Vor rund anderthalb Jahren hatte ich thematisiert, wie der Supermarktriese Lidl in Südtirol den italienischen Nationalismus bedient und die Minderheitensprachen marginalisiert, während dies in anderen europäischen Regionen wie Schottland, Cymru/Wales, Katalonien (ebenso wie in der italienischen Schweiz) nicht der Fall ist.
Wie das englischsprachige Onlineportal Nation·Cymru berichtet, wird Lidl nun im Netz geradezu gefeiert, weil sich die Handelskette in die walisische Sprache — Cymraeg — regelrecht verliebt habe und bei ihren aktuellen Aktionen sogar den (heutigen) Dydd Santes Dwynwen, die walisische Antwort auf St. Valentin, berücksichtigt.
Ausschnitt aus Nation·Cymru
Einige vermuten dahinter reine Marketinginteressen. Dass ein Discounter wirtschaftliche Ziele verfolgt, erscheint mir nun allerdings nur mäßig überraschend. Umso erklärungsbedürftiger ist vielmehr das Vorgehen in Südtirol: Hierzulande scheinen für die Kette italienischer Nationalismus und weitgehende italienische Einsprachigkeit schwerer zu wiegen als die Tatsache, dass man damit einen Teil der hiesigen Kundschaft vor den Kopf stößt und vergrault.
Doch bei der Santes-Dwynwen-Aktion handelt es sich nicht um einen isolierten Marketing-Gag. Als erstes Supermarktunternehmen überhaupt hat Lidl in Cymru eine offizielle Zertifizierung (Cynnig Cymraeg) der Comisiynydd y Gymraeg (Welsh Language Commissioner) erhalten. Diese Auszeichnung wird unternehmen verliehen, die die Minderheitensprache systematisch in ihrem Geschäftsalltag berücksichtigen — etwa durch Beschilderung, Kundinnenkommunikation, Serviceangebote sowie durch eine sichtbare Präsenz der Sprache jenseits kurzfristiger Werbeaktionen. Die aktuelle Aufmerksamkeit ist also Teil eines langfristigen und institutionell anerkannten Engagements.
Während in Cymru eine aktive Sprachpolitik existiert, die Unternehmen zur Berücksichtigung der Minderheitensprache anhält und entsprechendes Engagement auch sichtbar anerkennt, fehlen hierzulande im Privatsektor weitgehend verbindliche Vorgaben oder auch nur Anreize, die deutsche und die ladinische Sprache systematisch in Werbung, Beschilderung und Kundinnenkommunikation einzubeziehen.
Bezeichnenderweise sind gerade jetzt die Bushaltestellen von Bozen mit einsprachig italienischer Lidl-Werbung tapeziert, weil in der Landeshauptstadt ein neuer Standort des Discounters eröffnet wurde.
Cëla enghe: 01 02 | 03 04 05 06 07


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