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Vereinsregister wandert nach Rom.

Schon wieder verliert die Südtirolautonomie eine Zuständigkeit, womit auch in einem weiteren Bereich die Mehrsprachigkeit flöten geht.

Mit Dekret 117/2017 wurde in Rom eine umfassende Reform und Neuregelung der Vereinstätigkeit (sog. Dritter Sektor) beschlossen, die ein einheitliches, staatsweites Register (RUNTS für Registro Unico Nazionale del Terzo Settore) umfasst, das nun eingerichtet wurde. Somit werden Südtiroler Vereine fortan nicht mehr auf Landes-, sondern auf Staatsebene erfasst.

So sieht die angeblich deutschsprachige Version des Webregisters aus:

Bildschirmausschnitt von RUNTS

Banal-nationalistisch grünweißrot — ferner Kopf, Titel und Cookieinfo einsprachig Italienisch. Deutschsprachige Inhalte sind, wie in solchen Fällen üblich, fehlerhaft oder ganz abwesend.

Bildschirmausschnitt von RUNTS

Gut zu wissen jedenfalls, dass »veröffentlicht auf der Gazzettino Ufficiale das Kommunikat mit dem Abgangsdatum des RUNTS«. Daran werde ich »gedenken«.

Dass die Zweisprachigkeit in Südtirol sprichwörtlich keine Sau mehr interessiert, wissen wir, seit unsere jüngste Pressemitteilung zum Thema weitgehend ignoriert wurde. Doch mit der Reform kommt auf die Vereine auch eine zusätzliche Bürokratisierung zu, bestehende Steuererleichterungen werden eingeschränkt oder ganz abgeschafft, sodass im Land die Befürchtung besteht, dass viele Vereine ihre Tätigkeit aufgeben könnten.

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L’Alguer: Kulturministerium verbietet Katalanisch.

So gehen Kultur und Mehrsprachigkeit in Italien, dem selbsternannten Minderheitenschutzweltmeister mit der »schönsten Verfassung der Welt«: In der katalanischsprachigen Gemeinde L’Alguer (it. Alghero, Sardinien) will die Stadtverwaltung im Archäologiepark Villa Romana von Sant’Imbenia dreisprachige Informationstafeln (Katalanisch, Italienisch und Englisch) anbringen lassen. Dem obersten Statthalter des römischen Kulturministeriums (Sovrintendente) für die Provinzen Sassari und Nùgoro, Bruno Billeci, passt das aber gar nicht, weshalb er Parkverwaltung und Gemeinde offiziell mitteilen ließ, dass er nur die Informationen in italienischer und englischer Sprache zulassen werde, da Katalanisch keine offizielle Sprache der EU sei.

Warum die Einstufung als EU-Amtssprache diesbezüglich relevant sein sollte, ist unklar und wohl nur ein Vorwand. Sehr wohl sähen aber (wenig beachtete) Staats- und Regionalgesetze vor, dass Katalanisch in L’Alguer — auf dessen Gemeindegebiet sich die fragliche Kulturstätte befindet — Amtssprachencharakter hat. Dass aber gerade das Kulturministerium so weit geht, in seinem Zuständigkeitsbereich eine Sprache zu verbieten, macht den Zustand des Minderheitenschutzes in Italien einmal mehr offensichtlich.

Mehrsprachigkeit wird in diesem Staat gern dort propagiert, wo es (wie in Südtirol) noch immer zu wenig assimilierte Minderheiten gibt — nicht sosehr dort, wo es minoritäre Sprachen zu fördern gälte. In Sachen Minderheitenfeindlichkeit kann sogar Frankreich noch von Italien lernen.

Der Bürgermeister von L’Alguer, Mario Conoci, hat sich nun jedenfalls an Billeci gewandt, um seine Verwunderung kundzutun und doch noch zu versuchen, die Berücksichtigung der katalanischen Sprache zu erreichen.

In Südtirol gibt es zwar noch immer einen Statthalter des Innenministeriums (Präfekt). Einen Repräsentanten des Kulturministeriums (Sovrintendente) gibt es hier jedoch nicht, da die entsprechenden Zuständigkeiten großteils beim Land liegen. Lediglich faschistische Relikte wie Siegesdenkmal und Kapuziner-Wastl hat Rom (vielsagenderweise) der Sovrintendenza in Venedig überlassen.

Hätte Billecis Argumentation mit den EU-Amtssprachen übrigens irgendein logisches oder rechtliches Fundament, müssten auch ladinische Infotafeln an Kulturstätten in Südtirol verboten werden. Allein der Gedanke ist absurd und erinnert an dunkle Zeiten.

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Le pretese delle Poste monolingui.
Collaborazioni a senso unico

Oggi allegata alla posta ho trovato questa simpatica comunicazione monolingue:

Nel caso qualcuno si fosse fatto delle illusioni, evidentemente Poste italiane intendeva mettere in chiaro sin dall’inizio che anche nel 2022 (con buona pace dello Statuto di autonomia migliore al mondo e delle norme da esso derivanti; dell’impegno milionario della Provincia; e delle più banali regole del rispetto per i cittadini) il disservizio postale continuerà a fare i propri comodi, fregandosene ampiamente del bi e ovviamente del trilinguismo.

Anzi, quest’anno le poste che si rifiutano di rispettarci hanno anche il coraggio di pretendere la nostra collaborazione, ché: se la posta non arriva non è mica colpa nostra, ma solo ed esclusivamente vostra.

Le milionate sudtirolesi (secondo i proclami sempre trionfalistici) sarebbero dovute servire anche per istituire un servizio reclami bilingue per il Sudtirolo. Se già non funziona un tubo almeno potete dircelo. Purtroppo però o non è stato fatto nulla nemmeno in questo senso o il servizio reclami è ben nascosto da qualche parte.

Buon anno nuovo!

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Wo geht’s hier nach Al Plan?
Prestigeprojekt mit Schönheitsfehler

Unterhalb der Sonnenburg in St. Lorenzen naht die neue Einfahrt ins Gadertal ihrer Fertigstellung. Die neuen Straßenschilder hängen bereits.

Nur blöd, dass die Schildermacher im minderheitenfreundlichsten, dreisprachigsten und autonomsten Land der Welt in ihrer Unsensibilität “vergessen” haben, einen Ort, der zu über 90 Prozent von ladinischsprachigen Menschen bewohnt wird, in jener Bezeichnung anzuschreiben, die diese Menschen tatsächlich verwenden. Ach hätte Südtirol doch bloß einen Ladiner in der Landesregierung, vielleicht sogar zuständig für Mobilität. Ooops.

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Poste, app taglia diritti.

Scrive il quotidiano A. Adige che da domani si potranno prenotare gli appuntamenti all’ufficio postale utilizzando il cellulare, grazie alle app «taglia code». Per ora il servizio è limitato a tre filiali di Bolzano, una di Merano e quella di Brixen.

L’introduzione di questo nuovo sistema di prenotazione ‘a distanza’ conferma la vicinanza di Poste Italiane a tutti i cittadini e alle loro esigenze.

– A. Adige

Inoltre, conferma che «tutti i cittadini» comprende solo quelli di lingua italiana, in quanto le app da cui prenotare gli appuntamenti (Ufficio Postale, BancoPosta e Postepay) sono disponibili solo in italiano — fatta eccezione per Postepay, che almeno comprende anche l’inglese.

Le poste, come molti altri, se ne fregano delle disposizioni (D.P.R. 574/88) che imporrebbero loro di trattare allo stesso modo i clienti di lingua italiana e tedesca, assicurando un servizio bilingue.

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Elf Stunden ohne Regionalnachrichten.

Die Gewerkschaft der Rai-Journalistinnen Usigrai protestiert gegen die Absicht der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt, die Mitternachtausgabe der regionalen Fernsehnachrichten mit 9. Jänner 2022 auslaufen zu lassen. Zwischen 20.00 und 7.00 Uhr müssten die Bürgerinnen dann insgesamt elf Stunden auf Lokalnachrichten verzichten, so Usigrai in einer Erklärung.

Das wäre in der Tat unerfreulich. Das deutschsprachige Publikum in Südtirol muss allerdings schon heute täglich doppelt so lang auf TV-Nachrichten in deutscher Sprache warten — nämlich knapp 22 Stunden von 22.10 bis 20.00 Uhr des Folgetages.

Fast genau gleich lang (von 22.00 bis 19.55 Uhr) müssen sich die ladinischen Zuseherinnen gedulden, kriegen dann aber jeweils nur wenige Minuten dauernde Informationssendungen in ihrer Muttersprache geboten.

Die durchaus berechtigte Empörung der italienischen Regionalredaktionen wegen der Streichung der Mitternachtausgabe macht die unzureichende Versorgung der anderen Sprachgemeinschaften umso offensichtlicher.

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Anagrafe digitale da ventennio.

Dal 15 novembre un nuovo servizio consente di accedere online ai servizi dell’anagrafe, dalla visura passando per emissione e stampa di autocertificazioni o certificati sino alla rettifica dei dati. Il relativo sito non è gestito direttamente dai comuni ma centralmente dal Ministero dell’Interno e, come ormai moltissimi altri servizi, è disponibile solo in italiano.

Immagine del sito

Questo significa che per quanto riguarda il Sudtirolo, anche relativamente all’anagrafe non è più garantita l’equiparazione delle lingue tedesca e italiana, né tantomeno di quella ladina. Tutta la procedura, cui si accede tramite SPID, monolingue, o CIE/CNS, monolingui, è, anch’essa, monolingue italiana.

La funzione di ricerca dei comuni aderenti non riconosce nemmeno la toponomastica tedesca o ladina, ma solo quella «italiana» inventata e imposta in epoca fascista.

In fase di emissione dei certificati invece è sì possibile specificare, spuntando un’apposita casellina, che almeno il documento scaricato sia in versione bilingue. Così facendo il tedesco viene però degradato a opzione facoltativa, «di cortesia», mentre diventa di default — anche per il Sudtirolo — il documento monolingue italiano.

Rispetto a quanto eravamo abituati finora dai nostri comuni si tratta di un peggioramento su tutta la linea, come se lo Statuto di autonomia e la tutela delle minoranze non esistessero.

I link che seguono consentono di fare una carrellata (non esaustiva) sui servizi che ormai non garantiscono più il bilinguismo:

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Albert Memmi: Jede Domination ist relativ.

Der unter französischer Kolonialherrschaft in Tunesien geborene und aufgewachsene Jude Albert Memmi (1920-2020) ist mit seinen Werken ein Vorläufer des Anti- sowie, erst recht, des Postkolonialismus. Die von ihm verfassten Porträts des Kolonisators und des Kolonisierten mit einem Vorwort von Jean-Paul Sartre (1957) stellen ein bis heute zentrales und in vielerlei Hinsicht nach wie vor äußerst aktuelles Standardwerk dar. Darauf folgte unter anderem L’Homme dominé (Der dominierte Mensch), in dem neben dem Kolonisierten auch Schwarze, Frauen und andere Gruppen thematisiert sind.

Weniger bekannt dürfte vielleicht sein, dass 1972 für Québec eine eigene Ausgabe (Éditions l’Étincelle, Montréal) des Portrait du colonisé erschienen ist. Sie ist um einen Anhang ergänzt, in dem es um die Situation der frankophonen Minderheit in Kanada geht. Wiewohl nicht alles übertragbar ist, lassen sich daraus sehr wohl Lehren und Schlüsse auch für andere Minderheiten in der Welt (und somit auch für Südtirol) ziehen — denn:

Jede Domination ist relativ
Jede Domination ist spezifisch

— Albert Memmi, Les Canadiens français sont-ils des colonisés?

und

Es ist klar, dass man nicht im Absoluten dominiert ist, sondern immer im Verhältnis zu jemandem, in einem gegebenen Kontext. In der Art, dass man, selbst wenn man im Vergleich zu anderen Leuten und einem anderen Kontext bevorzugt ist, selbstverständlich eine Domination mit allen gewöhnlichen Eigenschaften der Domination, selbst der schlimmsten, erleben kann. Es ist genau das, was mit den Frankokanadiern zu passieren scheint.

Doch das ist auch kein Einzelfall. Dasselbe gilt für die amerikanischen Schwarzen. Wenn wir die Gesamtsituation der amerikanischen Schwarzen mit der Gesamtsituation der afrikanischen Schwarzen vergleichen, sind wir zu sagen geneigt: die amerikanischen Schwarzen sollten sich nicht beschweren, denn die amerikanischen Schwarzen, die dominiert werden, sind unendlich reicher als die afrikanischen Schwarzen, die frei sind. […] Doch relativ werden die amerikanischen Schwarzen von den Weißen dominiert.

— Albert Memmi, Les Canadiens français sont-ils des colonisés?

Der Anhang Les Canadiens français sont-ils des colonisés? stellt die Wiedergabe einer Diskussion zwischen Memmi und Studierenden der H.E.C. (Hautes études commerciales) aus Montréal dar.

Studierende: Die Frankokanadierinnen stellen sich als durch die Anglokanadierinnen wirtschaftlich und gesellschaftlich Kolonisierte dar. Doch was die französische Öffentlichkeit und die Franzosen, die vorübergehend in Kanada sind, in Verlegenheit bringt, ist die — jedenfalls scheinbare — Prosperität der Provinz Québec. Es sind eher zwei kolonisierende Völker, von denen eins vom anderen besiegt wurde. Die wahren Kolonisierten sind wennschon die Ureinwohnerinnen.

Albert Memmi: Zwei Punkte haben die französische Öffentlichkeit (und vor allem die linke Öffentlichkeit, die eine neue Chance vertan hat, sich korrekt zu einem Problem zu äußern, das sie besonders berühren hätte sollen) in Verlegenheit gebracht: Der Lebensstandard der Frankokanadier und der nationale Aspekt ihrer Forderungen.

Klar, der Lebensstandard der Frankokanadier ist insgesamt, und im Vergleich, höher als in Europa. Er ist näher an dem der [US-]Amerikaner, was im Moment für einen Franzosen das Maximum ist. Und es ist wahr, dass der Begriff der Kolonisierung materielle und kulturelle Armut suggeriert. Doch das liegt daran, dass wir die Kolonisierungen afrikanischer oder asiatischer Art im Sinn haben.

— Les Canadiens français sont-ils des colonisés?

Trotz Einigungsprozessen wie dem europäischen gäbe es ferner kein Recht

1) von den Leuten den Verzicht auf die Unterschiede, auf die sie — zu Recht oder zu Unrecht — Wert legen, zu verlangen;

2) noch die Universalisierung als Vorwand für die Domination einer Gruppe über eine andere, einer Mehrheit über eine Minderheit oder eines Volkes über ein anderes zu verwenden.

— Albert Memmi, Les Canadiens français sont-ils des colonisés?

Es besteht kein Zweifel, dass eine Menschengruppe, die sich befreien will, auch einen Kampf gegen sich selbst führen muss. Ich habe diesen inneren Kampf bei den Kolonisierten wie bei den Juden und den Schwarzen wiedergefunden. Die nordafrikanischen Schriftsteller haben die Kolonialisierung angeprangert; doch sie haben auch fast alle den Zustand ihrer Institutionen, ihrer Familien, ihrer Werte angeprangert. Dieser Punkt wurde durch die Bedeutung des äußeren Kampfes verdeckt. Sicher, es ist hinzuzufügen, dass dieser Werte und diese Traditionen lange eine relativ positive Rolle gespielt haben, da sie dem Dominierten geholfen haben, gegenüber dem Dominierenden zu bestehen. Deshalb habe ich vorgeschlagen, sie als Zufluchtswerte zu bezeichnen. Bei den Frankokanadiern hat die katholische Religion gegen die englischen Protestanten geholfen. Doch die Zufluchtswerte werden langfristig zur Bremse und man muss sie tatsächlich abschütteln.

— Albert Memmi, Les Canadiens français sont-ils des colonisés?

Alle Auszüge von mir übersetzt

Schon sehr früh war in Québec das Interesse für die Schriften von Memmi gewachsen, weil Frankophone in der Beschreibung des Verhältnisses von Kolonialisten und Kolonisierten gewisse Muster wiedererkannten. So kamen bald Kontakte zwischen dem Autor des Portrait du colonisé und etwa dem Québecer Literaturkritiker Pierre de Grandpré, dem Schriftsteller Hubert Aquin, den Redakteurinnen der linken Zeitschrift Parti Pris oder Professor André d’Allemagne (führendes Mitglied des Rassemblement pour l’indépendance nationale – R.I.N.) zustande. Aus der Befassung von Memmi mit der Situation in Québec entstand die einschlägige, um Les Canadiens français sont-ils des colonisés? erweiterte Ausgabe seines Hauptwerks.

Im Fall von Südtirol ist es etwa die us-amerikanische Wissenschaftlerin Mia Fuller, die — in jüngerer Zeit — ausdrücklich den Kolonialismusbegriff verwendet hat.

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