Corona: Europarat fordert Mehrsprachigkeit.

Im Zusammenhang mit der Covid-Pandemie ruft der Europarat die Staaten, Regionen und Gemeinden dazu auf, Informationen, Anweisungen, Richtlinien und Empfehlungen systematisch auch in anderen Sprachen als der offiziellen Staatssprache zu veröffentlichen. Damit seien auch die traditionellen regionalen und Minderheitensprachen gemeint. Die Kommunikation in diesen Sprachen sei »für das Wohl ihrer SprecherInnen von äußerster Wichtigkeit«, wie es in einer entsprechenden Aussendung heißt.

Die zuständigen Behörden dürften nicht vergessen, dass nationale Minderheiten integraler Bestandteil ihrer Gesellschaften sind. Damit die ergriffenen Maßnahmen gegen das Virus volle Wirksamkeit entfalten können, müssten sie für die gesamte Bevölkerung verfügbar und einfach zugänglich gemacht werden.

Für jene Staaten, die die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen ratifiziert haben, sei dies eine bindende Verpflichtung. Darüberhinaus gelte diese Empfehlung jedoch auch für alle anderen Mitgliedsstaaten des Europarats.

Dort wo die Schulen auf Fernunterricht umgestellt haben, sei dies auch in den Minderheitensprachen zu gewährleisten. Andernfalls sei dies nicht nur ein Verstoß gegen die Charta, sondern eine Diskriminierung.

Der italienische Zivilschutz, der in dieser Krise hinsichtlich der Information eine maßgebliche Rolle spielt, stellt seine Erkenntnisse und Maßnahmen nur in der Staatssprache Italienisch und auf Englisch zur Verfügung. Keine einzige der anerkannten Minderheitensprachen wird berücksichtigt.

In Österreich stellt zwar der öffentliche Rundfunk (ORF) relevante Informationen in wichtigen Migrationssprachen zur Verfügung, die teilweise (Kroatisch, Ungarisch) auch zu den regionalen Minderheitensprachen gehören. Andere Sprachen der anerkannten Minderheiten (Slowenisch, Tschechisch, Romani) sind jedoch nicht berücksichtigt.

Erst vor wenigen Tagen wurde die spezielle Covid-Infoseite des Landes Südtirol auch in die Landessprache Ladinisch übersetzt.

Siehe auch:

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Corona-Webseite jetzt auch auf Ladinisch.
Bald Verbesserungen für Gehörlose

Wie die Landespresseagentur (LPA) informiert, steht nun die Informationsseite über das Coronavirus — genau einen Monat nach ihrer Einrichtung — endlich auch in ladinischer Sprache zur Verfügung, und zwar unter der Adresse http://www.provinzia.bz.it/segureza-proteziun-zivila/proteziun-zivila/coronavirus.asp oder über die Sprachwahl unter http://www.provinz.bz.it/coronavirus

Übersetzt wurden dabei auch die Handlungsempfehlungen, die häufig gestellten Fragen und die Datenübersicht:

Ferner sind etwa die Informationen in einfacher Sprache und das vor allem an Kinder und Jugendliche gerichtete Aufklärungsvideo der Eurac auf Ladinisch verfügbar. Bei seiner Anwesenheit im Rahmen der täglichen »virtuellen Landesmedienkonferenz« hatte Landesrat Daniel Alfreider (SVP) bereits am 23. März die kleinste Landessprache berücksichtigt.

Nicht in ladinischer Sprache verfügbar ist bislang jedoch die mitzuführende Eigenerklärung.

Weitere Verbesserungen sind in kürze zudem für Gehörlose geplant. Spätestens seit die Teilnehmerinnen der Landesmedienkonferenzen mit Mundschutz auftreten, ist auch Lippenlesen nicht mehr möglich.

Siehe auch:

Gesundheit Kohäsion+Inklusion Minderheitenschutz Plurilinguismo Politik Service Public Tech&Com | Coronavirus Good News | Daniel Alfreider | LPA | Ladinia Südtirol/o | Eurac Land Südtirol SVP | Deutsch

LPA fährt Zweisprachigkeit herunter.

Auch die Landespresseagentur (LPA) nimmt es in Krisenzeiten — also gerade dann, wenn es besonders wichtig wäre — mit der Zweisprachigkeit nicht mehr so genau. Seit dem 16. März finden tägliche sogenannte »virtuelle Landesmedienkonferenzen« statt, die der LH und seine Landesräte in wechselnden Konstellationen bestreiten. Im Anschluss werden diese Konferenzen von der LPA in eine Pressemitteilung verpackt und zur Übersicht mit einem (übrigens nicht interaktiven) Index versehen, der meist auch in der »deutschsprachigen Fassung« so aussieht:

Bilder zum Vergrößern anklicken.

Soweit ich das überblicken kann, war nur die erste Pressemitteilung (zur Medienkonferenz vom 16. März) mit einem zweisprachigen Index versehen. In der Folge hat man sich dann die deutsche Sprache einfach gespart.

Siehe auch:

Discriminaziun Minderheitenschutz Plurilinguismo Service Public Vorzeigeautonomie | Bilinguismo negato Coronavirus | | LPA | Südtirol/o | Land Südtirol | Deutsch

Mehrsprachigkeit in Krisenzeiten.

Der kanadische Sprachgarant (Commissioner of Official Languages) hat sich gestern wegen der derzeitigen Krisenlage mit einer offiziellen Erklärung und einem Aufruf zu Wort gemeldet:

Mit der Covid-19-Pandemie erleben wir gerade eine außerordentliche Zeit. Wie die Mehrheit der Kanadier bin ich über die Situation zutiefst besorgt und möchte die unglaublichen Anstrengungen unterstreichen, die gemacht wurden, um die Gesundheit und die Sicherheit aller Kanadier sicherzustellen.

In diesem Kontext erwartet sich die Bevölkerung, Erklärungen, relevante Anweisungen und Informationen im Interesse der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit zu erhalten, und dies jederzeit in beiden offiziellen Sprachen.

Darüberhinaus müssen die Kanadier im ganzen Land, ungeachtet ihrer offiziellen Sprache und speziell im derzeitigen Kontext, in der Lage sein, die an sie gerichteten Mitteilungen aller Bundesinstitutionen zu verstehen.

Wir haben Beschwerden über die Kommunikation der Bundesregierung während der Pandemie erhalten. Die Tatsachen, die uns zur Kenntnis gebracht wurden, werden gerade von uns untersucht. Außerdem sind wir den Erfordernissen entsprechend mit einigen Bundesinstitutionen in Verbindung.

Jenseits des Amtssprachengesetzes handelt es sich [hierbei] um eine Frage des Respekts und der Sicherheit für alle Kanadier.

Übersetzung:

Es wäre schön, wenn es — gerade in einer Ausnahmesituation wie dieser, die viele Menschen extrem verunsichert — auch in Italien Ansätze des Respekts für die sprachliche Vielfalt des Staates gäbe. Dem ist leider nicht so.

Deutschsprachige Südtirolinnen haben immerhin das »Glück«, dass wenigstens die Landesbehörden zur Zweisprachigkeit angehalten sind. Viele relevante Informationen sind aber dennoch nur in der Staatssprache verfügbar.

Ladinerinnen haben — wie Sardinnen, Friaulerinnen, Sloweninnen u.v.m. — nicht einmal diesen Vorteil.

Wenn die mehrsprachige Routine schon in normalen Lagen fehlt, so kommt sie während einer Krise umso mehr unter die Räder. Genau dann, wenn die Menschen am verletzlichsten sind.

Siehe auch:

Gesundheit Minderheitenschutz Plurilinguismo Service Public | Best Practices Coronavirus Zitać | | | Canada Friaul-Friûl Italy Ladinia Sardigna Südtirol/o | | Deutsch

Tag+Nacht: Das Abkommen mit der Post.

„Ziel verfehlt“. Der Landeshauptmann spricht Klartext. Das Abkommen des Landes mit der Post hat nicht die gewünschten Verbesserungen gebracht. Daher will das Land die vereinbarten 10 Millionen für einen besseren Postdienst in Südtirol auch nicht überweisen. Kompatscher reagiert damit auf Klagen, die seit geraumer Zeit laut werden.

Rai Südtirol, 30. Mai 2019

“Die italienische Postgesellschaft wollte das mehrjährige Abkommen verlängern”, informierte nach der heutigen Regierungssitzung der Landeshauptmann. Die Landesregierung beschloss heute jedoch, die Vereinbarung mit der italienischen Postgesellschaft vorerst für ein Jahr zu erneuern und genehmigte die entsprechende Finanzierung von 5,8 Millionen Euro zusätzlich Mehrwertsteuer.

Landespresseagentur, 3. März 2020

Das von der Post nicht eingehaltene Abkommen wird nicht aufgekündigt, aber »nur« noch für ein Jahr verlängert. Vorerst. Dafür verdoppelt sich der Betrag gerade mal von bislang 3,3 auf nunmehr 5,8 Millionen + MwSt. (= 7,1 Mio.) jährlich. Damit hält er mit den Zustellzeiten Schritt: die haben sich (seit 2014) ebenfalls verdoppelt.

Ein großer autonomiepolitischer Erfolg!

Siehe auch:

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Kostenlose Menstruationsprodukte.
Vorreiter Schottland

Vor wenigen Tagen genehmigte das schottische Parlament in erster Lesung das sogenannte Period Products (Free Provision) Scotland Bill, auf dessen Grundlage die Abgabe von Menstruationshygieneprodukten schon bald kostenlos werden soll. Rekordverdächtige 112 Abgeordnete stimmten bei einer Enthaltung für die Vorlage, Gegenstimme gab es keine. Damit wird Schottland voraussichtlich das erste Land der Erde, wo Frauen für Tampons und Binden kein Geld mehr ausgeben müssen. In zweiter Lesung wären allerdings noch Änderungsanträge möglich.

Dem Vorschlag zufolge werden die Produkte gegen Vorlage eines Vouchers in öffentlichen Einrichtungen ausgegeben. Unter Beteiligung an den Versandspesen soll auch die Zustellung frei Haus ermöglicht werden.

In vielen Staaten — auch im Vereinigten Königreich — wurde letzthin zwar eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Menstruationsprodukte diskutiert und teilweise umgesetzt. So weit wie Schottland, wo Tampons und Binden schon seit 2018 an Bildungseinrichtungen kostenlos verfügbar sind, ist bisher jedoch noch kein Land gegangen.

Unter anderem verfolgt die soziale Maßnahme, die jährlich geschätzte 24 Millionen Pfund kosten wird, das Ziel, die wirtschaftliche Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zu verbessern und die sogenannte period poverty zu beseitigen.

Siehe auch:

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Europäisch oder englisch?
»European school« gefordert

von Thomas Benedikter

»Mehr Europa in der Schule« titelt die Dolomiten am 19.2.2020 zur Tagung des Unternehmerverbands über eine European School in Bozen. Konkret schlägt der UVS die Schaffung einer English School vor, in erster Linie für die Kinder der aus aller Welt kommenden Mitarbeiter der Mitgliedsunternehmen des UVS, aber auch für Südtiroler Kinder, die einen »internationaleren Weg einschlagen wollen« (Heiner Oberrauch). Da ist viel die Rede von der »Öffnung für andere Kulturen, die für Südtirols Zukunft unabdingbar ist«, als wäre dieses Land bisher ein Teil Nordkoreas gewesen. Doch rasch wird klar: es geht einfach um eine Schule mit viel Englisch, die Kinder für englischsprachige Studiengänge im Ausland fit macht und eine Karriere in irgendeinem global tätigen Multi befördert. Was ist das »Europäische« an diesem Bildungskonzept? Kann man eine englischsprachige Ausbildung kurzerhand mit einer »Europäischen Schule« gleichsetzen?

Wenn heute überall (zu Recht) das Bildungsziel Mehrsprachigkeit propagiert wird, muss auch gefragt werden: Welche Mehrsprachigkeit? Und: Was ist europäisch? Die EU selbst hat als Bildungsziel für den Spracherwerb die Devise »Muttersprache+2« ausgegeben, was die Mitgliedstaaten insofern übernommen haben, als dass in den staatssprachlichen Standardschulen der Fremdsprachenunterricht verstärkt wurde. Die EU hat von den Mitgliedsländern nie verlangt, überall Englisch als Unterrichtssprache einzuführen. Flächendeckend Englisch als Unterrichtssprache einzuführen geht zu Lasten von europäisch verstandener Mehrsprachigkeit.

Doch hinter der European School, wie sie jetzt auch der UVS verlangt, verbirgt sich nichts weiter als das Anliegen, noch mehr Englisch in den Schulunterricht zu bringen. Die European School ist im Klartext eine English School mit den lokalen Sprachen als schmückendes Beiwerk. Dabei wird heute schon der zweiten Landessprache und dem Englischunterricht in Südtirols Schulsystem viel Platz eingeräumt. Weitere Fragen drängen sich auf:

  • Warum sollte sich die Südtiroler Schule aller drei Sprachgruppen den Interessen einer mobilen auswärtigen Elite an globaler Verwertbarkeit von Bildung unterwerfen?
  • Warum sollte das in zwei großen europäischen Sprachen und einer lokalen Minderheitensprache gut funktionierende Bildungssystem durch englische Schulen ergänzt werden und sich dadurch einer unnötigen Konkurrenz aussetzen?
  • Kann man einigen für einige Zeit in Südtirol beschäftigten Businessleuten abverlangen, sich den kulturellen Rahmenbedingungen einer Region anzupassen, oder muss sich auch das öffentliche Bildungssystem den Zwängen der Globalisierung unterwerfen?
  • Wo gibt es in Italien oder im deutschen Sprachraum öffentliche oder öffentlich subventionierte Schulen in englischer Sprache?

Wenn Spracherhalt ein kulturpolitisches Grundanliegen ist, Schulen in der Muttersprache ein Grundrecht und jede Sprache ein kulturelles Vermächtnis in sich trägt, muss die von der EU propagierte Mehrsprachigkeit als Bildungsziel anders verstanden werden, als nur die wohlfeile Forderung nach mehr Englisch. Europäisch bedeutet zum einen, dass die 24 Amtssprachen der EU (Staatssprachen) ihre Rolle und Bedeutung behalten können, nämlich als Standardsprache der öffentlichen Schulen verwendet zu werden. Zum anderen, dass die EU und die Mitgliedstaaten auch für den Erhalt und die Förderung der Regional- und Minderheitensprachen mitverantwortlich sind, denn um den Unterricht in den Regional- und Minderheitensprachen in der EU steht es heute gar nicht so gut. Nichts gegen Ausbau und Verbesserung des Englischunterrichts, um die globale lingua franca kommt bald niemand mehr herum. Doch in welchem Maß und auf Kosten aller übrigen Sprachen? »Einheit in der Vielfalt« lautet das Motto der EU, nicht Englisch über alles. Wer Vielfalt begrüßt, muss sie auch erhalten.

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Sisyphos-Schiefer und die Bahn.

Zuerst musste der ehemalige Landtagsabgeordnete Oswald Schiefer (SVP) bei seinem Parteikollegen und Mobilitätslandesrat Daniel Alfreider intervenieren, weil auf den Anzeigen der Jazz-Züge von Trenitalia (TI) nur die italienischen Ortsnamen aufschienen — während andere Hinweise zweisprachig waren: italienisch und englisch.

Mitte Jänner wurde Schiefer dann ein weiteres Mal aktiv, weil die aktuellen Durchsagen (Verspätungsmeldungen, Streikankündigungen etc.) an Bahnhöfen des Südtiroler Unterlandes einsprachig waren.

Und jetzt ist schon das nächste Ärgernis da: Akustische Sicherheitshinweise zum Coronavirus werden — wie die TAZ berichtet — in den Zügen von TI und SAD schon wieder nur auf Italienisch und Englisch verbreitet.

Der alltägliche Kleinkrieg um grundlegende Sprachrechte in Südtirol würde selbst Sisyphos in den Wahnsinn treiben.

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