Das Bildungssystem in Alto Adige neu denken
Es scheint die Zeit gekommen zu sein, sich vom bisherigen Modell zu verabschieden. Vom Modell der deutschen und italienischen muttersprachlichen Schule, festgeschrieben in Artikel 19 des Autonomiestatuts. Laut dem neuen ASTAT-Sprachbarometer wünscht sich eine Mehrheit der deutschsprachigen Bürger:innen eine zweisprachige Schule. Ein Trend, der schon seit Jahren anhält. Schon 2014 plädierten Eltern mehrheitlich für das Ende der muttersprachlichen Schule.
Mit dem Greifen der Autonomiebestimmungen, besonders von Proporz und Zweisprachigkeit (im Gesundheitswesen seit einigen Jahren schon ausgesetzt), wurde spürbar, was anders werden wird. In der öffentlichen Verwaltung, besonders beim Staat. Lange eine Domäne von fast ausschließlich italienischsprachigen Bediensteten.
Die Konsequenzen der Autonomie wurden sichtbar, für viele italienischsprachige Bürgerinnen und Bürger auch »negativ« erfahrbar. Beispielsweise die Zweisprachigkeit als Pflicht. Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre forderten italienische Eltern den Umbau der italienischen in eine zweisprachige Schule. Die italienischen Parteien, rechts wie links, und Alexander Langer mit einem interethnischen Ansatz warben für eine zweisprachige Schule. Modell Aosta.
Der FdI-Kammerabgeordnete Alessandro Urzì plädierte 2024 für die Umrüstung der italienischen Schule in ein zweisprachiges Bildungssystem. Urzì ist Präsident der Sechserkommission, also eine gewichtige Wortmeldung. Und sein Nachfolger, Marco Galateo (FdI), LH-Vize und Zuständige für die italienische Schule, kündigte eine entsprechende Machbarkeitsstudie an.
Die Grünen, ganz ihrer Tradition verpflichtet, warteten mit einem Vorschlag nach mehrsprachigen Klassenzügen aus. Ohne aber — eine Art Entwarnung — am Prinzip der muttersprachlichen Schule rütteln zu wollen.
Die muttersprachliche Schule ist, wie bereits erwähnt, im Artikel 19 des Autonomiestatuts festgeschrieben. Die SVP zitierte in den vielen Auseinandersetzungen um die Schule immer wieder diesen Artikel, um unliebsame, gefährliche oder notwendig-sinnvolle Sprachexperimente abzublocken. Lange Zeit auch mit einer breiten Zustimmung der deutschsprachigen Bevölkerung.
Das scheint nun vorbei zu sein. Inzwischen kann sich eine Mehrheit der Deutschsprachigen auch eine zwei- statt einer muttersprachlichen Schule vorstellen. Vorerst auf freiwilliger Basis. Aber warum nicht gleich den großen Sprung wagen? Die Schaffung einer einheitlichen zweisprachigen Schule bei gleichzeitiger Abschaffung des bisherigen Systems? Ein:e Schulamtsleiter:in, ein Schulamt, eine Bildungsdirektion, ein Pädagogisches Institut.
Die deutsche Schule würde nicht mehr unter einer Abschottung leiden, wie sie Landesrat Christian Bianchi von Forza Italia fast schon bemitleidend feststellte. Mit der Integration der deutschen Schule in ein einheitliches zweisprachiges Bildungssystem könnte die einstige muttersprachliche Südtiroler Schule profitieren, folgt man dem zuständigen italienischen Landesrat für Schule, Marco Galateo. Denn die italienische Schule vermittelt nicht nur Sprachen, sondern sie erzieht dazu, in mehreren Sprachen zu denken. Mit anderen Worten, die italienische Schule in Südtirol tickt und ist modern.
Vergesst den Artikel 19, es ist Zeit, ihn zu archivieren. Er verhindert offensichtlich das Erlernen von mehreren Sprachen. Aber nicht nur, er bremst auch das Denken in mehreren Sprachen. Deshalb braucht Südtirol ein einheitliches, zweisprachiges Bildungssystem von der Kita über Kindergärten, Grund- und Mittelschule, Berufsschule, Oberschule, die direkt in die perfekt mehrsprachige Universität führt. Südtirol ist dann endlich in der Moderne angekommen. Wie die autonome Region Aosta.
Aufgrund der mehrsprachigen Schule verstehen zwei Drittel der Bevölkerung Französisch, fast zwei Drittel Frankoprovenzalisch. Im Alltag dominiert aber die italienische Staatssprache.
1921 wurden laut Volkszählung fast 90 Prozent der Aostaner:innen als französischsprachig eingestuft. Zwischen 1980 und 1983 erhoben Lehrer:innen, dass im häuslichen Umfeld fast die Hälfte der Befragten Italienisch verwendeten. Im Unterricht hingegen verwendeten alle Interviewten üblicherweise Italienisch, da der Unterricht hauptsächlich auf Italienisch stattfindet, entgegen den zweisprachigen Bestimmungen des Sonderstatuts der Region. Italienisch dominiert, im institutionellen und kulturellen Kontext wird Französisch verwendet, das Frankoprovenzalische ausschließlich in der innerfamiliären und lokalen Kommunikation, insbesondere in ländlichen Gebieten.
Man kann davon ausgehen, dass die Aostaner:innen mehrere Sprachen sprechen können und auch in mehreren Sprachen denken. Wenn das nicht ein großer Wurf ist.

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