Immer wieder ist in Südtirol die — meist rhetorische — Frage zu hören, weshalb ein mehrsprachiges Schulmodell, wie es in den ladinischen Ortschaften bereits existiert, nicht einfach auf das ganze Land ausgeweitet wird.
Dass praktisch alle Wissenschafterinnen, die sich speziell mit diesem Teilaspekt befasst haben, vor der Immersion einer Minderheit in die Mehrheitssprache (z.B. 01 02 03) warnen, habe ich schon mehrfach geschrieben — doch darum soll es hier nicht gehen.
Die Ladinia ist durch eine ganz besondere Ausgangslage geprägt, die sich schwer mit jener der beiden anderen Sprachgruppen in Südtirol vergleichen lässt: Die Ortschaften, in denen das ladinische Schulmodell verankert ist, stellen ein überschaubares Gebiet mit einer durchwegs dörflichen Siedlungsstruktur dar. Bis zur vorletzten Sprachgruppenerhebung (2011) hatten sich dort über 90 Prozent der Bevölkerung der ladinischen Minderheit zugehörig erklärt; in keiner einzigen ladinischen Gemeinde lag dieser Wert damals unter 80 Prozent. Hinzu kommt, dass die Ladinerinnen aufgrund ihres kleinen Siedlungsgebietes stark auf mindestens eine andere Sprache angewiesen sind. Dass ihnen mit Deutsch und Italienisch gleich zwei größere Bezugssprachen zur Verfügung stehen, erschwert wiederum die vollständige Assimilierung an eine davon.
Und dennoch stößt auch das ladinische Schulmodell bereits an seine Grenzen — unter anderem infolge von Zuwanderung, obwohl es unter den drei Schulsystemen nach wie vor den geringsten Anteil an Schülerinnen mit Migrationsgeschichte aufweist.
Sofia Stuflesser vom ladinischen Schulamt hatte erst kürzlich in einem Salto-Podcast darauf hingewiesen, dass die zwei Wochenstunden Ladinisch »absolut zu wenig« seien, um die ladinische Sprache langfristig zu erhalten. Diese Einschätzung wird auch von anderen Expertinnen geteilt.
Eine Geschichte in der aktuellen ff unterstreicht die Schwierigkeiten noch einmal anschaulich. In dem Wochenblatt wird immer wieder die Einrichtung mehrsprachiger Schulen oder Klassenzüge gefordert, zuletzt etwa im Leitartikel von Georg Mair in Ausgabe Nr. 50/2025 — weshalb man der ff wohl kaum eine negative Voreingenommenheit unterstellen kann.
Sie werden auf Deutsch, Italienisch und Ladinisch unterrichtet – und es funktioniert.
– Valentina Gianera (ff Nr. 01/2026)
Trotz dieses Satzes im Untertitel des aktuellen Beitrags entsteht bei der Lektüre ein ganz anderer Eindruck. Da ist nicht nur davon die Rede, dass Kinder je nach Sprachen, die zuhause gesprochen werden, Schwierigkeiten mit dem Sprachenlernen in der Schule haben, sondern auch, dass sich im Pausenhof der Grundschule Corvara — um die es im Artikel geht — bereits Italienisch als dominierende Kommunikationssprache etabliert hat.
Deutsch wird kaum gesprochen, Ladinisch vor allem von den Lehrpersonen, die Pausenaufsicht haben.
– Valentina Gianera (ff Nr. 01/2026)
Ladinischsprachige Schülerinnen müssen immer wieder dazu angehalten werden, zumindest untereinander Ladinisch zu sprechen und nicht ständig ins Italienische zu wechseln — vom sehr engagierten Lehrer Timo Craffonara, der nicht nur Vizepräsident der Uniun Ladins Val Badia ist, sondern auch selbst ladinische Lieder verfasst, damit die Sprache »nicht zu kurz kommt«. Dieses Engagement ist jedoch nicht selbstverständlich und kann weder von allen Lehrpersonen erwartet noch eingefordert werden.
Sobald nur ein Kind kein Ladinisch spricht, wechseln alle sofort ins Italienische.
– Lehrer Timo Craffonara (ff Nr. 01/2026)
Räume, in denen noch Ladinisch dominiert, würden zunehmend kleiner, im Pausenhof ebenso wie beim Hockey. Dabei sei die Situation in Corvara sogar noch besser als in Badia, da es hier — zumindest in der aktuellen Klasse, die von Craffonara betreut wird — immerhin »einige Kinder mit Deutschkenntnissen« gebe, was den Deutschunterricht erheblich erleichtere.
Auch Sofia Stuflesser berichtete im genannten Salto-Podcast, dass sich in Urtijëi, wo sie herkommt, seit ihrer eigenen Schulzeit eine klare Entwicklung hin zum Italienischen beobachten lasse.
Das alles klingt für mich — wiewohl es nicht notwendigerweise repräsentativ ist —, nicht nach einem prosperierenden, sondern vielmehr nach einem ächzenden Modell, dem es zunehmend schwerfällt, Assimilationsprozesse aufzuhalten. Sogenannte Outgroup-Kontakte (vgl.) finden überwiegend in der Staatssprache Italienisch statt, die sich langsam, aber stetig durchsetzt.
Die mehrsprachige Schule ist mitnichten eine Zauberformel, die aus einsprachigen Kindern mühelos mehrsprachige macht, ohne dabei die Minderheiten dem Risiko von Subtraktion und Sprachverlust auszusetzen.
Cëla enghe: 01 02 03 04 05 06 07 08

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