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Nordirische Identität.

In der Onlinezeitung Nationalia wurde im Dezember 2012 darüber berichtet, dass in Nordirland laut den Volkszählungsdaten von 2011 der Abstand zwischen Protestanten (48%) und Katholiken (45%) mittlerweile lediglich drei Prozentpunkte beträgt. Dies ist der geringste Unterschied seit der Teilung Irlands im Jahre 1921.

Die Gründe hierfür sind vor allem demografischer Natur, da die katholische Bevölkerung Nordirlands jünger ist und eine höhere Geburtenrate aufweist als die protestantische Bevölkerung. Interessant ist diese Entwicklung auch im Lichte des sogenannten Good-Friday-Agreements oder Belfast-Agreements. Die Möglichkeit einer Wiedervereinigung mit der Republik Irland wird laut diesem nicht ausgeschlossen, wenn sich die Mehrheit der Nordiren dafür ausspricht.
Trotzdem stellt sich die Frage, ob es für die nachhaltige Befriedung Nordirlands förderlich wäre, wenn sich in wenigen Jahrzehnten eine knappe Mehrheit für eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland aussprechen würde.

Eine Lösung wird möglicherweise durch die Fragestellung nach der Identität angedeutet, die bei der Volkszählung 2011 erstmals erhoben wurde. Dabei kam es zu einer Überraschung. Neben der erwarteten britischen und irischen Identität scheint sich auch verstärkt eine nordirische Identität herauszukristallisieren. Dabei entpuppte sich die nordirische Identität fast ebenso ausgeprägt, wie die irische Identität.
Zu den Zahlen: 48,4% der Einwohner Nordirlands erklärten eine britische Identität zu haben (für 39,9% ist dies die ausschließliche Identität), 29,4% erklärten ihre Identität sei nordirisch (20,9% ausschließlich nordirisch) und 28,5% erklärten sich zur irischen Identität (25,3% ausschließlich irisch).
Möglicherweise deuten die überraschenden Zahlen die Möglichkeit einer eleganten »Kompromisslösung« für die britisch/irische bzw. protestantisch/katholische Polarität an.
Die Zugehörigkeit zu Großbritannien erzeugt bei vielen katholischen Bewohnern Nordirlands Bauchschmerzen, ebenso ist eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland für viele Protestanten ein rotes Tuch. Auf der Basis einer gemeinsamen nordirischen Identität ließe sich ein gemeinsames Projekt entwickeln, das ein gespaltenes Land nachhaltig befriedet und zu einer Gesellschaft führt, die nicht mehr nach der Religionszugehörigkeit unterscheidet, sondern die Gefühle aller Bewohner der Region auffängt. Eine nordirische Identität entsteht ja deshalb, da die Geschichte seit 1921 nicht nur angenommen wird, sondern als der eigentliche Baustein für eine gemeinsame Identität akzeptiert und verinnerlicht wird. Demgegenüber wäre eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland eine Ablehnung dessen was in den letzten 90 Jahren an Geschichte geschrieben wurde. Geschichte lässt sich nicht rückgängig machen, sondern nur weiterschreiben. Eine Zementierung der Zugehörigkeit zu Großbritannien verletzt demgegenüber dauerhaft die Gefühle von beinahe der Hälfte der Bevölkerung, was keine Basis für eine zukünftige, gemeinsame Gestaltung der Region darstellt.
Konzeptionell gibt es zwischen einem »postreligiösen«, unabhängigen Staat Nordirland frappierende Parallelen zu einem postethnischen, unabhängigen Staat Südtirol, wie er im -Manifest skizziert wird.
In Nordirland eine Formel für eine Gesellschaft, die sich nicht mehr als katholisch/irisch und protestantisch/britisch definiert, sondern als nordirisch, das beides beinhaltet und in Südtirol eine Gesellschaft, die vom institutionellen Gerüst keine Austarierung nach ethnischen Kriterien erfordert, sondern abseits einer nationalstaatlichen Ordnung, eine gemeinsame Südtiroler Identität ermöglicht, in der Mehrsprachigkeit automatisch Teil des Quellcodes ist.

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4 replies on “Nordirische Identität.”

Ja, so wie in einem postethnischen Südtirol die Ethnie nicht »entfallen«, sondern einfach nicht mehr relevant sein sollte, um Arbeitsplätze und Wohnungen zu vergeben oder das Schulmodell zu definieren, hieße ein »postreligiöses« (oder »postkonfessionelles«) Nordirland, dass die Konfession nicht mehr so stark im Mittelpunkt stünde. Im nationalstaatlichen Kontext »müssen« immer die Unterschiede (hier: Sprache — dort: Religion) betont werden, um die »Andersartigkeit« zu rechtfertigen, in einem konstitutiv mehrsprachigen oder — im Falle Nordirlands — plurikonfessionellen Land wäre das nicht mehr nötig. Eine sehr interessante Parallele, die du hier aufzeigst.

Ich befürchte, dass man es sich mit diesem gedanklichen Ansatz etwas zu leicht macht, denn was soll letztlich die nordirische Identität ausmachen? Die verschiedenen christlichen Religionsbekenntnisse waren sicherlich immer schon ein trennendes Element. Warum konnten diese nicht stattdessen einen gemeinsamen Nenner bilden?
Vor allem wohl deshalb, weil statt konfessioneller am stärksten soziale Unterschiede und lokale Verwurzelung ausschlaggebend waren. Also: Was soll eine nordirische Identität ausmachen und wie wird diese sich in Anbetracht der schwindenden Bedeutung der Religion entwickeln? Die Konflikte entzünden sich immer wieder bei Anlässen, die nur vermeintlich religiöse Hintergründe haben, vielmehr sind es weltliche Ursachen, Aufmärsche in Erinnerung an Siege, Schlachten, Massaker, die den Hass zwischen den Bewohnern Nordirlands immer wieder aufflammen lassen. Im Grunde genommen ist ja auch in Südtirol unter anderem das Festhalten an der Siegermentalität ein spaltendes Element, das Misstrauen und Argwohn auf der einen Seite nährt und Überlegenheitsgefühl und damit verbundene Unnachgiebigkeit auf der anderen Seite hervorbringt.

Ich befürchte, dass man es sich mit diesem gedanklichen Ansatz etwas zu leicht macht, denn was soll letztlich die nordirische Identität ausmachen?

Prinzipiell ist es gut, dass überhaupt nach einer “nordirischen Identität” gefragt wurde und, dass überraschenderweise diese derart stark vorhanden zu sein scheint. Was die nordirische Identität genau ist, war natürlich nicht Teil der Erhebung.
Es dürfte für viele ja schon ein Bruch mit vorgegebenen Nordirland Stereotypen sein, dass neben einer eindeutigen UK Identität und Irland Identität etwas Neues am Entstehen ist, das es vor 1921 ja nicht gegeben hat.
Diese neue Identität dürfte, unabhängig von einer schwierigen Definition, was dies nun genau ist, mehr Brücken bauen, als eine eindeutige britische bzw. irische Idendität. Vielversprechend ist dies allemal, verfügt das Land doch auch erst seit knapp 15 Jahren über zaghafte Selbstverwaltungs-Erfahrungen. Vorher wurde Nordirland ja direkt von London aus verwaltet. Erst seit Unterzeichnung des Good Friday Agreements gibt es ein nordirisches Parlament.

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