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Assimilierende mehrsprachige Schule.
Galicien

Die Real Academia Galega, oberste Institution der galicischen Sprache, hat eine umfassende Studie über den Einfluss der öffentlichen Kindergärten und Schulen auf die Sprachkenntnisse und auf den Sprachgebrauch der Kinder und Jugendlichen durchgeführt, wobei auch der außerschulische und informelle Kontext mitberücksichtigt wurde.

Durchgeführt wurde die Studie in der gut 30.000 Einwohnerinnen zählenden Gemeinde Ames in der Nähe von A Coruña, die die Real Academia als aufschlussreich und aussagekräftig für das gesamte Land hält. Für die soziolinguistische Untersuchung wurden über 2.000 Familien, 264 Lehrerinnen und rund 1.800 Schülerinnen befragt und beobachtet.

Von der Seriosität und Tiefe dieser wissenschaftlichen Studie können wir in Südtirol leider nur träumen.

Im galicischen Schulsystem koexistieren mehrsprachige Schulen bzw. Schulzüge

  • mit galicischer und spanischer Unterrichtssprache;
  • mit einer zusätzlichen, dritten Unterrichtssprache, meist Englisch.

In beiden Fällen kommt Galicisch und Spanisch in etwa dieselbe Gewichtung zu.

Ähnliche Studien, die auf die Sekundarstufe beschränkt waren, hatten bereits gezeigt, dass die mehrsprachige Schule viele Schülerinnen zu einem Sprachwechsel von Galicisch zu Spanisch animiert. Die Rolle der Primarstufe in dieser Entwicklung war als relativ gering eingeschätzt worden.

Über den Umfang der Assimilierung bereits in der Grundschule zeigen sich die Wissenschafterinnen in der Publikation überrascht.

Obschon rund 41% der Mütter und 47,5% der Väter im Vorfeld angaben, gewöhnlich Galicisch mit ihren Kindern zu sprechen, wechselten rund 10% aller Schülerinnen schon beim ersten Kontakt mit dem Zentrum und dem dort vorgefundenen sozialen Umfeld (neue Freundschaften, Tätigkeiten…) ihre gewöhnliche Umgangssprache zugunsten von Spanisch. Die Bilinguisierung — wenn nicht Assimilierung — war bei den Schülerinnen galicischer Muttersprache erfolgreich, die Schülerinnen spanischer Muttersprache erzielten im Durchschnitt kein befriedigendes Sprachniveau in der Minderheitensprache.

Insbesondere im informellen Kontext nahm die spanische Sprache dadurch eine stark dominante Rolle ein und führte zu einer fortwährenden Desgaleguización (Entgalicisierung). Der informelle Gebrauch der galicischen Sprache wird als »anekdotisch« beschrieben.

Mit der Zeit wirkte sich die Entwicklung sogar auf den Sprachgebrauch in den Familien aus, wo die galicische Sprache tendenziell zurückgedrängt wurde. Auf die Weitergabe des Galicischen von einer Generation zur nächsten wirkte sich die Schule negativ aus.

Über die Hälfte der Schülerinnen in der Sekundarstufe gaben schließlich an, sich nicht wohl zu fühlen, wenn sie in der Öffentlichkeit Galicisch sprechen müssen.

Unter den sogenannten koofiziellen Sprachen des spanischen Staates nimmt das eng mit dem Portugiesischen verwandte Galicisch noch vor Katalanisch und Baskisch die stärkste Stellung ein, wenn es um die Verbreitung der Sprache im jeweiligen Sprachgebiet geht.

Dennoch ist auch hier die Entwicklung hin zur Staatssprache inzwischen eindeutig.

Zusammenfassend kann man sagen, dass demolinguistische Studien in Galicien seit Jahren auf den Rückgang des Galicischen sowie auf den Zusammenhang zwischen diesem Phänomen und einer Vielzahl an Faktoren aufmerksam machen. Der Druck des Umfelds führt dazu, dass die Verständigung auf die spanische Sprache und der Sprachwechsel hin zur dominanten Sprache die einfachste und »natürlichste« Alternative für die Sprecherinnen darstellen. Umgekehrt sind die Konditionierung durch das Umfeld und der Druck im Allgemeinen der Entwicklung von Sprachpraxis in Galicisch durch Spanischsprechende wenig förderlich, sodass dafür eine wesentlich höhere individuelle Motivation erforderlich ist.

S. 286 – Übersetzung von mir

Siehe auch: 1/ 2/ 3/ 4/ 5/

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Game Ground.

Dieser Tage findet in Bozen ein Computerspielfestival unter dem Namen Game Ground statt. Obschon es — zusammen mit BeYoung — vom Land Südtirol organsiert wird, ist es einsprachig italienisch.

Webseite der Veranstaltung

Während die deutsche Sprache hierzulande ohnehin schon immer stärker unter Druck gerät, weil unter anderem

  • die Zentralisierung und die Digitalisierung nicht nur staatlicher öffentlicher Dienste einsprachig oder unzureichend zweisprachig 1/ 2/ 3/ 4/ stattfindet;
  • die Zweisprachigkeitspflicht in vielen Bereichen entweder unzureichend ausgebaut oder mangelhaft umgesetzt 1/ 2/ 3/ 4/ 5/ ist;
  • im Privatbereich immer mehr italienische und ausländische Akteure aktiv sind, die sich nicht um die Minderheitensprachen scheren 1/ 2/ 3/, während es ihnen die einheimischen oft schon gleichtun 4/ 5/ und
  • sogar die deutschen Schulen beständig an Terrain verlieren

leistet sich das Land den für ein mehrsprachiges Gebiet im nationalstaatlichen Kontext völlig kontraproduktiven Luxus, Veranstaltungen zu organisieren, die nur in der Staatssprache stattfinden.

Mir ist klar, dass das Festival von der Abteilung für italienische Kultur ausgeht, doch das ändert an meiner Einschätzung bezüglich der Einsprachigkeit nichts.

Gerade in der Landeshauptstadt, wo die Minderheitensprache Deutsch im öffentlichen Leben eh schon oft ein Nischendasein fristet — oder ganz untergeht —, müsste es die Aufgabe der öffentlichen Hand sein, sie besonders sichtbar und attraktiv zu machen, anstatt sie aktiv noch weiter zu marginalisieren.

Siehe auch: 1/ 2/ | 3/ 4/ 5/ 6/ 7/

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CIE online? Solo in italiano.

Dopo anni di approfondite e difficilissime ricerche scientifiche anche l’Italia, come molti altri paesi fanno da sempre, è finalmente riuscita a concepire Carte d’identità in formato carta di credito (CIE) trilingui — per il Sudtirolo (tedesco, no ladino), la Vallée (francese, no francoprovenzale) ed il Friuli Venezia Giulia (sloveno, no friulano e tedesco).

Purtroppo però anche per le CIE bi/trilingui non è ancora stata trovata la soluzione per implementare anche i nomi di vie e piazze in forma bilingue, per cui rimangono monolingui italiane. Immaginate per un secondo il putiferio che sarebbe nato se fossero state monolingui tedesche. Così invece tutto bene, ma contiamo che il bilinguismo venga ripristinato nel corso dei prossimi decenni.

La CIE, assieme ad un lettore fisico collegato al computer o ad uno smartphone, serve anche per accedere ai servizi digitali delle pubbliche amministrazioni, affiancando in questa funzione lo SPID.

Per poter validare la propria identità tramite telefonino occorre scaricare l’applicativo CieID, sviluppato dal Poligrafico e Zecca dello Stato, attivare la carta e seguire passo passo tutte le istruzioni.

È un vero peccato però che anche tale applicazione sia disponibile solo in lingua italiana. Ora, se per la carta fisica la scusa, rivelatasi comunque falsa, era quella che non vi fosse posto per un’ulteriore lingua oltre all’italiano e all’inglese, non si capisce quale possa essere la ragione per rendere monolingue un applicativo per smartphone — se non ottusità e nazionalismo.

Il bello è che non solo non si tiene conto delle lingue minoritarie (tanto protette dalla «Costituzione più bella del mondo» da venire regolarmente marginalizzate), ma non esiste nemmeno una traduzione in lingua inglese. Insomma, l’Italia è proprio un paese proiettato verso il futuro, l’internazionalizzazione e il plurilinguismo.

Riassumendo, le lingue minoritarie sono assenti (o comunque insufficientemente rispettate) dallo SPID, dalla Firma digitale, dalle PEC ed ora anche dal sistema della CIE, per fare solo alcuni significativi esempi. Le ragioni possono essere differenti, ma il risultato è sempre lo stesso.

È quello che ci hanno venduto e continuano a venderci come autodeterminazione interna.

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ACI und PRA: Ein bisschen Deutsch.
Einsprachigkeit ist unheilbar

Um ein kennzeichenpflichtiges, ausländisches Fahrzeug in Südtirol anzumelden (sogenannte Nationalisierung) muss man sich neuerdings ans PRA, das KfZ-Registeramt, wenden.

Früher ging das über das Kraftfahrzeugamt des Landes — wo ich selbst die Dienstleistung bereits in Anspruch genommen hatte — doch am 1. Jänner 2020 wurde die Zuständigkeit ans PRA und somit an den Staat zurückübertragen. Stichwort Autonomie.

Gegen Aufpreis kann man die Prozedur natürlich auch von einer sogenannten Autoagentur durchführen lassen, die nicht zur Zweisprachigkeit verpflichtet ist. Oder man wendet sich ans PRA, das vom italienischen Automobilklub (ACI) verwaltet wird und eigentlich zweisprachig sein sollte.

Ist es aber überraschenderweise nicht.

Termine werden seit 2019 nur noch online vergeben und zwar auf dem Umweg über die Homepage des ACI Bozen, dessen angeblich deutschsprachige Seite — mit dem Südtiroler Landesadler geschmückt — folgendermaßen aussieht:

Gelbe Hervorhebungen von mir

Ich habe mich zuerst zum sogenannten Terminvereinbarungsdienst weitergeklickt, der dann so aussieht:

Gelbe Hervorhebungen von mir

Um die… ähm… deutschsprachige Seite zu nutzen, muss man also so gut Italienisch beherrschen, dass man gleich die italienische Seite aufrufen könnte. Was das alles noch mit dem hart erkämpften Recht auf Gebrauch der Muttersprache zu tun haben soll, ist mir schleierhaft.

Doch mit dem Terminvereinbarungsdienst kann man eh keinen Termin beim PRA vereinbaren, dazu muss man sich in die Prenotazione servizi PRA weiterklicken:

Die entsprechende Unterseite gibt es dann bequemerweise nur noch auf Italienisch. Zur Vormerkung selbst wird man auf die staatsweite Seite https://prenotaci.aci.it weitergeführt, die ebenso intermittierend zweisprachig ist.

Das Prinzip lässt sich so zusammenfassen, dass es einerseits eine einsprachig italienische und andererseits eine weitere italienische Version mit Sprenkeln in deutscher Sprache gibt.

Der einschlägigen Gesetzgebung sowie den Prinzipien von Gleichberechtigung und Minderheitenschutz wird das wiederum keineswegs gerecht.

Siehe auch: 1/ 2/ 3/

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Ein Agenturbesuch.

Nachdem ich — auf Italienisch — einen Termin vorgemerkt hatte, war ich gestern um 10.15 Uhr endlich bei der sogenannten Agentur der Einnahmen in Brixen, um für meinen bereits mit Zertifizierter elektronischer Post (ZEP) registrierten Privatvertrag die Originaldokumente und natürlich die obligatorischen Stempelmarken beizubringen.

Der Eingang zu den Büros wurde dabei von einem muskelbepackten Sicherheitsmitarbeiter (der Aufschrift auf seinem Hemd zufolge von der Südtiroler Ronda) bewacht, der auch die Vormerkungsliste verwaltet bzw. überprüft — und somit ständigen Kundinnenkontakt hat.

Vor mir waren zwei Frauen mittleren Alters in der Warteschlange, die sich auf Nachfrage des Torwächters als Rumäninnen ausgaben. Da sie nicht so gut Italienisch konnten, wurden sie vom Herrn — durchaus sehr freundlich — darauf hingewiesen, dass man, wenn man in Italien arbeiten will, Italienisch beherrschen muss. Von Deutsch (in Südtirol) war nicht die Rede, und das hat einen guten Grund: Der Herr, der so freizügig andere über eigentlich inexistente Pflichten aufklärte, war selbst (in diesem Fall jedoch gesetzwidrig) einsprachig und konnte weder mir, noch der mir nachfolgenden Person auch nur ein Wort auf Deutsch sagen. Man könnte auch sagen, er wollte es nicht, denn um auf ein Guten Tag! ebenso zu antworten braucht es keine großen Sprachkenntnisse.

Das Treppenhaus, in dem man trotz eines Termins warten muss, bis man vom Muskelbepackten eingelassen wird, ist (Kleberitis lässt grüßen) charmant mit Hinweiszetteln beklebt, die ebenfalls zum weit überwiegenden Teil ausschließlich auf Italienisch verfasst sind:

Das fünfseitige Schreiben der Agenturfiliale Bozen (!) zu den Themen Bescheinigungen, Steuernummer, UID, Erbschaftssteuer, Registrierung von Akten, Steuerrückzahlungen, digitaler Zugang ist nur in italienischer Sprache verfügbar. Lediglich zur Registrierung von Akten wurde (unten links im Bild) eine Info in deutscher Sprache hinzugefügt.

Auch das Temperaturmessgerät auf dem Weg zum Warteraum, wo man trotz des Termins ein weiteres Mal warten muss, funktioniert nur auf Italienisch und spuckt seine Freigabe zum Eintreten auch nur in dieser Sprache aus.

Die Mitarbeiterin, die sich meiner Angelegenheit angenommen hat, war (soweit ich das einschätzen kann) deutscher Muttersprache, weshalb zumindest der Amtsvorgang an sich aus sprachlicher Sicht in Ordnung war.

Ohne Italienisch kommt man halt erst gar nicht so weit.

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Permesso di guida? Monolingue.

Questo è il permesso provvisorio di guida recentemente emesso dai Carabinieri in Sudtirolo a un cittadino di lingua tedesca in seguito a un furto:

Anonimizzazione mia

Completamente monolingue italiano, senza nemmeno una traduzione parziale relativa

  • alle istruzioni per ottenere un duplicato;
  • a quelle per l’uso del permesso stesso (solo in abbinamento a un documento di riconoscimento);
  • alle avvertenze per il titolare della patente.

Il tutto in violazione delle norme sul bilinguismo emanate sulla base dello Statuto di autonomia, pur trattandosi, come è facile capire, di informazioni di notevole importanza per il titolare — che può, ma non deve conoscere l’italiano.

Molti cittadini di lingua italiana in questa terra credono che l’autonomia sia pressoché perfetta e che, in quanto a bilinguismo, «i tedeschi» abbiano già «tutto». Purtroppo spesso è vero il contrario: con un po’ di fortuna nelle amministrazioni statali sono bilingui i documenti più diffusi, ma non appena si abbandona lo stretto corridoio delle situazioni standard, la stragrande maggioranza delle informazioni è disponibile solo in lingua italiana.

Considerando che spesso anche il personale non è in grado di comunicare in tedesco, sarebbe importante che almeno le informazioni scritte fossero bi/trilingui. Le forze di polizia — e lo ritengo una grave lacuna — non necessariamente devono essere bilingui, ma il servizio che espletano per legge deve esserlo. Tuttavia questa è una delle tante prove del fatto che quest’obbligo sia in realtà una barzelletta.

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Fraser Island ritorna K’gari.

L’isola di sabbia più grande al mondo, patrimonio dell’umanità UNESCO dal 1992 e parte del Great Sandy National Park nell’Australia orientale, ritorna al suo nome originale nella lingua del popolo Butchulla. Lo hanno deciso le autorità a Brisbane in seguito alle richieste della popolazione indigena.

Già nel 2011, accanto al nome di Fraser Island, era stato ufficializzato quello storico di K’gari, che significa «paradiso», mentre nel 2017 la relativa porzione del parco nazionale assumeva la denominazione K’gari (Fraser Island) National Park.

Pochi giorni fa l’annuncio, accompagnato dai festeggiamenti dei Butchulla, del definitivo addio al nome di Fraser e dell’ufficializzazione di K’gari quale unico nome dell’isola e del relativo parco.

Anche in questo, come in molti altri casi simili — tra cui quello illustre di Uluru e Kata Tjuta — l’Australia imbatte la strada della riconciliazione, rinunciando a una toponomastica falsa e imbarazzante.

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Die gute alte faschistische Schule.

Es ist der absolute Wahnsinn, ich weiß noch immer nicht, ob ich hysterisch lachen oder weinen soll… oder vielleicht doch beides gleichzeitig.

Aber von vorn: Vor wenigen Tagen hatte der Journalist Hanno Settele einen Ausschnitt des ff-Titelblatts kommentiert, das mit einer — nennen wir es — äußerst provokanten These daherkommt:

Faschistische Schule: Warum nicht alles schlecht war

— ff-Titelseite vom 9. September

Alex Dellantonio, seinem Twitter-Profil nach »Südtiroler im Exil«, hatte darauf aufmerksam gemacht:

So ein Glück, dass meine Großeltern ein Leben lang weder Walsch noch Deitsch schreiben konnten, darüberhinaus gedemütigt, verprügelt und ihrer Muttersprache beraubt wurden. Aber klar, war nicht alles schlecht.

— Alex Dellantonio

Doch es wird leider nicht besser, wenn man das Heft aufschlägt und den Beitrag liest, in dem Chefredakteurin Alexandra Aschbacher von einem Gespräch mit der — ähm — Bildungshistorikerin Annemarie Augschöll (Uni Bozen) erzählt. Es ist vielmehr der klare Beweis, dass Differenzierung auch viel zu weit gehen kann. Differenzierung der Differenzierung willen, die hier selbst den kleinsten Nachweis schuldig bleibt, was jetzt nicht schlecht gewesen sein soll.

So wird zum Beispiel ein Mann genannt, der mit der faschistischen Balilla-Jugend habe nach Rom fahren dürfen. Wunderbar.

[S]ie bekamen Süßigkeiten und Kakao und allerhand zum Essen, das sie sonst nie bekommen hätten.

Oh wow, das macht den Faschismus viel erträglicher.

Die Lehrerinnen seien zudem »nicht wirklich bös« gewesen, manche Schülerinnen sogar in den Arm genommen worden. Und sonst? Ja — Freiräume habe es für die Kinder gegeben, weil die Eltern dagegen waren, dass sie in der faschistischen Schule etwas lernen.

Dieser passive Widerstand wird sogar stigmatisiert, wenn es heißt

Die Eltern haben die Kinder nicht unterstützt und motiviert etwas zu lernen in dieser Schule. […] Wohl auch in einer Haltung der Resistenz gegen das Bemühen der Schule im Sinne einer Italianisierung und Faschisierung der jungen Generation.

Woanders würde man es feiern, doch in Südtirol werden implizit die Eltern dafür mitverantwortlich gemacht, dass der Faschismus eine Generation von (nicht nur funktionalen) Analphabetinnen hinterlassen hat.

Die faschistischen Lehrerinnen — »die wohl wichtigsten Akteure im Italianisierungsprozess«, wie immerhin betont wird — hätten es aber »gut gemeint«, mitunter geweint, weil die Kinder »immer nur Deutsch geredet« haben.

“Auch in diese Perspektive”, sagt Augschöll, “muss man sich mal einfühlen.”

Na sicher. So wie in die der Wehrmachtsoldaten in Polen und Russland, bitteschön. Haben vielleicht auch geweint. Die ordentliche Beschäftigungspolitik der Nazis nicht vergessen.

Was von Augschöll und Aschbacher an Zeugnissen geliefert wird, ist sowas von dünn, dass es kaum zur Anekdote reicht. Geschweige denn als Grundlage zur Neubewertung dessen, was ohne Witz als »Denkdiktat der kollektiven Erinnerung« bezeichnet wird. Hätte es ein NPD-Blatt schöner formulieren können?

Zur Gegenwart: Laut Augschöll müssen wir das Kapitel »endlich aufarbeiten« — was wohl heißt, dass wir uns im Sinne eines zweifelhaften Verständnisses von Zusammenleben an die (angeblich) schönen, guten Seiten des Faschismus erinnern sollen.

Vor allem aber stellt Augschöll am Ende noch die Frage: Warum kommen wir nicht mit der mehrsprachigen Schule weiter? “Weil immer noch zu viele tradierte Erfahrungen, Erzählungen und Erinnerungen in unseren Köpfen herumschwirren, die nie richtig und offen diskutiert werden, auch viele Ängste, die aus dem Faschismus stammen.”

Die Verharmlosung des Faschismus wäre dann wirklich die absurdeste Blüte, die die Obsession einiger Südtirolerinnen mit der mehrsprachigen Schule hervorgebracht hat.

Aber klar — wenn schon die faschistische Schule nicht so schlimm war, was sollten wir uns dann vor der Immersion fürchten? Das hat schon was.

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