Wichtige Symbolpolitik.

Wir haben uns hier schon oft für politische Gesten ausgesprochen, in der Erinnerungskultur, aber auch zur Anerkennung von Vielfalt und Andersartigkeit. Der kürzlich — am 23. November — stattgefundene Besuch der beiden Staatsoberhäupter Alexander Van der Bellen und Sergio Mattarella war geradezu ein Konzentrat solcher Gesten. Anlass waren 100 Jahre Vertrag von Saint Germain und 50 Jahre Südtirolpaket.

Da war zunächst die kleine, aber lehrreiche Geste des »grünen« Bundespräsidenten als Bahnreisender.

Dann die gemeinsame Ehrung der Opfer der faschistischen und nationalsozialistischen Regimes am neuen Mahnmal des Bozner Durchgangslagers.

Mit dem — wie ich es sehe — Misston einer schwer bewaffneten Alpini-Formation und vieler Flaggen nur eines der beiden Staaten an den Balkonen der umliegenden Häuserblocks. Beides zu sehen auf dem Bild der Woche in der aktuellen ff.

Das längst überfällige und trotzdem alles andere als selbstverständliche Gedenken an das erste Südtiroler Opfer des Faschismus, Franz Innerhofer, am Ort seiner Ermordung.

Die feierlichen Reden auf Schloss Tirol, das dem zweigeteilten Land seinen Namen gibt, mit dem wichtigen Hinweis des — allerdings mit der rassistischen Lega regierenden — Landeshauptmanns, dass die Südtirolerinnen im Faschismus und im Nationalsozialismus nicht nur Opfer, sondern auch Täter waren. Mit dem Chor des Vinzentinums, das zwar die beiden Nationalhymnen (Siam pronti alla morte!), dann aber auch die Ode an die Freude in den drei Landessprachen Ladinisch, Deutsch und Italienisch vortragen durfte.

Nicht zuletzt ist auch die Anwesenheit zweier Staatsoberhäupter zu einem solchen Anlass, in einem Land mit dieser Geschichte, schon per se ein wichtiges Zeichen.

All dies gilt es nach meinem Dafürhalten aus Südtiroler Sicht dankbar und wertschätzend anzuerkennen. Bevor wir dann natürlich — auch das ist legitim und nötig — von der Symbol- zur Realpolitik zurückkehren, um dort auch zu beobachten, ob den Worten und Gesten ein Handeln entspricht.

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Geschichte Kohäsion+Inklusion Militär Mobilität Nationalismus Politik | Geschichtsaufarbeitung Good News | Alexander Van der Bellen Arno Kompatscher Sergio Mattarella | ff | Italy Österreich Südtirol/o | Alpini Lega | Deutsch

Südtirol ist ‘Sentiero Italia’.

Der national(istisch)e Wanderweg Sentiero Italia, der Südtirol seit seiner Errichtung in den 1980er und 1990er Jahren nur am äußersten Rande tangierte, soll nun auf Initiative des CAI von Südtirol — und gegen den Widerstand der Società Alpinisti Tridentini (SAT-CAI) — 13 neue Südtiroler Etappen erhalten. Mit im Boot angeblich: Die Handelskammer Bozen, das Land Südtirol und der AVS. Schilder mit wunderschönen grünweißroten Logos sollen demnach übers Land verteilt werden, in einer neuen symbolischen Landnahme derer, die noch vor wenigen Jahren die Reitalianisierung der Berge bis zum hintersten Joch und Weiler mit erfundenen Tolomei-Ortsbezeichnungen erzwungen hatten.
Es handle sich, so der italienweite CAI-Vorsitzende Vicenzo Torti, um eine Route, die »nicht die Gipfel, sondern Herz und Seele unseres Italien« berühre. Wir wissen also, wo die Reise wieder einmal hingeht.

Kaum verwunderlich auch, dass die Verstrickungen mit dem Militär in üblicher CAI-Manier nicht weit weg sind: Die letzte vollständige Begehung der Route hatte 1999 in Zusammenarbeit mit der Alpini-Vereinigung ANA stattgefunden.

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Militär Nationalismus Ortsnamen | Italianizzazione | Ettore Tolomei | | Italy Südtirol/o Trentino | Alpini AVS CAI Land Südtirol | Deutsch

Salvini will Wehrpflicht wiedereinführen.

Der rechtsradikale italienisiche Vizepremier und Innenminister Matteo Salvini (Lega) hat am heutigen Ostermontag bei einer Rede im benachbarten Trentino die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht (»zum Beispiel für die Alpini«) in Italien gefordert. Einen ähnlichen Vorstoß hatte er bereits vor Monaten bei einem Auftritt in Süditalien gewagt.

Wiewohl auch Berufsheere aus demokratischer Sicht nicht unproblematisch sind, hatte die Abschaffung der Wehrpflicht vor bald 15 Jahren gerade auch aus Südtiroler Sicht positive Auswirkungen. Hierzulande stationierte Einheiten wurden verkleinert und teilweise aufgelöst, vormals militärisch genutzte Areale konnten einer zivilen Nutzung zugeführt werden.

Darüberhinaus ist der Militärdienst für Angehörige von Minderheiten grundsätzlich hochproblematisch. Differenzierung und Rücksichtnahme haben da üblicherweise wenig Platz.

Das 5SB-geführte Verteidigungsministerium antwortete heute auf den Vorschlag des Innenministers postwendend mit einer Absage: Es handle sich um eine romantische, aber nicht umsetzbare Idee.

Trotzdem wäre hier eine Klarstellung der Südtiroler Lega, die immerhin als Koalitionspartner der SVP in der Landesregierung sitzt, vonnöten. Was halten die Landesräte Vettorato und Bessone vom Vorstoß ihres Chefs?

Siehe auch:

Democrazia Militär Minderheitenschutz Politik | | Giuliano Vettorato Massimo Bessone Matteo Salvini | | Italy Südtirol/o Trentino | Alpini Lega SVP | Deutsch

Muss eine ‘Cantore’-Schule sein?

Während der letzten Jahre konnten in Südtirol mehrere Umbenennungen von Straßen und Schulen (Klebelsberg, Wenter, Ploner…) erreicht werden. Neben der Umgestaltung faschistischer Relikte (Siegesdenkmal, Piffraderrelief…) ist dies ein wichtiger Beitrag zur Geschichtsaufarbeitung und zur Etablierung einer zeitgemäßen, demokratischen Erinnerungskultur.

Andere Bezeichnungen (Aufschnaiter, Bruder Willram, Amba Alagi, Sieg, Cadorna…) harren weiterhin einer Lösung. Doch einen Namen habe ich bislang noch nie gehört — den von Generalmajor Antonio Cantore.

Der ligurische Vollblutsoldat war als Anführer des 8. Alpini-Regiments (auch Cantoreregiment) ab 1912 in den italienischen Angriffskrieg gegen das osmanische Reich (Libyenkrieg) verwickelt. Im ersten Weltkrieg wurde er dann vom berüchtigten General Luigi Cadorna persönlich an die Dolomitenfront beordert, um den — für Cadornas Geschmack — zu vorsichtigen Kommandanten Saverio Nasalli Rocca zu ersetzen. Doch schon kurz nach seiner Versetzung wurde der für seine Gnadenlosigkeit gefürchtete Cantore bei einem seiner ersten Frontbesuche an der Tofana di Rozes tödlich getroffen.

Bis heute hält sich dabei das Gerücht, dass Cantore nicht von einem Scharfschützen der Kaiserjäger, sondern von jemandem aus den eigenen Reihen getötet worden sei, weil er kurz zuvor einen heftig umstrittenen Plan angekündigt hatte, eine nahegelegene Feindsstellung trotz zu erwartender umfangreicher Verluste um jeden Preis erobern zu wollen. Eine neuere Untersuchung ergab, dass das Einschussloch in seinem Hut eher zu einem italienischen, denn zu einem österreichisch-ungarischen Projektil passen könnte.

Wie dem auch sei: Die 1923 von den Faschisten gegründete italienische Oberschule von Bruneck trägt bis heute den Namen des erbarmungslosen Generalmajors Cantore. Selbst wenn man seine brutalen Methoden unbeachtet ließe, sollte man meines Erachtens überlegen, ob es im 21. Jahrhundert — zudem in einem sensiblen Land wie dem unseren — nicht geeignetere Namensgeberinnen für eine Schule gäbe, als einen im Krieg gefallenen Berufssoldaten. Wenn nach Cantore Straßen oder Kasernen benannt sind, ist das immerhin noch erträglicher.

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Retorica della guerra.
Quotation 468

I giorni dell’adunata a Trento sono stati giorni di esaltazione della guerra. Sui quotidiani, nell’informazione è solo un lungo inseguirsi di mostre che hanno messo e mettono in vetrina armi, che inneggiano all’eroismo degli alpini, al sacrificio dei soldati, alla grandezza – cent’anni fa – di una vittoria voluta fortemente da tutto un popolo.

Perché? Perché cent’anni dopo ci siamo raccontati ancora le balle degli eroi che morirono in trincea, senza ricordare che morirono squartati, tenendosi le budella, avvolti nella loro merda, mangiati da topi e pidocchi, costretti a ripararsi con i cadaveri dei compagni appena uccisi? Perché dobbiamo raccontare agli alpini di oggi che i loro nonni-commilitoni sono morti inneggiando la patria e il Re, senza dire delle bestemmie, delle morti terribili per il freddo, tra i ghiacci, in una guerra senza senso, travolti dalle slavine, uccisi dalla polmonite e dalla fame, prima che dal nemico?

Cent’anni dopo siamo ancora a confrontarci con la grezza, stupida, arrogante retorica della guerra e della Prima Guerra Mondiale. Non diciamo che quei milioni di morti ci furono perché avevamo aggredito un altro Paese per strappargli della terra. Noi applaudiamo gli alpini che sfilano nella retorica dei “baluardi che hanno difeso la Patria”. Cantiamo la canzone del Piave spiegando che “l’esercito marciava per far contro al nemico una barriera”. Noi quel 24 maggio del 1915 abbiamo mandato migliaia di italiani a morire invadendo un territorio, varcando l’Isonzo – non il Piave, diciamolo per favore – per occupare pezzi d’Austria. In 157 anni di storia nazionale, non abbiamo mai, mai combattuto una guerra difensiva.

Abbiamo sempre attaccato briga, andando a conquistare pezzi di imperi, pezzi d’Africa o pezzi di Balcani. Sempre all’offensiva, sempre a casa d’altri. L’unica guerra difensiva della nostra storia è stata la Guerra di Liberazione partigiana: guarda caso è quella che vogliamo dimenticare. In questa retorica da straccioni, ci siamo dimenticati di pensare un solo momento dedicato a chi è stato ed è contro la guerra. Non c’è stata una mostra ufficiale, a Trento o altrove, che ricordi i disertori, quelli che scelsero di morire per non uccidere. Non c’è un momento dedicato alle donne che tentarono di fermare le tradotte carichi di figli, mariti e fratelli destinati al macello. Niente, nulla.

tratto da un commento di Raffaele Crocco, direttore ‘Atlante delle Guerre e dei Conflitti nel Mondo’, apparso su ‘il Dolomiti’.

Vedi anche:

Faschismen Medien Militär Nationalismus Politik Ungehorsam+Widerstand | Zitać | | il Dolomiti | Trentino | Alpini | Italiano

Alpini: Zuspitzung des Widerstands.

Der Widerstand gegen das Alpinitreffen in Trient spitzt sich zu. Waren es anfangs noch kritische Stellungnahmen,  Sprüche* und Besetzungen, kam es inzwischen auch zu Sabotageakten auf Einrichtungen der Veranstaltung — und möglicherweise sogar auf die Bahninfrastruktur im Trentino.

Ob letztere jedoch tatsächlich mit dem Militäraufmarsch in Zusammenhang stehen, ist bislang ungeklärt. Zur Tat bekannt hat sich niemand. Ganz allgemein gilt natürlich: Wo die Unversehrtheit, ja gar das Leben von — zudem unbeteiligten und »unschuldigen« — Menschen aufs Spiel gesetzt wird, muss eine rote Linie gezogen werden. Wobei ich nicht beurteilen kann, ob die konkreten Sabotageakte diese gefährliche Wirkung hätten entfalten können.

Quer durch die politische Landschaft gab es inzwischen aber teils erstaunliche Reaktionen auf die Vorfälle der letzten Tage. Selbst Linke (LeU) und Partinsaninnen (ANPI) verurteilten nicht nur die Exzesse, sondern nahmen die Alpini auch grundsätzlich vor Kritik in Schutz.

*) Sprüche nach Trientner Vorbild sollen inzwischen übrigens auch in Bozen aufgetaucht sein, wo 2012 kaum Widerstand zu sehen war.

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Gegen die Alpini: Fakultät besetzt.

Wie mehrere Trentiner Medien übereinstimmend berichten, haben gestern Studierende, die der Gruppe Saperi Banditi zugeordnet werden, die Soziologiefakultät der Uni Trient besetzt und auch über Nacht die Stellung gehalten. Im Außenbereich sind mehrere Transparente und Plakate erschienen, mit denen die Besetzerinnen scharf gegen den Militäraufmarsch protestieren, der am Wochenende in Trient stattfinden soll. Neben der Wiederholung bereits während der letzten Tage auf mehreren Gebäuden der Landeshauptstadt erschienener Slogans (wie »alpini assassini«) gab es auch neue Sprüche wie »Alpini: una faccia da fiumi di vino – un cappello da lago di sangue«.

Ob die Besetzung während der kommenden Tage fortgesetzt wird oder mit dem heutigen Tag endet, war vorerst noch unklar.

Siehe auch:

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