind.

Der Eindruck ist, dass auch in diesem Bereich der sogenannte »Schnittpunkt der Kulturen« in der ihm zugedachten Rolle versagt hat — und eher eine Degeneration zweier nicht kommunizierender Systeme darstellt, als die Diamantspitze ihrer gegenseitigen Befruchtung.

Die Eurac hat in diesem Bereich jedoch ein wichtiges Projekt umgesetzt, das unter dem Namen Bistro der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Vielleicht kann dieser Beitrag nützlich sein,

    • den Profis die Verfügbarkeit dieses Werkzeugs in Erinnerung zu rufen und sie dazu anzuspornen, die Fachterminologie korrekt anzuwenden;
    • auch Laien auf Bistro aufmerksam zu machen und ihnen so die Übersetzung komplexer Inhalte zu erleichtern.

Siehe:

Bildung Lingaz Minderheitenschutz Plurilinguismo Recht Wissenschaft | Italianizzazione | | | Südtirol/o | | Deutsch

Selbstbestimmung? Logo! Sofort und täglich!

Da Markus Lobis riceviamo e volentieri pubblichiamo:

Wie schon früher in einigen bemerkenswerten Debatten auf dem stillgelegten ff-Forum hervorgehoben, hat das Konzept der Selbstbestimmung eine ganze Reihe von Facetten. In der Zuspitzung der Frage auf die Inanspruchnahme des Selbstbestimmungsrechtes in Form einer Volksbefragung für die SüdtirolerInnen wird die Debatte viel zu eng geführt und übersieht den für mich wichtigsten Aspekt: Jenen der persönlichen, der individuellen Selbstbestimmung.

Wir haben viele Möglichkeiten und Chancen für ein selbst bestimmtes Leben. Wir verfügen über eine gute Ausstattung an Menschen- und Individualrechten und sind im wesentlichen frei von existenziellen Bedrohungen. Wir haben gute Ausbildungsmöglichkeiten und in Südtirol kommt hinzu, dass die Mehrsprachigkeit, die einzigartige Möglichkeit bietet, sich in unterschiedlichen Kulturkreisen zu bewegen und persönlich dort zu wachsen, wo man es selber wünscht. Selbst bestimmt, eben!

Diese Chancen erschließen sich dem, der erkennt, dass Einsprachigkeit heilbar ist und die Mehrsprachigkeit den Schlüssel für gute persönliche Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Dies umso mehr, wenn man sich den Grundwerten des Abendlandes verbunden fühlt, die für mich weniger mit dem Kruzifix oder Andreas Hofer zu tun haben, sondern vielmehr mit Platon, Augustinus, Galileo Galilei, Luther, mit der Aufklärung, der Französischen Revolution, Marx, Sartre, Marcuse – um nur einige Begriffe und Namen zu nennen, die mir in den Sinn kommen.

Heute hat jede/r SüdtirolerIn die Möglichkeit zu einem Leben, das in erster Linie von der individuellen Selbstbestimmung geprägt wird. Einschränkungen sehe ich am ehesten im Versuch, den individuellen Entscheidungsrahmen durch künstlich aufgeblähte Konflikte zu begrenzen und zu manipulieren, die durch die geschichtlichen Entwicklungen in unserem Land bedingt sind. In einem tendenziell konservativ-patriarchalischen Umfeld kommt hinzu, dass es Versuche gibt, den Einzelnen im Interesse irgendwelcher höher gereihten Gemeinschaftsinteressen in ein großes Ganzes einzubinden, dessen Existenzberechtigung in Südtirol auch aufgrund mangelnder Demokratie- und Streitkultur zu wenig hinterfragt wird.

Da wir eine politische Regionalverfassung haben, die auf Trennung und Ausgrenzung beruht und in der es sich die politischen Akteure recht bequem eingerichtet haben, muss natürlich auch ein bestimmter Standard an entsprechenden Problemen aufrecht erhalten werden — wenn es sein muss, mit allen Mitteln.

Ich denke aber, dass sich ständig größer werdende Teile der Südtiroler Gesellschaft immer schneller vom Stand der politischen Verfasstheit weg bewegen und dass es an der Zeit ist, die Politik an den Stand der soziokulturellen Entwicklung anzupassen und nicht ständig zu versuchen, die gesellschaftspolitische Entwicklung unter Hinweis auf irgendwelche fragwürdigen Prinzipien und Prämissen der regionalen Politik zu behindern.

Diesen Grundkonflikt der Südtiroler Entwicklung lösen wir nicht mit der Frage, ob wir (wer, wir?) lieber bei Österreich wären, bei Bayern, Italien oder Schweden. Diese Debatte sehe ich eher als Ablenkungsmanöver.

Die Herausforderung für Südtirol liegt nicht in der territorialen Einbettung, sondern im Herzen der Südtiroler Gesellschaft. Sind wir in der Lage, aus eigener Kraft einen Rahmen zu schaffen, der uns eine pluralistische, offene Zukunft bietet und in dem der Stand der persönlichen Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung die wichtigste Meßlatte ist?

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ß: Hallo, mich gibt es auch noch!

Seit Umsetzung der Rechtschreibreform hat sich ein für das »scharfe S« mitunter tödliches Gerücht verbreitet, das jeglicher Grundlage entbehrt: Das gute alte Eszett sei abgeschafft worden, heißt es da nicht selten – und diese Fehlinformation ist zum Teil durchgedrungen in Redaktionen und Amtsstuben.

Fest steht dagegen: Der altehrwürdige Buchstabe hat immer noch seine Daseinsberechtigung und wurde durch die Rechtschreibreform lediglich einer Verjüngungskur unterzogen, die ihm m. E. gar nicht schlecht steht – wenn man eben vom Gerücht absieht, das Gegenstand dieses Eintrags ist.

All jenen, die die deutsche Orthographie – wie ich – noch unter dem alten Regelwerk erlernt haben, möchte ich hier eine ganz einfache Faustregel nahelegen: Wo das Eszett nach alter Regel gesetzt werden musste, bleibt es auch heute noch, es sei denn es folgt auf einen kurzen Vokal. In diesem Fall wird es durch »ss« ersetzt. Also:

früher: das Faß > ß folgt auf kurzes a > neu: Fass
früher: der Fluß > ß folgt auf kurzes u > neu: Fluss
früher: keß > ß folgt auf kurzes e > neu: kess

aber:

früher: das Maß > ß folgt auf langes a > bleibt Maß
früher: der Fuß > ß folgt auf kurzes u > bleibt Fuß
früher: fraß > ß folgt auf kurzes a > bleibt fraß

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ISLRF.

Minderheitensprachen Frankreichs treffen sich in Barcelona

Am kommenden Wochenende tritt in Barcelona, auf Einladung der katalanischen Bressola-Schulen Nordkataloniens, das Institut Supérieur des Langues de la République Française (ISLRF) zusammen. Dabei handelt es sich um das Bildungs- und Forschungsinstitut, das die Bressola-Schulen, die elsässischen von ABCM-Zweisprachigkeit, die baskischen Seaska, die bretonischen Diwan und die okzitanischen Calandreta vereint. Diese Schulen werden derzeit von rund 10.000 Schülern in 120 Zentren besucht.

Damit treffen sich in Barcelona die wichtigsten Akteure des Regionalsprachunterrichts. All diese Schulen praktizieren die Immersion in der betreffenden Sprache und beteiligen sich an der Wiederbelebung der unterschiedlichen kulturellen Identitäten innerhalb des französischen Staates. Sowohl die katalanischen, als auch die elsässischen, bretonischen und okzitanischen Schulen haben während der letzten Jahre ein großes Wachstum erlebt und konfrontieren sich derzeit mit der Herausforderung, einer immer größerwerdenden Nachfrage zu begegnen.

Quelle: Racó Català 

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Kargisch und Dekoro.

Ein Vortrag von Benedikt Loderer*, Stadtwanderer,

gehalten in leicht abgewandelter Form am 14.03.2006 im Rahmen der Gesprächsrunde »Architektur/Rezepte«, die der Kunstverein gokart in Zusammenarbeit mit der Landesberufsschule für das Gast- und Nahrungsmittelgewerbe »Emma Hellenstainer« zu Brixen an der Universität, ebenda, organisiert hat.

Meine D + H,

haben Sie gelesen, was die Einladung versprach? “Südtirol ist eine der grossen Sehnsuchtslandschaften Europas. Die touristische Erschliessung und Nutzung der Landschaft bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen respektvollem Umgang mit Landschaft, Kultur und Bevölkerung auf der einen Seite und der Störung und Zerstörung derselben auf der anderen.” Dreimal Landschaft in zwei Sätzen, das Subjekt unserer Geschichte ist offensichtlich die Landschaft. Wir werden sehen.

Eine Einführung wurde Ihnen versprochen, allerdings nicht von mir. Nun ja auch ich komme aus einer Landschaft, bin ein Kind der Berge, drei Jahre lang Mitglied der Jugendorganisation des Schweizerischen Alpenclubs, in der Wolle gefärbt also und das werden Sie noch merken. Ich führe Sie also in die Alpen unter besonderer Berücksichtigung ihrer Architektur. Damit dieser Auftritt einen roten Faden hat, garniere ich ihn mit 13 starken Sätzen, ein Verfahren, das den Mitschreibern unter Ihnen die Essenz finden hilft und allen andern die noch zu bewältigende Redestrecke verdeutlicht: nach dem 12. starken Satz kommt nur noch einer.

Glauben Sie an die einmalige Landschaft, wie sie die Veranstalter dieser akademischen Zusammenrottung selbstverständlich voraussetzen? Wenn Sie zur Tourismusfraktion gehören, tun Sie das mit kommerzieller Inbrunst, wenn sie ein denkender Mensch sind, zögern Sie und sagen: Ist nicht jede einmalig? Können Sie mit dem Satz: “Das Material ist, was es ist” etwas anfangen? Gehören Sie zu den Architekten der strengen Observanz, so enthält er ein helvetisches Bekenntnis, sind Sie im Gastgewerbe tätig, so stocken Sie und murren: Was denn sonst? In beiden Fällen liegt es nicht an der Wortwahl, sondern am Hintersinn. Einmalig, Landschaft, Material sind Wörter, die auch Sie verstehen, wenn sie zu Worten werden, sind es Offenbarungseide. Sie künden von einer Haltung, genau das, was die “tadellose Haltung” im Offizierskasino einmal war: die innere Übereinstimmung mit den von der eigenen Klasse geforderten Wertordnung.

Sie sehen, es wird ernst, bitterernst.

Nun, denken da die unbeteiligten Biedermänner, halb so wild, bei uns kann jeder nach seiner Façon selig werden. Das ist nichts als Trägheit des Urteils und wird spätestens von den Baureglementen als Schlamperei entlarvt, die sich Toleranz nennt. Dort steht nämlich im Befehlston: “Die Bauten und Anlagen müssen in ihrer Gesamtheit und ihren Einzelteilen sich harmonisch in das Orts- und Landschaftsbild einfügen”. Es gibt also eine Façon, nach der selig zu werden wir gesetzlich verpflichtet sind: das Orts- und Landschaftsbild, und zwar harmonisch. Man kann es im ersten starken Satz zusammenfassen: Harmonisch sei der Bau, bildtreu und örtlich. In den Alpen gelten also verschärfte Regeln. Warum? Weil wir seit Albrecht von Haller und Jean-Jacques Rousseau daran glauben, die Alpen seien schön. Das ist ein Geschmacksurteil, doch keine Tatsache. Ebenso sind wir uns einig, dass die Berge unberührt am schönsten sind. Jungfräulich sozusagen. Darum darf man sie nur behutsam vergewaltigen: im harmonischen Stil.

Darum wissen wir alle, welche Bauten von “Natur aus” richtig sind: die der Bauern, genauer, der örtliche Tradition. Lassen wir vorerst beiseite, dass sie alle der Natur abgerungen sind, sie domestizierend und verändernd, dass also bloss von einer zweiten Natur die Rede sein kann. Ich erwähne diese Selbstverständlichkeit nur, um, wenn immer im Laufe dieses Tages jemand mit dem Erlösungswort “Natur” fechten möchte, daran zu erinnern ist: Natur, hierzulande, ist etwas Gemachtes. Im Gelände und mehr noch in den Köpfen.

In dieser gemachten Natur leuchtet still und mahnend die Tradition. Sie ist unsere Richtschnur, die Tradition ist traditionell, harmonisch, sie fügt sich lückenlos ins Orts- und Landschaftsbild ein. Das Dörfli ist edel, hilfreich und gut. Das, Sie haben es herausgehört, ist der zweite starke Satz.

Der Bergbauer baut keine Berge, doch er erfand die Harmonie. Ihm kam das zwar nie so vor, doch nachdem die Unterländer ihn fast drei Jahrhunderte lang enthusiastisch dafür gelobt haben, glaubt er es unterdessen selbst. Bei soviel Gefühlsinvestition muss allerdings die Frage erlaubt sein: Was ist denn Tradition? Sie entsteht über eine lange Zeit durch Versuch und Irrtum. Sie löst damit im Bauernjahr und -leben sich stets wiederholende Probleme. Kurz, sie stellt einen Satz von Lösungen dar, die das Überleben ermöglichen. In diesem Lösungssatz sind auch die abverheiten Versuche enthalten. Allerdings kann die Tradition nur auf sich wiederholende Probleme einen Lösung herausbilden. Für neue, sich verändernde weiss sie keinen Rat. Der dritte starke Satz bring es auf den Punkt: Tradition ist eine Methode, kein Bild. Die Tradition braucht generationenlang Zeit und eine geschlossene Gesellschaft, um wachsen zu können. Beides gibt es heute in den Alpen längst nicht mehr.

Als vor 150 Jahren der Tourismus sich in die Berge schlich, ja hereinbrach, da war die Tradition, die Methoden, mit denen die Bergbauern ihr Überleben sicherten, eine Kuriosität. Mit naturtrübem Blick wurde sie zur Ursprünglichkeit verschielt. Seither gibt es auf der einen Seite das Echte auf der andern die Ziererei. Der edle Wilde steht weit über dem korrupten Höfling, der knorrige Bergbauer ist dem verweichlichten Städter moralisch überlegen. Der Senn ist echt und der Unterländer verlogen. Oben herrscht die Gesundheit und unten die Tuberkulose. Ich könnte diese Gegensatzpaare ad infinitum vorsetzten, sie würden nur den vierten starken Satz und das wichtigste Bildungsgesetz des Tourismus’ bestätigen: Immer wo echt drauf steht, ist die Lüge drin. Man kann es auch anders formulieren: das Echte, Edle, Gute am Gebirge und am Bauern, war und ist immer eine Erfindung der Touristen.

Das Echte, wenn wir die Wirklichkeit anerkennen wollen, war das angstvolle Überleben, war karge Subsistenzwirtschaft, war schreiende Armut, der geduldete Inzest, die allgemeine Karies und verzweifelte Auswanderung. Man schämt sich fast den fünften starken Satz auszusprechen: Der ökonomische Naturzustand der Bergbevölkerung ist die Armut. Trotzdem: Was diesen Leuten das mühsame Überleben sicherte war ihre Produktion. Sie war traditionell, will sagen vorindustriell, aber es war ihre eigene Kraft. Ihr Leitbild ist der Acker.

Die Ziererei hingegen ist Konsum. Das Orts- und Landschaftsbild wird genossen, nicht bearbeitet. Das Produkt heisst Naturgenuss und nicht Alpkäse und Roggenbrot. Es ist eine Industrie in den Bergen. Sie verbraucht das Orts- und Landschaftsbild wie ein am Ort gefundener Rohstoff. Ihr Leitbild ist die Mine. Sie wird ausgebeutet, bis sie nichts mehr hergibt und dann verlassen. Mine und Acker sind unvereinbare Gegensätze.

Das haben die Tourismuspioniere instinktiv verstanden. Sie haben keine Chalets, sondern Schlösser in die Berge gesetzt. Sie hatten begriffen, dass der Tourismus grundsätzlich und immer das Fremde ist, das Andere, das Gegenteil. Der Konsum kann keine Tradition aufbauen, weil er nicht bewahren will, sondern verbrauchen. Wir stehen vor dem zweiten Bildungsgesetz des Tourismus und dem sechsten starken Satz: Tourismus ist immer Kolonisierung.

Die Tradition ist tot, das gleich noch der siebente starke Satz. Sie starb mit der Berglandwirtschaft aus. Zurück blieb ihr Bastard, die Folklore, die sich mit frecher Stirn ursprünglich nennt und echt, in Tat und Wahrheit aber nur das Mäntelchen ist, das die Tourismusindustrie der toten Tradition überzog. Man hat die Leiche in die Landestracht gesteckt und stellt sie nun im Wachsfigurenkabinett des Selbstbetrugs zur Erbauung der Natursucher aus.

Leider waren diese grundsätzlichen Abschweifungen notwendig, um das Sprachenproblem, das ich ihnen vorführen will, zu verstehen. Vor Jahren wurde ich einmal gefragt: Wie steht es mit dem Verhältnis zwischen den Architekten und den Hoteliers? Ich kam zum Schluss: Es steht nicht. Es gibt kein Verhältnis zwischen denen, weil die beiden gar nicht miteinander reden können. Man könnte oberflächlich betrachtet meinen, sie gebrauchten dieselbe Sprache.
Deutsch in Zermatt zum Beispiel, Französisch in Chamonix oder Italienisch in Cortina d’Ampezzo, kurz die Landesprache. Das wohl doch nur wenn von Gegenständen wie Eishockey oder Wanderwegen die Rede ist, reden sie gegenseitig verständlich. Geht es aber um Architektur, so sprechen die Architekten Kargisch, die Hoteliers und mit ihnen alle Touristiker reden Dekoro.

Kargisch das ist die Herrensprache, der Dialekt der Inhaber der kulturellen Gewalt. Kargisch zu lernen, ist die lebenslange Anstrengung, die man braucht, um kulturelles Kapital zu akkumulieren. Kargisch reden die Architekten der strengen Observanz, was heisst, der Zirkel der Ernsthaften, der Avantgardisten, der Sucher und Finder. Diese Leute haben die Zusammenhänge durchschaut, sie pflichten mir bei, wenn ich im fünften starken Satz behauptete: die Tradition ist tot. Sie tun dies mit der Überzeugung der Besserwisser, denn sie sind es, die diese Tradition seziert und beschrieben haben. Sie waren es, die die alten Bauernhäuser ausgemessen und gezeichnet haben, die ihre Typologie erkundeten. Die wissenschaftlich haltbaren Untersuchungen zur Tradition stammen alle aus ihrem Kreis. Ihre Grundaussage ist klar: Methode, nicht Bild.

Wer Kargisch spricht, will nicht unbedingt verstanden werden. Kargisch ist ein Mittel zur Abgrenzung. Die strenge Observanz erkennt am Beherrschen des Kargischen, ob einer zum Orden gehört oder nicht. Diese Leute suchen nicht den Beifall der Menge, sie reagieren sogar sehr empfindlich, wenn der Applaus von der falschen Seite kommt. Wichtig ist ihnen die Anerkennung von Ihresgleichen. Der Orden ergänzt sich durch Berufungen, nicht Aufträge. In kargisch sind die Zeitschriften und Websites abgefasst, kargisch spricht man an den Architekturschulen, kargisch werden die Wettbewerbe juriert, wer nicht kargisch kann, wird es zu einem erfolgreichen Architekturbüro bringen, nie aber zu Ruhm und Ehre. Die kargische Abgeschlossenheit und Selbstförderung ist unterdessen zum Starsystem mutiert.

Kargisch hat einen Hang zum Grundsätzlichen. Will man Kompromisse ausdrücken, eignet sich Kargisch schlecht. Im Gebirge redet Kargisch also: Da das Hotel das Fremde ist, wird dies auch immer sichtbar, so sehr man es mit Dekoro verkleidet. Darum soll es sich selber sein, Hotel, nicht Chalet. Das heutige Hotel muss man jedes Mal wieder erfinden, je nach Ort und Kundschaft. Traditionell kann daran nur die Nutzung sein, denn Hotels gibt es, seit es Gasthöfe gibt. Seine Form aber sei eine Antwort auf die Landschaft. Mit der längst nicht mehr vorhandenen Landwirtschaft hat es nichts zu tun. Komplex sei der Bau, kontextbezogen und neu, redet im siebenten Satz der Oberpriester der strengen Observanz.

Dekoro hingegen ist die Sprache der Diener, pardon Dienstleister. Dekoro will gefallen, verständlich sein. Lernen muss man nichts, es gilt das Prinzip Bequemlichkeit. Dekoro bedient. Bedient die angelernten Vorurteile, bestärkt die mitgebrachten Bilder. Doch Dekoro ist ausserordentlich lebendig und erfindungsreich. In Dekoro lässt sich alles ausdrücken, was in Kargisch nicht zu Wort kommt. Dekoro scheut jede feste Regel, Dekoro ist flexibel, vor allem in den Grundsätzen. Dekoro wendet sich an alle, schliesst niemanden aus, der zahlungswillig ist. Dekoro ist die Lingua franca des Tourismus. Dekoro ist die Sprache der Gefallsüchtigen.

Doch leider ist der kulturelle Status von Dekoro minderwertig, wer Dekoro redet, der bleibt gewöhnlich. Zwar kann man mit Dekoro weit mehr Geld verdienen, als mit Kargisch, doch kulturelles Kapital häuft sich damit nie. Kurz, Dekoro ist minderwertig, was die Dekoristen entweder verdrängen oder daran leiden. Davon heilt die Meisten der Blick aufs Bankkonto.

Doch wie baut man ein Hotel in Dekoro? Es gilt der Grundsatz: Der Gast will es so. Das führt bei Speisekarten zur Breite und Spezialitäten, auf die die Köche und Wirte stolz sind. In der Architektur hingegen sehen wir mit Zähneknischen der Herrschaft des allgemeinen alpenländischen Lederhosenstils zu, geboren aus dem Geiste der Sentimentalität. Dekoro, das ist die gebaute Gefühlsschlamperei.

Der Gast will es so, muss übersetzt werden. Es ist die Vorwegnahme der Erwartung. Der eigenen, nicht der Gäste. Es ist das architektonische Familienpensionsdenken. Es sind die Alpen von gestern, die der Dekorist sich herstellen will. Seine Alpen. Vielleicht waren seine Grosseltern noch Bergbauern, die Eltern jedoch kaum, die haben gewirtet und sehnten sich nicht nach dem Viehhüten. Die Arvenstübli und die Carnozets, die Holzhäute über dem Betonkern, die Kunstoffbalkendecke, die Tiroler Balkonbrüstung, kurz, der ganze folkloristische Schmuckbehaft, das sind die Bilder, die die Hoteliers selber in sich tragen. Ihr verklemmtes Bedürfnis nach dem Dörfli, das sie mit ihrem Neubau ein Stück mehr zerstören. Es geht um Bilderhandel, Ablassgeschäfte. Dekorativ sei der Bau, sentimental und beruhigend lautet darum der achte starke Satz.

Was aber ist mit dem Gast, der da will? Er wird nicht gefragt, aber er entscheidet durch seine Wahl. Leider muss ich hier eingestehen, dass es nicht die Architektur ist, die sie entscheidet. Die Aussicht, die Küche, der Service sind in jedem Fall wichtiger. Die Landschaft allerdings wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Einzig bei den wenigen kargischen Hotels entscheidet sich die kargische Kundschaft für die kargische Architektur, womit die Kargen wieder unter sich wären und einen Nischenmarkt darstellen. Denn macht man eine quantitative Betrachtung, so gehören diese Häuser in die Abteilung kulturelle Exotik.

Als ich einmal kurz für das Schweizer Fernsehen arbeitete, hiess das Killerargument: so will es das Publikum. Welches Publikum was will, wurde nie gefragt. Anders herum, sowenig wie das Publikum, gibt es den Gast. Nur ein Beispiel: Der Snowboarder hat zwar 18 Jahre aber wenig Geld, er sucht Rambazamba unter Seinesgleichen, nicht die erhabene Ruhe angesichts der Ewigkeit der Gipfel. Seine Grundbedürfnisse sind existenziell: Gibt es Schnee, gibt es Girls?

Wie im zweiten starken Satz bereits festgehalten ist mit dem Dekoroprogramm der Glaube an das Dorf verbunden. Oben auf der Hangschulter liegt im warmen Sonnenschein mys Dörfli, die intakte Heimat meiner schlampenden Gefühle. Leider aber: Wer sich diesen Glauben bewahren will, muss zu Hause bleiben. Wer aber ins Dörfli fährt, der sieht als erstes die geschlossenen Fensterläden der Zweitwohnungen, den ebenso geschlossenen Dorfladen und die aufgegebene Poststelle. Doch sind das nicht die Anzeichen des Niedergangs, sondern die Merkmale des Erfolgs. Das Dorf ist zum ersten Mal in seiner Existenz aus den Bergen heraus gekommen. Genauer, die Welt kam zu ihm. Und seit die Strasse da ist, um die die Dörfler so lang gekämpft haben, seither gehört das Dorf endgültig zur Stadt. Denn die Verstädterung reicht so weit, wie das Auto fährt. Darum muss man das Dörfli als temporäre Schlafstadt begreifen, nicht als ausgestorbenes Bergbauerndorf. Das Dorf ist die Folklore, die Schlafstadt die Tatsache. Der Alpenbogen ist heute ein grosser Stadtpark, kein Naturreservat. München, Mailand, Zürich brauchen ihren Auslauf. Die Leute aus dem Dickicht der Städte bringen ihre Stadt mit und bauen sie in die Berge. Dörfer gibt es nur noch gegen Armut zu haben. Wir müssen uns an den fünften starken Satz erinnern: Armut ist der ökonomische Naturzustand der Bergbevölkerung.

Ich habe Zermatt eine Woche lang von oben betrachtet: Ein Talkessel ist randvoll mit ungeordneten Bauten aufgefüllt, kaum eine Grünfläche gibt es im Talboden noch, kurz eine Stadt in den Bergen. Da wendet sich kein Gast mit Grausen, nein, alle wollen da hin. Die Stadt Zermatt, wie auch die Städte St. Moritz, Garmisch-Partenkirchen, Chamonix und Gstaad sind begehrt und vom Dorf redet nur noch der in Dekoro verfasste Prospekt. Das führt zum neunten starken Satz: Wer nicht arm ist in den Bergen, wohnt in der Stadt. Etwas weniger um die Ecke geredet: Die Alpen sind verstädtert, wo sie es nicht sind herrscht die alpine Brache. In der Boulevardzeitung steht: Bergdorf röchelt, Bergstadt lebt.

Heute ist die Bergseligkeit, das Ergriffensein angesichts der Erhabenheit des Hochgebirges ein Minderheitenprogramm für die Andacht der Naturfrommen. Für den heutigen Gast gilt der zehnte starke Satz: Die Alpen sind ein Sportgerät. Seit man nicht mehr zu Fuss gehen muss, sind die Berge nur noch ein Konsumgut wie jedes andere, wie ein Badestrand in der Karibik oder eine Disco in Zürichwest zum Beispiel. Den Unterschied machen nur noch die Laune, die Kaufkraft und die Zugänglichkeit. Die Alpen sind nichts Besonderes mehr.

Denn die vollständige Mechanisierung der Alpen hat sie klein und geheimnislos gemacht. Das Konsumgut wurde konsequent erschlossen und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Nur die Klimaerwärmung wird den Zugriff stoppen. Zurück wird eine ausgelaugte Landschaft bleiben, übersät mit Investitionsruinen. Darum: Wem es heute mit dem Alpenschutz ernst ist, der stellt die Bergbahnen und Skilifte ab. Ja, ich weiss, doch Armut ist der ökonomische Naturzustand der unversehrten Berge. Landschaft wird mit Verzicht bezahlt, das der elfte starke Satz. Er ist unanständig, weil er auf Tatsachen gründet, aber trotzdem wahr.

Am Schluss muss ich Ihnen noch vorführen, dass ich meine Hausaufgaben gemacht habe. “Magie der Vielfalt. Mit diesem Slogan wird Südtirol beworben. Hat die neue Werbelinie Auswirkungen auf die Gastronomie, auf die Architektur?” fragt die Einladung zu dieser Gesprächsrunde. Ich bitte um Nachsicht, dass ich die Gastronomie schwänze. Es hat Redner nach mir, die meine Erfahrungslücke mit Tiefe stopfen werden. Aber auf die Architektur? Überschätzen wir die Werber nicht, ihr Einfluss auf die Architektur beginnt immer erst hinterher, dann wenn sie sie zu Werbezwecken benutzen und Bilder in die Köpfe pflanzen. Doch bedeutender wäre die Frage, wie die Architektur den Tourismus beeinflusst und umgekehrt.

Gehe von deinen Beständen aus und nicht von deinen Parolen, mahnt uns Dr. Gottfried Benn. Nun der Bestand ist vorhanden. Die Baudenkmäler, die Burgen, Schlösser und die Altstädte sind die einzigen wirklich tourismuswirksamen Architekturen. Sie prägen neben der Landschaft das Bild der Prospekte und möblieren die Erinnerung. Fast alle Menschen dieser Erde reagieren auf das grafische Kürzel des Eiffelturms wie Pawlows Hund: Paris, selbst wenn sie noch gar nie dort waren. Die wenigen Beispiele der Moderne dagegen sind Exquisitäten, die nur von wenigen Kennern besucht werden.

Die ungeheure Masse des allgemeinen alpenländischen Lederhosenstils, die wir zu erdulden gezwungen sind, beeinflusst zu meinem Leidwesen den Tourismus nicht negativ. Der funktioniert auch ohne gute Architektur. Die Rettung des Tourismus durch Architektur ist also eine Illusion. Immerhin, seine Verbesserung durch Architektur scheint möglich, nur müssten dazu die Architekten Dekoro und die Hoteliers Kargisch lernen. Anders herum: sie müssten miteinander reden, statt sich mit Misstrauen zu belauern. Die Architekten müssten dabei einsehen, dass Dekoro die Ausschmückung der Sehnsucht ist. Die Leute wissen sehr genau, dass sie sich etwas vormachen, sie sind sehr wohl in der Lage, die Lederhosenarchitektur als Selbstbetrug zu erkennen. Sie haben aber Ferien, von der Arbeit und der Wirklichkeit. Sie freuen sich, ein Bühnenbild zu bevölkern, das ihretwegen aufgestellt wurde. Es ist ein Rollenspiel, das nicht allzu ernst genommen wird. Der Ausnahmezustand Urlaub entbindet vom Urteil. Das ist eine seiner Aufgaben. Schlimm am Dekoro ist nicht sein Vorhandensein, sondern wie mies und lieblos es gemacht ist. Wir fordern von den Hoteliers besseren Dekoro und von den Architekten auch. Darum lautet der zwölfte starke Satz: Lernt besser Dekoro. Besser heisst hier fantasievoller, freier, lustiger. Man muss endlich aus dem Geissenstall ausbrechen. Das Dörfli liegt hinter uns, wer für die Bergstadt baut und das Freizeitgerät bestückt, der hat mehr Möglichkeiten als das Dörflivokabular. Man muss sie nutzen. Das beginnt damit, dass das Fremde auch fremd aussieht.

Denn wenn man sich vorstellt, was an Stelle der Lederhosen hätte gebaut werden können, Dinge von der Wucht und Qualität der ersten Hotelschlösser, von der Verspieltheit Carlo Molinos, von der grossartigen Geschlossenheit der Retortenstädte in Savoyen, so kann man das Schluchzen kaum zurückhalten.

Dieser Lederhosenarchitektur wegen wird heute und auch in Zukunft garantiert niemand hierher reisen. Man muss von einem langfristigen Fehlinvestment reden.

In der Gegenrichtung ist der Einfluss des Tourismus auf die Architektur gering. Deren Entwicklung geschieht im Zirkel der strengen Observanz und da gehören die landesüblichen Dekoroarchitekten definitiv nicht dazu. Anders herum: Der Tourismus leistet keinen Beitrag zur Architektur. Noch, sage ich nicht ohne Hoffnung. Noch helfen die Rosinen im Hosenträgerteig nichts. Es müsste statt Rosinen Sauerteig sein. Solche Projekte gibt es, ich nenne stellvertretend nur den Turm auf der Schatzalp oberhalb Davos von Herzog und de Meuron. Hier wird die Tatsache Alpenstadt in Architektur umgesetzt. Darum lautet der dreizehnte starke Satz: Vermesst eure Oberstübchen neu. Anerkennt die Realität. Sie hat drei Stichworte: Bergstadt, Sportgerät, Superdekoro.

Schernelz, 13. März 06 LR

*) Benedikt Loderer (geb. 1945) studierte Architektur an der ETH Zürich. Er arbeitete als Architekt und als freier Journalist, als Fernsehmitarbeiter und Hörspielautor. Bekannt wurde Loderer als Architekturkritiker des »Zürcher Tagesanzeiger«. 1988 gründete er im Verlag Curti Medien »Hochparterre«, die Illustrierte für Gestaltung und Architektur. 1991 übernahm die Redaktion die Zeitschrift im eigenen, selbstverwalteten Kleinbetrieb. Quelle: Turris Babel – tb70extra.

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Sträubnis.

Die Nachricht [i] hat in den letzten Tagen die Runde gemacht: Italienische Schüler aus Bozen schneiden mit ihren Deutschkenntnissen schlechter ab als ihre Kollegen in Trient. Eine Welle der Empörung geht mit unterschiedlichen Vorzeichen durch die Südtiroler Gesellschaft, als hätte man es nicht gewusst: Wir leben in einer ethnischen Scheinehe, die dann am besten funktioniert, wenn man sich möglichst wenig über den Weg läuft. Dies gilt besonders für die Landeshauptstadt, weil dort im Rahmen einer surrealen Realitätsferne die Gettisierung und Abschottung der Italiener am besten gegriffen hat: Man wähnt sich in einem Land, das es so nicht gibt, in einem Zustand, den es nie gegeben hat und mit einer Wunschvorstellung nationaler Homogenität, die es so nie [wieder] geben wird.

Wie konnte es dazu kommen? Die Autonomie, von ihren Machern ohne Rücksicht auf Verluste ein- und durchgeführt, musste tatsächlich vor allem eines: Deutsche und Ladiner vor dem Untergang bewahren. Der zweite Schritt, nämlich als Konsequenz der gescheiterten Assimilierungs- und Majorisierungspolitik des faschistischen Regimes eine neue Südtiroler Gesellschaft zu formen, wurde in der Hitze des Gefechtes nie oder bei weitem nicht im befriedigenden Ausmaß gewagt. Die einen wollten nicht mit den Nachkommen der Täter fraternisieren, ein Schemendenken, das dem Leid vieler regelrecht importierter Italiener nicht Rechnung trägt. Während die anderen nicht akzeptieren konnten, zugunsten »Fremder« auf ihre ehemaligen Privilegien verzichten zu müssen. Die notwendige positive Diskriminierung, wie sie heute in der Geschlechtergleichstellung (unzureichend) praktiziert wird, wurde mangels Einbindung von vielen fehlverstanden.

Nun war diese Trennung ob eines Jahrzehnte währenden Kräftemessens mitunter vonnöten. Einem ernsthaften Fortschritt dieser Gesellschaft jedoch kann sie nur noch im Wege stehn. Die Antwort auf die Eurac-Sprachstudie kann und darf demnach nicht erneut symptomorientiert sein. Nicht mehr und nicht besser muss der Deutschunterricht an italienischen Schulen vordergründig werden. Nichts anderes wäre das, als eine Verschärfung der gescheiterten Zwangsbeglückung. Das für ein zweisprachiges Modell beschämende Ergebnis – so partiell es auch sein mag – muss eine ernsthafte Auseinandersetzung mit seinen Ursachen zur Folge haben. Die Zeit ist reif für eine gemeinsame Aufarbeitung der getrennten Gegenwart und für eine entschiedene Einarbeitung sämtlicher Sprachgruppen in die spezielle und kulturautonome Realität dieses Landes. Das muss und darf nicht im Kniefall enden, sondern in der Einsicht, dass ein gemeinsames Bewusstsein für die Zukunft dieses Landes unerlässlich ist. Und das kann nicht in Rom und Wien ausgetragen werden, sondern im Hier und Jetzt der gemeinsamen Verantwortung für unsere Lebensbedingungen.

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Sprachimmersion.

In letzter Zeit ist das Thema Sprachunterricht – bedingt etwa durch die Kandidatur von Frau Elena Artioli auf den Listen der SVP – wieder verstärkt in den Mittelpunkt gerückt. Die Frau schlägt etwas vor, was wohl den meisten Südtirolern ein ernsthaftes Anliegen ist, und zwar die Sprachkompetenz des Nachwuchses noch stärker zu forcieren. Ich bin selbst auch davon überzeugt, dass in Südtirol eine noch bessere Vermittlung der Spachen (sämtlicher Sprachen, vieler Sprachen!) vonnöten ist. Es könnte z.B. auch ein umfangreiches freiwilliges Angebot der Schulen unter Beibehaltung des heutigen Schulsystems sein. Allerdings bin ich seit jeher skeptisch, ob das in Vorträgen illuminierter Experten so hochgelobte Immersionsmodell unseren Bedürfnissen wirklich genügt, die da auch sind: der Minderheitenschutz. Ich bin jüngst im Netz auf eine wissenschaftliche Analyse der Situation im Aostatal gestoßen, die ich hier verlinke:

Hier geht’s zur Studie.

Falls etwas Zeit vorhanden, empfehle ich, die sehr detaillierten Daten genauer unter die Lupe zu nehmen. Selbstverständlich muss man stets vorsichtig sein, wenn man Regionen mit unterschiedlicher Geschichte vergleicht. Dennoch finde ich die Ergebnisse ernüchternd und erschreckend, von Multikulturalität und Mehrsprachigkeit in einem Ausmaß wie in Südtirol kann da keine Rede (mehr) sein! Davor kann niemand die Augen verschließen, dem die Mehrsprachigkeit Südtirols ein Anliegen ist.

Das Fazit könnte natürlich sein, sich weiterhin (und verstärkt) der Immersion zu verschließen – während aufgeklärte Bürger nach wie vor daran festhalten könnten, um den Istzustand auch unter dem Risiko aufzubrechen, langfristig Schaden davonzutragen. Beide Haltungen sind für mich nachvollziehbar und haben ihre philosophische und politische Daseinsberechtigung.

Bis jetzt ist allerdings im Widerstreit der Positionen untergegangen, dass die Quadratur des Kreises wohl durch ein höheres Maß an Selbstbestimmung für Südtirol zu erreichen wäre. Dadurch würde man nämlich die Ausgangslage (also sämtliche Voraussetzungen) auf einen Schlag zum Besseren verändern. Im Klartext: In einer lösgelösten Situation (etwa Luxemburger Verhältnisse), wo es keine natürliche Entwicklung hin zu einem angeschlossenen »Nationalstaat« geben kann, ist Assimilierung kaum zu befürchten, multikulturelle Bestrebungen könnten erfolgreich verlaufen. Solange wir aber nicht kulturelles und geistiges Zentrum unserer selbst sind, sondern lediglich die Peripherie zweier Sprachräume, laufen wir stets Gefahr, dem Beispiel des Aostatals zu folgen – in den Abgrund.

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