“Marktreligiosität” und Politik.
Quotation 294

Dann muss man eben Komplexität aus dem Finanzsystem nehmen, indem man die Attraktivität kurzfristiger Spekulation radikal reduziert oder diese überhaupt unmöglich macht. “Technisch” wäre das kein großes Problem, politisch aber nur dann umsetzbar, wenn die StaatenlenkerInnen wieder den “Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit” finden, sich also von ihrer “Marktreligiosität” emanzipieren.

Der österreichische Ökonom Stephan Schulmeister in seinem Aufsatz “Gegen-Aufklärung im Namen der Freiheit”

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8 replies on ““Marktreligiosität” und Politik.
Quotation 294

Die Publikationen von Stephan Schulmeister sollten eigentlich mit dem Label “Caveat Emptor” versehen werden. Ich schätze ihn als Volkswirt und Analytiker durchaus, auch teile ich einige seiner grundsätzlichen Ansichten. So stimme ich ihm zu, dass die erhöhte Komplexität der Finanzinstrumente und der spekulative Handel mit Derivaten etc. sicher eine zentrale Ursache für die Finanzkrise war. Allerdings lässt er weitere Faktoren wie den “savings glut” und die damit einhergehenden Ankäufe von amerikanischen Wertpapieren durch chinesische Investoren sowie die Rolle der Hypothekarinstitutionen Freddie Mac und Fanny Mae vollkommen außer Acht. Schulmeister ist in seiner Ausrichtung sehr keynesianisch geprägt und neigt stark zu Überzeichnungen. Als etwas gemäßigtere Position empfehle ich wärmstens den kürzlich publizierten Artikel vom IMF “Neoliberalism: Oversold?”:

https://www.imf.org/external/pubs/ft/fandd/2016/06/pdf/ostry.pdf

Die Authoren gehen in dieselbe Richtung wie Schulmeister, wägen aber Vorteile und Nachteile von freien Märkten viel sorgfältiger ab. Zentrale Herausforderung der künftigen Wirtschaftspolitik liegt in der Reaktion auf die immer stärker divergierenden Einkommensverhältnisse in entwickelten Ländern. In der IMF Publikation werden möchte Ansätze genannt und weitere Gedanken vertieft (die auch von Paul Krugman immer wieder geäussert werden). Highly recommended.

Endlich entdeckt BBD das Thema Wirtschaft. Chapeau!
Die Finanzwirtschaft hat sich von der Realwirtschaft entkoppelt. Wenn Bürger die Inflation der Finanzwirtschaft ausgleichen müssen spricht das dafür, dass grosse Teile der Gesellschaft diese Zusammenhänge bisher nicht verstanden haben.

Leider kann ich als Nicht-Abonnent den Artikel nicht mehr einsehen und nicht direkt daraus zitieren. Jedenfalls erinnere ich mich daran, dass du dich immer über die Sozialisierung von Verlusten beschwert hast. Welcher Hayekianer will das? Keiner. Welcher Marxist will das? Keiner. Das ist KEYNESIANISMUS, hhk. Dass der Staat mit Steuergeldern die Finanzindustrie mit Hunderten von Milliarden unterstützt, das ist Keynesianismus in Reinform. Für jeden Hayekianer ist das ein Grauen, da er der Meinung ist, dass eine Bank im Wettbewerb bestehen muss und der Wettbewerb nicht manipuliert werden darf. Und um noch eine Behauptung klarzustellen: Es gibt keine “neoliberalen” Staaten in der westlichen Welt, sondern nur keynesianische. Seit 1945 greifen die Staaten ganz selbstverständlich in die Konjunkturzyklen ein, bekanntestes Beispiel natürlich Finanz-/Wirtschaftskrise. Das Mutterland des Keynesianismus ist übrigens die USA.

inwiefern ist sozialisierung von verlusten keynesianismus? mit deficit spending hat das wohl nichts zu tun. ja, staaten greifen im keynesisanischen sinne ein (wobei ja umstritten ist, ob das überhaupt funktioniert). aber sie agieren meist nur in zeiten der rezession keynesianisch. im aufschwung tun sie es nicht, wenn ich die lage richtig deute.
überdies ist es so, dass wenn wir hier quotes und artikel teilen, es nicht notwendigerweise heißt, dass wir deren inhalt hundertprozentig unterstützen. es geht vielmehr um interessante diskussionsanstöße anhand derer sich ideen weiterentwickeln lassen.

Die Bankenrettungen ab 2007 erfolgten in den USA und in der EU in völlig keynesianistischem Geist, im Glauben, dass es langfristig billiger ist, viel Geld zu investieren und die chaotische Situation im Moment zu stabilisieren. Hayekianer bzw. die anderen “Österreicher” würden das nicht machen, weil sie glauben, dass es, noch langfristiger, billiger für den Staat ist, wenn die Banken nicht damit rechnen können, im worst case scenario einfach vom Steuerzahler gerettet zu werden. Die Bewertung der keynesianistischen Praxis ist schwierig, weil man ja nicht das Gegenteil beweisen kann – entweder rettet man die Banken oder nicht. Draghi und Juncker sind Keynesianer, über die Amerikaner braucht man erst gar nicht diskutieren.

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