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Ausverkauf lohnt nicht.

Die kürzlich zu Ende gegangene Wintersaison war aus touristischer Sicht durchwachsen, wie das Landesinstitut für Statistik (Astat) vermeldet. Bezüglich der Übernachtungszahlen kann man bei einem Rückgang von 0,1% im Vergleich zum Vorjahr von Stagnation sprechen. Allerdings waren die Ergebnisse innerhalb Südtirols regional sehr unterschiedlich: Während in Gherdëina, Badia, Rosengarten-Latemar (u.a. Karerpass), am Kronplatz und im Hochpustertal deutliche Rückgänge verzeichnet wurden, konnten alle übrigen Tourismusregionen mehr oder minder deutlich zulegen.

Es fällt auf, dass genau jene Gebiete Einbußen hinnehmen mussten, die — mit teilweiser Ausnahme des Kronplatzes — nicht auf Authentizität, sondern auf Anbiederung gesetzt haben. Anders als die übrigen Tourismusregionen in Südtirol konnten sie den durch die schlechte Wirtschaftslage bedingten Wegfall italienischer Gäste nicht durch Gäste aus anderen Herkunftsländern ausgleichen.

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25 replies on “Ausverkauf lohnt nicht.”

So sehr ich auch deine Kritik teile, so glaube ich doch nicht, dass der Hauptgrund für die Rückgänge mangelnde Authentizität ist. Vielmehr weisen die Gebiete mit Rückgängen einen hohen Anteil an Gästen aus Italien auf. Die aktuelle wirtschaftliche Situation sowie die Unsicherheit über zukünftige Belastungen sind meiner Meinung nach die Gründe für die Rückgänge. Nichtsdestotrotz bin ich überzeugt, dass die einseitige Vermarktung als italienische Destinationen langfristig nachteilig wirkt.

Das ist mir schon bewusst — du hast natürlich völlig recht. Doch eben haben sich diese Gebiete dafür entschieden, nicht »sie selbst« zu sein, sondern sich einem Gästeprofil, dem italienischen, völlig anzubiedern und auszuverkaufen. Dementsprechende Schwierigkeiten haben sie jetzt, die fehlenden italienischen Gäste durch solche aus anderen Herkunftsländern auszugleichen.

Ein Extrembeispiel ist sicherlich Alta Badia, wo ich mich als Südtiroler zum Teil nicht mehr willkommen fühle, weil sehr viele Kellner, Verkäufer etc., die in der Hochsaison dort arbeiten, gar kein Deutsch (und übrigens schon gar kein Ladinisch) verstehen. Dass touristisch (fast) ausschließlich auf die italienischen anstatt auf die einheimischen ladinischen Ortsnamen gesetzt wird, kommt dann eben noch erschwerend dazu.

Selbst in noch so auf deutsche Urlauber ausgelegten Tourismusregionen wie dem Meraner Land würde es — zum Glück! — niemandem einfallen, derart diffus auf Personal zu setzen, das gar kein Italienisch beherrscht.

Wenn wir mangelnde Authentizität mit einseitigem Marketing ersetzen kommen wir dem Kern recht nahe. Alle oben genannten Gebiete orientieren sich sehr stark am italienischen Markt. Dies kann dann zum Problem werden, wenn man sich anbiedert, die eigenen Ortsnamen verleugnet und kulturelle Werte zur touristischen Folklore degradiert. Ein Spiegel-Journalist hat mal gesagt, kulturelle Stärke und wirtschaftliche Stärke hängen zusammen. Es zeugt nicht von kulturellem Selbstbewusstsein, wenn man sich anbiedert und nicht mehr in der Lage ist zu den eigenen Ortsnamen zu stehen. Die Marketingstrategie der SMG geht soweit, dass in den meisten Märkten, außer dem deutschen und tschechischen Markt vorwiegend die tolomeischen Ortsnamen verwendet werden. Als englischer bzw. niederländischer Tourist könnte ich bei mangelnder Authentizität lieber gleich das Original wählen, also meinen Urlaub im Trentino buchen.

@niwo
Das Gleiche gilt auch für den italienischen Gast, der auch lieber das Original nimmt und nach Nord-, Osttirol oder Kärnten ausweicht, weil er auch Authentizität schätzt.
Für mich als Südtiroler kommen solche Orte, aber auch Hersteller oder Geschäfte die so arbeiten nicht in Frage.

Mah, ich sehe keinen kausalen Zusammenhang zwischen Übernachtungszahlen und “Authentizität”.

Ich würde sogar so weit gehen und sagen, der Gast hat in der Regel keinen blassen Schimmer von “Authentizität”. Er hält das für Authentisch, was ihm als solches verkauft wird, selbst wenn’s die Rezeptionistinnen im Dirndl, die Sissi Wellness Kur in der Therme Meran, oder der Bozner Tanzsommer sind.

Hier geht man ja noch einen Schritt weiter und stellt Verbindungen zwischen den rückgängigen Übernachtungszahlen und den Ortsnamen her, mit denen geworben wird. Diesen Zusammenhang (Ursache, Wirkung) müsst ihr mir erst mal erklären. Ich halte das nämlich für ziemlich abwägig, weil es dem Gast egal ist, wie der Fleck heißt, an dem er Urlaub macht.

@m. gruber

Es ist ja offensichtlich, dass dieser direkte Zusammenhang hier etwas konstruiert ist. Ich bin aber trotzdem der Meinung, dass er im Kern existiert. Es ist zwar wohl nicht so, dass die Gäste bewusst wegen der mangelnden Authentizität wegbleiben. Aber: Die Selbstverleugnung ist das Produkt einer fast ausschließlichen Anbiederung an den italienischen Gast, und die spürt man — wie ich anhand von Alta Badia zu erklären versucht habe — als Urlauber sehr wohl konkret.

Gerade im Winter dürfte es nicht so sein, dass die Touristen aus dem Norden auf (falsche) Mediterranität ansprechen, die steht ja nicht für Wintersport und Schneesicherheit. Und wenn doch, können sie genauso das Trentino, Bormio oder Piemont buchen — eben das Original, wie niwo gesagt hat. Und damit wäre auch der Bogen zur Authentizität gespannt.

(Übrigens: Ich würde die touristische Selbstverleugnung auch dann nicht gutheißen, wenn sie ein paar Touristen mehr anlocken würde.)

ich glaube das phänomen tourismus ist zu komplex, als dass sich derartige kausale zusammenhänge eindeutig herstellen ließen.

ich glaube, sowohl m.gruber als auch pervasion haben irgendwie recht und liegen gleichzeitig falsch.
wenn man differenziert, kann man wohl für beide argumente bestätigungen finden.

es gibt touristen, die im urlaubsort ihr zu hause suchen: oft strapaziertes beispiel der deutsche tourist, der auf mallorca am besten alles auf deutsch und zu mittag schweinsbraten will.
der ballermann ist also trotz kompletter absenz von authentizität zumindest wirtschaftlich recht erfolgreich.

die gruppe, die im urlaub die “bequemlichkeit”, dass alles vertraut ist, schätzen, ist recht zahlreich.

bei anderen gästeschichten kann ich es aber auch durchaus nachvollziehen, dass sie den “potemkinschen ansatz” nicht gutheißen und sich davon abgestoßen fühlen.

Innichen, diese merkwürdige Gemeinde hoch droben im Pustertal, ist den Lesern von BBD nicht unbekannt. Wie kam dieser schöne Flecken Erde jenseits der Wasserscheide doch noch zu Italien? Es gibt viele wilde Vermutungen und noch wildere Gerüchte, die zumindest ein Körnchen Wahrheit enthalten. So steht es zumindest in der Gemeindezeitung (Nov. 2003), vom der Nachbargemeinde Sillian, die nach dem 1. WK wie die Deppen dastanden, während die in Innichen einer goldenen Zeit im Königreich Italien entgegensteuerten, obwohl sie Tolomei gar nicht wollte … Wie auch immer, die Hochpustertaler aus Innichen und die aus Sillian gingen fortan getrennte Wege. Die in Innichen hatten zumindest nichts gegen einen Anschluss an Italien einzuwenden, während die Sillianer die Verschiebung der Grenze vom Toblacher Feld nach Osten mit Schrecken und Entsetzen verfolgten. “Verkauft für einen Waggon Reis?” Wie gesagt: Ein wilde Vermutung und noch eine wilderes Gerücht …
Tatsache ist aber auch, dass die Sillianer heute wie damals heilfroh sind, “dem Land Tirol die Treue” gehalten zu haben, während die in Innichen damals wie auch heute nicht ungern die ital. Hymne singen, vor faschistischen Denkmälern onanieren, und mit Begeisterung den klingenden ital. Ortsnamen San Candido den Vorzug geben.
Der Innichner Historiker Dr. Egon Kühebacher schreibt im Oktober 2002 im Gemeindeblatt “der Innichner”: “Wir können uns heute schwer die Notlage im Jahre 1919 vorstellen … Während in Innichen noch arge Hungersnot herrschte, gab es in Toblach- also auf ital. Staatsgebiet- bereits genügend Lebensmittel. Es ist deshalb verständlich, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung …” Zitat Ende, denn diese Rechtfertigung lass ich nicht gelten. Die in Sillian sind ja auch nicht verhungert. Heute viele Jahrzehnte später kommen die Leute aus Innichen nach Sillian einkaufen, weil in Österreich zu ziemlich alles zu haben sei und das auch noch viel billiger als in Italien. Sie sagen immer Österreich, nie Osttirol, obwohl die Osttiroler nicht zu Unrecht stolz auf ihr Land sind, das sie 1947 Kärnten wieder entrissen haben. Das gab damals einem ziemlichen Wirbel, aber die Osttiroler ließen nicht locker, und so wurde aus “Ober Kärnten” wieder Osttirol. Die Mundart sagt, der “sture Osttiroler” ist damals geboren worden. Die Mundart sagt aber auch: die “verwalschten Sidtiroler”. Die Osttiroler sagen nie Italien, immer Südtirol. Man sagt auch “alte Liebe rostet nicht”… Das muss sich aber um eine einseitige Liebe handeln, wie ein bekannter Nordtiroler Schreiberling in der “TT” anno 2009 feststellte.
Ich habe vor etwa 10 Jahren in Lienz jemanden ausfindig machen können, der sich in den entschiedenen Jahren besonders um Osttirols Zukunft bemühte und dafür auch geehrt wurde. Es überraschte mich nicht im Geringsten, dass er keiner von den “Schwarzen” war (und ist), die ihn damals bekämpften und wenig später ehrten und mit Aufzeichnungen schmückten wie einen Christbaum mit Lametta.

Verzeihung, ist mir nur so gerade eingefallen, als ich wieder einmal in Webseiten übereifriger Südtiroler Touristiker hineinschnupperte …

Immer mehr Italiener besuchen Osttirol. Sicher nicht nur wegen der schönen Gegend und weil es dort um einiges billiger ist als in Italien und besonders in Südtirol. Als Italiener würde ich mich auch für Osttirol entscheiden, obwohl dort der gute Wein importiert werden muss. Ich würde mich schon alleine deshalb für Osttirol und gegen Südtirol entscheiden, weil die permanente Anbiederung und Arschkriecherei der Südtiroler Touristiker mir zu peinlich wäre …
Die in Osttirol haben wenigsten noch Charakter, und zeigen schon mal einem “aufsässigen Wiener” oder “arroganten Piefke” den Weg zurück nach Hause …
Das und noch viel mehr liebe ich an den Osttirolern, was ich bei den Südtirolern vermisse …

Servus Tirol!

… aus den genannten Gründen bin ich seit einer Weiler dazu übergegangen, mich als TIROLER von südlich des Brenners zu bezeichnen, bzw. “TIROLESE della provincia di Bolzano”. – Es ist meinen Landsleuten offenbar das “Süd” so wichtig, – dass das Wort Tirol auch noch vorkommt ist man sich gar nicht mehr bewußt, außerdem glaubt man durch das “Süd” ja sooo etwas besonderes zu sein (zu wollen)!

… ich kann die Diskussion sehr gut nachvollziehen, es gibt halt heutzutage immer und überall das SOWOHL als AUCH und eben das “ABER”. – Meine persönliche Einstellung: kompromisslose Wahrung der Eigenheit (Authentizität) lohnt sich, – langfristig!
Vielleicht “hilft” mein Erfahrungsbeitrag aus dem Engadin: da gibt es dieses berühmte Dreieck St. Moritz, Celerina und Pontresina, so die (Auto)-Straßenschilder und Tourismusprospekte. – Als Wanderer trifft man dort auf die berühmten gelben (in Südtirol verpönten) Wegeschilder: und nur über diese Wegeschilder bekommt man mit, dass die o. g. Orte eigentlich San Murezzan, Schlarigna, und Puntraschigna heißen, so die gewachsenen, originären Namen in rätoromanisch! Offenbar kann man nur den (kultivierteren) Wandergästen die gewachsenen Orts- u. Flurnamen zumuten …! – Diese Wahrnehmung gilt gleichzeitig als Aufforderung an den AVS und die politisch Verantwortlichen in Sachen Orts- und Flurnamen, bei den Wegeschilder “hart” zu bleiben! Es gibt schließlich auch “harte” und kultivierte Italiener welche in Österreich und Deutschland und anderswo “Authentizität” zu schätzen wissen!

Das mit den Ortsnamen spielt bei den italienischen Touristen die Österreich oder Tirol für den eigenen Urlaub planen, keine große Rolle.
Österreich, Tirol oder andere Bundesländer haben schon seit mehrere Jahre großen Wert auf italienische Gäste gesetzt, sie werben massiv auf italienische Medien. So findet man auf Bergsteiger und Wandern Zeitschriften wie zum Beispiel beim Cai, oder bekannte Tageszeitungen wie Corriere oder Republica viel Werbung auf Italienisch. Die Touristiker legen dort auch viel Wert auf die Kenntnisse der italienischen Sprache, auf vielen Prospekten steht “si parla italiano”. In bekannten touristische Orte die von mehrere italienischen Gäste besucht werden, gibt es Prospekte und sogar Schilder mit Informationen auf Italienisch.
Wo der Tourismus sich verbreitet, geht sicher viel Authentizität verloren und das gilt für die ganze Welt. In Tirol und besonders in Osttirol gibt es sicher noch mehrer nette Ortschaften und Täler die nicht ganz ihr Charakter verloren haben. Was mir einfällt sind die Gasthäuser, Landgasthäuser die nicht so gewaltig umgebaut worden sind wie bei uns. In meinen jüngeren Jahren war ich öfter in Osttirol in Villgraten auf Skitour, abgesehen von der Landschaft habe ich mich dort mit den Leuten besser verstanden als mit den sturen Nordtiroler.
Ein wesentlicher Grund wieso immer mehrere Gäste aus Italien Tirol besuchen, ist sicher im Winter die Schneegarantie und die günstigeren Preise. Meine heurigen Skitouren habe ich hauptsächlich in Nordtirol im nahen Wipptal gemacht, und dort habe ich immer wieder Trentiner, Brescianer und Veroneser getroffen.
Was das Trentino betrifft, sie werben auch massiv auf den deutschen Markt, besonders für den Wandern und Bade Tourismus. Auf Alpin, Bergsteiger und andere bekannte Medien ließt man viel über den Gardasee, Brenta, Pale, Marmolada usw.

In Tirol und besonders in Osttirol gibt es sicher noch mehrer nette Ortschaften und Täler die nicht ganz ihr Charakter verloren haben. Was mir einfällt sind die Gasthäuser, Landgasthäuser die nicht so gewaltig umgebaut worden sind wie bei uns.

ich bin ursprünglich einer dieser “sturen nordtiroler” und um dem vorurteil gerecht zu werden, muss ich dir gleich widersprechen :-).

Ich habe diesbezüglich keine statistischen Werte, nur die persönliche Erfahrung über Jahre in beiden Landesteilen gelebt zu haben. Ich denke, dass in Norttirol das typisch “tirolerische” viel massiver einem Einheitsstil bzw. einer Kitscharchitektur gewichen ist als in Südtirol. Fahr einmal durch das Passeiertal über das Timmelsjoch ins Ötztal – dann siehst du den Unterschied. Es ist erschreckend. (Mit Osttirol hast du allerdings nicht ganz unrecht. Dort gibt es noch einige Juwelen).

Ich orte dafür mehrere Gründe:

1. Die Zugehörigkeit zu Italien:
Diese Zugehörigkeit hatte einen positiven Effekt. Als anfänglich noch sehr bedrohte Minderheit suchte man ganz intensiv, seine äußeren kulturellen Zeichen und Strukturen zu erhalten – als Abgrenzung vom “fremden Staat”. In Nordtirol schätze man ob der Absenz der Bedrohung “das Alte” weit weniger. Vielmehr herrschte in den 1960er-Jahren eine massive Betonier- und Aus-alt-mach-neu-Kultur. Viele Juwelen wurden damals unwiederbringlich zerstört.

2. Die wirtschaftliche Entwicklung
Der Tourismus – und somit das große Geld – erreichte Nordtirol nach dem 2. Weltkrieg früher als Südtirol. Hier begann der Aufschwung eigentlich erst nach Abschluss des Autonomiestatutes. Mit diesem Geld wurde dann Nordtirol – oft nicht zu seinem Vorteil – “runderneuert”. Erst später setzte die so genannte “Rückbesinnungsphase” auch im Tourismus ein und man geht seither viel sensibler mit den kulturellen Schätzen um. In Südtirol kam das große Geld (bis auf wenige Ausnahmen) erst rund um die “Rückbesinnungsphase”. Aufgrund dieser Retardierung wurde hierzulande meines Erachtens viel sensibler agiert – auch wenn das angesichts des immer wieder aufkommenden Vorwurfs der Betonierwut paradox klingen mag.

3. Die Ghettoisierung
Trotz der vergleichbaren Größe bei ob der klimatischen und landschaftlichen Begebenheiten wohl weniger besiedelbarer Fläche verzeichnet Nordtirol (43 Millionen) um ein Drittel mehr Nächtigungen als Südtirol (29 Millionen).
Nicht zuletzt dadurch haben sich “Zentren” herausgebildet. Es gibt Tourismushochburgen mit hervorragender Infrastruktur, aber gnadenlos zerstörten Ortsbildern (Ischgl, Sölden, Mayrhofen, Serfaus, Obergurgl … siehe Bemerkungen oben). Auf der anderen Seite gibt es ausgehungerte Orte ohne Gasthaus, Geschäft, Post, Bank usw., die reine Wohnburgen sind. Ich stamme aus Telfes im Stubai (beileibe keine Randregion – mit dem Auto 15 min. von Innsbruck entfernt und mitten in einem der bedeutendsten Tourismusgebiete des Landes) mit rund 1500 Einwohnern. Es gibt dort keine Post, keine Bank und keinen Arzt mehr. Von den ehemals fast 10 Gasthäusern und Bars ist gerade einmal eines übrig geblieben. Dazu gibt es noch ein einziges kleines Geschäft. Einen kopfsteingepflasterten, verkehrsberuhigten Ortskern bzw. eine “Fußgängerzone” sucht man vergebens auch in den benachbarten Orten Fulpmes (über 4000 Einwohner) und Neustift (fast 5000 Einwohner). Ortskerne mit Infrastruktur sind in Südtiroler Dörfern jedoch beinahe Standard. Von Mühlbach über Niederdorf bis in den Vinschgau. In Feldthurns-Dorf (ohne die Fraktionen ähnlich groß wie Telfes), wo ich jetzt lebe, gibt es Gasthäuser und Bars zuhauf, zwei Gemischtwarenhändler, eine Bäckerei, einen Arzt, einen Friseur, eine Apotheke, eine Eisenwarenhandlung, zwei Banken, ein Kindermodengeschäft usw. und trotz fehlender Umfahrung einen halbwegs nett gestalteten Ortskern mit Gehsteig.

:top:

Wobei zu sagen ist, dass die »Abgrenzung« zum italienischen Staat auch dazu geführt hat, dass die Vorbehalte gegenüber zeitgemäßer Architektur viel größer waren, als etwa in Österreich oder in der Schweiz. Das hat vielerorts nicht verhindert, dass alte Juwelen der (Um-)Bauwut zum Opfer fielen. Stattdessen glaubt(e) man sich im Recht, wenn man historische Tiroler Architektur durch pseudotirolischen Zuckerbäckerstil ersetzt(e). Die meisten Südtiroler Dörfer haben dadurch ihre Identität verloren und sind heute voneinander kaum noch zu unterscheiden. Einige positive Ausnahmen (etwa im von dir genannten Passeiertal oder im Hochpustertal) gibt es zwar, doch das ist alles nicht vergleichbar mit — beispielsweise — dem Engadin, wo man sich gegen keinen äußeren »Feind« zu verteidigen hatte und dennoch großteils die historischen Dorfkerne erhalten konnte.

@ pervasion
den zuckerbäckerstil findet man in sämtlichen tourismushochburgen nordtirols. sölden sieht mittlerweile aus wie eines dieser scheußlichen amerikanischen straßendörfer. nur werbetafeln und “plattenbauten”. wenngleich du recht hast, dass sich in nordtirol auch gelungene “neuinterpretationen” vermehrt finden als in südtirol.

Ich habe ganz bewusst nicht Nordtirol als positives Beispiel genannt. Gelungene Neuinterpretationen bzw. Beispiele zeitgenössischer Architektur gibt es inzwischen glücklicherweise auch in Südtirol, verhältnismäßig vielleicht sogar mehr, als im nördlichen Landesteil (aber es geht ja hier nicht um ein architektonisches Wettrüsten). Eine gewisse positive Auswirkung hatte hier auch das Klimahaus, weil anfänglich viele der Meinung waren, Klimahäuser bedingten automatisch »modernere« Formen (was nicht stimmt) — so war etwa das Flachdach nicht mehr synonym für »faschistische« Bauweise.

Es ist schon erstaunlich, wie einfallreich so mancher Südtiroler ist, der seinem kleinen Privatweg einen ital. Fantasienamen verpasst, weil es keine sinnvolle Übersetzung gibt. Tolomei würde vor Neid zerplatzen, wenn er das alles noch sehen könnte. Der zahlungskräftige Gast aus Rom soll sich anscheinend nicht mehr wie Zuhause, aber doch noch nicht wie im Ausland fühlen.

Wanderwege in Südkärnten werden entweder nur in Slowenisch oder nur in Deutsch angeführt. Je nachdem wie Namen historisch überliefert wurden, werden selbstverständlich auch für Flur und Berge beide Namen angeführt.

Noch was: Südtiroler die so viel Wert auf die Betonung SÜDtirol legen, haben anscheinend wieder (oder noch?) ein Identitätsproblem.
Ich habe in Wien schon mehrere Südtiroler Studenten gefragt, warum sie sich meist nur als SÜDtiroler sehen, selten als Tiroler und warum sie sehr oft und demonstrativ die übrigen Tiroler links liegen lassen, was besonders auf die die Osttiroler zutrifft. Antwort habe ich noch nie eine bekommen. Vielleicht ist alles nur eine Frage der Intelligenz, was ich allerdings bei Studenten schon voraussetzen darf …

“Sprichst du also Italienisch?” oder “Sag mal was auf Italienisch!”, höre ich hier in Wien etwa zweimal pro Woche. Auf die Frage: “Bist du Tiroler oder Südtiroler?” antworte ich meistens: “Bist du Österreicher oder Ostösterreicher?” Ich glaube, das beantwortet deinen letzten Absatz bzgl. Identitätskonflikt so teilweise.

Die Selbstdarstellung hängt laut Soziologie von der Erwartungshaltung und der Rollenzuschreibung ab, sei es nun in der Tourismuswerbung des Gadertals oder in einem Schanigarten in der Josefstadt.

Ich fülle mich auch als Südtiroler und Europäer, die Begriffe Tiroler oder Südtiroler haben sich im Laufe von zwei Generationen geändert.
In meinen Fotoalbum hängt noch eine Postkarte die mein Großvater aus den Trentino der damals beim österreichischen Heer sein Dienst in Galizien dienste, meiner Großmutter in Trient schickte: auf der Adresse steht nach dem Empfänger die Bezeichnung Trient und Sudtirolo/Südtirol. Vor einige Zeit habe ich ein Theaterstück von dem trentiner Schauspieler Andrea Castelli gesehen, dort ging es um die Emigranten die zwischen 1874 und 1914 aus den heutigen Trentino nach Südamerika auswanderten, sie bezeichneten sich als Tiroler. Sie haben in Argentinien und Brasilien einige Ortschaften die sie besiedelten sogar mit der Bezeichnung Tirolo genannt. Mit Nord und Osttirol sowie mit den Trentino gibt es gemeinsame Wurzeln aber auch Unterschiede. Südtirol ist heute die Heimat dreier Sprachgruppen und jede Sprache und Kultur soll den gleichen Wert haben.
Was die Beschilderung der Wege oder Ortschaften betrifft, ist hier auf diesen Blog schon viel geschrieben worden, ich möchte mich nicht wiederholen.

Also ich habe kein Problem mit meiner Identität. Wenn mich jemand danach fragt, dann bin ich schlicht und einfach ein Tiroler. Mit den italienischen Gästen oder mit meinen italienischsprachigen Arbeitskollegen verwende ich den historischen Namen der Ortschaften. Dafür bekomme ich Respekt und Anerkennung! Warum sollte ich also meine Identität verleugnen?

Könnte der Herr Baumeister bitte auch mal deutlicher werden? Solange man nicht versteht, was du willst, fällt es leider schwer, mit dir zu diskutieren (und du riskierst, im Elfen-Pein-Turm [sic] zu landen).

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