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Geburtshilfe in Salzburg.

Am Samstag, den 30. August hatte ich die Regierungen der angrenzenden Regionen angeschrieben, die nicht italienischem Recht unterliegen, um in Erfahrung zu bringen, welche Standards (speziell: Mindestfallzahlen) dort für die Offenhaltung von Geburtsabteilungen gelten. Die Antwort aus dem Kanton Graubünden lag mir am darauffolgenden Werktag mittags vor, jene des Landes Salzburg (Achtung: Österreich-Bashing) trudelte erst heute Abend ein, während jene des nördlichen Landesteils noch aussteht.

In Österreich, so die Antwort aus Abteilung 9 – Gesundheit und Sport des Landes Salzburg, gebe es keine verpflichtende Mindestfrequenz für Geburten, sondern lediglich eine Empfehlung von wenigstens 365 Entbindungen im Jahr (sprich: durchschnittlich eine pro Tag). Da mutet die hierzulande umzusetzende Verpflichtung (!) zu 500 Jahresgeburten (das sind 37% mehr, als in Österreich) völlig überzogen an. Wenn in Salzburg — aber auch Innsbruck, Graz oder Wien — selbst 365 Entbindungen als ausreichend gelten, um die nötige Übung von Ärzten und Hebammen sicherzustellen, ist nicht erklärbar, warum es hierzulande so viele mehr sein müssen. Leider verfügt unsere Autonomie nicht über die Zuständigkeit, eigene Standards in Anlehnung an die österreichischen (oder bündnerischen) festzulegen.

Jedenfalls hätte eine Geburtsabteilung wie jene von Schlanders (mit rund 400 Entbindungen/Jahr), wäre sie jenseits der angeblich nicht existierenden Grenze gelegen, nichts zu befürchten.
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13 replies on “Geburtshilfe in Salzburg.”

Ich wünsche mir, dass Geburtenabteilungen auch bei noch niedrigeren Geburtenquoten aufrecht erhalten werden, das ist die medizinische Grundversorgung, die man sich als Familie wünscht. Aus meiner völlig subjektiven Sicht sehe ich maßgeblich Kostenoptimierung (bei öffentlichen Instituten) bzw. Gewinnmaximierung (bei privaten Kliniken) als primäres Ziel solcher Schließungen. Patientenheil im Sinne von Mindestqualitätsstandards ist meistens ein willkommen vorgeschobenes Argument.

Ich muss aber zur Kenntnis nehmen, dass auch die Deutsche Gesellschaft für perinatale Medizin für eine geburtshilfliche Abteilung einer Klinik eine Mindestgeburtenzahl von 700 Kindern pro Jahr nennt. Andere deutsche Studien belegen, dass in Einrichtungen mit weniger als 500 Geburten die Säuglingssterblichkeit im Vergleich zu Häusern mit mehr als 1500 Geburten 3,5 Mal so hoch sei. Darum werden auch in Deutschland eine Geburtenabteilung nach der anderen geschlossen.

Ich habe – mehrfach – die Schließung von entsprechenden Abteilungen auch in deutschen Kreiskrankenhäusern live erleben müssen. Akzeptieren möchte ich diese Einstellung nicht. Sie hat aber m.E. überhaupt nichts mit dem „bösen“ italienischen Staat oder den „guten“ Nachbarsprovinzen zu tun. Es hat einfach nur mit Geldmitteln zu tun.

Wenn wir in Südtirol weniger Strassen und Tunnels bauen würden, könnten wir mehr für Schulen und Krankenhäuser ausgeben, der Landeshaushalt und damit die Verteilung der Gelder steht unseren Abgeordneten frei zu gestalten. Die Prioritäten werden aber leider woanders gesetzt, und immer wieder muss „die Wirtschaft“ angekurbelt werden.

Meines Wissens steht es unseren Entscheidungsträgern (obwohl ich nicht weiß, ob sie ggf. den nötigen Willen hätten) nicht frei, andernorts Eingespartes in die Aufrechterhaltung der Geburtsabteilungen zu stecken. In der Toskana wurden ja angeblich sogar die Verantwortlichen angezeigt und persönlich für eventuelle Gesundheitsschäden haftbar gemacht, weil sie betroffene Abteilungen nicht rechtzeitig geschlossen hatten.

Ja, das ist immer der gleiche Spruch von der Alternativlosigkeit der Politiker. Wird von unseren Regierenden gern genutzt, wenn man sich nicht die Hände schmutzig machen will. Wo ein Wille, da ein Weg, Simon. Wie ich oben schrieb, glaube ich sehr wohl, dass hier nur Kostenoptimierung bzw. Gewinnmaximierung dahintersteckt. Und wenn die Provinz die Gelder woanders auftreibt, kann ich mir viel kreative Lösungen vorstellen.

Es gibt Geburtshäuser, in Klausen gar private Hebammenstationen, und wie du selbst in einem Beitrag weiter unten schrieb gehts dem bösen Staat hauptsächlich um ein bestimmtes Quantum an Personal: Anzahl von Hebammen im 24h Dienst, Anästhesiearzt. Alles Dinge, die du mit Kleingeld in den Griff kriegen kannst.

Es ist ein bequemer Trick der Südtiroler Politik, all das, was man nicht selbst tun will, mit Berufung auf irgendwelche staatliche Normen nicht zu tun, weil man „ja nicht anders kann“. Man ist ja nicht Schuld, man war ja Alternativlos. Den Kniff kennst du – in anderer Sache – ja zur Genüge. Wer will, der findet Wege, das predigst du in der weit schwierigen Sache der Selbstbestimmung immer wieder. Das Aufrechterhalten einer Geburtenabteilung – in welcher Form auch immer – wäre dagegen ein Klacks.

Es ist ein bequemer Trick der Südtiroler Politik, all das, was man nicht selbst tun will, mit Berufung auf irgendwelche staatliche Normen nicht zu tun, weil man ”ja nicht anders kann”.

Ersetze Südtiroler mit [Name eines EU Staates] und staatliche mit EU…
Immer die gleiche Leier.

Wo ein Wille, da ein Weg

Natürlich, Christoph, und gerade mit dem nötigen Druck aus der Bevölkerung will ich hoffen, dass man sich zum Schluss auch in dieser Angelegenheit wird durchsetzen können (wobei dies bei den Bezirksgerichten trotz des m. E. glaubwürdigen Engagements der Parlamentarier nicht geklappt hat). Hielte ich es für ausweglos, würde ich hierzu nicht recherchieren.
Doch muss man sich stets auch die Frage nach Verhältnismäßigkeit und Verträglichkeit stellen — wieviele Konflikte zwischen Staat und Land sind schon offen und werden teils bereits vor dem Verfassungsgericht ausgefochten! Wie lange noch wollen wir uns die Märchen von der Vorzeigeautonomie, den immer neuen Abkommen und den Südtirolfreunden anhören? Es ist doch in der speziellen Frage nicht so, dass Geburtsstationen in ganz Italien nicht — oft gegen massiven Widerstand der Lokalpolitik — tatsächlich geschlossen werden mussten und müssen. Jede Erwirkung einer Ausnahme kostet, so sie denn überhaupt gelingt, Zeit und Energie.

Ja, das ist immer der gleiche Spruch von der Alternativlosigkeit der Politiker. Wird von unseren Regierenden gern genutzt, wenn man sich nicht die Hände schmutzig machen will. Wo ein Wille, da ein Weg, Simon.

Es sei denn, es geht um die Selbstbestimmung?

SCNR ;-)

Hi Steve, ich schrieb:

Wer will, der findet Wege, das predigst du in der weit schwierigen Sache der Selbstbestimmung immer wieder.

SCNR.

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