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Generation C.
Nichts ist verloren oder Drama, Baby, Drama!

Es ist völlig klar, dass viele Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten mit der Bewältigung der derzeitigen Krise haben, die so weit gehen können, dass sie Pathologien der Psyche entwickeln. Besonders betroffen scheinen laut mehreren Studien Kinder aus wirtschaftlich benachteiligtem Umfeld zu sein. Die Corona-Pandemie hat nämlich soziale Ungleichheiten noch einmal verschärft. Die technischen und räumlichen Voraussetzungen zur Teilhabe am Fernunterricht, die Betreuung durch die Eltern zu Hause wie auch die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und des Abschaltens sind in einer geräumigen Vorstadtwohnung mit Garten einer gutbürgerlichen Akademikerfamilie, in der jedes Kind ein eigenes Zimmer mit Laptop und Breitbandinternet hat, gewiss andere als in einer kleinen innerstädtischen Zwei-Zimmer-Mietwohnung einer alleinerziehenden Mindestlohnbezieherin im fünften Stock ohne Balkon.

Ähnlich wie beim Long-Covid-Problem sind die politischen Entscheidungsträgerinnen und die Verantwortlichen im Gesundheitswesen gefordert, diesen Entwicklungen Rechnung zu tragen, indem sie die nötigen Ressourcen zur Verfügung stellen, die Lage wissenschaftlich erheben und auf die Erkenntnisse entsprechend reagieren. Der Gap, den Corona aufgerissen bzw. verbreitert hat, muss mit allen Mitteln wieder zugeschüttet werden – so gut es geht.

Das Problem psychisch belasteter und abgehängter Kinder ist real und gehört behandelt, – doch jetzt kommt das große aber – ABER tun wir bitte nicht so, als ob wir zur Zeit eine ganze Generation schwer traumatisierter, ungebildeter und hoffnungsloser Kinder heranzüchten würden. Das ist schlichtweg nicht der Fall, auch wenn das manche Eltern (die sich nicht notwendigerweise in eben diesen prekären Situationen befinden, in denen sie berechtigten Grund zur Klage hätten) sich selbst und ihren Sprösslingen einreden wollen. Und wenn sie lange genug durchhalten, wird ihr Bemühen vielleicht sogar zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Doch was Kinder und Jugendliche jetzt am wenigsten brauchen ist – bei allem Bewusstsein, dass manche Familien tatsächlich existenzbedrohende Probleme haben – Jammerei, Angstmache und das Gefühl der Ohnmacht.

Doch wenn Eltern ihre Kinder vom Präsenzunterricht – den sie während der Zeit des Fernunterrichts stets herbeigesehnt haben – nur aus dem Grund fernhalten, weil sie nicht wollen, dass ihr Sprössling den deppaten (vielleicht sogar todbringenden!1!1!!!11) Fetzen im Gesicht trägt oder am “Nasenbohrertest” teilnimmt, dann vermitteln sie genau das: Angst und Ohnmacht. Absurderweise tun sie dies noch oft mit dem Argument, dass Kinder, die positiv getestet werden, dann “stigmatisiert” werden würden. Es ist aber natürlich überhaupt nicht stigmatisierend, wenn ein Kind als einziges zu Hause bleiben muss, weil es an einem völlig harmlosen Test (dessen Nützlichkeit man freilich hinterfragen darf), der vielen Kindern sogar Spaß macht (zumindest ist es bei meinem Sohn so) und ihnen ein Gefühl von Eigenverantwortung vermittelt, nicht teilnehmen darf. Wenn sie ihnen dann noch ständig vorkauen, dass wir alle nur ein Spielball irgendwelcher sinistrer Interessen von Eliten wären, die ihren perfiden Plan gegen die gesamte Menschheit mittels Giftspritze durchboxen wollen und man folglich prophylaktisch allem und jedem mit Misstrauen begegnen muss, dann ist das Trauma wohl tatsächlich perfekt. Nur ist daran dann halt nicht Corona schuld. Was Kinder in der jetzigen Situation sehr wohl brauchen sind Zutrauen, positive Impulse und freundliche, besonnene und nicht zornige Menschen, denen sie sich anvertrauen können.

Die nächste Mär ist die vom ach so großen Bildungsverlust und dem “verlorenen Jahr”. Wiederum gibt es eine kleine Minderheit, auf die das tatsächlich zutrifft. Jedoch für den Großteil der Schülerinnen und Schüler gab es 2020 vielleicht ein Defizit was konkrete Fachinhalte und (googlebares) Fachwissen betrifft, aber im Gegenzug auch enorme Impulse bezüglich (lebens)wichtiger Fähigkeiten wie Selbstorganisation, Selbstständigkeit, Eigenrecherche, Informationsbewertung, Durchhaltevermögen, Motivation, Mediennutzung usw. Auch das ist Bildung. Oder vielleicht sogar gerade das. Die Schule als Ganzes hat im vergangenen Jahr einen didaktischen und technischen Innovationsschub erhalten, der ohne Corona in diesem Ausmaß und in dieser Geschwindigkeit nicht denkbar gewesen wäre. Curricula wurden (gezwungenermaßen) entrümpelt, neue Unterrichtsformen mittels Try-and-Error ausprobiert und es wurde kommunikationstechnisch aufgerüstet. Und alle – Schüler-, Eltern- und Lehrerschaft – haben gemeinsam dazu beigetragen und Großartiges geleistet. Darauf kann man auch einmal stolz sein, anstatt den nicht existenten allgemeinen Bildungsnotstand heraufzubeschwören und ein paar verlorenen Wiederholungsstunden nachzutrauern. Und wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, habe ich gewiss gar einige Jahre “verloren”, was jedoch einem Virus namens Faulheit geschuldet war. Dennoch bringe ich einigermaßen gerade Sätze zuwege und kann zwei und zwei zusammenzählen. Lassen wir also die Kirche im Dorf!

Und zu guter Letzt hat Corona – zumindest vorübergehend – mit einer Unsitte aufgeräumt, die der kindlichen Psyche meines Erachtens mitunter mehr Schaden zufügen kann als ein eigenartiges, verzichtreiches aber für die meisten von uns doch bewältigbares Jahr, vor allem – und man verzeihe mir den Whataboutism – wenn man sich die Situation von Menschen in Kriegs- und Krisengebieten vor Augen führt. Die Unsitte, die ich meine ist die Dauerbespaßung unseres Nachwuchses, der ihnen vielfach Terminkalender beschert, die jenen von Topmanagern ähneln, und die kindliche Spontaneität und Kreativität gnadenlos abwürgt. Aufstehen, Schule, Mittagessen, Sportverein, Musikschule, noch ein Sportverein, Nachhilfe, Gute Nacht.

Corona – natürlich außerhalb der Lockdowns – hat es möglich gemacht, dass sich Kinder wieder spontan und ungezwungen – und vor allem ohne Erwachsenenaufsicht mit vagen Regeln und Zeitlimits – im Freien (!) – anstatt vor dem Computer – treffen und die Welt erkunden, ohne dass einer mitten in der spannendsten Entdeckung oder ausgerechnet während des Elfmeterschießens sagt: “Ich muss weg. Mama fährt mich zum Fußballtraining.” (Meinen Kindern, die maximal einen Fixtermin in der Woche haben, ist das vor Corona nicht selten passiert). Im Lockdown durften Kinder auch endlich wieder ihr Menschenrecht auf Langeweile in Anspruch nehmen und waren gezwungen, zunächst nervig und dann kreativ zu sein, anstatt von ihren “Frühförderern” von einem Event zum nächsten gekarrt zu werden. Und Eltern haben tatsächlich mehr Zeit mit ihren Kindern verbracht, anstatt Chauffeur zu spielen. Quality-Time auf Neudeutsch. Freilich, Oma und Opa haben sie vermisst. Und manch anderes auch. Aber sie haben auch so viel gewonnen in dieser Zeit, was vieles von den Entbehrungen aufgewogen, wenn nicht gar überwogen hat. Der Wunsch, das einiges davon bleibt, ist groß. Die Hoffnung, dass dies tatsächlich passiert, wenn wieder Normalität einkehrt, eher klein.

Auch meine Kinder wünschen sich, dass Corona bald vorbei ist. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass sie keinen Schaden davontragen werden, da ich sie sogar aufblühen habe sehen. Egal was kommt, das spontane und kreative Kindsein, die schönen und prägenden Erfahrungen und die Schritte in die Selbstständigkeit, die sie in diesem Jahr gemacht haben, kann ihnen niemand mehr nehmen. Es war eine gewonnenes Jahr.

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