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Bonjour, Grüezi, Hello?

In einem Kommentar wurde auf diese höchst interessante Diskussion im Schweizer Fernsehen zum Thema Mehrsprachigkeit und Dialekt hingewiesen. Ich habe beschlossen, der Sendung — unter anderem in der Hoffnung auf eine angeregte Debatte — einen eigenen Eintrag zu widmen. Die Parallelen zu Südtirol sind zum Teil frappierend.

https://www.srf.ch/play/tv/club/video/bonjour-grueezi-hello-verstehen-sie-schweizerisch?urn=urn:srf:video:13ae564c-0691-4190-9fdd-b1f4afcb121a

Bitte nicht von den ersten Minuten entmutigen lassen: Obwohl die Sendung auf Schweizerdeutsch beginnt, wird die Diskussion dann auf Hochdeutsch geführt.

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5 replies on “Bonjour, Grüezi, Hello?”

Schön dass dies hier ein Artikel wurde, ich bezweifle aber dass die Leute die Geduld aufbringen es ganz anzuschauen bei der Länge ;). Einige Dinge waren für mich wirklich neu. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass es in der Frz.-Ital.-Schweiz diese abgrundtiefe Abneigung gegen den deutschschweitzer Dialekt gibt. Das ist sicher ähnlich wie bei uns hier. Nur dass Schwyzerdütsch im Gegensatz zu unserem bairisch-österr. Dialekt ziemlich komplizierter ist zum Lernen. Da muss man sich selbst als Südtiroler (wir tun uns sonst mit deutschspr. Dialekten leicht) anstrengen, um alles sinngemäß zu verstehen. Wo wir uns sicher mit den Schweizer Professoren einigen können ist, dass Mehrsprachigkeit eine unglaubliche Chance darstellt, wenn sie auch von allen Seiten positiv gelebt wird und nicht als Instrument der Assimilation dient. Neu war mir auch dass das Wort “walsch” in der Schweiz häufig verwendet wird (für die frz.-ital. Schweiz), und das auch scheinbar ohne negative Emotionen zu wecken. Das Nicht-Akzeptieren des dialektalen Umfelds bei uns wie auch in der Schweiz führt aber wie man sieht eher zu Abwehrreaktionen der dialektsprechenden Bevölkerung und führt keineswegs zu einem Miteinander, sondern im besten Falle zum Nebeneinander (wie bei uns und wohl auch in der Schweiz). Man muss halt auch einmal die Realität sehen. Teilweise wird so getan, als wenn man nur in Südtirol Dialekt sprechen würde. Dabei ist die Schweiz viel dialektaler als wir es je sein werden. Und außerdem sprechen viele Millionen Menschen deutscher Muttersprache täglich Mundart. Besonders in der Schweiz, Vorarlberg, Süd-Nord-Osttirol, Kärnten, Teilen Bayerns, Ex-DDR usw.

das heisst nicht “walsche”, sondern “welsche” und die “welschschweiz” bezeichnet die schweiz jenseits des röstigrabens – und genauso wie “welschtirol” (die bezeichnung trentinos vor ca. 1850) war die bezeichnung nie negativ belastet; dies stellen bloss nationalistische interessensgemeinschaften so dar.

es wird viel diskutiert und die “wahrheit” wird wie gewöhnlich zwischen all den subjektiven wahrnehmungen liegen. meine erfahrungen in der schweiz zeigen aber, dass die welschschweizer aus prinzip nur französisch reden, hauptsächlich ihren dialekt/eigenart (was nicht gewöhnlich ist für frankophone, zb. wird die zahl 99 dort nicht quatrevingtdixneuf sondern novantneuf ausgesprochen). erst wenn sie merken, dass man tatsächlich kein französisch bzw. nur sehr schlecht kann, sprechen sie wie aus heiterem himmel deutsch.

auch lässt sich die darstellung des “arroganten” dialektsprechenden ostschweizers gar nicht mit meiner erfahrung vereinbaren. im gegenteil, ich musste JEDEN lange zeit (bis ich selber den st.gallischen dialekt beherrschte) immer daran erinnern, mit mir dialekt zu sprechen anstatt das (gleich furchtbar klingend wie von südtirolern gesprochene) hochdeutsch zu verwenden. der schweizerische sprachkonflikt ist so alt wie die schweiz selbst, nur misst man ihm seit je die entsprechende bedeutung zu: eine sehr geringe.

wichtiger ist den eidgenossen ihre unabhängigkeit und die volkssouverenität, in der tradition der frz. revolution (unter ihr wurde auch der souverenitätsbegriff der karpetinger übernommen) und des fast einzigen mannes, der in der schweiz personenkult-ähnlich verehrt wird, gen. guisan. derart inszenierte problematiken wie der “wiederbelebte” sprachkonflikt, kann man als demontage-versuche werten, die immer wieder von linker seite betrieben werden.

“das heisst nicht ”walsche”, sondern ”welsche” und die ”welschschweiz” bezeichnet die schweiz jenseits des röstigrabens – und genauso wie ”welschtirol” (die bezeichnung trentinos vor ca. 1850) war die bezeichnung nie negativ belastet; dies stellen bloss nationalistische interessensgemeinschaften so dar.”

Das ist schon klar, “walsch” ist dasselbe wie “welsch”, nur eben die dialektale Bezeichnung. Das Trentino wird zwar nicht mehr offiziell als Welschtirol bezeichnet, jedoch inoffiziell von Teilen der Trentiner, Südtiroler und Nord-Osttiroler Bevölkerung heute noch gern gebraucht und gehört. Wenn man die Europaregion Tirol (leider bis jetzt nur ein Wort) als historisch Ganzes sieht, so kann man die Ähnlichkeiten mit der Schweiz wohl nicht übersehen. Außer dem französischen hat man dieselbe Aufteilung in der Bevölkerung: Deutsch, Italienisch, Ladinisch.

P.S.: Südtirol alleine beinhaltet natürlich dieselbe Aufteilung in der Bevölkerung wie das gesamte historische Tirol, und könnte auch als eigener Staat nach BBD-Modell im Kleinen einen Teil des alten Tirol widerspiegeln.

du meinst dies sicherlich nur wegen der prozentuellen verteilung der sprachen, aber nicht der kultur. ein bozen in der schweiz wäre vollkommen unvorstellbar.

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