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Den Baskinnen aufs Maul geschaut.

Im Juni 2020 konnte der Soziolinguist Kike Amonarriz im Journal of Language and Law berichten, dass auf den Straßen der 20.000 Einwohnerinnen zählenden Ortschaft Tolosa erstmals seit Erhebungsbeginn 1985 mehrheitlich Baskisch gesprochen wurde. Er wusste das, weil im Baskenland, wie in vielen anderen mehrsprachigen Gebieten (im Unterschied zu Südtirol) eine seriöse Sprachpolitik gemacht wird, bei der die dauerhafte und präzise Erhebung von Daten (vgl. 1/ 2/ 3/) eine wesentliche Rolle spielt.

Hierzulande bezieht sich der wichtigste und meistzitierte Wert zum zahlenmäßigen Verhältnis zwischen den Sprachgruppen und zur Entwicklung derselben auf die Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung, die aus verschiedensten Gründen nur sehr bedingt aussagekräftig ist.

So wissen wir etwa, dass sich bei der Volkszählung 2011 in Brixen 72,82% als deutsch, 25,84% als italienisch und 1,34% als ladinisch erklärt haben.

Unklar bleibt dabei:

  • welche Sprachen in welchem Kontext in welchem Ausmaß gesprochen werden;
  • welchen Einfluss die Sprachen der Touristinnen, der Pendlerinnen, der Tagesgäste auf die Sprachlandschaft haben;
  • inwieweit die Daten aus den Zugehörigkeitserklärungen etwas mit der sprachlichen Realität zu tun haben;
  • ja sogar, ob überhaupt eine Mehrheit der Bevölkerung im Alltag (hauptsächlich) Deutsch spricht.

All das wird nicht untersucht, jedenfalls nicht systematisch. Im Baskenland wie andernorts werden hingegen genaue Erhebungen durchgeführt oder — wie im vorliegenden Fall — den Menschen sprichwörtlich aufs Maul geschaut.

Auf Grundlage genauer methodischer Vorgaben, die im Guide to language use observation survey methods der baskischen Regierung zusammengefasst sind, wurden im Zuge der Erhebung von 2019 Informationen zu insgesamt 3.246 Gesprächen eingeholt, an denen 8.647 Sprechende beteiligt waren. Dazu waren fünf Beobachtungssessionen zu je zwei Stunden (mittwochs und samstags, vormittags und nachmittags, sowie am Sonntag Vormittag) an drei verschiedenen Orten der Gemeinde Tolosa erforderlich.

Im gesamten Baskenland werden solche Studien im Vierjahresrhythmus durchgeführt, um den Erfolg der sprachpolitischen Maßnahmen zu evaluieren.

Im Fall von Tolosa konnte nachgewiesen werden, dass die Präsenz der Sprache auf den Straßen und Plätzen von 29% im Jahr 1985 über konstante 41% im Zeitraum 1995-2009 auf nunmehr 49,1% angestiegen ist, während 48,5% Kastilisch (Spanisch) und 2,4% andere Sprachen gesprochen haben. Die Revitalisierungsbemühungen der baskischen Regierung zeigen also einen sehr deutlichen Erfolg.

Doch die Daten über den Gebrauch der Sprachen in der Öffentlichkeit fallen nicht in den luftleeren Raum. Sie können mit Studien über die Entwicklung der Sprachkenntnisse in der Gemeinde (im Fünfjahresrhythmus seit 1981) oder mit denen über die Beherrschung des Baskischen nach Altersgruppen (im Vierjahresrhythmus seit 1985) ver- und abgeglichen werden.

So lässt sich sagen, dass 2016 zwar 70,94% der Einwohnerinnen baskischsprachig waren und nur 18,17% keine Baskischkenntnisse hatten, auf der Straße aber dennoch Kastilisch überwog.

Schon seit 2005 korreliert das Alter in Tolosa direkt mit den Sprachkenntnissen in dem Sinne, dass ein deutlich höherer Anteil der Kinder (2019: 70%) und Jugendlichen (63%) als der Erwachsenen (47%) und Senioren (29%) baskischsprachig sind. Das spricht für eine hohe Vitalität.

Aufgrund der Beobachtungen auf Straßen und Plätzen kann sogar gesagt werden, dass die schiere Anwesenheit von Kindern in einer Gruppe die Wahrscheinlichkeit signifikant erhöht, dass Baskisch statt Kastilisch gesprochen wird.

Siehe auch 1/ 2/ 3/ 4/ 5/ 6/ 7/

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