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Der Einheitsschalter für das Bauwesen.
Irrwitzige Bürokratie, untergrabene Sprachrechte

Seit Inkrafttreten des neuen »Gesetzes für Raum und Landschaft«, das ich — im Gegensatz zu anderen Kollegen — für nicht so misslungen halte, gelten in Südtirol auch neue Genehmigungsverfahren und -arten für Bauvorhaben. Im Grunde wurde diesbezüglich, entgegen aller Beteuerungen, eins zu eins das italienische System übernommen, vor dessen grundsätzlichen Risiken und Unzulänglichkeiten ich schon vor Jahren gewarnt hatte.

Übernommen wurde außerdem das unübersichtliche, höchst bürokratische digitale Einreichungsverfahren über den staatsweiten SUAP (Sportello Unico per le Attività Produttive – https://impresainungiorno.gov.it) bzw. den darin eingebetteten ESB (Einheitsschalter für das Bauwesen), die nur teilweise auf Deutsch und gar nicht auf Ladinisch funktionieren.

Ich will und kann hier nur ansatzweise einen Einblick in das Chaos geben, das dort herrscht.

Sprachlich wird man als Nutzerin selbst dort, wo eine deutsche Fassung existiert, immer wieder auf die italienische Version des Portals zurückgeworfen, vergleichbar mit einer analogen Prozedur, bei der die Beamtin immer wieder aktiv versuchen würde, Italienisch als Verfahrenssprache durchzusetzen — und das bei einem Amtsgeschäft, das zumindest nominell von den einzelnen Südtiroler Gemeinden angeboten wird. Dass das wohl auch jeder digitalen Good-Practice-Regel widerspricht, lässt sich leicht vermuten.

Die typische »deutschsprachige« Willkommensseite des SUAP-Portals einer Südtiroler Gemeinde sieht folgendermaßen aus:

Bildschirmausschnitt – Schwärzung und Hervorhebungen von mir

Erinnert ein wenig an 1922 in digital. Doch beim Ausfüllen eines Baugesuchs wird es dann noch wirklich abenteuerlich:

Bildschirmausschnitt – Hervorhebungen von mir, die eingegebenen Daten sind erfunden

Vieles ist einfach gar nicht ins Deutsche übersetzt. Die Namen von Staaten, Provinzen (einschließlich Bozen) und den meisten Südtiroler Gemeinden — Tolomei lässt wieder einmal freundlichste Grüße übermitteln — gibt es nur auf Italienisch. Andere Bezeichnungen (wie »Fundoles – Pfunders« im obigen Bild) sind einfach nur falsch.

Bildschirmausschnitt – Hervorhebungen von mir, die eingegebenen Daten sind erfunden

Bei der Wohnsitzadresse gilt es, eine »typische Bezeichnung« anzugeben, wobei man zwischen »ALLEE«, »Andere«, »KURS«, »LARGO«, »Platz« und »Strasse« auswählen kann. Im Deutschen unsinnig, denn es gibt keinen »Platz Dom« (analog zu »Piazza Duomo«) oder »Dom Platz«, sondern nur einen »Domplatz«.

Bildschirmausschnitt – einsprachiger Hinweis beim Abspeichern von Zwischenschritten

Auf Grundlage der Angaben wird dann vom System eine Vollmacht ausgespuckt, die von der Auftraggeberin zu unterschreiben ist. Und die sieht wiederum so aus:

Bildschirmausschnitt – Schwärzungen und Hervorhebungen von mir, die eingegebenen Daten sind erfunden

Inhaltlich sind in der Folge gefühlt Millionen Fragen abzuarbeiten, die mit dem konkreten Bauvorhaben meist gar nichts zu tun haben — etwa zu Skipistenplan, Friedhofsbannstreifen oder Risiko von schweren Störfällen.

Bildschirmausschnitt »Unfälle/Störfälle«

Letzteres ist eines meiner Lieblingsbeispiele für unnötige, realitätsferne Bürokratisierung. Ausfüllende müssen selbst recherchieren und deklarieren, ob in der Gemeinde, bei der ein Bauantrag eingereicht wird, eine Tätigkeit mit »Risiko von schweren Unfällen/Störfällen besteht« — als ob das die Verwaltung nicht selbst besser wüsste. Ratio solchen Unsinns ist wohl die Abtretung von Verantwortung an die Bauwerbenden.

Aus Unterhaltungen mit mehreren Kolleginnen weiß ich, dass vielen gar nicht klar ist, was mit diesem und manchen anderen Punkten gemeint ist und schlussendlich einfach irgendwas angeklickt/angekreuzt wird. Auch die Gemeinden selbst können erfahrungsgemäß — anders als beim alten analogen Verfahren — kaum behilflich sein, da sie die Plattform nur vom anderen Ende her kennen, wo die bereits ausgefüllten Anträge einlangen.

Auch das Verfahren zur Beschränkung der versiegelten Flächen ist kurios:

Bildschirmausschnitt »B.V.F.-Verfahren«

Eigentlich ein sinnvoller Ansatz, wird die geforderte Vorabbescheinigung meines Wissens nur von einer Gemeinde (Bozen) angeboten, wo diese Vorgabe schon seit vielen Jahren existiert. Die Umsetzung ist dort allerdings von einer den Hausverstand beleidigenden Widersprüchlichkeit und Komplexität.

Keine andere Gemeinde, zumindest keine, mit der ich beruflich Kontakt hatte, bietet das Verfahren an, obschon es inzwischen mit Dekret des Landeshauptmanns (Nr. 17/2020) auf das ganze Land ausgeweitet wurde und im ESB abgefragt wird. Bauwerbenden bleibt also nichts anderes übrig, als beim Ausfüllen des Antrags Falsches zu erklären, denn anders lässt sich der Antrag gar nicht verschicken.

Es ist ein Riesenchaos, dem Bürger- und Planerinnen hier wieder einmal ausgeliefert werden. Welches Verständnis von Verwaltung hier dahintersteckt, kann man erahnen. Im Vergleich zum bisher etablierten analogen Verfahren bedeutet die digitale Bauakte in dieser Form eine exponentielle Zunahme von Bürokratie und Unklarheiten sowie eine krasse Verschlechterung der Zwei- und Dreisprachigkeit. Warum hier in einem Zuständigkeitsbereich von Land und Gemeinden ein derart dysfunktionales staatsweites System übernommen wurde, ist mir unerklärlich.

Beziehungsweise: Die immer deutlichere Integration mit dem italienischen Staat in allen Bereichen (quasi als »normale« Provinz) soll vermutlich Überraschungen und Schwierigkeiten an den Schnittstellen zwischen Italien und Südtirol vermeiden.

»Ein bisschen autonom« funktioniert halt schlecht, wenn dann Bürgerinnen auf Grundlage autonom genehmigter Bauvorhaben staatliche Steuern zahlen müssen oder staatliche Boni einstreichen wollen. Also wird eben vorauseilend immer stärker homogenisiert und freiwillig zentralisiert, mit Bürokratieauf- und Mehrsprachigkeitsabbau statt umgekehrt.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/ 6/ 7/ 8/ | 9/ 10/

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Tourismus schmückt sich mit der Vetta.

Mit den (nach wie vor lebendigen) Relikten des faschistischen Imperialismus in Südtirol zu werben ist längst kein Tabu mehr. Eine öffentliche Gesellschaft wie die IDM (bzw. ihre Vorgängerin SMG) hatte es schon vor einigen Jahren vorgemacht, als sie ohne kritischen Hinweis das Siegesdenkmal auf ihrem Instagram-Kanal präsentierte.

Nun wirbt ein Luxushotel im Ahrntal auch noch mit der Vetta, der wohl dreistesten Namensfälschung des Protofaschisten Ettore Tolomei — die zudem auch geografisch ein Fake ist: Der nördlichste Punkt Südtirols (und somit auch Italiens, das es annektiert hat) ist nicht der Klockerkarkopf, sondern das Westliche Zwillingsköpfl.

Nichtsdestoweniger war auch und gerade dieser frei erfundene Name mit dafür verantwortlich, dass Südtirol am Ende des Ersten Weltkriegs Italien übergeben wurde.

Hätte Südtirol die Möglichkeit, wie viele andere autonome Gebiete frei über die Ortsnamen zu befinden, wäre die Vetta — bis heute ein Liebling neofaschistischer Bewegungen — wohl einer der ersten, die fallen würden.

Die Hemmungen der Touristikerinnen im Lande, mit imperialistischem »Ungut« zu werben, scheinen jedoch nach und nach zu fallen. Hauptsache, es könnte dem (möglichst unwissenden) Gast gefallen.

Erst kürzlich haben wir übrigens konstatiert, wie rasch aus unwissenschaftlichen Tourismuslügen Daten und Fakten werden können. Wenn sich dieser Umstand mit bis heute aufrecht gebliebenen Zeugnissen einer ethnischen Säuberung vermischt, ist das Ergebnis umso besorgniserregender.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ | 4/

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Warum ich es Julien nenne.
In eigener Sache

Einigen wird vielleicht schon aufgefallen sein, dass ich in letzter Zeit mehrmals die Bezeichnung Julien statt Julisch Venetien benutzt habe. Hier möchte ich erklären, warum ich das für richtig halte.

Das Gebiet, das auf Slowenisch und auf Kroatisch gleichlautend Julijska Krajina (Endonym) sowie auf Englisch Julian March (Exonym) genannt wird — was in beiden Fällen soviel wie Julische Mark oder Julisches Grenzgebiet bedeutet —, gehört nur zu einem kleinen Teil zum italienischen Staat und ist dort erheblichenteils mit der Provinz Triest ident.

Die anderen Provinzen der als Friaul-Julisch Venetien bekannten italienischen Region bilden im Wesentlichen das Friaul — während der größte Teil von Julien heute in Slowenien und Kroatien liegt.

Die Bezeichnung Venezia Giulia stammt vom Linguisten Graziadio Isaia Ascoli, der den politisch aufgeladenen Begriff im 19. Jahrhundert gemeinsam mit jenem der Tre Venezie (oder des Triveneto) erfand. Er stellte damit eine angebliche, auch nationale, Zugehörigkeit Tirols südlich des Alpenhauptkamms sowie des Friaul und Juliens zu Venedig in den Vordergrund, was für einige Gebiete als Halbwahrheit und für andere als reine Lüge bezeichnet werden muss.

Vom italienischen Irredentismus wurde die Idee der Venezia Giulia jedenfalls dankbar aufgegriffen, da sie die erwünschte Zugehörigkeit zu Italien legitimierte und die Anwesenheit großer slawischer Bevölkerungsteile verschleierte.

Die im Faschismus offiziell eingeführte und anschließend beibehaltene Benennung ist aber bis heute irredentistisch konnotiert, da eben der größte Teil der sogenannten Venezia Giulia nicht zum italienischen Staatsgebiet gehört. Und immer noch trägt sie auch dazu bei, die slawische Bevölkerung, zumindest im zu Italien gehörenden Teil der Kraijna, unsichtbar zu machen bzw. an den Rand zu drängen.

Nicht zuletzt legitimieren die Begriffe Venezia Giulia und Venezia Tridentina auch die angebliche Existenz des Triveneto, woran ich mich auch indirekt nicht beteiligen will.

Ohne Eigenkreationen wie Julische Mark zu bemühen, werde ich also fortan statt des nationalistisch und imperialistisch konnotierten Namens die neutralere Bezeichnung Julien (im Italienischen Giulia) verwenden — und auch meine älteren Postings entsprechend anpassen.

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Cesare Battisti und die Brennergrenze.

Vor wenigen Tagen bin ich zufällig wieder auf einen älteren SaltoBeitrag von Giuseppe Matuella (2016) gestoßen, in dem er die Position von Cesare Battisti zur Annexion Südtirols durch Italien ausführt. Es handelt sich dabei um eine Antwort auf Vincenzo Calì, der zuvor behauptet hatte, in Südtirol werde bewusst verschwiegen, dass der Trentiner Irredentist Italien an der Sprachgrenze und somit bei Salurn hätte enden lassen wollen.

Tatsächlich finde ich jedoch, dass dies in Südtirol nicht nur nicht unterschlagen, sondern noch immer von vielen für die Wahrheit gehalten wird.

Anhand mehrerer Zitate — darunter Zeitungsartikel, aber auch Briefe an den italienischen König oder an Ettore Tolomei — versucht Matuella nachzuweisen, dass Battisti eben nicht bis zuletzt ein sogenannter Salurnist war. Vielmehr habe er, sobald er sich durch Umsiedelung nach Italien in Sicherheit gebracht hatte, ganz andere Positionen vertreten.

Da ist von einem Italien in seinen natürlichen Grenzen, von Grenze am Alpenhauptkamm, von Vetta d’Italia und Alto Adige die Rede. Tolomei schrieb er demnach im Oktober 1914:

Seien Sie beruhigt. Ich bin keineswegs ein Salurnist.

– Cesare Battisti

Dass diesem Herrn in Südtirol nicht nur eine Büste am faschistischen Siegesdenkmal, sondern auch nach wie vor zahlreiche Straßennamen gewidmet sind, sollte man in diesem Lichte vielleicht überdenken.

Giuseppe Matuella ist unter anderem Autor von Cesare Battisti: 10 luglio 1916, una fine cercata und Cesare Battisti: il Tirolo tradito
Vincenzo Calì ist ehemaliger Direktor des Museo Storico di Trento und Kurator des Cesare-Battisti-Archivs

Siehe auch: 1/ 2/

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Was wurde aus Raffaele Fitto?

Der ehemalige Präsident der Region Apulien und italienische Regionenminister, der früher in der DC (1988-94), im PPI (1994-95), der CDU (1995-98), CDL (1998-2001), FI (2013-15), CoR (2015-17) und DI (2017-19) war, ist 2019 in die neofaschistische FdI eingetreten. Für die Partei von Giorgia Meloni ist Raffaele Fitto Mitglied des EU-Parlaments und derzeit Co-Vorsitzender der Europäischen Konservativen und Reformer.

Weniger als zehn Jahre vor dessen Eintritt in eine rechtsradikale bis extremistische Partei hatte Südtirol — konkret LH Luis Durnwalder (SVP) — mit Fitto über die Lösung der Ortsnamenfrage zu verhandeln. Unsere zentralstaatlichen Verhandlungspartner stehen regelmäßig dem heimischen Rechtsaußen Alessandro Urzì ideologisch näher als gemäßigten demokratischen Positionen.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/ | 6/ · 1/

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Toponimi scimmieschi.
Quotation

Per molti anni il nuovo Tolomeo aveva elaborato la tesi che la maggior parte della popolazione del Tirolo meridionale era costituita da latini, i quali avevano dimenticato la loro origine ed erano diventati tedeschi. Bisognava, dunque, recuperarli. Per sostenere il suo punto, inventò un “sostrato” latino “più antico” o “più genuino” per ogni nome locale tedesco. Queste fantasie erano state sempre considerate dalle persone di buon senso quali innocue debolezze di un fanatico provinciale. Dopo la Marcia su Roma, il nuovo Tolomeo diventò uno dei più influenti consiglieri del Governo. Scoprì che di 16.800 nomi locali da lui raccolti, i più non erano altro che nomi latini degenerati, e smaniosi di ritornare alle origini. È probabile che sotto i sostrati latini, un glottologo scimmia avrebbe trovato sostrati scimmieschi.

Una grottesca inondazione di falsificazioni escogitate al lume della lucerna da uno sciagurato nel cui spirito dormivano non uno ma mille milioni di sostrati hitleriani, sommerse le spontanee creazioni mediante cui la immaginazione popolare aveva collegiato bisogni, memorie, fantasie, a fiumi, torrenti, boschi e valli.

Gaetano Salvemini, in Preludio alla seconda guerra mondiale (1967)

Vedi anche: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/ 6/ 7/ 8/

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Kolonialistische Toponomastik.
Quotation

Ich zitiere hier die Aussagen von Dr. Peter Glatthard, Professor an der Universität Bern, aus dem Film Streiflichter der Zeitgeschichte – Ettore Tolomei und der italienische Nationalismus in Südtirol von Ludwig W. Regele und Franz J. Haller (Rai 2005) zum Thema Toponomastik:

[Die Umbenennung] ist eine Inbesitznahme des Gebiets, geistig-sprachlich, denn nur mit den Namen können wir ja eine Landschaft beherrschen. Also es geht hier um Macht, es ist kolonialistisch, es ist imperialistisch. Namen muss man überhaupt nicht verstehen; das ist ein bisschen provokativ, aber es ist so. Namen sind im Grunde Marken, es sind Bezeichnungen, die nicht bedeuten. Wenn Sie nach Bern fahren, müssen Sie nicht wissen, was Bern bedeutet. Es genügt der Klang »Bern«, ein Name bedeutet nichts, darum kann man ihn auch nicht übersetzen. Bei Personennamen ist das deutlich: Ein Johann Sebastian Bach ist immer Bach und es fällt niemandem ein, ihn Jean Sébastien Ruisseau zu nennen. Das genau gleiche Prinzip gilt auch für die Ortsnamen.

Also diese flächendeckende Italianisierung zielte nicht nur auf die Städte, die ja zum Teil vorher schon italienische Namen getragen haben, sondern viel wichtiger war die Einverleibung — sprachlich — des Landes, also der kleinen Orte, die sogenannten Flurnamen, in Österreich sagt man die Riednamen, vielleicht in Südtirol auch, das weiß ich nicht mehr genau. Und es sollte nun eben gezeigt werden: Das ganze Land, bis in die kleinsten Weiler, Häuser hinaus, quasi wie kapillar… das alles ist schon immer italienisch gewesen — und das stimmt einfach nicht, denn noch heute sind dort zum großen Teil, zum allergrößten Teil nur Deutsch sprechende Menschen. Also es geht immer um einen aggressiven kolonisatorischen Akt der Einverleibung eines Gebiets.

Also die Idee hinter einer solchen Italianisierung ist selbstverständlich der übersteigerte Nationalismus des 19. Jahrhunderts, und Tolomei beginnt selbstverständlich nicht erst 1919, sondern schon vor 1900 ist er ein glühender Nationalist, der schon damals die Grenze von Italien an den schützenden Alpenkamm hinaufverlegen möchte. Und dieser Nationalismus führt im Grunde in die Irre. Man kann nicht ein Gebiet, das Jahrhunderte lang eine andere Kultur hervorgebracht hat — gewachsen, historisch — einfach mit einem Federstrich von 8.300 Namen italianisieren, das ist eine aufgesetzte Italianità, eine falsche.

Im Südtirol haben wir eigentlich drei Schichten, sprachlich, also auch drei große Volksbewegungen. Einmal das Keltische, dann 15 v. Chr. kommen die Römer, bringen das Alpenromanische, das Ladinische und ab 700 die Baiern das Bairisch-Deutsche. Und so bleibt es bis 1919. Jetzt kommt das Südtirol zu Italien und erst jetzt — und das kann nicht genug betont werden — erst jetzt kommt das Italienische offiziell in diesen Raum. Und jetzt beginnt diese zwangshafte Italianisierung von der ich vorhin schon gesprochen habe; indem man die Namen italianisiert, auch Vor- und Geschlechtsnamen, sämtliche Orts- und Flurnamen, Tolomei übersetzt ja 8.300 Namen. Und flächendeckend wird nun das Südtirol sprachlich als eine italienische Provinz seit alters ausgegeben, und das ist die Geschichtsklitterung, die Geschichtsfälschung: Das Südtirol war nie italienisch, sondern es wurde jetzt zwangshaft italianisiert, um den Anschein einer alten, ja uralten Italianità zu erwecken.

Mir scheint, das Südtirol mit den Tolomeinamen seit 1923 und dann offiziell durch den Ministererlass von Mussolini 1940… ist das absolut einmalig, dass man quasi eine ethnische Säuberung durchführt, die gewachsenen Namen während Jahrhunderten auslöscht und eine konstruierte Namengebung dem Land auferlegt. Das ist doch außerordentlich singulär, vor allem singulär, dass sie im Jahr 2003 weiter besteht.

Selbstverständlich gab es schon vor 1919 große Ortschaften mit legitimen, gewachsenen italienischen Namen, die auf den Handelsbeziehungen bestehen. Also Bozen-Bolzano, Brixen-Bressanone, Ora-Auer usw., aber der offizielle Name, das war immer nur einer, nämlich der historisch gewachsene. Und das andere, das war das Exonym wie wir sagen, jener Name, den eine andere Sprachgemeinschaft legitim braucht. So wie ich als Berner nach »Genf« fahre, obwohl die Stadt offiziell, weil im französischen Sprachgebiet der Schweiz gelegen, nur »Genève« heißen kann. Aber genauso fährt der Tessiner nach »Ginevra«, das ist legitim, aber das sind nicht die offiziellen Namen. Und man muss jetzt bedenken, die einzig offiziellen, geltenden Namen im Südtirol sind ab 1923 eben die italienischen Namen. Noch einmal: Das ist eine Geschichtsfälschung, die nicht mit der gewachsenen Kultur und Geschichte übereinstimmt.

Also, in Katalonien, das war der krasseste Fall, ist heute alles nur katalonisch, in Galicien nur galicisch, im Baskenland nur baskische Namen, in Andalusien haben wir den Ortsdialekten angepasste Namen — das ist die Folge [der] Entschließungen der Vereinten Nationen. Leider müssen wir feststellen, dass Italien in Südtirol das nicht gemacht hat. Nur an einem Ort hat Italien nach diesen Prinzipien gelebt, und zwar schon vorher, nämlich im Aostatal. Das Aostatal war genau gleich wie das Südtirol 1919 [?] italianisiert worden, die Sprache im Aostatal ist Frankoprovenzalisch, die Namen waren frankoprovenzalisch. Sie wurden alle eliminiert, aber — im Gegensatz zum Südtirol — im Aostatal nach (19)45, nach dem Krieg, restituiert. Dieser Prozess dauerte allerdings bis (19)85, aber heute gibt es nur noch frankoprovenzalische Namen; der einzige doppelsprachige Name ist Aoste-Aosta, aber sonst ist alles nur frankoprovenzalisch.

Durch diesen Italianisierungsakt gegenüber der deutschen, einheimischen, autochtonen Bevölkerung zeigt sich noch etwas Weiteres: Man hat von außen her den Eindruck, dass die italienische Bevölkerung sich eigentlich nicht im Innersten bemüht, den deutschsprachigen Einheimischen verstehen zu wollen. So glaubt man auch, dass man nicht deutsche Namen aussprechen könnte, denn es muss ja vertraut im italienischen Klangreservoir sein, damit man sich zuhause fühlt und nicht als Italiener in der Fremde. Aber dabei vergisst man, dass man eben ein ursprünglich deutschsprachiges Gebiet nicht mehr als deutschsprachiges Gebiet wahrnimmt.

Und man müsste sich jetzt fragen, warum ist im selben italienischen Staat eine Restitution im Aostatal im Einklang der internationalen Verpflichtungen, die Italien eingegangen ist, möglich und im benachbarten Südtirol nicht? Auf diese Frage hat bisher noch niemand eine Antwort gegeben. Es ist eine Frage, die offenbar nicht beantwortet werden will. Aber ich meine, man müsste dort den Hebel ansetzen, in Italien selber müsste man eigentlich den Staat verklagen… Warum ist eine Entfernung der faschistischen Ortsnamengebung im Aostatal — auch autonome Provinz — möglich und warum im selben Land in der anderen autonomen Provinz nicht. Also diese Rechtsungleichheit stört nicht nur mich, sondern jeden gerecht denkenden Menschen. Und der Staat müsste ja nach Gerechtigkeit für alle seine Bürger streben, und die Bürger des Südtirols in einem demokratischen Staat auch ihre sprachlichen — hier, jetzt: ihre toponomastischen — Rechte wahrnehmen zu dürfen.

Transkription, Hervorhebungen und Linksetzungen von mir. Die Zitate wurden hier in derselben Reihenfolge wie im Film wiedergegeben, die nicht notwendigerweise der Reihenfolge entspricht, in der die Aussagen getätigt wurden.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/ 6/ 7/ | 8/ 9/ | 10/ 11/ | 12/ 13/

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So geht mehrsprachige Etikettierung.
Best Practice

Um die mehrsprachige Produktetikettierung ist es in Südtirol bekanntlich schlecht bestellt. Doch es gibt — selten genug — auch positive Beispiele.

Folgende Etikette ist mir neulich bei Freunden auf einer Glaskonserve aufgefallen, weshalb ich nur ein Handyfoto davon habe. Die aus der Rundung resultierende Verzerrung ersuche ich zu verzeihen.

Kircherhof Marillenröster

Vermutlich ist es die erste mir bekannte Etikette eines Südtiroler Erzeugnisses, bei der hinsichtlich Zweisprachigkeit alles passt. Sämtliche — und zwar wirklich sämtliche — kundinnenrelevanten Informationen sind sowohl auf Deutsch als auch auf Italienisch vorhanden, auf die im Faschismus aufgezwungenen Ortsnamen wurde trotzdem verzichtet. Und die Etikettiermaschine beherrscht sogar Umlaute, was hierzulande keine Selbstverständlichkeit ist.

Ausschlaggebend für die Einstufung als Best-Practice-Beispiel ist der deutschsprachige Text. Dass sämtliche Informationen in der Staatssprache aufscheinen, ist gesetzlich geregelt und wird von den zuständigen Organen streng überwacht. Die Angaben in deutscher Sprache sind hingegen allesamt freiwillig — sie interessieren Gesetzgeber und Kontrollbehörden nicht und könnten genauso gut fehlen. Es hängt also ausschließlich von der Sensibilität der jeweiligen Abpackerinnen sowie von ihrem Respekt für ihre Kundinnen ab, ob Deutsch berücksichtigt wird oder nicht.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/

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