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Shitstorm wegen ladinischem Interview.
Nicol Delago

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Bei seiner Minority Rights Lecture in Bozen machte der damalige UN-Sonderberichterstatter für Minderheiten im Jahr 2022 auf das gravierende Problem der Hassrede aufmerksam, dem Sprachminderheiten ausgesetzt sind.

Bislang letztes prominentes Opfer solcher Hetze in Südtirol war die Skifahrerin Nicol Delago aus Gherdëina. Nach einem Rennsieg wurde sie von der ladinischen Rai auf Ladinisch — also in ihrer eigenen Muttersprache — interviewt. Das reichte, um in den sozialen Medien einen regelrechten Shitstorm auszulösen.

Wenn sie für Italien an den Start gehe, solle sie gefälligst Italienisch sprechen, so der Tenor zahlreicher Kommentare im Netz. Hinter dieser bestechend einfachen Logik verbirgt sich das perverse Selbstverständnis des Nationalstaats, das sich durch Autonomie und Minderheitenschutz vielleicht etwas abmildern, aber wohl niemals ganz überwinden lässt.

Schade nur, dass Delago gar nicht die Wahl hat, für ein ladinisches Team an den Start zu gehen, wo sie derselben Logik zufolge das Recht hätte, Ladinisch zu sprechen. Sie ist gezwungen, sich kolonial unterzuordnen und ihre Identität mehr oder minder zu verleugnen. Nach jedem Shitstorm und jeder Hasswelle wird sie sich noch genauer überlegen, in welchem Kontext sie sich erlauben kann, ihre ohnehin marginalisierte Muttersprache zu verwenden.

Dass Ladinisch selbst bei den Olympischen Spielen oder bei Weltcuprennen, die in der Ladinia stattfinden, kaum eine Rolle spielt, trägt nicht zur Normalisierung der Mehrsprachigkeit bei.

Ähnlich wie ihr war es vor wenigen Jahren übrigens auch Dominik Paris ergangen, als er von einem europäischen Sender auf Deutsch interviewt wurde. Ein Vergehen, das mit einer Welle offener Südtirolfeindlichkeit sanktioniert wurde. So wie nationalistische Arroganz gegenüber Südtiroler Sportlerinnen — stellvertretend für alle, die nicht dem nationalen Homogenitätsgebot entsprechen — an der Tagesordnung stehen.

Der für Minderheiten zuständige Regionalassessor Luca Guglielmi hat sich mit Delago solidarisch erklärt. Von seinem Südtiroler Kollegen Daniel Alfreider (SVP) und vom Landeshauptmann war bislang nichts zu vernehmen.

Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08 | 09



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Comentârs

8 responses to “Shitstorm wegen ladinischem Interview.
Nicol Delago

  1. Karl-Heinz Völker avatar
    Karl-Heinz Völker

    Brava gente….

  2. Walter Kircher avatar
    Walter Kircher

    … da kann man nur auf unsere Nachbarschaft GRAUBÜNDEN verweisen!
    > https://www.brennerbasisdemokratie.eu/?p=17267

  3. G.P. avatar
    G.P.

    Wirklich Erbarmnis habe ich mit den betroffenen Sportlern meistens nicht.
    Denn in der Regel zeigen sie sich nach dem Shitstorm sehr unterwürfig und italophil, anstatt sich zu wehren und zu ihrer Muttersprache zu stehen.

    1. Hartmuth Staffler avatar
      Hartmuth Staffler

      Es geht nicht darum, ob man Erbarmen mit den Sportlern hat, sondern ob man die gegen sie gerichteten nationalistischen und im jüngsten Fall auch rassistischen Beschimpfungen erkennt und verurteilt. Wir können nicht von Sportlern mehr verlangen als von unseren Politikern, die dazu berufen wären. Unsere Politiker – angefangen vom Landeshauptmann – lassen aber die Sportler im Regen stehen. Sie erinnern sich an unsere Sportler nur, wenn sie sich in ihrem Glanze sonnen können.

  4. Hartmuth Staffler avatar
    Hartmuth Staffler

    Mir hat es große Freude gemacht, dass Luca Zaia unsere ladinischsprachige Mitbürgerin verteidigt und ihr seine Solidarität ausgesprochen hat. Da stört es vielleicht weniger, dass unser Kompatscher das nicht für notwendig hält.

    1. Stuff avatar
      Stuff

      Die entschlossene Stellungnahme von Zaia hat mich auch positiv beeindruckt! Hierzulande hingegen scheint Minderheitenschutz mittlerweile immer mehr ein Fremdwort zu werden.

  5. Verena Barbieri avatar
    Verena Barbieri

    Das Problem lässt sich nur durch eine Sportautonomie für Südtirol lösen.

  6. Hartmuth Staffler avatar
    Hartmuth Staffler

    Eine Sportautonomie wäre zwar zu begrüßen, sie würde aber nichts an den faschistischen und rassistischen Anfeindungen gegen unsere Sportler ändern. Da müsste schon einmal die Landespolitik dagegen intervenieren, was aber bei der derzeitigen Zusammensetzung unwahrscheinlich ist. Die sitzen ja alle im gleichen Boot.

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