Categories
BBD

Das Leben ist lebensgefährlich.

Es ist nun schon ein paar Wochen her, dass Alexandra Aschbacher unter dem Titel »Spiel mit dem Feuer« im Wochenmagazin ff einen Leitartikel zur STF-Umfrage verfasst hat. Ebenso lange befinde ich mich in einem Zwiespalt: Bin ich zu blöd, um die verborgene feine Klinge dieses Kommentars zu erkennen oder hat Aschbacher grundlegende Zusammenhänge nicht einmal ansatzweise verstanden?

Aschbacher schreibt:

Etwa 85 Prozent der Südtiroler haben weder Ja noch Nein gesagt, sie haben schlicht und einfach nicht mitgemacht.

Auch auf die Gefahr hin, dass wir uns wiederholen: Diese Aktion war eine, von einer – damals – nicht einmal 5-Prozent-Partei initiierte, selbst verwaltete Umfrage, die keinerlei rechtliche Konsequenz hatte und die von allen anderen Parteien und sämtlichen Medien ignoriert bis diskreditiert wurde. Wobei das Beteiligungsargument generell ein schwaches ist. Auch SVP und PD wurden bei den vergangenen Wahlen von insgesamt nur 37,53 Prozent der wahlberechtigten Südtirolerinnen und Südtiroler gewählt. Es regiert also eine »Minderheit« über eine Mehrheit. Niemand käme jedoch auf die Idee, der regierenden Koalition ihre demokratische Legitimation abzusprechen.

Es wäre zu kurz gegriffen, die Selbstbestimmungs-Euphorie (sic!) von Klotz & Co. als Hirngespinst einiger weniger Verrückten (sic!) abzutun.

Es haben sich 56.395 Menschen in Südtirol (bei einer Privatumfrage wohlgemerkt) dafür ausgesprochen, dass die Südtirolerinnen und Südtiroler selbst über die Zukunft dieses Landes befinden sollten. Ob das nun wenige oder viele sind, ist Interpretationssache. Zehntausende Menschen in unserem Land aber pauschal als “verrückt” abzustempeln ist ein starkes Stück. Und warum die Forderung nach einem basisdemokratischen Akt in einer Demokratie überhaupt »verrückt« sein sollte, muss mir Aschbacher bei Gelegenheit mal erklären.

Man sollte sich allerdings davor hüten, das Selbstbestimmungsreferendum zum politischen Heilsbringer zu stilisieren. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, es ist auch ein Spiel mit Illusionen und Hoffnungen. Es birgt die Gefahr, alte Feindbilder und den Konflikt um Nationalismen heraufzubeschwören. Man will den Eindruck vermitteln, dass ein komplexes Problem im Grunde eine einfache Lösung hat. Ganz so einfach ist das aber nicht.

Erstaunlich, wie viele Allgemeinplätze, vermeintliche Kausalitäten und argumentationsbefreite Feststellungen in so wenigen Zeilen Platz finden. Etwas Neues und Unbekanntes als »Spiel mit dem Feuer« zu bezeichnen, ist banal. Im Grunde ist ein neuer Weg immer ein »Spiel mit dem Feuer«. Niemand kennt nämlich den Ausgang. Niemand kann aber auch wissen, wohin es führt, wenn wir uns nicht auf dieses Spiel einlassen und den jetzigen Weg weitergehen. Gerade in einer Zeit, in der wir die wohl tiefste Systemkrise seit Jahrzehnten durchleben, von einem »Spiel mit dem Feuer« zu sprechen, ist zudem bizarr. Wir sind doch von Brandherden (Finanzkrise & Staatsverschuldung, Aushöhlung der Autonomie, Flüchtlingstragödien, Arm-reich-Schere, Umweltkatastrophen …) umgeben – und weit und breit keine Feuerwehr in Sicht. Warum dann gerade ein neuer Weg, der mit eingefahrenen Mechanismen bricht, ein gefährliches »Spiel mit dem Feuer« sein soll, ist mir schleierhaft. Glaubt Aschbacher tatsächlich, dass ein konsequentes Ignorieren und Als-verrückt-Abtun des Wunsches innerhalb der Bevölkerung, sich gewaltfrei und in demokratischer Art und Weise zu äußern, nicht die Gefahr birgt, Konflikte heraufzubeschwören? Könnte ein von den Bewohnern eines Territoriums getragenes und dezidiert mehrsprachiges Staatsgebilde nicht ein Weg zur Überwindung von Nationalismen sein? Niemand behauptet, dass durch ein etwaiges Referendum alle unsere Probleme mit einmal verschwinden. Es wäre jedoch ein Schritt in Richtung Eigenverantwortung, Demokratisierung und Regionalisierung. Eine solche Ermächtigung des Souveräns könnte ja auch eine Antwort auf Industrielobbyismus, Turbokapitalismus und Neoliberalismus sein, wie sie nicht mehr nur ausschließlich Grüne und Postwachstumsökonomen seit Jahren fordern. Es ist angesichts der Südtiroler Demographie und der europäischen Vernetzung unwahrscheinlich bis unmöglich, dass ein Selbstbestimmungsreferendum – wie oftmals suggeriert wird – automatisch zu Kleinstaaterei, Isolationismus, Egoismus und Nationalismus führt.

Es sind die zwei großen Separatismusdebatten [Anm. Schottland und Katalonien] in der Europäischen Union (EU) […]. Ihre Kräfte zerren am Konstrukt der Europäischen Union.

In ihrem letzten Satz erklärt Aschbacher, dass die Grundlage der Europäischen Union die Überwindung des Nationalismus sei. Diese Feststellung ist wichtig und richtig. Wie kann es aber dann sein, dass der drohende Zerfall von Nationalstaaten am Konstrukt der Europäischen Union zerrt? Wie kann es sein, dass Territorien, die sich explizit zu diesem Europa bekennen und eine stärkere europäische Integration wünschen, als jene Staaten, von denen sie sich abspalten wollen, eine Gefahr für die Union sind? Wie kann es sein, dass inklusivistische territoriale Bewegungen (Zitat des legendären ehemaligen katalanischen Regierungschefs Jordi Pujol: «Whoever lives and works in Catalonia is a Catalan.»), die die Zugehörigkeit zu ihren Gesellschaften nicht an nationalistischen Kriterien ausrichten, das anti-nationale Projekt EU untergraben? Wenn Kommissionspräsident Barroso laut Aschbacher damit droht, besagte Regionen würden aus der EU fliegen und müssten sich um eine Neuaufnahme bewerben, dann kann das doch nur heißen, dass der Kommissionspräsident die Grundlage der Europäischen Union nicht verstanden hat und sich mehr um den (überflüssigen) Club der Nationalstaaten sorgt. Beängstigende Diagnose.

Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
Categories
BBD

Tag+Nacht: Bürgerbeteiligung.

Gegenüberstellung zweier Aufmacher der Südtiroler Tageszeitung. So objektiv ist Berichterstattung — und so unterschiedlich wird die Stimme der Bürgerinnen gewichtet, je nachdem, ob das Ergebnis genehm war oder nicht.

TAZ (kreuzweise)

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/

Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
Categories
Autorinnen und Gastbeiträge

Günther-Obwegs-Preis.

Gastbeitrag von Rupert Gietl

Am letzten Freitag wurde in der Bundeskanzlei des Südtiroler Schützenbundes in Bozen der Günther-Obwegs-Preis der Öffentlichkeit vorgestellt.

Erstmals existiert mit diesem Preis in unserem Land eine Förderung für wissenschaftliche Arbeiten (Dissertationen, Diplomarbeiten, Seminararbeiten etc.), die sich mit Fragen zur Zukunft Südtirols auseinandersetzen.
Dabei kann es um Themen aus den Bereichen des Verfassungsrechts, der Außenpolitk, der Währungs- und Bildungspolitik, aber auch um Verkehrs-­ oder Umweltthemen gehen.
Ziel ist es, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex “Unabhängigkeit” zu fördern und einen Beitrag dazu zu leisten, Antworten auf zahlreiche kontrovers diskutierte Fragen zu geben.
Die Einladung zur Teilnahme wird u.a. über die sozialen Netzwerke aber auch durch Aushänge an einschlägigen Instituten an Universitäten in Italien, Österreich, Deutschland und anderen mitteleuropäischen Ländern bekanntgemacht.
Der Preis trägt den Namen des Anfang 2013 tödlich verunglückten Schützenoffiziers, Buchautors und Heimatforschers Günther Obwegs (*1966) aus Aufhofen.
Er ist mit 5.000€ dotiert und wird ab 2015 unter allen Einsendungen, welche bis zum 31. Januar eines jeden Jahres in der Bundeskanzlei des Südtiroler Schützenbundes, Schlernstraße 1 (Waltherhaus), 39100 Bozen, einlangen, durch eine qualifizierte und unabhängige Fachjury verliehen.
Die wissenschaftlichen Arbeiten können in deutscher, italienischer oder englischer Sprache verfasst sein.

Der Südtiroler Schützenbund legt besonderen Wert darauf, dass die verschiedensten Ansichten zur Zukunft Südtirols zu Wort kommen können. Dafür wird durch eine Reihe von prominenten und kompetenten Juroren Sorge getragen, die aus unterschiedlichen Ländern, Fächern und politischen Lagern stammen:

  • Univ. Prof. Dr. Beniamino Caravita di Toritto
    Professor für öffentliches Recht an der Fakultät für Politikwissenschaften der Universität “La Sapienza”, Rom; Herausgeber der Internetzeitschrift “federalismi.it” (www.federalismi.it), Mitglied des “Weisenkomitees” (comitato dei saggi) der Regierung Letta zur Überarbeitung der italienischen Verfassung.
  • Dr. Bruno Hosp
    Vormals Landesrat für Deutsche Schule und Kultur der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol, vormals Landeskommandant des Südtiroler Schützenbundes.
  • Univ. Prof. Dr. Dr. h.c. Reinhard Olt
    Professor an der deutschsprachigen Andrássy-Gyula-Universität, Budapest, vormals langjähriger Korrespondent der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” für Politik, Landeskunde und Minderheiten-Fragen – bei Zuständigkeit für Österreich, Ungarn, Slowakei, Slowenien – mit Sitz in Wien.
  • Em. o. Univ. Prof. Dr. Peter Pernthaler
    Emeritierter Professor am Institut für öffentliches Recht und Politikwissenschaft der Uni Innsbruck, ehemals Direktor des Instituts für Föderalismusforschung.
  • DDr. Herwig van Staa
    Landtagspräsident des Bundeslandes Tirol.
  • Major Elmar Thaler
    Landeskommandant des Südtiroler Schützenbundes.
  • DDr. Franz Watschinger
    Rechtsanwalt in Innsbruck, vormals Assistent am Institut für Öffentliches Recht, Staats- und Verwaltungslehre.
  • Die Familie Obwegs hat Dr. Eva Klotz, Abgeordnete zum Südtiroler Landtag, als Jurymitglied nominiert.

Zudem konnte eine Reihe von externen Gutachtern gewonnen werden, die sich bereit erklärt haben, die vorgelegten Arbeiten entsprechend ihrer fachlichen Spezialisierung zu bewerten und der Jury gegebenen Falls ein Gutachten vorzulegen. Dabei handelt es sich um:

  • Univ. Prof. Dr. Stefania Baroncelli
    Professorin für öffentliches Recht, Europarecht und Verwaltungsrecht an der Freien Universität Bozen.
  • Univ. Prof. Dr. Roberto Farneti
    Professor für vergleichende Politikwissenschaften, Politische Theorie und Ideologiegeschichte an der Freien Universität Bozen.
  • Univ. Prof. Dr. Esther Happacher
    Professorin für Italienisches Öffentliches Recht und Autonomierecht an der Universität Innsbruck.
  • Univ. Prof. Dr. Walter Obwexer
    Professor für Europarecht, Völkerrecht und Internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck.
  • Senator Univ. Prof. Dr. Francesco Palermo
    Professor für vergleichendes öffentliches Recht an der Universität Verona, Leiter des Instituts für Föderalismus- und Regionalismusforschung der Europäischen Akademie Bozen (Eurac), vormals Berater des OSZE-­Hochkommissars für nationale Minderheiten, Senator im römischen Parlament.

Genauere Informationen finden sich unter iatz.org/obwegs­-preis

Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
Categories
BBD

Der neue LH: Unmöglich.

Könnten Sie sich einmal eine politische Zukunft Südtirols bei Österreich bzw. einen Freistaat vorstellen?

Ich kann mir sehr vieles vorstellen, wenn es die europäischen Entwicklungen zulassen. Derzeit sind diese Möglichkeiten aber nicht gegeben.

Arno Kompatscher, der heute vom Landtag zum neuen Südtiroler Landeshauptmann gewählt wurde, im TT-Interview. Auch er wiederholt also das Argument der Unmöglichkeit, während in Europa mehrere Regionen dafür sorgen, dass sich die Rahmenbedingungen bzw. deren Wahrnehmung und Auslegung ändern.

Im Landtag sagte er (laut Südtirol Online) außerdem an Eva Klotz gewandt:

Andere Regionen beneiden uns um unser Niveau an Autonomie — auch Katalonien.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/

Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
Categories
BBD

Katalog.
Quotation 118

[Es gibt] eine rechte deutschsprachige Opposition, die Freiheitlichen mit ihrem Hirngespinst vom Freistaat oder die Süd-Tiroler Freiheit mit ihrer Illusion einer durchsetzbaren Selbstbestimmung. Ich verstehe, dass Eva Klotz ihrem Vater treu bleiben muss, aber es ist doch ein Wahnsinn, deswegen ein ganzes Volk in eine politische Unwirklichkeit treiben zu wollen. Wollen wir uns wieder gegenseitig die Köpfe einschlagen? Die europäische Union, die Aufhebung der Brennergrenze, ist doch der Rettungsring, der uns zugeworfen wurde.

Beeindruckend, mit welch vorhersehbarer Präzision Schriftsteller Joseph Zoderer hier (ff 51/52 2013) den vollen Katalog an abstrusen Argumenten abspult, den sich die Südtiroler Intelligenz im Laufe der Jahrzehnte angeeignet hat, um das Thema Selbstbestimmung zu meiden. Es wird als rechtes Ideal bezeichnet, in ein Kokon von Vorurteilen eingehüllt und schließlich unhinterfragt abgestoßen.

  1. Auch wenn es hierzulande oft von den Rechten instrumentalisiert wird, ist die Selbstbestimmung ein urlinkes Thema.
  2. Warum soll die Durchsetzung der Selbstbestimmung eine Illusion sein, während sie in Schottland — und möglicherweise in Katalonien — demnächst ausgeübt wird?
  3. Seit wann sind Linke gegen eine Idee, nur weil sie angeblich unwirklich ist? (Die kürzlich aufgrund seines Todes im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehende Lektion von Madiba war jedenfalls eine andere.)
  4. Was hat die Selbstbestimmung, ein friedlicher, demokratischer Prozess mit »Köpfe einschlagen« zu tun?
  5. Wenn die Brennergrenze aufgehoben wäre (was leider nicht stimmt): Welches Problem würde eine weitere, derart unbedeutende Grenze darstellen?

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/ 6/ 7/ 8/

Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
Categories
BBD

Landsmann Knoll.

Eckartschrift.Im Zuge der Diskussion über das politische Spektrum und was bzw. wer politisch links oder rechts sei, verwies bzler in einem Kommentar auf einen von Sven Knoll mitverfassten Text unter dem Titel »Andreas Hofer. Sein Erbe – 200 Jahre später.«

Der harmlos klingende Titel ließe vermuten, dass es sich dabei um einen jener zahllosen kritisch-analytischen bis konservativ-heroisierenden Artikel handelt, die anlässlich des Gedenkjahres geschrieben und publiziert wurden. »Andreas Hofer. Sein Erbe – 200 Jahre später« jedoch ist anders. Nicht etwa weil darin neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu finden wären, sondern weil der Herausgeber der Zeitschrift »Der Eckart«, in der Knolls Beitrag erschienen ist, die Österreichische Landsmannschaft ist. Diese wird vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), einer Stiftung der Republik Österreich und der Stadt Wien, folgendermaßen beschrieben:

Der Schutzverein Österreichische Landsmannschaft (ÖLM) ist eine rechtsextreme Organisation mit vordergründig humanitärer Ausrichtung, die vor allem im publizistischen Bereich beträchtliche Aktivitäten setzt und aufgrund ihrer ideologisch-kulturellen Tätigkeit eine wichtige integrative Funktion für das deutschnationale und rechtsextreme Lager erfüllt.

Bereits Eva Klotz’ »Burschenschaftsaktion« hat bewiesen, dass die Süd-Tiroler Freiheit bei allen gegenteiligen Beteuerungen ihrem »Ziel« alles bedingungslos unterordnet und nicht die geringsten Berührungsängste mit Pangermanisten und Rechtsradikalen hat. Durch die Co-Autorschaft des Spitzenkandidaten der STF bei der Südtiroler Landtagswahl in einem Magazin, das laut DÖW »durch revanchistische und ausländerfeindliche Inhalte gekennzeichnet ist«, entfernt sich die Bewegung vom demokratischen Grundkonsens westlicher Gesellschaften. Zwar relativiert das DÖW, dass

Die Nennung von AutorInnen in rechtsextremen Publikationen [nicht bedeutet], dass alle Genannten als RechtsextremistInnen qualifiziert werden. Gleiches gilt für die in dieser Rubrik angeführten Gruppen: Nicht jede Organisation oder Partei mit Kontakten zum organisierten Rechtsextremismus ist selbst als rechtsextrem einzustufen. Rechtsextremismus wird in keiner Weise mit Nationalsozialismus, Neonazismus oder Neofaschismus gleichgesetzt.

aber ein Landtagsabgeordneter, der sich derart exponiert ist untragbar.

Nachtrag: Sven Knolls Präzisierung.

Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
Categories
BBD

Schade ums Papier.

Plakat STF.Neulich waren Sven Knoll und Eva Klotz bei mir zu Hause auf einen gemütlichen Ratscher. Wir sprachen über Gott und die Welt. Und wie es sich für einen guten Gastgeber gehört, wollte ich meinen Gästen zur Marende ein paar Köstlichkeiten kredenzen. Ich holte also eine Packung vakuumverpackter Wurst vom Eurospin und eine Schwarte feinsten selbergeselchten Speck aus dem Keller. Knoll und Klotz stürzten sich sofort auf den Speck. Gerade rechtzeitig konnte ich ihnen das gute Stück noch entreißen und machte ihnen klar: “Dieser Speck ist viel zu schade für euch!” Komischerweise fühlten sie sich vor den Kopf gestoßen und verließen beleidigt mein Haus.

Plakat Freiheitliche.Nach dieser Episode entschied ich, dass es wohl besser wäre, mich eine Zeitlang nicht in Südtirol blicken zu lassen. Womöglich kommen ja ein paar Halbstarke auf die Idee, mich zu verdreschen. Also nahm ich eine Einladung von Ulli Mair und Pius Leitner an, sie auf einer Reise nach Dreizehnlinden in Brasilien zu begleiten. Im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina, in dem Dreizehnlinden gelegen ist, herrscht gerade Wahlkampf. Wenige Kilometer vor unserem Ziel entdecken wir am Straßenrand ein riesiges Wahlplakat der Partido Liberal. “Idioten” murmelt plötzlich Pius Leitner, der offensichtlich des Portugiesischen mächtig ist, vor sich hin. Ich frage ihn, was denn da geschrieben stehe? “Samba tanzen statt jodeln, saufen und schanzen”, übersetzt Leitner den Wahlkampfspruch. Der restliche Trip wurde zum Albtraum. Leitner war die ganze Zeit über stocksauer und vermieste uns allen die Stimmung. Nicht einmal die Geranien auf den Holzbalkonen unter den Giebeldächern und der spontan organisierte Tiroler Abend, der um 23 Uhr von der Polizei in Folge einer Anzeige der Nachbarn wegen Lärmbelästigung mit der Begründung, es handle sich um eine unangemeldete politische Demonstration, aufgelöst wurde, konnten ihn besänftigen.

Plakat La Destra.Genervt von dem ganzen Theater in Brasilien, flog ich nicht nach Europa zurück. Ich hatte genug von dem Stress, den Polemiken, den Streitereien um Sezession, Toponomastik und Migration. Ich brauchte eine Auszeit. Also weg von der “Zivilisation”. Als ich in Kundiawa, der Hauptstadt (die diese Bezeichnung nicht verdient) der Provinz Chimbu in Papua Neuguinea ankam, fühlte ich eine große Erleichterung. Alles war so originär und unverfälscht. So verdammt ehrlich. In mir wuchs das unwiderstehliche Bedürfnis, den Berg, der sich weit hinten am Horizont erhob, zu besteigen und diese wunderschöne Landschaft in mich aufzusaugen. Mein Simbu war ein wenig eingerostet, aber ich schaffte es dennoch, einen Einheimischen nach dem Namen diese Berges zu fragen. “Mount Wilhelm” bekam ich in perfektem Deutsch zur Antwort. “Benannt nach Wilhelm von Bismarck, Sohn des ehemaligen deutschen Reichskanzlers.” Wieso um alles in der Welt sie einen Berg in Neu-Guinea nach einem Deutschen benennen, wollte ich dann noch von dem netten Mittdreißiger wissen. Er aber deutete nur still auf eine uns gegenüberliegende Plakatwand, wo ein grimmig dreinschauender blonder Mann gerade ein selbstgebasteltes Transparent mit der Aufschrift “Das ist Deutschland” anbrachte. Na toll. Ich strich die Besteigung des 4509 Meter hohen Mt. Wilhelm von meiner Agenda und flog schnurstracks zurück nach Südtirol, denn blöder kann’s dort auch nicht sein.

Plakat FA-LN.Saumüde von der 48-stündigen Reise knalle ich mich zwecks Überwindung des Jetlags noch ein paar Stunden vor den Fernseher. Da höre ich von jener unglaublichen Geschichte, die sich während meiner Abwesenheit zugetragen und die Südtirol nun offenbar schon seit Wochen in Atem gehalten hatte. “Die Dankesfeierlichkeiten zu Ehren von Severin Krautwedler gehen morgen weiter. Wie berichtet war der wegen zwanzigfachen Diebstahls zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilte Krautwedler auf Bewährung, als er in einem kleinen Lebensmittelgeschäft in Unsere Liebe Frau im Walde einen Lutscher entwendete. Drei Stunden nach der Tat brachte Krautwedler den Lutscher unter den “Heilsbringer, Heilsbringer”-Rufen der Bevölkerung ins Geschäft zurück. Krautwedler wird von Historikern mittlerweile nach Andreas Hofer und noch vor Silvius Magnago als größter Wohltäter Südtirols eingestuft. Für den RAI Sender Bozen live aus Unsere Liebe Frau im Walde, Jimmy Nussbaumer.”

Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.
Categories
BBD

5SB für die Selbstbestimmung.

Eva Klotz hatte während der letzten Tage gefordert, Südtirol müsse sich von Italien lösen, bevor Beppe Grillos Fünfsternebewegung (5SB) an die Macht kommt. Der Komiker sei gefährlich, es drohe die Rückkehr einer Diktatur. Zu dieser Ansicht ist die Frontfrau der Süd-Tiroler Freiheit (STF) nach den Parlamentswahlen gelangt, nachdem sie zuvor noch einige Sympathie für Grillos Truppe gehegt hatte.

Gestern antwortete die 5SB-Spitzenvertreterin in Südtirol Maria Teresa Fortini auf Eva Klotz’ Befürchtungen: Dabei verteidigte sie nicht nur Beppe Grillo, sondern sprach sich auch für die Durchführung eines Selbstbestimmungsreferendums aus. Ihre Bewegung befürworte nicht Südtirols Unabhängigkeit, sehr wohl jedoch, dass die Bürgerinnen darüber frei und basisdemokratisch entscheiden dürfen.

Damit ist 5SB die erste politische Kraft im Lande, die (wie der PSC in Katalonien) imstande ist, zwischen Selbstbestimmung (Prozess) und Unabhängigkeit (Ziel) zu unterscheiden — und dies auch in ihrem politischen Handeln berücksichtigt.

Siehe auch: 1/ 2/

Einen Fehler gefunden? Teilen Sie es uns mit. | Hai trovato un errore? Comunicacelo.