Mitte Jänner hatte das Internetportal il Dolomiti aufgedeckt, dass der faschistische Diktator Benito Mussolini bis heute Ehrenbürger der Trentiner Landeshauptstadt (sowie Hauptstadt der Region Trentino-Südtirol) ist. Seitdem fordern Antifaschistinnen, dies schnellstmöglich zu ändern. Wie an anderen Orten auch, winden sich die rechten und neofaschistischen Parteien mit den absurdesten Argumenten dagegen — und natürlich werden auch die beiden Klassiker aus der Trickkiste bemüht: Man dürfe die Geschichte nicht auslöschen und es gebe Wichtigeres zu tun.
Doch neben FdI und Lega kritisieren auch die Alpini die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft, die Mittelinks-Bürgermeister Franco Ianeselli so bald wie möglich über die Bühne bringen möchte.
Rechtsanwalt Paolo Frizzi, Vorsitzender der ANA im Trentino, bezeichnet das Ansinnen gegenüber il Dolomiti als »ideologisch«, was ja auch zutrifft — allerdings im besten Sinne: es ist antifaschistisch und prodemokratisch. Es sei nun 80 Jahre lang zugewartet worden, so Frizzi, obwohl die Angelegenheit in den 50er, 60er oder 80er Jahren brisanter gewesen wäre. Eine Aussage, die umso absurder ist, als Mussolinis Ehrenbürgerschaft ja erst kürzlich bekannt geworden war. Andernfalls hätte man sich selbstverständlich auch schon früher damit befassen können. Dass ein Missstand lange bestanden hat, ist im Übrigen kein Argument für seine Fortführung, sondern eines für seine Behebung.
Jedenfalls handle es sich um »kein einfaches Thema«, so der ANA-Chef weiter, insbesondere weil es auch unter einem historischen Gesichtspunkt bewertet werden müsse. Wie umstritten und negativ eine Persönlichkeit auch sein möge, sei es seiner Meinung nach erforderlich, die Aberkennung zu »kontextualisieren«, weil mit ihr der Weg zu einer Proskriptionsliste eröffnet werde. Er sage das nicht, um die Beibehaltung der Ehrung für Mussolini zu rechtfertigen — doch genau das ist der Subtext seiner Äußerungen.
Warum bitte muss die Aberkennung einer Ehrung für einen faschistischen Diktator noch heute »unter einem historischen Gesichtspunkt bewertet« werden? »Kein einfaches Thema«? Was sollte offensichtlicher sein als die Tatsache, dass einer der größten Demokratiefeinde und Verbrecher des 20. Jahrhunderts nicht von einer demokratischen Institution geehrt werden sollte? Eine Ehrenbürgerschaft ist keine historische Dokumentation, sondern eine aktive, fortdauernde Auszeichnung. Wer sie nicht aberkennen will, trifft im Hier und Heute eine bewusste Entscheidung.
Und von welcher Proskriptionsliste spricht der Herr? Ehrungen werden einzelfallbezogen vergeben und aberkannt. Einen Automatismus gibt es nicht. Sollte es aber weitere problematische — historisch ohnehin bereits geächtete — Persönlichkeiten wie Mussolini im Verzeichnis der Ehrenbürgerinnen geben, wäre es nur folgerichtig, auch ihnen die Ehrung zu entziehen. Doch das scheint gar nicht der Fall zu sein.
Heute Abend soll im Gemeinderat »unserer« Regionalhauptstadt über Mussolini abgestimmt werden. Ianeselli hat den Rechten bereits entgegnet, wenn es Wichtigeres zu tun gebe, könne man die Aberkennung ja in zwei Minuten erledigen. Gerade weil es sich um einen symbolischen Akt handelt, wäre die Umsetzung so einfach — umso bezeichnender, wenn selbst dazu der Wille fehlt. Und vermutlich wird das Ansinnen tatsächlich scheitern: Die Geschäftsordnung des Gemeinderats sieht für solche Fälle ein Quorum von vier Fünfteln vor, das die Faschistenfreundinnen mit einer Enthaltung verhindern können.
Cëla enghe: 01 02 03 04 | 05 06 07 08 09 | 10 || 01 02

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