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Sollte Herr Pahl…

oder irgend ein anderer Politiker – mit oder ohne Hungerstreik – erreichen, dass ein Kunstwerk aus einem Museum entfernt wird, dann haben alle Südtiroler, denen an den liberalen Grundrechten, an den Menschenrechten, am Rechtsstaat und nicht zuletzt am Grundgesetz gelegen ist, die bürgerliche Pflicht, den Weg auf die Straße zu suchen.

Wer schweigt macht sich mitschuldig, und wir dürfen nicht zulassen, dass dieses Land von reaktionären Talibans überwältigt wird, die sich selbst zu Sittenwächtern erheben.

Ironisch übrigens, dass gerade Franz Pahl sich über die Rückständigkeit und Aggressivität der Moslems beklagt hat – Eigenschaften, die er nun ungeniert selbst an den Tag legt. Aus der Präsentation seines Buches mit geradezu prophetischer [!] Wortwahl:

[…]
In den 57 islamischen Staaten herrscht weltweit die Orthodoxie. Sie verstärkt sich immer mehr zur neototalitären Ideologie des Islamismus. Die Hoffnung auf einen aufgeklärten europäischen Islam ist eine Illusion.

[…]

Ihre Zahl wächst ständig. Sie bringen eine Weltanschauung mit, die mit dem demokratischen Rechtsstaat und den Menschenrechten unvereinbar ist.

[…]

Die orthodoxe islamische Weltsicht entrechte die Frauen und betreibe die Zerstörung der Demokratie durch “aggressive Missionierung, Massenzuwanderung und Lenkung der Finanzströme in vielen Banken”, erklärte Pahl weiter.

[…]

Südtirol habe den “Weg in die Scharia schon auf leisen Sohlen angetreten” und weiche bereits ängstlich zurück, meinte Pahl.

Hervorhebungen von mir.

Wie wahr Herr Pahl, den Weg in die Scharia haben wir angetreten! Nur gut, dass Sie sich zu einem Ramadan entschlossen haben.

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»Nature« für die Sprachenvielfalt.

Vor wenigen Wochen hat die französische Assemblée Nationale beschlossen, den ersten Artikel der Verfassung zu ändern. Laut ihrem Vorstoß sollten die Minderheitensprachen (Korsisch, Bretonisch, Okzitanisch, Katalanisch, Baskisch, Deutsch…) erstmals ausdrücklich anerkannt werden. Die Reform wurde jedoch vorläufig vom Senat aufgehalten, nachdem die Académie française — oberste Wächterin über die französische Sprache — mit einem scharfen Communiqué auf angebliche Gefahren für die Staatssprache aufmerksam gemacht hatte: Das Ansinnen sei demnach nichts weniger als ein »Attentat« auf die nationale Identität, obwohl Artikel 2 des Grundgesetzes unverändert geblieben wäre. Und der besagt, dass

la langue de la République est le français.

Das prestigeträchtige britische Fachblatt Nature stellt sich nun mit einem ungewohnt beherzten Leitartikel auf die Seite der sprachlichen und kulturellen Vielfalt:

‘Comédie-Française’

‘Quelle horreur’! The 40 élite members of the Académie française are jumping out of their ‘fauteuils’, incensed that legislation passed by France’s National Assembly would put regional languages such as Breton, Occitan, Corse, Alsatian, Catalan and Basque into the constitution as part of the national heritage. The members are particularly outraged that the regional languages would get a mention in the first article of the constitution — which defines France as an “indivisible, lay, democratic and social republic” — ahead of the second article, which designates French as the official language. The academy, created in 1635 to guard the purity of the French language, voted unanimously this month to condemn the move as “defying logic”, and being a threat to the nation.

Actually, “defying logic”, is an apt description of the vote itself. Globalization is already threatening to extinguish half the world’s 6,000–7,000 languages. That would be a tragic loss to humanity and our understanding of it, if only because knowledge and culture are inescapably interwined with the languages within which they evolved. Languages also enrich each other, and provide a trove of data for research in linguistics and history. The other main French academy, the Académie des Sciences, should make itself heard on the matter.

Multilingualism has other practical benefits. French scientists who speak regional languages in addition to the national tongue testify that early bilingualism has helped them go on to master English and other languages. Some even argue that the thought processes involved have helped them to be better and more creative scientists.

The Académie française argues that France’s regional languages are so obviously part of its heritage that there is no need for constitutional safeguards. That is disingenuous. It is precisely the lack of constitutional recognition that has blocked France from ratifying key international treaties to conserve minority languages: the courts have ruled that ratification is forbidden by existing constitutional principles, such as the indivisibility of the Republic and the unity of the French people.

Indeed, if earlier French governments had had their way, Breton, which is spoken in Brittany, would have been eradicated long ago. Only stubborn Breton persistence has prevented this from happening, notably through the creation of the Diwan Breton-language schools from the 1970s onwards.

‘Yec’hed mat’ (to your health) to that — because regional and minority languages, like endangered species, merit protection. Languages that aren’t revitalized through constant exercise die out. It’s hypocritical that France, which is one of the first to staunchly defend its own elegant national language, should deny that same right to regions that wish to keep their own languages alive and vibrant. The National Assembly’s legislation was rejected last week by France’s conservative Senate. But it could yet be reintroduced, and should be: for the sake of both science and its own rich heritage, France should remove the constitutional obstacles as quickly as possible, and ratify the European Charter for Regional or Minority Languages.

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Zuerst die Füße.

Zeitgenössische Kunst strebt ihrem Selbstverständnis nach nicht vordergründig nach Harmonie und Schönheit, sondern provoziert und rüttelt auf. Daher dürfte es ganz in ihrem Sinne sein, dass ein kirchlicher Würdenträger Einspruch erhebt, wenn ein gekreuzigter Frosch gezeigt wird. Freilich muss dann die Frage erlaubt sein (und gehört zum ausgelösten Denkprozess), ob der Bischof auf einer ethischen Grundlage handelt – ob er also ähnlich reagiert hätte, wenn der Angriff einer anderen Glaubensgemeinschaft gegolten hätte.

Etwas völlig anderes ist jedoch der Eingriff aus der Politik. Es ist äußerst bedenklich, wenn der Gesetzgeber seinen Einspruch erhebt und unter Umständen Kunst zensiert. Das ist dann keine »immanente« Auseinandersetzung mehr, sondern ein Angriff auf die Freiheit der Auseinandersetzung selbst. Im Jahr der zeitgenössischen Kunst, da Südtirol sich öffnen soll für den Diskurs um den Zustand und Fortschritt unserer Zivilisation, ist der kalte Wind aus dem Landhaus ein denkbar schlechter Auftakt. Im Augenblick scheint es, als könne das Museion dem Druck der Macht standhalten, sich ihm widersetzen. Sollte dies jedoch misslingen, wäre es das erschreckende Zeugnis einer feudalen Gegenwart — eine Offenbarung übrigens, die wir dann ebenfalls der Kunst verdanken.

Siehe auch: 1/ 2/

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Vis maior.

Vis.Eine Nische groß wie ein Ozeandampfer haben die Inhaber von Mardi Gras, einer Buchhandlung von der auch hier schon die Rede war, nun für Südtirol gefüllt. Mit »Vis« haben sie — der Name verrät’s — gegenüber ihres bisherigen Standorts in der Bozner André-Hofer-Straße einen neuen, gut sortierten Laden eröffnet, diesmal spieziell fürs Kunst-, Architektur- und Designbuch.

Zwar ist das deutschsprachige Buch noch unterrepräsentiert, dies soll sich laut Angaben der freundlichen Inhaberin jedoch bald ändern. Die Feststellung hat weniger sprachliche Hintergründe — das Kunst- und Architekturbuch ist in der Regel unabhängig von der Sprache gut verstehbar — als solche der Auswahl.

Ich selbst werde jedenfalls in Hinkunft meine Bücher nicht mehr aus dem Internet beziehen sondern bei »Vis«, selbst wenn ich dort eine Bestellung in Auftrag geben und ein paar Euro mehr hinlegen müsste. Was gibt es Schöneres, als Stunden in einer Kunstbuchhandlung zu verbringen, wo doch kein Buch vor dem Kauf so sehr be-griffen und gesehen werden will, wie das reich und schön bebilderte?

Die Erhaltung dieses Luxus’ ist mir Treue und bares Geld wert. Also, auch an alle anderen Kulturinteressierten Südtirols: Warum nicht jetzt und noch vor Weihnachten ein schönes Buch für sich selbst und die Lieben erstehen?

Anschrift: Andreas-Hofer-Straße 3G, 39100 Bozen
Mo-Sa durchgehend von 10.00-19.00 Uhr geöffnet
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Wer das Detail nicht ehrt…
»Associazione culturale«

Diese Eintrittskarte erhält man in der Bozner Carambolage beim Besuch eines Theaterstücks in deutscher Sprache:

Carambolage.

Wenn das die Achtung ist, die ein Kulturverein der »eigenen« Sprache zukommen lässt…

Siehe auch: 1/

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Rettet die Villa.

Im Auftrag der Familie Tabarelli hat sich mit Carlo Scarpa einer der bedeutendsten italienischen (und europäischen) Architekten des 20. Jahrhunderts nach Südtirol gewagt. Der Venediger Baumeister wurzelt kulturell wie kaum ein anderer in der jahrhundertealten handwerlichen Tradition Mitteleuropas. Ausdrücklich bezog er sich in seinem Schaffen – neben Murano – auf die sprichwörtliche Präzision und Zuverlässigkeit des Wiener Handwerks, auf das bereits ein Adolf Loos seine Lobgesänge anstimmte. Und die der in die Staaten ausgewanderte Richard Neutra in seiner neuen Heimat so vermisste.

In Girlan (Gde. Eppan) hat Scarpa in den 60er-Jahren ein kleines Einfamilienhaus errichtet, dessen Schicksal nun ungewiss scheint: Die Besitzerin möchte den Bau veräußern, und zwar mit dem Ziel, ihn für die Öffentlichkeit zu erhalten und zugänglich zu machen. Wenn dies jedoch nicht gelingt, könnte das Haus der Spekulation zum Opfer fallen, da es nicht unter Denkmalschutz steht.

Obschon die Fakultät für Design der FUB ihr Interesse am Objekt angemeldet hat, und auch die Grünen mit gezielten Anfragen für dessen Erhalt eintreten, scheint der Fortbestand noch immer nicht endgültig gesichert. Die Brennerbasisdemokratie ruft die Verantwortlichen dazu auf, für den Erhalt der Villa alles Menschenmögliche zu tun, bevor es zu spät ist – gerade in einem Land, in dem das 20. Jahrhundert nicht reich an architektonischen Lichtblicken war.

Ich werde mich diesbezüglich an die Gemeinde Eppan und die Landesverwaltung wenden, und die Leser über eventuelle Antworten auf dem Laufenden halten.

Einen Seitenhieb kann ich mir nicht verkneifen: Wo bleiben im Fall der wirklich wertvollen Villa Tabarelli und – zum Beispiel – des Hotel Paradiso jene Parteien, die sich für die Erhaltung faschistischer Bauwerke angeblich vor allem aufgrund architektonischer Werte einsetzen? Oder gibt es ohne Liktorenbündel und reitende Duces keinen architektonischen Wert? Über so viel inhaltliche Ignoranz bin ich zutiefst enttäuscht.

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Auf zu Käthe!

Schon seit dem 17. März läuft im Diözesanmuseum Hofburg Brixen eine ergreifende, ja erschütternde Ausstellung mit über 60 Arbeiten von Käthe Kollwitz. Vor wenigen Tagen hatte ich nun die Möglichkeit, mich mit dem vorzüglichen Werk der sozialkritischen deutschen Künstlerin auseinanderzusetzen. Unglaublich expressiv porträtiert sie in ihren Druckgraphiken und Zeichnungen den Schlesischen Weberaufstand oder die Inbrunst der Bauernkriege. Und meint damit auch unsere Zeit. Dabei ist die Ausstellung – in Zusammenarbeit mit dem Kölner Käthe Kollwitz Museum – wunderbar kuratiert und mit angenehmer Einfachheit und Zurückhaltung inszeniert.

Gleichzeitig bot sich mir die Gelegenheit, die Sammlung des Diözesanmuseums zu besichtigen: Ein kleiner, fast unbekannter Schatz im Herzen der Bischofsstadt, der – unter anderem – mit echten Perlen aufwarten kann.

Leider ist mir auch die gähnende Leere in Gängen und Ausstellungsräumen aufgefallen. Man möchte sagen: Perlen vor die Säue. Daher meine Einladung: Stürmt diese Ausstellung, sie ist ein echter Lichtblick im Südtiroler Kulturangebot. Noch bis zum 27. Mai.

Cultura/ Feuilleton/ Kunst/ · · · · · · Deutsch/
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Abgeschieden.
Verkehrsprojekte

Vorausgeschickt: Ich bin tendenziell für den Ausbau des Bozner Flughafens und gegen den Bau des BBT. Eine gefestigte Meinung habe ich jedoch vor allem zu letzterem noch nicht, weil ich zugeben muss, dass ich mich bis dato zu wenig damit auseinandergesetzt habe. Mit Sicherheit stört mich die bürgerferne, arrogante Vorgangsweise der BBT-Bauer.

Dennoch drängt sich mir die Frage auf, ob diejenigen, die beide Projekte gleichermaßen bekämpfen, nicht viel zu leichtfertig unseren Anschluss an die Außenwelt für einen manchmal etwas populistischen Umweltschutz opfern. Wären funktionierende Flugverbindungen, außer für den Wirtschaftsstandort, nicht auch und vor allem für unseren kulturellen Fortschritt von großem Nutzen — wenn nicht gar überlebenswichtig? Sicher wäre es mit einem Airport einfacher, unsere Uni mit renommierten Dozenten und »Visiting Professors« zu bestücken. Kongresse und Messen von überregionaler Bedeutung abzuhalten. Institutionen und Veranstaltungen wie das Stadt- bzw. Landestheater, das neue Museion, die Transart oder den Tanzsommer für ein internationales Publikum attraktiv zu machen — und von einem größeren Austausch zu profitieren. Neue Veranstaltungen zu etablieren oder hierzulande anzusiedeln. Und nicht zuletzt einen aufgeklärten Kulturtourismus zu fördern, der keine weitere Naturzerstörung (für Skipisten, Bettenburgen…) benötigt, und unserem Land auch inhaltlich zu Wachstum verhülfe.

Die Argumente der Flugplatzgegnerinnen kann ich zum Teil nachvollziehen, auch wenn sie großteils nach Mission und weniger nach basisdemokratischem Kampf um die Wählergunst klingen. Aber da bin ich vielleicht durch Vorwissen (bezüglich Nimby) belastet. So wir uns jedoch gegen den Airport Bozen Dolomiten aussprechen – können wir uns wirklich leisten, auch noch auf eine Hochgeschwindigkeitsverbindung zu wichtigen Drehscheiben im Norden und im Süden zu verzichten? Wäre das nicht die endgültige Besiegelung unserer Zukunft als Provinzkaff, das seine besten Köpfe zur Flucht ins Ausland antreibt?

Vergleichbare Städte in der (gewiss nicht umweltfeindlich gesinnten) Schweiz haben sich für einen Flughafen und für die Anbindung an den schnellen Zugverkehr entschieden. Die Frage nach den Proportionen ist besonders im Fall des BBT mit Sicherheit erlaubt. Aber einen Rückschritt sollten wir uns nicht leisten.

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