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Sternstunde Philosophie: Sedláček.

Der Ökonom Tomáš Sedláček bei Sternstunde Philosophie (Schweizer Fernsehen) über Wirtschaft und die Krise.

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6 replies on “Sternstunde Philosophie: Sedláček.”

Ich bin die letzten Jahrem immer wieder auf Kritiker des neoliberalen Wirtschaftssystem gestossen, die alternativen Anbieten, die nicht umsetzbar sind oder neue Probleme verursachen würden, weil sie selbst Journalisten oder Publizisten sind – ich nenne jetzt keine Namen – die vom Fach nichts verstehen und Menschen mit ihren Büchern verdummen oder sie in ihren vereinfachenden und pauschalisierenden Aburteilung der Wirtschaftswissenschaften bestätigen.

Es ist schwer Kritiker zu finden, die so wie Sedlà¡Äek das Fach studiert haben, aber nicht unter die blinden Flecken leiden, wie viele seiner Kollgen sich in ihrer Ausbildung antrainiert haben. Er schafft es das Milleu der Wirtschaftswissenschaften zu transzendieren und diese in einem historischen kulturellen Kontext zu setzen. Wer etwas von Ökonomie verstehen möchte kann ich nur sein Buch empfehlen.

Ich war gestern bei Sedlà¡Äeks Vortrag und muss sagen: Es hat sich mehr als gelohnt. Großteils hat er natürlich seine Thesen aus dem Sternstunden-Interview (s. Video oben) wiederholt, einige Aussagen waren aber neu. Ich gebe hier einiges wieder, was mir besonders gut gefallen hat; da ich leider nicht mitgeschrieben habe, muss ich mich dabei auf mein Gedächtnis verlassen.

  • Europa als ganzes steht im Moment noch besser da, als die meisten Leute denken: Der Euro ist stabil, die Defizite sind relativ gering usw. Das Problem ist die mangelnde Einigung. Würde man in den USA jeden einzelnen Staat gesondert betrachten oder Japan in 27 Teile zerstückeln, hätte man auch dort das eine oder andere »Griechenland«, das dann den ganzen Rest mit nach unten ziehen würde.
  • Japan und den USA geht es angeblich wirtschaftlich besser, als Europa. Doch das beruht auf Verschuldung — es ist, als würde ich mir 3 Millionen Euro in der Bank leihen und dann zu Ihnen kommen und behaupten, ich sei reicher, als Sie.
  • Wäre Griechenland vor 50 Jahren in dieser Situation gewesen, hätte man nicht darüber nachgedacht, wie man das Land retten kann, sondern wie man es in seiner wirtschaftlichen Schwäche militärisch erobern könnte. Natürlich geht es bei der Griechenlandrettung auch um unseren eigenen Vorteil — doch besser, wir machen unsere eigenen Interessen, indem wir Griechenland retten, als mit Bomben.
  • Schon Josef hatte im alten Testament dem Pharao empfohlen, während der sieben fetten Jahre einen Teil des Getreides in Scheunen zu lagern, damit in den sieben mageren Jahren niemand verhungern muss. Unsere Universitäten spucken jährlich 100.000 neue Ökonomen aus, doch diese einfache Erkenntnis haben die längst vergessen. Auch Keynes sagte: Es ist ok, in Krisenzeiten Defizite zu machen, solange in guten Zeiten gespart wird. Doch den zweiten Halbsatz hat man einfach beiseite geschoben und die meisten Leute glauben heute: Es ist ok, Defizite zu machen. Punkt.
  • Da während der fetten Jahre nicht gespart wurde, bleibt Angela Merkel wenig Spielraum, etwas anderes zu tun, als was sie tut: Austerität zu verordnen.
  • Die nächste Krise kommt bestimmt. Die Frage ist also nicht, wie wir Krisen verhindern können und auch nicht, wie wir sie vorhersehen können (das ist nicht möglich), sondern wie wir ihre Folgen abmildern können, indem wir in den fetten Jahren vorsorgen.

Vielleicht liest ja noch wer mit, der/die ebenfalls dort war und mich ergänzen (oder korrigieren) möchte.

Einen weiteren Punkt, den ich mit eigenen Worten nicht mehr so gut hätte wiedergeben können, habe ich hier in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau wiedergefunden:

Wir müssen weg von der Politik der Maximierung des Bruttosozialprodukts hin zu einer Politik der Minimierung der Schulden. In der Vergangenheit haben wir Stabilität verkauft und dafür Wachstum eingekauft. In Zukunft müssen wir das Gegenteil tun: Wachstum verkaufen und dafür Stabilität einkaufen.

Wie macht man das?

Haushaltsüberschüsse. Das klingt unvorstellbar. Aber genau das muss getan werden. Meist wird die Lage, in der wir sind, als Depression bezeichnet. In Wahrheit aber sind wir manisch depressiv. Wenn Sie es mit einem solchen Patienten zu tun haben, müssen sie erst einmal den manischen Anteil bekämpfen. Sie müssen die Energie hinunterdrehen. Der Mann muss erst einmal zur Ruhe kommen. Sehen Sie nach Irland und Griechenland. Zu den einen sagt man: Wenn ihr doppelt so viel arbeiten würdet, hättet ihr keine Probleme. Zu Irland aber sollte man sagen: Hätten Eure Bankiers auch nur halb so viel gearbeitet, ginge es Euch ausgezeichnet. Die irischen Banker waren in der manischen Phase. Die haben investiert, investiert, investiert. Unser Problem ist nicht die depressive Phase. Unser Problem ist die manische. Das ist ganz wichtig für die Therapie. Wenn ein Depressiver sich besser fühlt, dann ist das eine gute Entwicklung, wenn aber ein manischer sich noch besser fühlt, dann müssen sie sofort eingreifen! Bisher haben wir Antidepressiva ausgegeben. Wir müssen aber die manische Seite bekämpfen.

Sehr gut wiedergegeben. Ich kann seine Thesen zum größten Teil unterstützen, leider ist es bei den Entscheidern vielfach nicht angekommen.
* Die USA ist ähnlich hoch verschuldet wie Italien (ca. 120% des BIP), Japan liegt bei 240%! Kalifornien ist defacto pleite, die USA betreiben ein Spiel mit hohem Risiko, indem die Federal Reserve die Staatschulden aufkauft. Trotzdem wird die USA (noch) mit Höchstnoten bewertet.
* Das mit Keynes stimmt und wird sowohl von Links wie auch von Rechts ausgeblendet bzw. nur lückenhaft wiedergegeben.
* Wir sitzen in einer Falle, zum einen müsste der Staat in der Krise investieren, kann aber die Schulden nicht weiter erhöhen, gleichzeitig zwingen die hohen Staatsschulden zu einem hohen Wirtschaftswachstum, das wir nicht mehr erreichen können. Die durchschnittlichen Wachstumsraten haben in Europa in den letzten Jahrzehnten stetig abgenommen. All das Gerede von einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik ohne Wachstum ist obsolet, wenn zu hohe Staatsschulden angehäuft wurden.

Übrigens meinte Sedlà¡Äek auch: Wenn wir so weitermachen, wie derzeit, dann ist Italien in wenigen Jahren da, wo Griechenland jetzt ist — und dann werden alle anderen folgen. Er hat das nicht weiter ausgeführt, hält aber die Monti-Kur wohl nicht wirklich für den richtigen Weg. Griechenland sei nicht hintengeblieben, fügte er hinzu, sondern wie immer schon (in der Kultur, der Demokratie, der Philosophie…) vorangegangen, um dem Rest Europas zu zeigen, wohin der eingeschlagene Weg uns führen wird.

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