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Die Pinzetten-Autonomie.

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In der TAZ vom 23. Mai ist ein Interview mit Karl Zeller (SVP) zur Autonomiereform erschienen, bei dem er mehrere große Fragezeichen hinter die neuen und alten autonomen Spielräume stellt. Er plädiert dafür, »immer noch vorsichtig« zu sein, um keine »negativen Präzedenzentscheidungen« des Verfassungsgerichts (VfG) herbeizuführen, »die auch künftig gegen uns verwendet werden können«. Zwar seien die wirtschaftlichen und sozialen Reformen als Schranke der autonomen Gesetzgebung weggefallen, doch es könne sein, dass das VfG »etwas anderes erfindet [!], zum Beispiel indem er erklärt, dass im Interesse der Konkurrenz im ganzen Staat eine einheitliche Regelung gelten muss und sich daher auch Südtirol daran halten muss.«

Wir müssen jetzt einfach mit Augenmaß und Logik vorgehen. Wir dürfen den Staat und den Verfassungsgerichtshof nicht provozieren. Dazu könnten wir zum Beispiel das Grundgerüst des staatlichen Gesetzes, das ja nicht immer schlecht ist, als Muster anwenden und für eigene Belange so anpassen, dass wir den Bereich zum Vorteile der Südtiroler Bevölkerung gestalten. Je weniger weit wir uns vom Grundgerüst entfernen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der autonome Spielraum anerkannt wird.

– Karl Zeller

Anders gesagt: Wir sind so lange autonom, wie wir unsere Autonomie nicht nutzen. Es zu tun, wäre eine unnötige und gefährliche Provokation, deshalb schreiben wir auch weiterhin vor allem Staatsgesetze ab — und nennen das dann »innere Selbstbestimmung« oder wahlweise »Vorzeigeautonomie«.

Wir haben zwar eine große Gesetzgebungs-, Verwaltungs- und Finanzautonomie, der Staat und der Verfassungsgerichtshof sind aber zentralistisch ausgerichtet. Gerade in letzter Zeit waren die Auslegungen sehr restriktiv.

– Karl Zeller

Bei »heiklen Themen« müsse man »mit der Pinzette hingehen, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass das Verfassungsgericht rigoros vorgeht«. Es ist also alles wie immer.

Cëla enghe: 01 02 03 04



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Comentârs

3 responses to “Die Pinzetten-Autonomie.”

  1. Martin Brugger avatar
    Martin Brugger

    Mehrere große Fragezeichen hinter die neuen und alten autonomen Spielräume? Eine Rückfrage: sollte diese etwa das Eingeständnis sein, dass die Vorgehensweise für die Autonomiereform nicht sonderlich gut durchdacht und geplant war? Oder verlässt einen jetzt vielleicht der politische Mut. Die Einsichten kommen zu spät und für Reue im Nachhinein können sich die Bürger nichts kaufen. Blicken wir zurück:

    Erstens: man wollte partout nicht auf die vorauseilenden warnenden Stimmen hören, die von kompetenter Seite gegen diese Koalitionsoption erhoben wurden.

    Das Angenehme für sich (Lob der Autonomiereform) sollte mit dem Nützlichen für die anderen verbunden werden und damit ist das politische Südtirol den Lockrufen von Herrn Manfred Weber, Vorsitzendem der EVP erlegen und das politische Wagnis eingegangen, die “Brandmauer” als Versuchsballon im Kleinen zu durchbrechen.

    Damit sollte die Legitimation gegeben sein, die “Fratelli” in der EVP und damit in Europa willkommen zu heißen, salonfähig zu machen, um zugleich die AFD in Deutschland zu isolieren und in die Schranken zu weisen.

    Das ist, wie man hierzulande sagt, vorerst einmal “gründlich in die Hosen gegangen”, da es Mitarbeiter des Herren Weber waren, die Kontakte zur AFD gepflegt haben und Weber damit in die Schusslinie von politischen Scharfschützen, auch innerhalb der eigenen Partei, geraten ist.

    Es mag sein, dass die AFD in Deutschland anderweitig ins Straucheln gerät, aber ganz sicher nicht wegen des politischen Narrativs von Manfred Weber, für den unsere hiesigen Parteigranden auf dem falschen Bein “Hurra” geschrien haben.

    Zweitens: man hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht und im Fall der Autonomiereform ist das der Verfassungsgerichtshof und mit ihm indirekt auch alle anderen rechtsprechenden Gerichte – kurzum, die Judikative, welche die dritte Macht im Staat darstellt und als solche laut Verfassung ein unabhängiges Organ ist.

    Ob es klug war und ist, sich in politischen Ämtern und Ehren befindend mit Gerichten öffentlich anzulegen – das sei ebenso dahingestellt wie die Judikative in der Öffentlichkeit vorzuführen…
    Das alles kann als Bumerang zurückkommen: irgendwie, irgendwo und irgendwann.

    Drittens: die irrtümlich als vierte Macht auszumachenden Medien hängen entweder direkt oder indirekt am Trog der öffentlichen Gelder und darum muss immer vermutet werden, dass sie jenen ergeben sind und zuarbeiten, die sie mit solchen Geldern nähren.

    “Chi paga comanda” lautet ein italienisches Sprichwort – sei es in geschönten politischen Artikeln oder in zurechtrückenden Interviews von Repräsentanten jener Parteien, die gerade an der Regierung sind. Das nennt man dann unverblümt: Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen.

    Und wer als Regierungsmitglied einmal von einem dieser Medien eins politisch übergezogen bekommen hat, der wird – ebenso populistisch – die Einschränkung von Medienmacht fordern, um in den Augen der Öffentlichkeit besser dazustehen und gefeiert zu werden.

    Südtirol hat System, Südtirol ist System, Südtirol wird von anderer Seite “systemiert”, wenn mit der Autonomie nicht verantwortungsvoll umgegangen wird. Also sind bei jedem Schritt, der politisch gesetzt wird, mehrere mögliche weitere Schritte vorauszudenken und zu planen. Damit werden Fragezeichen hinter alten und neuen politischen Spielräumen durch Ausrufezeichen und das Häkchen “erledigt” ersetzt.

    Das war bisher nicht so offenkundig der Fall, darum kommen die Einsichten jetzt zu spät und für Reue im Nachhinein ist kein Platz mehr vorhanden.

    1. Hartmuth Staffler avatar
      Hartmuth Staffler

      Es ist gut, dass Martin Brugger hier auf die üblen Machenschaften des Manfred Weber, Rechtsaußen der CSU, hingewiesen hat. Wenn deutsche und italienische Rechte sich verbünden, dann wird es für Südtirol gefährlich. Das lehrt uns die Geschichte.

  2. Martin Piger avatar
    Martin Piger

    1. Die Kolonialmächte schauen immer über die Korruption der lokalen politischen Eliten Macht über die Kolonien auszuüben.

    2. In Südtirol geraten wir autonomiepolitisch auf ein Abstellgleis und von diesem auf ein Abstellgleis 2. Ranges und von da auf eines 3. Ranges usw., weil wir uns bei Änderungen an der Autonomie immer wieder mit Allgemeinfloskeln begnügen, um das “Erreichte” einzuordnen, anstatt es am Wortlaut und Geist des Pariser Vertrages zu messen (und an den historischen Gründen der Südtiroler “Verbundenheit” mit Italien).

    3. Nachdem Generation um Generation kritische, wache Köpfe aus der Sammelpartei hinausgedrängt wurden, ist Südtirols aktuelle politische Schwäche hauptsächlich hausgemacht. Es steht schlichtweg kein Personal mehr zur Verfügung, das zu Hoffnung Anlass gäbe.

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